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Wintersterne

Summary:

Elio and Oliver in 2020. Elio is 40, single, living as a musician in Germany. Oliver has been absent from his life for too many years.

Notes:

Weird lockdown pleasure: writing in my own language. I have no idea if there are any German CMBYN readers out there. If so and you'd like to read more, tell me - there are more chapters!

Chapter Text

Wie wohlbehütet und geordnet mein Leben bisher verlaufen war, wurde mir erst bewusst, als sich ohne jede Vorankündigung eine neue Art der Grippe langsam über den Globus verbreitete und unseren Alltag in einem Mass veränderte, wie wir es nie für möglich gehalten hätten. Natürlich kannte ich Erzählungen von früher, von den berühmten schlechten Zeiten: die Entbehrungen der Nachkriegsjahre waren noch präsent in der Generation meiner Grosseltern, und unsere Haushälterin in unserem Ferienhaus versorgte mich mit der italienischen Version der Einschränkungen. Mein Vater als Historiker war immer bereit gewesen, Parallelen zu noch viel früher zu ziehen und hätte ungefragt drastische Anekdoten aus der Pestzeit im 13. Jahrhundert oder dem Dreissigjährigen Krieg aus dem Ärmel geschüttelt, wenn er noch bei uns gewesen wäre (und meine Mutter hätte ihn auf ihre sanfte, liebenswürdige Art daran erinnert, dass wir gerade beim Essen sitzen). Doch viel mehr als die materielle Seite der Auswirkungen beunruhigte mich der Verlust meiner Freiheit. Ausgangssperren waren ein Phänomen, das ich wirklich nur aus Kriegszeiten kannte und nichts, was je in meinem Leben aktuell gewesen wäre. Verlassene, leergefegte Strassen in der Nacht, hallende Schritte, hastige Blicke über die Schulter, wer noch ausser einem unterwegs war, erinnerten mich mehr an düstere Schwarz – Weiss - Filme als dass sie meinem eigenen Erfahrungshorizont entsprächen. Aber jetzt waren sie Realität, ebenso wie geschlossene Schulen, Versammlungs – und Demonstrationsverbote. Wir lebten tatsächlich in einer Ausnahmesituation und mussten alle lernen, wie wir damit zurecht kamen.

 

Im Jahr der Pandemie war ich vierzig geworden. Eine Schwelle, an der man Bilanz zieht. Ich war im Grossen und Ganzen zufrieden mit meinem Leben. Perfekt war es nicht, aber wer hatte das schon, genau das Leben, das er sich erträumt hatte? Ich fand, dass alles wie bisher weitergehen konnte. Doch dann kam die Seuche. Und dann ein Geist aus der Vergangenheit. Und nichts war mehr wie vorher.

 

Als im Dezember wie üblich auf den letzten Drücker und mit kaum Vorlauf erneute Schulschliessungen verkündet wurden, war niemand überrascht, dass bald darauf der komplette sogenannte Lockdown folgte. So war es im Frühjahr auch gewesen. Ich nahm die neuen Verordnungen mit Gleichmut und, wenn ich ehrlich bin, einem leisen Gefühl der Erleichterung und Freude auf. Nicht weil ich Angst vor Corona und einer Ansteckung gehabt hätte und froh war, aus der Schusslinie zu sein, sondern weil ich über die Jahre gelernt hatte, mein Alleinsein zu schätzen. Viele Mitmenschen klagten über psychische Probleme während des ersten Lockdowns, weil sie sich einsam, ausgeschlossen und hilflos fühlten und nichts mit sich anzufangen wussten. Für mich gehörten die freien, ungestörten Frühlingswochen zu den paradiesischsten überhaupt in meinem Leben, so bizarr das klingen mag. Selten hatte ich so viel Zeit für mich gehabt seit meinen Schultagen. Bereits nach zehn Tagen war ich so ausgeruht und entspannt wie schon lange nicht mehr. Dann folgte eine unerwartete und willkommene Welle von Kreativität. Das Bewusstsein, dass niemand mich stören würde und keine lästigen Schultermine - Schnuppertag, Elternabende, Extra – Schülerkonzerte, um Werbung für’s neue Schuljahr zu machen – meinen glücklichen Zustand stören würden, setzte Energien frei, von deren Existenz ich im Alltag gar nichts mehr gespürt hatte. Ich lebte in einer glücklichen pastelligen Seifenblase, während das Frühjahr um uns herum Einzug hielt. Vielleicht war es auch Frühlingsenergie, die mich damals so mächtig überfallen hatte? Auf jeden Fall hatte ich diese Wochen in bester Erinnerung. Ich kümmerte mich online weiterhin um meine Schüler an der Kirchenmusikschule und dem musischen Gymnasium und schrieb kleine Stücke für sie, die ich ebenfalls online verschickte. Nebenbei komponierte ich an meinen Stücken weiter, übte stundenlang und ohne auf die Uhr zu schauen, was ich ebenfalls seit Studententagen nicht mehr getan hatte, und streamte samstags ein kurzes Live – Konzert aus meinem Wohnzimmer. Mein Gehalt an den Schulen wurde weiterbezahlt und ich litt nicht unter finanziellen Einbussen wie viele meiner Kollegen, die als ausführende Musiker auf Auftrittsmöglichkeiten angewiesen waren. Ich war selber erstaunt, wie wenig Sorgen oder Ängste ich hatte in dieser ersten Welle der Pandemie und empfand die geschenkte Zeit als grössten Segen seit langem. Ich denke, diese glückliche Grundeinstellung ans Leben hin hatte ich von meiner Mutter geerbt. Sie hatte mir von klein auf vorgelebt, dass man aus jeder Situation das Beste machen kann. Ein verpasster Zug war eine Chance für einen kleinen Entdeckungsspaziergang in einer fremden Stadt. Eine fehlende Zutat für ein Gericht bot Möglichkeiten zur Improvisation und zu ebenfalls neuen Entdeckungen.

Meine Mutter hatte es in fast jeder Lebenslage geschafft, den Widrigkeiten des Lebens etwas Positives abzugewinnen. Bis zu dem Tag, an dem mein Vater starb. Er verlor den Kampf gegen den Krebs viel zu früh, kurz nach dem Eintritt ins Rentenalter. Das war drei Jahre her, doch meine Mutter hatte ihr altes Gleichgewicht noch nicht wiedergefunden. Sie bemühte sich tapfer, sich wenig anmerken zu lassen, und ich hatte den Eindruck, dass es in den letzten Monaten auch besser geworden war. Trotzdem machte ich mir um sie am meisten Sorgen in der jetzigen Situation. Sie lebte alleine in meinem Elternhaus in Karlsruhe. Ohne meinen Vater wirkte es viel zu gross und viel zu leer. Immerhin war ihre Schwester ganz in der Nähe, in Baden – Baden, und ich hoffte, dass meine Mutter sich eines Tages zu einem Umzug entschliessen würde. Noch hingen zu viele geliebte Erinnerungen an unser Familienleben am Haus. Doch auf Dauer bekam meiner Mutter das Alleinleben nicht. Sie war, im Gegenteil zu mir, ein geselliger Mensch. Die Stunden, die sie mit ihrer Übersetzertätigkeit verbrachte, genoss sie. Aber das war auch das Maximum an Einsamkeit, das sie brauchte.

Als ich zwei Wochen vor Weihnachten gerade heimgekommen war und meine Lebensmitteleinkäufe einräumen wollte, klingelte das Telephon:

„Maman, comment vas – tu?“

„Bien, mon chéri, bien. Et tu?“

„Alles bestens. Ab Montag sind die Schulen wieder zu, hast du gehört?“

„Ja, ich hab gleich an dich gedacht.“

„Mir geht’s gut. Ich bereite mich auf die nächste Belagerung vor. Ich hab hier“ – ich zählte auf, während ich meine Einkäufe aus dem Rucksack packte – „Schokolade. Baguette. Tomatendosen.“

„Die guten?“

„Natürlich.“ Wir hatten ein Haus in Italien und waren Snobs, was Lebensmittel und besonders Dosentomaten betraf. Unter Oro di Parma ging gar nichts.

„Frische Oliven. Bavette. Griess und Milch – in letzter Zeit mutiere ich wohl zum Baby. Das mit dem Griessbrei hab ich von dir übernommen. Zur Kompensation hab ich auch zwei Flaschen Wein aus Montepulciano.“

„Das hört sich gut an. Und wenn dir was fehlt, kommst du her. Hier und bei Clara haben wir Lebensmittel auf Jahre.“

Das Absurde an dieser Art Ausnahmezustand, der solche rigiden Kontaktbeschränkungen und Ausgangssperren mit sich brachte, war, dass es uns materiell gut ging. Sehr gut sogar. Wir alle lebten im Wohlstand und mussten, so wie es aussah, keine Lieferengpässe befürchten. Die Massnahmen erinnerten fatal an Kriegszeiten, aber ohne die materiellen Entbehrungen. Würde es die geben, würden mich bürgerkriegsähnliche Zustände nicht wundern. Solange jeder an die Suchtmittel seiner Wahl kam, seien es Popcorn, Alkohol oder Schokolade, war nichts zu befürchten.

Ich schichtete die Pasta in das schiefe eingebaute Regal meiner Küche. Alles an der Küche war schief, vor allem der Boden: wenn eine getrocknete Erbse auf den Boden fiel, rollte sie meterweit, da sich das alte Stadttor, in dem ich wohnte, über die Jahrhunderte immer mehr neigte. Das Einbauregal in einer Wandnische wies ebenfalls keine Normmasse auf, wie ich immer wieder merkte, wenn ich Nudelpackungen darin aufbauen wollte. Ich suchte einen Platz für die Kichererbsen in Dosen und die Kokosmilch:

„Apropos, ich hoffe, dass ich an Weihnachten kommen kann. Bayern ist schon wieder superstreng und will Reisen nur an den Weihnachtstagen erlauben. Ich hoffe, das stimmt nicht.“

„Hm. Ich hab es auch gehört. Lohnt es sich denn, nur für zwei Tage zu kommen?“

„Natürlich, maman. Ich würde auch für einen Tag kommen, das weisst du.“

„Es ist schwachsinnig. Als ob wir uns plötzlich anstecken würden, wenn du am dritten Weihnachstfeiertag noch da bist.“ Wir waren eine Familie von Weihnachtsfans. Mein Vater hatte die Tage bis Silvester immer durchnummeriert, und alles waren Feiertage. „Aber ich hab schon mit Clara besprochen, dass wir dieses Jahr eine gemeinsamen Hausstand bilden, wie es so schön heisst. Dann können uns die Bestimmungen egal sein, und ich kann mit Clara und Kurt zusammen Autoausflüge unternehmen. Ich zieh dann bis Dreikönig zu ihnen.“

„Oh! Das freut mich! Weisst du, ich bin immer erleichtert, wenn du in diesen dunklen Tagen nicht allein durch’s Haus geisterst.“

„Willst du bleiben?“

Bilder vom Christbaum mit unserem alten Schmuck, der Krippe, dem Kachelofen, dem knarzenden Parkett in unserem Haus und dem vertrauten Geruch flimmerten durch meinen Kopf. Hätte mir meine Mutter nicht gesagt, dass sie danach zu ihrer Schwester fuhr, hätte ich es mir eventuell überlegt. Aber ich wollte den Luxus des Einsiedlerdaseins geniessen, wenn er schon von oberster Seite aus angeordnet war.

„Danke, aber du weisst, wie gern ich alleine bin. Ich will auch weiterhin meine Samstagskonzerte streamen und es wäre ein Horror, mein Equipment im Zug mitzunehmen.“

„Dein letztes Konzert war so schön, Schatz. Der Beethoven hätte Papa gefallen. Und beim Bach – Choral musste ich weinen.“

„Ach maman… Wein nicht. Denk dran, wie glücklich wir waren, wenn wir das mit Papa zusammen gehört haben.“

„Natürlich.“ Ich hörte sie leise seufzen. Wir waren beide einige Sekunden still. „Also, dann kommst du nur über Weihnachten und danach fährst du wieder, weil du eine Mission hast zur Aufrechterhaltung der allgemeinen Moral.“

Ich grinste: „Genau. Irgendwer muss Beethoven’s Geburtstag ja feiern.“

Beethoven’s zweihunderfünfzigster Geburtstag war, wie so vieles andere, der Pandemie zum Opfer gefallen. Auch ich hatte etliche Konzerte geplant gehabt, allein und mit meiner Cellopartnerin, auf die wir uns schon sehr gefreut hatten. Deshalb die Idee zum Livestream: ich hatte massenweise Repertoire, und die Menschheit schien ausgehungert nach Schönheit im Alltag und einer Art Verbindung zu anderen, und sei sie noch so virtuell. Laptop, Kamera und Mikrophon waren ohnehin permanent aufgebaut in meinem Wohnzimmer für den Onlineunterricht. Ich musste am Samstag abend nur vom Lehrer – in den Pianistenmodus schalten und konnte meine Musik nahtlos in die ganze Welt hinausschicken. Halbironisch nannte ich meine Konzertreihe „Aus dem Elfenbeinturm“, wohl wissend, dass ich mich in einer privilegierten Lage befand in meiner Kleinstadt mit wenig Infektionen, einem sicheren Job und viel Platz und auch geistigem Raum für mich selber als kinderlosem Single. Ich erwähnte allerdings nie, dass ich tatsächlich in einer Art Turm wohnte. Die Anzahl meiner Fans war zwar überschaubar und ich kannte die meisten persönlich – Freunde aus der Musikerszene, alte Bekannte aus Studententagen, Schülereltern - aber man musste immer mit seltsamen Typen rechnen. Deshalb hatte ich für die Zeit der Übertragungen auch mein Wohnzimmer etwas umgestaltet und alle Fotos neben dem Flügel durch unpersönlichere gerahmte Bilder ersetzt: ein Stich vom Pantheon, denn damit lag man nie falsch; eine Schwarz – Weiss – Photographie aus den Zwanziger Jahren vom Eiffelturm; ein Portrait unseres verstorbenen roten Katers.

Ich genoss meine Samstagabende vor Publikum. In diesem seltsamen Jahr, in dem alles auf Distanz lief, waren sie meine einzige Betätigung als Musiker und auch für mich überlebenswichtig. Ich wusste, dass ich einen festen Termin hatte, zu dem ich etwas Neues vorbereiten und dann so liebevoll und lebendig wie möglich spielen musste. Ich überlegte auch sorgfältig, was ich anzog. Einmal, um den Abenden einen besonderen Anstrich zu geben, aber hauptsächlich für mich, denn nach fast zehn Monaten vor dem Bildschirm, auf dem meistens nur der Oberkörper sichtbar war, tat es gut, sich zumindest einmal in der Woche Gedanken um ein komplettes Outfit zu machen. Es war tatsächlich ein Stück Normalität, das ich mir damit selber wiedergab. Nach der Übertragung feierte ich mit mir selber mit einem Glas Wein, während ich über den leeren, dunklen Marktplatz blickte. Diese einsamen Abende in meiner Wohnung ersetzten keine Livekonzerte, gaben meinem Leben aber eine Struktur und mir Halt in einer seltsamen Zeit.

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