Work Text:
„Ich bleib für immer hier. Atme ein. Atme aus.“
BRUCKNER – Für immer hier (Zuhause Session)
-I-
Leo findet Adam auf dem Innenhof des Polizeipräsidiums mit dem Rücken zur Tür, Zigarette locker zwischen Daumen und Zeigefinger geklemmt. Zigarettenqualm steigt auf in sich kräuselnden Schwaden, kaum zu erkennen durch die zerkratzten Glasfenster der Tür. Leo verharrt für einen Moment im Treppenhaus mit der Hand auf dem Türgriff, atmet einmal tief ein und langsam wieder aus. So wie er es jetzt öfter tut seit Adam vor drei Monaten aus der JVA Lerchenflur entlassen wurde. So als ob sein Körper sich von Zeit zu Zeit neu vergewissern muss, dass Adam tatsächlich wieder da ist. Einatmen. Leo drückt die Klinke nach unten und tritt nach draußen auf den Hof, woraufhin die Tür hinter ihm fast geräuschlos ins Schloss fällt. Ausatmen. Leos Blick findet Adams Rücken.
Adams Schulterblätter zeichnen sich unter dem dünnen Stoff seines T-Shirts ab, seltsam elegant und fragil im Halbschatten der Nachmittagssonne. Lange Beine, schmale Hüfte, entspannte Körperhaltung. Die Haare sind wieder ein Stück länger geworden, die helle Blondierung wächst so langsam raus. Im Mittagslicht schimmert sie honigfarben. Sein Nacken glänzt, der Kragen seines T-Shirts steht leicht ab und lässt den Blick frei auf einen kleinen Zentimeter seines Tattoos. Leos Wangen werden warm.
Adams Blick muss irgendwo im welken Blumenbeet verloren gehen. Das könnte man auch mal wieder wässern, denkt Leo zerstreut. Es ist ein ungewöhnlich heißer Spätsommertag in Saarbrücken. Die Luft flirrt wie Leos Gedanken und eine Amsel trällert irgendwo in der Nähe. Plötzlich geht ein Ruck durch Adams Körper und er dreht sich abrupt zu Leo um. Muss wohl bemerkt haben, das ihn jemand beobachtet.
„Ach du bist das, Leo“, sagt Adam und blinzelt sich dabei die Sonne aus den Augen. Die tiefe Furche zwischen seinen Augenbrauen glättet sich ein wenig. Er nimmt einen Zug von seiner Zigarette, die schon fast bis zum Filter heruntergebrannt ist. Seine Augen sind sehr blau. Leo tritt näher auf ihn zu bis er die blassen Sommersprossen auf Adams Wangen zählen kann. Adam hebt eine Augenbraue und schaut Leo erwartungsvoll an.
„Gibt's was Neues zum Fall oder warum verfolgst du mich bis auf den Hof?“
Vor zwei Tagen haben zwei Angler einen nackten Frauentorso zwischen dem Schilf im Burbacher Waldweiher entdeckt und die Polizei verständigt. Nach einer intensiven Suche rund um den Fundort hatte die Spurensicherung dann noch weitere Leichenteile am Seeufer gefunden sowie einen von Maden und Fliegen völlig übersäten Koffer und Plastiktüten, die ganz offensichtlich zum Transport der Leichenteile benutzt worden waren. Weder die Fingerabdrücke noch die DNA-Proben hatten bisher einen Hinweis zum Täter oder Opfer erbracht und Leos Team tappt bisher weitestgehend im Dunkeln.
„Nichts Neues“, antwortet Leo und verschränkt locker die Arme vor der Brust, wippt dabei sachte von den Zehenspitzen auf die Fußballen und zurück. „Ich musste mir nur mal die Beine vertreten. Esther und Pia sind noch dabei den ersten Zwischenbericht des forensischen Entomologen auszuwerten. Die Fotos da drin sind nicht gerade appetitlich.“
Adam beugt sich zum Mülleimer und drückt den Zigarettenstummel im Aschenbecher aus. Eine Haarsträhne löst sich dabei und fällt ihm in die Augen. Adam streicht sie zurück und die Bewegung wirkt unbedacht und beiläufig. Leo starrt.
„Da hätte ich auch die Flucht ergriffen. Bitte sag mir, dass es für uns besseres zu tun gibt als sich einen Vortrag über Schmeißfliegen reinzuziehen.“
„Ja, sicher“, sagt Leo und kann sich ein Grinsen nicht ganz verkneifen. „Du und ich sind zuständig den Abgleich der Vermisstenanzeigen auf die gesamte Region auszuweiten, für Saarbrücken und die unmittelbare Umgebung haben wir ja bisher keine passenden Treffer erzielen können.“
Adam nickt und legt den Kopf in den Nacken, was seinen Kehlkopf besonders schön zur Geltung bringt.
„Zumindest sollte das heute noch unser Hauptanliegen sein“, fügt Leo hinzu. „Morgen sollten wir nochmal die Fundorte der Leichenteile etwas weitläufiger abgehen, vielleicht fällt uns noch irgendwas auf was wir bisher übersehen haben jetzt wo die Spusi nicht mehr überall herum wuselt. Mögliche Wege, wie der Täter unbemerkt zum Ufer gelangen konnte.“
Adam wendet ihm wieder das Gesicht zu und blinzelt erneut. Seine Wimpern sind dicht und golden an den Spitzen.
„Nachtschicht?“, fragt Adam. Sein Mund legt sich leicht schief, ein verschmitztes Lächeln kaum merklich auf den Lippen und sein Blick so durchdringend wie eh und je.
„Nachtschicht“, bestätigt Leo.
-II-
Nachdem Adam aus der JVA Lerchesflur entlassen worden war, hatte Leo ihn mit zu sich nach Hause genommen und seitdem nicht wieder gehen lassen. Die Vorstellung Adam wieder in sein Elternhaus einziehen zu lassen hatte Leo einen Schauer über den Rücken gejagt. Leo würde nicht zulassen, dass Adam auch nur noch eine Nacht in diesem kahlen Kinderzimmer mit den nackten Betonwänden verbringen musste, freier Blick von dem winzigen Einzelbett auf den gewaltigen Holzschrank und Hüter einer ganzen Sammlung von Kindheitstraumata. In dieses lieblose Haus, in dem Roland Schürk qualvoll verreckt ist mit seinem von Froschgift gelähmten Sohn nur wenige Schritte entfernt, zusammengesunken in einem für Adams Größe viel zu kleinen Ledersessel. Leo hatte das Video der Überwachungskamera in dem Feuermelder der Schürks gesehen. Sie alle hatten es gesehen. Leo hatte anschließend nächtelang noch Albträume gehabt.
In der ersten Nacht nach Adams Haftentlassung hatte er Adam sein Schlafzimmer überlassen und sich auch nicht durch Adams vehementen Protest davon abbringen lassen auf dem Sofa im Wohnzimmer Quartier zu beziehen. Mit einer gebrochenen Hand schläft man besser nicht zusammengefaltet wie ein Origami auf einem neumodischen Sofa, dass maximal gedacht ist für ein Powernap. Zwei Tage und einen verspannten Nacken später hatte sich Adam dann schließlich endgültig breitschlagen lassen zunächst bei Leo wohnen zu bleiben, zumindest so lange bis der Handbruch verheilt war. Allerdings nur unter der Bedingung, dass Leo nicht noch eine weitere Nacht auf der Couch verbringt und beide Männer sich stattdessen das große Doppelbett in Leos Schlafzimmer teilen würden. So wie damals mit sechzehn, in den rar gesäten Nächten in denen es Adam erlaubt gewesen war bei Leo zu übernachten.
Beide zusammen und aneinander gepresst auf der 140er Matratze in Leos Kinderzimmer, die Dachschräge über ihren Köpfen, die alles ins Dunkel tauchte und dabei eine seltsame Geborgenheit spendete, so als wenn ihnen in dieser Blase der Zweisamkeit nichts zustoßen konnte solange sie nur gemeinsam dort lagen, Adams linker Ellenbogen an Leos rechten, Atmung ruhig und synchron. So wie damals, als sie fast alles miteinander geteilt hatten. Träume, Ängste und später dann ein dunkles Geheimnis. Fast so wie damals, hatte Leo auch gedacht in dieser ersten gemeinsamen Nacht in Leos Bett nach der Haftentlassung. Den Blick zur Zimmerdecke, weil er nicht schlafen konnte und Adams ruhige Atemzüge im Ohr. Nur ihre Ellenbogen hatten mehr Platz gehabt und die Dachschräge war auch nicht mehr da gewesen, stattdessen nur ein Schatten an der Decke von dem Licht der Straßenlaterne, das sich durch eine verbogene Lamelle der Jalousie ins Zimmer gestohlen hatte. Und das mit dem dunklen Geheimnis, das war dann auch nicht mehr nur eine Adam-und-Leo-Sache gewesen, das war jetzt ein Adam-Leo-Pia-Esther-Ding.
Vier Wochen später wurde Adam dann der Gips abgenommen und dieser durch eine Schiene ersetzt, die dann wiederum auch weg war zwei Wochen später. Adam aber ist geblieben, in Saarbrücken und in Leos Wohnung. Sie hatten nicht mal groß darüber geredet, diese ersten paar Tage nach Adams letztem Arztbesuch. Stattdessen hatten sie sich kurz darauf an einem freien Samstagmorgen über den Rand ihrer Kaffeetassen hinweg angesehen. Adam hatte dann nach einer Weile angefangen schief zu lächeln, mit Grübchen und Wärme in den Augen. Leo hatte nur amüsiert genickt, einen letzten Schluck Kaffee aus der Tasse genommen und war dann aufgestanden, um geschäftig Richtung Arbeits- und Trainingszimmer zu gehen. Adam war ihm kurze Zeit später gefolgt und gemeinsam hatten sie den Samstag damit verbracht das Zimmer auszuräumen, Leos Schreibtisch hatten sie dann in eine freie Nische des Wohnzimmers gequetscht und die Trainingsgeräte unter Leos Bett verstaut. Eine Fahrt zu Ikea und zwei Kabbeleien später war dann auch ein simples Bettgestell mit Lattenrost und Matratze aufgebaut, eine Hemnes-Kommode dazu und ein Nachttisch. Adam hatte noch sein neues Bettzeug bezogen während Leo im Türrahmen gelehnt und sich in dem Zimmer, Adams Zimmer, umgesehen hatte. Alles irgendwie noch reichlich blank und unpersönlich. Bei dem Anblick der brandneuen 140er-Matratze hatte Leo kurz schmunzeln müssen.
„Noch ein bisschen blank hier alles, oder?“, hatte Leo dann doch noch gefragt, als Adam gerade dabei war die Ecken des Spannbettlakens unter die Matratze zu klemmen.
„Ich hab' noch den Großteil von meinem Zeug in Berlin, bei meiner Bekannten Nina. Die hat nen Kellerverschlag, den sie eh nie benutzt.“
„Achso“, hatte Leo nur nach kurzer Pause erwidert und die Stirn gerunzelt. Adam war da schon über zwei Monate wieder in Saarbrücken gewesen. Warum waren dann so gut wie alle seine Habseligkeiten immer noch in Berlin?
„Ich hab' hier alles was ich brauche“, hatte Adam dann noch gesagt und beim Anblick von Leos skeptischer Stirnfalte ergänzt: „Wirklich, Leo, mach' dir mal keine Sorgen.“
Leo war sich nicht sicher gewesen ob er das glauben kann, hatte aber lieber nur lächelnd genickt und sich gezwungen erst mal nicht mehr darüber nachzudenken. Über Adams Zeug in Berlin.
-III-
Es ist immer noch brutal heiß für Ende September und mit dem Fall geht es nicht sonderlich gut voran. Die erneute Begehung der Fundorte hat nicht wirklich etwas Neues erbracht und lediglich dafür gesorgt, dass Adam und Leo den halben Donnerstag damit verbracht haben durchs Schilf zu waten und sich durch die unerbittliche Sonne den Nacken zu verbrennen. Leos Sommersprossen sind so prominent wie seit den Hochsommer nicht mehr, während sich auf Adams Nasenrücken und Wangen ein verdächtig roter Schleier ausgebreitet hat.
Ein Blick von Pia, als sie beide am frühen Nachmittag wieder ins Büro im Präsidium stolpern, und schon hat sie Adam eine kleine Tube Apres-Sun-Lotion über den Konferenztisch hinweg zugeworfen, die Adam gerade so schafft aufzufangen bevor sie sich irgendwo unter dem Tisch verabschieden kann. Auf Adams fragenden Blick hin winkt Pia nur ab und meint: „Du bist rot wie ein Krebs, tut ja schon weh nur vom Zugucken.“
„Sprichst wohl aus Erfahrung, was Heinrich?“, stichelt Adam zurück, aber sein Tonfall ist ehrlich amüsiert und er schmiert sich dabei demonstrativ eine ordentliche Ladung Lotion ins Gesicht und den Nacken, sodass er erst mal glänzt wie frisch gewienert. Ein kleiner Rest der Creme bleibt im Schatten seines rechten Nasenflügels zurück. Pia streckt ihm als Antwort nur die Zunge raus und widmet sich danach wieder ihrer offenen Tüte M&Ms, während Esther weiter unbeirrt in ihren Unterlagen blättert und ihre Teamkollegen ignoriert.
Vor ein paar Monaten wäre das so noch nicht gegangen, also das mit den Sticheleien. Da hätte es gleich böse Blicke geregnet oder ein 'Halt die Fresse' aus Adams Mund und schon wäre die Stimmung wieder im Keller gewesen, so ungefähr erstes Untergeschoss in der Asservatenkammer. Wenigstens für eine Sache war Roland Schürk am Ende also noch gut gewesen. Eine bessere Maßnahme zum Teambuilding, als den eigenen Kollegen aus dem Knast zu boxen, muss man sich auch erst mal ausdenken.
Esther schaut jetzt endlich auf von ihren Unterlagen während Adam sich in seinem Stuhl zurücklehnt und an einem der Hörnchen knabbert, die er heute Morgen selbst in der Mitte des Konferenztisches drapiert hat. Auch das ist jetzt anders, das mit den Hörnchen.
„Und?“, fragt Esther und legt ihre Hangmappe auf eine Ecke des Tisches, die bisher vom vorherrschenden Papierchaos verschont geblieben war. Dabei rutschen ein paar Fotos aus der Mappe hervor, die aussehen wie Großaufnahmen von besonders intensiv glänzenden Fliegen. Goldfliegen, denkt Leo. Laut dem Entomologen gut geeignet um den Todeszeitpunkt ihres Mordopfers festzustellen. „Irgendwas Neues erfahren bei eurem Ausflug ins Grüne?“
„Nee“, bringt Adam nur zwischen zwei Bissen hervor, den Kopf im Nacken und Blick zur Decke, sodass ihm seine feinen Haare aus der Stirn rutschen. „Nada.“
„Nichts was wir nicht eh schon wussten zumindest“, ergänzt Leo und greift nun auch nach einem der Hörnchen. Für Mittagessen war heute noch keine Zeit gewesen. „Der Täter hat definitiv Ortskenntnisse, so wie der sich durchs Unterholz geschlagen haben muss. Also jemand der hier in der Region wohnt oder mal gewohnt hat.“
„Hm“, macht Esther und schaut kurz stirnrunzelnd auf das Gewimmel von Papier und Fotos auf dem Tisch. Eins von Pias M&Ms hat sich in das Chaos verirrt und lugt jetzt dick und blau wie ein Käfer zwischen zwei Ausdrucken hervor. „Laut unserem Experten für Krabbeltierchen ist unsere Jane Doe also seit ungefähr einer Woche tot, das bestätigen die Fliegenlarven, die in dem Koffer gefunden wurden. Sicher ist auch, dass der Fundort nicht der Tatort ist. Bei den ebenfalls sichergestellten Plastiktüten handelt es sich um Massenware, die sind in jedem Supermarkt erhältlich und nicht nachzuverfolgen.“
Fuck. Leo verzieht das Gesicht und reibt sich etwas genervt über die Stirn. Eine der vielversprechenderen Spuren war somit auch hin. Grandios.
„Vom Kopf weiter keine Spur, möglicherweise ist der auch einfach irgendwo in die Mitte des Weihers gekullert und rottet nun dort vor sich her. Der See ist nicht groß aber dafür recht tief.“
Pia schneidet eine Grimasse bei Esthers Worten, schiebt sich aber trotzdem das nächste M&M in den Mund.
„Polizeitaucher sind weiter dabei den See um jeden Zentimeter abzusuchen, da aber die Sichtverhältnisse mehr als dürftig sind, kann der Spaß noch zwei bis drei Tage in Anspruch nehmen“, fährt Esther fort. „Weiterhin keine Hinweise zur Identität der Toten, der Abgleich der Fingerabdrücke und DNA-Proben in der Datenbank hat bundesweit und in Frankreich zu keinen Treffern geführt und vermisst wird auch niemand auf die die Beschreibung passt. Laut Frau Dr. Wenzel handelt es sich um eine weiße Frau zwischen vierzig und siebzig, ca. 165 cm groß, eher von der zierlichen Sorte. Keine Tattoos oder auffällige Muttermale, die bei der Identifizierung hilfreich sein könnten.“
Damit beendet Esther ihre Ausführungen und lehnt sich wieder in ihrem Stuhl zurück, die Finger im Schoß verschränkt.
„Sag ich doch. Nada, niente“, bemerkt Adam, der weiterhin urverwandt zur Decke starrt so als könne er sie, wenn er sich nur genug konzentriert, mit bloßem Auge zum Einsturz bringen.
„Hat Frau Dr. Wenzel die Todesursache feststellen können?“, hakt Leo nach und klopft sich die Rückstände des Hörnchens aus Bart und T-Shirt.
„Nein“, sagt Pia und schmeißt die halb leere M&M-Tüte etwas zu schwungvoll auf den übervollen Konferenztisch, sodass ein paar M&Ms heraus purzeln und sich zu ihrem blauen Kollegen zwischen die Ausdrucke gesellen. „Sie kann nur mit Sicherheit sagen, dass an den Extremitäten und dem Torso keine Hinweise auf Fremdeinwirkung feststellbar sind. Auch Abwehrspuren sind nicht zu erkennen, allerdings lagen die Leichenteile auch tagelang im Wasser und Moder, weshalb sich Dr. Wenzel nicht eindeutig festlegen will was das angeht.“
„Wer den Kopf findet, findet die Todesursache“, schlussfolgert Adam und spricht damit Leos eigenen Gedankengang aus. Er sieht aus den Augenwinkeln, wie sich Adam jetzt neben ihm wieder gerade hinsetzt und ihre Blicke treffen sich und instinktiv weiß Leo, das Adam weiß, dass sie beide gerade exakt dasselbe gedacht haben.
„Schlau kombiniert, ihr beiden“, sagt Esther trocken und ihr Blick wechselt kurz von Adam zu Leo und zurück, da sie wohl genau bemerkt hat, dass Adam und Leo mal wieder per Gedankenübertragung kommunizieren. „Auszuschließen sind Strangulation, Ersticken und Ertrinken. Laut Frau Dr. Wenzel gibt es hierfür keine Hinweise in der Lunge, außerdem wurde der Kopf sehr dicht unter dem Kiefer abgetrennt, sodass der Halsstumpf relativ gut erhalten ist. Spuren von Strangulation sind nicht zu erkennen.“
„Gut, fassen wir zusammen: Ohne Kopf keine Todesursache, sodass sich erst mal die Suche nach der Tatwaffe auch erübrigt hat“, sagt Leo und blickt einmal in die Runde. „Wäre eh auch schwer danach zu suchen, da wir den Tatort nicht kennen und es eher unwahrscheinlich ist, dass der Mörder die Tatwaffe mitgenommen hat zum Ablageort der Leichenteile. In der unmittelbaren Umgebung sind auch keine Gegenstände gefunden worden, die irgendwie weiter mit der Tat in Zusammenhang zu bringen wären außer dem Koffer voll Maden und die Plastiktüten.“
„Und solange wir die Identität des Opfers nicht kennen, haben wir auch keine Hinweise auf mögliche Tatverdächtige oder Zeugen aus dem Umfeld“, wirft Adam ein. „Die Feststellung der Identität wäre jedenfalls mit Kopf einfacher als ohne.“
„Unser Opfer scheint auch niemand zu vermissen, mit oder ohne Kopf“, ergänzt Pia und seufzt einmal kräftig, sodass ihre Ponysträhnen im Luftzug abheben. „Bei allen derzeit als vermisst gemeldeten Frauen zwischen zwanzig und achtzig aus dem Saarland und den Grenzgebieten handelt es sich um ältere Fälle oder die uns bekannten Merkmale wie Größe oder Hautfarbe passen nicht überein.“
„Klingt für mich als könnte die Tote aus dem Milieu stammen“, sagt Esther nachdenklich. „Wo sonst verschwinden Frauen, die dann keiner vermisst oder vermissen will?“
„Guter Punkt, Esther“, sagt Leo und lehnt sich in seinem Stuhl nach vorne, sodass er sich mit den Unterarmen auf dem Tisch abstützen kann. Ein leichter Windhauch weht vom offenen Fenster herüber und zaubert Leo eine Gänsehaut in den Nacken und auf die Oberarme trotz der Wärme im Raum. „Saarbrücken ist vielleicht nicht Berlin, aber das Milieu ist hier trotzdem groß genug, dass man da eine Prostituierte leicht verschwinden lassen kann auch ohne, dass es gleich jemandem auffällt, geschweige denn jemandem, der sich an die Polizei wenden würde.“
„Was schlägst du vor? Einschlägige Etablissements abklappern und nachhaken?“, fragt Adam. „Zumindest die behördlich gemeldeten Frauen können wir auch bei deren Meldeadressen aufsuchen.“
„Ich denke, dass ist erst mal die beste Spur die wir haben“, bestätigt Leo und richtet sich wieder etwas auf in seinem Stuhl. „Ich setze mich mal gleich mit dem Erkennungsdienst in Verbindung. Die sollen die Meldeadressen aller gemeldeten Sexarbeiterinnen aus Saarbrücken und Region recherchieren und anschließend aufsuchen. Wenn das auch zu keinen nennenswerten Ergebnissen führt, sollten wir über offensivere Methoden nachdenken. Schaukästen einrichten, die Presse auf den Plan rufen. Das ganze Programm.“
Leo schaut erneut in die Runde und sein Team schaut aufmerksam und entschlossen zurück, obwohl sie bald 48 Stunden in Bereitschaft sind und jeder von ihnen am liebsten vor Übermüdung vom Stuhl fallen würde. Über den Gang hallt das Gurgeln einer Kaffeemaschine und dumpfes Gelächter aus dem Pausenraum. Leo seufzt.
„Ich schlage vor wir legen jetzt erst mal eine Pause ein. Geht nach Hause, duscht mal wieder und schlaft euch aus. Die letzten zwei Tage waren anstrengend genug und mit nur halber Denkleistung und ohne weitere Spuren kommen wir grade eh nicht voran“, sagt Leo mit Nachdruck und steht auf. „Bleibt aber in Rufbereitschaft, falls sich unverhofft heute doch noch was tut. Ansonsten sehen wir uns dann morgen früh frisch und munter wieder hier.“
„Geht klar, Herr Kommissar!“, witzelt Pia mit müdem Lächeln und einem halbherzig ausgeführten Militärgruß, bevor auch sie sich erhebt und ihre Habseligkeiten zusammen kramt. Esther greift sich jetzt ebenfalls ihre Handtasche und wartet noch auf Pia an der Tür, bevor sich beide Frauen mit einem letzten Abschiedsgruß in Richtung Ausgang bewegen. Esthers Absätze klackern den Gang herunter bis auch sie verstummen und Adam und Leo allein im Büro zurückbleiben.
„Ich kläre das noch grade mit dem Erkennungsdienst und dann können wir auch los“, sagt Leo und bewegt sich zu seinem Schreibtisch, wo er sich vor seinen PC schwingt. Mithilfe der Maus weckt er den Bildschirm aus dem Ruhemodus und ist schon dabei nach dem Telefonhörer zu greifen, als sich Adam auf die Kante von seinem Schreibtisch niederlässt und ihm beim Griff nach dem Hörer zuvorkommt.
„Ich ruf' bei denen an, du füllst das Formular aus“, erklärt Adam auf Leos fragenden Blick hin. „Geht schneller“, ergänzt er noch, während er sich schon den Hörer zwischen Schulter und Ohr klemmt und die Schnellwahltaste für den Erkennungsdienst auf dem Telefonapparat drückt. Adams freie Hand spielt derweil mit dem Kugelschreiber, der bis eben auf Leos Schreibtisch herum gekullert ist.
Leo nickt dankbar und ruft das benötigte Formular auf, bevor er anfängt zu tippen.
Eine halbe Stunde später sind alle Formalitäten geklärt und Leo mehr als Reif für den Feierabend.
„Wollen wir dann auch los?“, fragt er an Adam gewandt, der immer noch auf Leos Tischkante sitzt und seit dem Ende seines Telefonats gedankenlos aus dem Fenster starrt und der Saar beim Vorbeifließen zuschaut. Der Kugelschreiber dreht ungleichmäßige Kreise zwischen seinen langen Fingern.
Adam sieht ihn an und erhebt sich dann schwungvoll.
„Na dann los“, sagt Adam und lässt den Stift zurück auf die Tischplatte fallen.
-IV-
Leo fährt und Adam döst auf dem Beifahrersitz, die Schläfe an das Fenster gedrückt. Das Radio dudelt kaum hörbar vor sich her und wird fast vollkommen übertönt von dem Rauschen der Lüftung. Die Ampel an der Kreuzung vor ihnen springt von Gelb auf Rot und Leo sortiert sich in der rechten Abbiegerspur ein. Er kommt langsam rollend hinter seinem Vordermann zum Stehen, um Adam nicht durch zu abruptes Bremsen unsanft aus dem Halbschlaf zu katapultieren.
Der Blinker tickt und Leo schaut zu seinem Beifahrer. Adams Augenringe haben Augenringe und seine Haut wirkt fahl trotz der intensiven Sonne heute Vormittag am See. Seine Haare sehen aus als könnten sie dringen eine Wäsche vertragen, die Klamotten zerknittert von einer Nacht zu viel hinter dem Schreibtisch. Adam ist die sinnbildliche Verkörperung von Erschöpfung und etwas in Leos Brust zieht sich bei dem Anblick schmerzhaft zusammen.
Leos Beschützerinstinkt war in Adams Fall schon immer einzigartig gewesen. Über so lange Zeit war Leo der einzige sichere Hafen, den Adam ansteuern konnte. Diese Rolle in Adams Leben ist ihm nicht immer leicht gefallen, aber bereut hatte er sie nicht. Nur beschämt war er oft genug gewesen. Darüber, dass er nie mehr für Adam hatte tun können als ihm seine Pausenbrote zustecken, wenn Roland Schürk seinen Sohn mal wieder ohne Abendessen in den Schrank gesperrt hatte. Darüber, dass Leo nur ein winziges Baumhaus zu bieten hatte, wenn Adam wieder Schutz suchend von Zuhause ausgebüxt war. Windschief und auch schon etwas morsch hier und da, im Sommer stickig und im Winter feucht vom Frost. Darüber, dass sich Leo nie getraut hatte den Mund aufzumachen und einen Erwachsenen um Hilfe zu bitten. Seine Eltern, einen Lehrer, die Polizei, irgendwen. Weil er überfordert gewesen war und eben noch fast ein Kind. Und dann ist das mit der Garage passiert und Adam ist plötzlich aus seinem Leben verschwunden, von einem Tag auf den anderen wie ein Geist, und hatte Leo zurückgelassen mit seiner Scham und seiner Schuld und all der Wut in seinem Bauch.
So richtig darüber geredet haben sie bisher nicht. Adam hat seit seiner Rückkehr nach Saarbrücken kaum etwas preisgegeben darüber wo er sich die letzten fünfzehn Jahre herumgetrieben hat und mit wem, wurde stattdessen immer einsilbig und wechselte das Thema oder entzog sicher lieber gleich ganz der Situation, indem er einfach den Raum verließ. Flucht nach vorne und all das, da ist Adam schon immer gut drin gewesen. Ist durch Leos Leben gefegt wie ein Orkan und hat dann nicht viel mehr zurückgelassen als Scherben.
Und dann war er plötzlich wieder da gewesen, fünfzehn Jahre später und erwachsen, in Saarbrücken und in Leos Leben, hatte sich ungefragt rein gedrängelt und gleich wieder Wirbel gemacht und manchmal frisst das an Leo. Das es Adam scheinbar einfach fällt wieder da weiterzumachen, wo sie aufgehört haben und das Leo wieder regelmäßig von der Garage träumt, dass Adam immer noch einen Molotowcocktail der Gefühle in ihm auslöst wie sonst kein anderer, Feuer frei, und Leo es dennoch nicht bereut, dass Adam wieder da ist in Leos Leben.
Sie hatten ihre Beziehung einfach notdürftig geflickt, wie wenn man versucht eine zerbrochene Tasse zu kleben und man dann am Ende wieder eine Tasse hat, die wie eine Tasse aussieht, die man aber nur noch halbvoll füllen darf, weil es sonst an den Bruchstellen leckt. Erst war das der Not geschuldet den Mordfall Hofer endlich zu lösen, da hatte ihr Privatkram eben keinen Platz. Danach war es dann Bequemlichkeit und schlussendlich Gewohnheit. Schweigen ist Gold. Sie sprechen nicht darüber.
Ein lautes Hupen reißt Leo plötzlich aus den Gedanken. Die Ampel ist auf Grün gesprungen und sein Vordermann längst rechts um die Ecke verschwunden und vor ihm ist alles frei. Sein Hintermann strapaziert erneut die Hupe als Leo endlich auf das Gaspedal drückt und sich der Peugeot ruckartig in Bewegung setzt. Adam schreckt auf durch die unsanfte Vorwärtsbewegung und guckt etwas benommen dabei zu, wie Leo in die Seitenstraße einbiegt.
„Sorry“, murmelt Leo und richtet sich etwas im Fahrersitz auf.
„Kein Ding“, sagt Adam und gähnt einmal herzhaft. „Sind ja eh gleich da.“
Das stimmt. Ihr Wohnkomplex befindet sich nur drei Querstraßen weiter in einer Sackgasse. Zu wenig Zeit um die Gedanken zu ordnen, aber genug um sich zu fassen. Leo atmet einmal tief durch.
Nachdem Leo in der Tiefgarage geparkt hat und sie beide durch den Keller und zwei Stockwerke hoch in ihre Wohnung geschlürft waren, ist Adam schnurstracks in seinem Zimmer verschwunden für einen verspäteten aber reichlich verdienten Mittagsschlaf. Leo hatte es ihm sofort gleich getan.
Zwei Stunden und eine ausgiebige Dusche später steht Leo am Herd und rührt in der selbstgemachten Tomatensauce, während im Topf daneben die Spaghetti im Salzwasser vor sich her brodeln.
Leo hatte darauf bestanden, dass er für das Abendessen endlich mal wieder selbst kocht und sie nicht schon wieder den Lieferdienst bemühen. Wenn es nach Adam ginge würden sie sich vermutlich nur von trockenen Cup Ramen und Fastfood ernähren, aber Leo war es langsam leid ständig Extrarunden bei seinem Workout einzulegen. Adam würde es eh mal nicht schaden Gemüse zu essen, das nicht durchgeschmort auf der Pizza in Öl schwimmt.
„Riecht schon super“, raunt es plötzlich hinter Leo und lässt ihn unweigerlich kurz aufschrecken. Entweder Adam hat sich wieder einmal so leise angeschlichen wie eine Katze oder Leos Aufmerksamkeit ist immer noch fucked.
„Dir binde ich irgendwann noch 'ne Glocke um den Hals, so wie du dich immer anschleichst“, antwortet Leo, lässt aber den Topf mit der Sauce nicht aus den Augen. Die darf maximal anfangen zu sieden, damit sich das Aroma voll entfalten kann und die frischen Kräuter darin nicht verbrennen.
„Nicht meine Schuld, dass du so schreckhaft bist neuerdings“, entgegnet Adam und Leo könnte darauf wetten, dass Adam hinter ihm süffisant am Grinsen ist.
Er spürt im Rücken wie Adam näher kommt und ihm neugierig über die Schulter lugt. Leo riecht sein Duschgel und fühlt die Hitze von Adams Haut, so nah sind sie sich. Leo kann das leichte Schaudern in seinen Gliedern nicht ganz unterdrücken und hofft nur, dass Adam davon nichts mitbekommt. Das ist auch so etwas worüber sie nicht sprechen. Das sich da ganz offensichtlich was zusammenbraut zwischen ihnen wie ein Sommergewitter, das sich jede Sekunde zu entladen droht, bis einer von ihnen den Stecker zieht. Meist ist das Leo. Weil er unsicher ist und verwirrt und weil er sich selbst nicht so ganz im Klaren ist was er eigentlich will oder braucht von Adam. Wie soll er das dann Adam erklären? Leo weiß nicht was Adams Ausrede ist und ob er es überhaupt so genau wissen möchte. Adam hat noch ein Koffer in Berlin, bei Nina im Keller, und der Gedanke daran versetzt ihm wie jedes Mal einen Stich ins Herz.
Heute ist es Adam der entschärft. Er wendet sich von Leo ab, um sich dann lässig neben den Herd an die Küchenzeile zu lehnen. Leo schaut nun doch zu ihm herüber, nachdem er vorsichtshalber die Herdplatten heruntergeschaltet hat. Adams Haare sind noch leicht nass von der Dusche und seine Schläfen und die Stirn glitzern feucht im Licht der Dunstabzugshaube. Er trägt eine abgewetzte Jogginghose und ein weißes T-Shirt, dass durch zu häufiges Waschen so dünn geworden ist, dass sich Adams Tattoos auf seiner Brust wie dunkle Schatten darunter abzeichnen. Barfuß ist er, und die Augenringe sind immer noch prominent aber nicht mehr ganz so tief. Die Bartstoppeln um seinen Mund und Kinn sind fein säuberlich getrimmt.
Schön sieht er aus, denkt Leo und schluckt. Entspannter irgendwie und mehr mit sich selbst im Reinen, das ist Leo schon kurz nach Adams Haftentlassung aufgefallen. Das da nicht mehr so viel brodelt unter der Oberfläche, immer am Siedepunkt und kurz vorm Überkochen. Als wenn sich mit dem Tod seines Vaters irgendwas gelöst hat in Adam und der ganze Druck jetzt entweichen kann ohne den Deckel weg zu sprengen.
Leo wendet den Blick wieder ab und guckt in den Topf, in dem die Sauce beginnt Blasen zu schlagen. Leo dreht schnell den Herd ab, bevor der Topf überläuft.
„Essen ist fertig.“
-V-
Die Ermittlungen des Erkennungsdienstes haben auch nach zwei Tagen keine entscheidenden Hinweise ergeben. Zumindest die behördlich gemeldeten Prostituierten im Saarland und Umgebung waren alle an ihren Meldeadressen auffindbar, sodass auch diese mögliche Spur im Sande verlaufen ist. Der Kopf der Toten bleibt ebenfalls weiterhin verschwunden und die Polizeitaucher haben ihre Suche im Burbacher Waldweiher mittlerweile erfolglos als beendet erklärt.
Leos Team sitzt wieder einmal um den Konferenztisch. Außer Adam, der es vorzieht sich auf die Kante des Schrankkabinetts zu hocken und auf sie alle herunter zu starren wie ein besonders missmutig dreinblickender Gargoyle mit Schulterholster.
„Okay, Leute. Sieht so aus, als wenn wir so erst mal nicht weiterkommen“, sagt Leo. „Pia und Esther, kümmert euch mal darum, dass wir rund um den Waldweiher und in der Innenstadt Schaukästen aufstellen. Klärt das am besten auch mit der Pressestelle ab, die sollen mal Springer&Co. dazu animieren etwas ausführlicher über den Fall zu berichten, am besten Morgen noch in den Sonntagsausgaben. Super wäre auch, wenn der SR einen Beitrag senden könnte in den Abendnachrichten.“
„Geht klar“, antwortet Pia, und Esther nickt.
„Adam und ich werden in der Zwischenzeit die einschlägig bekannten Bordelle und Stripclubs selbst aufsuchen und uns ein bisschen umsehen. Wir alle wissen ja, dass das mit der Meldepflicht von Sexarbeiterinnen auch gerne mal 'vergessen' wird.“
Leo kann aus den Augenwinkeln sehen, wie Adam bei Leos Betonung kaum merklich die Mundwinkel nach oben zieht.
„Wahrscheinlich führt das zu nichts, aber ich will ausschließen, dass wir irgendwas Wichtiges übersehen.“
Kurze Zeit später hängen Pia und Esther schon am Telefon, um alles zu organisieren, als Leo die Autoschlüssel von seinem Schreibtisch fischt. Adam hält ihm die Bürotür auf und Leo kann im Vorbegehen sein Aftershave riechen. Zusammen gehen sie schweigend Richtung Parkplatz.
Leo fährt und Adam sitzt auf dem Beifahrersitz und bedient das Navi. Diese Konstellation hat sich geradezu eingebürgert seit Adam bei ihm eingezogen ist und sie jeden Morgen gemeinsam zur Arbeit fahren. Leo gefällt das irgendwie, das Adam und er wieder eingespielte Rituale haben so wie früher. Adam studiert derweil die Liste der Etablissements, die Leo vor ihrer Abfahrt ausgedruckt und ihm in die Hand gedrückt hat. Die Liste ist kurz, aber länger als man von einer Stadt wie Saarbrücken erwarten würde.
„Bikini Bottom?“, schnaubt Adam amüsiert mit Blick auf ihr nächstes Ziel auf der Liste. „Classy.“
„Was hast du erwartet in Saarbrücken? Das Liberty?“
Adam hebt daraufhin die rechte Augenbraue und guckt Leo erstaunt an.
„Dafür das du noch nie in Berlin warst, scheinst du dich aber gut auszukennen mit den Edelbordellen der Hauptstadt.“
„Ich war schon in Berlin“, entgegnet Leo und ignoriert Adams anzüglichen Ton. „Kursfahrt vom LK Geschichte in der 12. Klasse“. Das 'ohne dich' bleibt ungesagt aber Leo ist sich sicher, dass sie es beide gehört haben. „Das Liberty war mal in den Nachrichten vor einer Weile, da ging es um die Meldepflicht von Sexarbeiterinnen.“
Ein etwas angespanntes Schweigen breitet sich aus und Leo weiß das geht jetzt auf seine Kappe, aber bereuen kann er seine Worte nicht. So langsam ist er es leid, dass sie immer noch wie auf Eierschalen um die Sache mit Adams Flucht aus Saarbrücken herum tapsen.
Sie sprechen nicht mehr bis Leo auf den Parkplatz des Bikini Bottom einbiegt, dass sich als grauer Betonklotz mit grell pinker Neonreklame herausstellt. Die Fenster sind verhangen und der Parkplatz ist verwaist. Wohl noch etwas zu früh am Tage für den Hochbetrieb.
Leo stellt den Motor ab und steigt aus. Eine leere Bierdose rollt scheppernd vorbei im Wind, achtlos weggeworfene Taschentücher und Zigarettenstummel liegen überall herum und bilden mit dem Dreck und Laub der Bäume besonders unansehnliche Wollmäuse.
„Classy“, wiederholt Adam unbeeindruckt und vergräbt seine Hände in den Taschen seiner grauen Jeansjacke. Das Wetter hat seit ihrem Besuch am Weiher gedreht und es wird nun doch langsam Herbst.
Plötzlich vibriert es, gut hörbar auf dem menschenleeren Parkplatz, in der Innentasche von Leos Lederjacke und Adam sieht ihn fragend an.
„Ist nur Caro“, sagt Leo mit einem Blick auf sein privates Handy. „Sie will wissen ob es dabei bleibt, dass ich morgen Abend bei ihr zum Essen vorbeischaue.“
Adam wendet sich daraufhin wieder ab und beobachtet stumm die schmutzige Fassade des Bikini Bottom, während Leo schnell eine Antwort in sein Handy tippt.
„Offenbar war ich in letzter Zeit wenig zuverlässig, wenn es darum geht Verabredungen einzuhalten.“ Leo verzieht das Gesicht. Da waren sie wieder, die Schuldgefühle.
„Ist ja nicht deine Schuld, dass irgendein Arschloch 'ne Leiche zersägt und im Weiher entsorgt“, antwortet Adam und löst jetzt den Blick von der Leuchtreklame und schaut über das Autodach hinweg zu Leo. Busted, denkt Leo. Adam hat wohl an Leos Tonfall gemerkt, dass er wieder dabei war sich Selbstvorwürfe zu machen. Adams Blick ist neutral und er wirkt fast gelangweilt so wie er da steht mit den Händen in den Jackentaschen während ihm der Wind die Haare zerzaust. Seine Augen sehen grau aus im trüben Nachmittagslicht, so als wenn sich der Himmel über Saarbrücken in ihnen spiegelt.
Leo kann sich ein sanftes Lächeln nicht verkneifen und merkt selbst wie durchschaubar er sich gerade macht. Bereuen kann er es aber nicht, denn Adams Gesichtszüge entspannen sich jetzt und er lächelt zurück bis sich seine Grübchen zeigen. Ihr Blickkontakt hält für einen langen Augenblick bis sich Leo endlich losreißen kann. Adam war vielleicht für fünfzehn Jahre verschwunden, worüber sie nicht wirklich sprechen, aber er hat offensichtlich nicht verlernt Leos Unsicherheiten gezielt aufzuspüren und mit wenigen Worten zu torpedieren, bis sie sich, puff, in Luft auflösen.
Etwas Warmes macht sich breit in Leos Brust. Er steckt das Handy zurück in die Innentasche seiner Jacke und richtet dann noch schnell seinen Kragen.
„Du kannst morgen gerne mitkommen zu Caro, das weißt du doch oder?“, fragt Leo und umrundet nun endlich die Motorhaube des Peugeot bis er an Adams Seite angelangt ist und sie gemeinsam auf den Eingang des Bikini Bottom zusteuern. „Sie hat extra nach dir gefragt.“
„Nee, lass mal gut sein, Leo“, entgegnet Adam nur und greift nach der Eingangstür zum Bordell.
„Dein Verlust“, antwortet Leo und schaut sich im dunklen und engen Foyer des Bikini Bottom um. Alles rundherum verhangen mit einem samtig roten Vorhang. „Caros vegetarische Schnitzel sind ein Traum.“
„Verbring lieber mal Zeit zu zweit mit deiner Schwester, Leo. Dann kannst du sie wenigstens ungestört damit voll texten wie charmant ich bin.“ Das handelt Adam einen festen Knuff in den Oberarm ein, was dieser nur mit einem Grinsen kommentiert.
„Idiot“, schiebt Leo noch hinterher und klingt dabei schon wieder so verdammt zärtlich. „Versprich mir nur du benutzt einmal in deinem Leben heißes Wasser für deine Cup Ramen, wenn du schon Caros Schnitzel ausschlägst.“
Adam verspricht wie zu erwarten nichts und sein Grinsen wird breiter, aber der Ausdruck in seinen Augen ist verräterisch warm.
„Wir hab'n zu, Jungs. Heute 18 Uhr is' wieder offen.“
Leo löst seinen Blick von Adam und schaut auf. Vor ihnen steht jetzt plötzlich ein Typ und hält zwei Enden des Vorhangs von sich weg, durch die er wohl in das Foyer gelangt sein muss. Hinter ihm kann Leo schemenhaft das Innere des Bikini Bottom erkennen, das sich irgendwo im Schummerlicht verläuft. Der Mann ist vielleicht Mitte vierzig, Halbglatze und Vollbart. Der Ansatz eines Bierbauchs zeichnet sich ab unter dem dunkelroten Hemd. Die ersten paar Hemdknöpfe stehen offen und geben den Blick frei auf dichtes Brusthaar, in dem sich ein paar filigrane Goldkettchen verfangen haben. Auf dem bulligen Hals prangt unter dem rechten Ohr ein Tattoo von einem brüllenden Bären. Tschetschene vielleicht, schätzt Leo anhand des Akzents.
„Äh ja, tut uns Leid für die Störung. Ich bin Hauptkommissar Hölzer und das hier ist mein Kollege Hauptkommissar Schürk“, antwortet Leo etwas überrumpelt von der Unterbrechung und zeigt kurz auf Adam, bevor er anfängt in seiner Jackentasche nach dem Dienstausweis zu kramen. „Kriminalpolizei Saarbrücken“, ergänzt er noch.
Der Typ beäugt jetzt misstrauisch ihre Dienstausweise und rümpft dann die Nase, sagt aber nicht weiter.
„Sind Sie hier der Manager?“
Der Typ nickt nur und zieht dabei die Nase hoch.
„Haben Sie auch einen Namen oder muss man Ihnen alles erst aus der Nase ziehen?“, fragt Adam ungeduldig.
„Achmat Kadyrow“, sagt Kadyrow und seine Miene verdunkelt sich. Eine Wolke aus Schweiß- und Tabakgeruch weht zu Leo und Adam herüber. „Was wollt ihr? Iss'n saubres Geschäft.“
Leo sieht Adam neben sich die Augen verdrehen und zu einer ohne Frage pampigen Antwort ansetzten, weshalb Leo es für klüger hält lieber mal schnell dazwischen zu gehen bevor die Situation eskaliert. Das würde sich nachher im Befragungsprotokoll nicht so super lesen, wenn schon die Fäuste fliegen bevor Adam und Leo das Bikini Bottom überhaupt richtig betreten haben.
„Können wir erst mal hereinkommen, Herr Kadyrow?“, fällt Leo seinem Kollegen ins Wort. „Ist doch blöd sich hier zu unterhalten, so zwischen Tür und Vorhang.“
Kadyrow guckt Leo nur geringschätzig an, zögert kurz und schaut zwischen ihm und Adam hin und her bevor er dann doch nickt und die beiden Polizisten durch den Vorhang winkt.
Hinter dem Vorhang präsentiert sich das Bikini Bottom als eine mit Plüsch verkleidete Bar mit Garderobe und Empfang, die in einem schmalen und dunklen Gang mündet, der vermutlich zu den privateren Räumlichkeiten führt. Die Einrichtung sieht im Halbdunkel des Dämmerlichts schon so abgewohnt aus, das Leo sich lieber nicht den Anblick bei voller Beleuchtung ausmalen will. Der billige Teppich unter ihren Füßen ist schon ganz dünn und farblos durch jahrelange Abnutzung und zu wenig Pflege. Es riecht unangenehm nach Moschus und Zigarettenqualm.
In einer Ecke hockt ein zwielichtiger Typ mit Kadyrows Nase und Segelohren und zählt Geld, dass er beim Anblick von Adam und Leo schnell zusammenfaltet und im Hemdkragen verschwinden lässt. Zwei Zigarillos qualmen im Aschenbecher vor ihm. Am Handgelenk und den Fingern seiner rechten Hand blitzt schwerer Goldschmuck. Er lässt Adam und Leo keine Sekunde aus den Augen.
„Mein Bruder Shamil“, sagt Kadyrow ungefragt und führt Adam und Leo zum Bartresen in der anderen Ecke des Raumes, hinter dem eine rothaarige Frau mit knallroten Lippen gelangweilt ein paar Gläser poliert. Auf ihrem linken Oberarm schlängelt sich ein Täufelchen um eine Leiter, die Farben des Tattoos sind verblasst und die Konturen seltsam unscharf.
„Mach' mal'n Abflug, Sherry“, sagt Kadyrow zu der Rothaarigen, die daraufhin ihr Poliertuch auf den schmierigen Tresen fallen lässt und auf Leoparden-Pumps im dunklen Gang verschwindet.
Kadyrow fläzt sich jetzt auf einen der Barhocker und zündet sich eine Zigarette an, bevor er sich leicht hustend zu Adam und Leo umdreht, die hinter ihm stehen geblieben sind. Leo will hier lieber nicht mehr als nötig anfassen. Im Nacken spürt er Shamils bohrende Blicke. Leo spannt die Schultern an und drückt den Rücken durch. Er merkt wie Adam es ihm gleich tut, auch wenn er die Hände betont lässig in den Jackentaschen belässt und keine Miene verzieht.
„Herr Kadyrow, ich und mein Kollege ermitteln im Fall einer vor ein paar Tagen im Burbacher Waldweiher gefundenen Frauenleiche“, beginnt Leo jetzt die Befragung, um die angespannte Stille zu durchbrechen.
Kadyrow verzieht keine Miene und nimmt nur gelangweilt einen Zug von seiner Zigarette.
„Leider ist es uns bisher nicht möglich gewesen die Identität der Toten festzustellen. Ist möglicherweise eine Ihrer Angestellten seit letzter Woche unangekündigt nicht zur Arbeit erschienen?“
„Iss'n saubres Geschäft“, wiederholt Kadyrow und lehnt sich mit dem linken Ellenbogen hinter sich auf den Bartresen.
„Beantworte einfach die Frage und spare dir das Gesäusel“, herrscht Adam ihn jetzt ungeduldig an. Die Hände hat er immer noch in den Jackentaschen vergraben, aber Leo hat keinen Zweifel daran, dass Adam jederzeit bereit ist zum Holster zu greifen und seine Dienstwaffe zu ziehen.
Die Spannung in der Luft ist jetzt schon fast so dick wie der im Raum wabernde Zigarettenqualm und Shamil in ihrem Rücken macht Leo zusätzlich nervös. Er löst sich aus der kleinen Dreiecksformation, die er und Adam mit Kadyrow an der Spitze bilden, und beginnt betont langsam sich im Raum umzusehen bis er Shamil aus den Augenwinkeln im Blick behalten kann. Der sitzt weiter an seinem Tisch und stiert stumm in ihre Richtung, in einer Hand den Zigarillo und die andere unter der Tischplatte im Schoß.
Leo spürt das Adrenalin in sich hochsteigen und bemüht sich nicht zu verkrampfen. Er schlendert ein wenig durch den Raum, Shamil immer im Augenwinkel behaltend, und vertraut darauf, dass Adam Kadyrow in Schach hält.
„Was genau sind das denn für Dienstleistungen, die Sie hier so anbieten, Herr Kadyrow?“, fragt Leo. Manchmal ist so ein Strategiewechsel bei der Gesprächsführung das beste Mittel um einen störrischen Zeugen doch noch zum Reden zu bringen.
„Erotische Massage“, raunzt Kadyrow und Leo hört Adam ungläubig schnauben.
„Familienunternehmen?“, fragt Leo weiter und nickt dabei in Shamils Richtung, der jetzt hörbar mit den Zähnen knirscht und die rechte Hand weiter im Schoß hält.
„хIаъ.“
„Ich nehme mal an, das heißt 'Ja'“, sagt Leo und betrachtet eine kirschrote Wandlampe aus billigem Plastik. Auf den daran baumelnden Kristallimitaten liegt eine dicke Staubschicht.
„Lohnt sich das denn?“, fragt Leo weiter und kommt jetzt schräg hinter Shamil zum stehen. „Also das Geschäft mit den Massagen, meine ich“, fügt Leo hinzu.
Shamil dreht sich nicht um, aber Leo weiß auch so, dass dessen gesamte Aufmerksamkeit auf ihm ruht. Am anderen Ende des Raumes steht Adam unverändert vor Kadyrow und starrt ihn an, der wiederum Leo und seinen Bruder nicht aus den Augen lässt.
„хIаъ“, grunzt Kardyrow.
„Schön, schön“, erwidert Leo. „Und Ihre Masseurinnen? Die sind auch alle so zufrieden und putzmunter wie Sie?“
„Iss'n saubres Geschäft hier“, wiederholt Kadyrow zum dritten Mal und will sich gerade eine neue Zigarette anzünden, als Adam ihm blitzschnell wie eine Schlange das Feuerzeug entreißt.
„Jetzt pass mal gut auf, du Schwammkopf! Du sollst die Fragen meines Kollegen beantworten und sonst nichts, kapische?“
Leo sieht, wie sich der rechte Oberarm von Shamil anspannt, die Hand weiter unter dem Tisch versteckt. Adam, verdammt. Als wenn die Situation nicht schon haarig genug ist auch ohne seine saudummen Sprüche.
„Beantworten Sie einfach die Frage, Herr Kadyrow“, sagt Leo ruhig und zwingt sich die Augen von Shamils Oberarm auf Kadyrow zu richten. „Dann sind Sie uns schneller los als Sie 'хIаъ' sagen können und Sie und Ihr Bruder können sich wieder in aller Ruhe dem Kassensturz widmen. Sie wollen doch sicher vermeiden, dass wir wiederkommen, dann aber mit Durchsuchungsbefehl. Wäre ja schade, wenn wir hier die schöne Einrichtung komplett demolieren müssten oder?“
Leo und Kadyrow starren sich an und Leo traut sich kaum zu Blinzeln.
„Adam, gib ihm das Feuerzeug zurück“, fügt Leo mit fester Stimme hinzu ohne von Kadyrow die Augen zu lassen.
Adam gehorcht und Leo, er und Shamil sehen dabei zu, wie sich Kadyrow in aller Ruhe seine nächste Zigarette ansteckt und tief inhaliert, bevor er den Qualm genüsslich durch Mund und Nase wieder ausstößt.
„Keine von mein' Mädchen fehlt“, sagt Kadyrow nach einer gefühlten Ewigkeit. „Keine.“
Shamils Oberarm entspannt sich etwas. Adam steht stumm da im Dunst von Kadyrows Zigarettenqualm und Leos Kiefer schmerzt vor Anspannung. Für einen Augenblick sagt keiner etwas.
„Einen schönen Tag noch, Herr Kadyrow“, sagt Leo schließlich und wendet sich zum Gehen.
Leo merkt erst, dass er die Luft angehalten hat, als er die Tür des Bikini Bottom aufstößt und hinaus auf den Parkplatz tritt. Er atmet einmal tief ein und kneift die Augen zusammen, die sich nach dem Dämmerlicht im Bordell noch nicht wieder an das Tageslicht gewöhnt haben. Er hört wie Adam hinter ihm durch die Tür kommt und dreht sich schwungvoll zu ihm um.
„Sag mal geht’s noch, Adam?“, platzt es regelrecht aus ihm heraus. „Was war das denn für eine Scheiße? Willst du uns umbringen oder was?“
„Beruhige dich mal, Leo.“
„Ich will mich nicht beruhigen, ich will wissen was der Scheiß sollte!“
„Leo, nicht hier“, sagt Adam mit Nachdruck und nickt kaum merklich über seine Schulter hin zu den verhangenen Fenstern des Bikini Bottom.
„Fuck!“, stößt Leo hervor, fährt sich mit den Fingern durch die Haare und dreht sich dann abrupt auf dem Absatz um und marschiert zum Auto, wirft sich in den Fahrersitz und knallt die Tür hinter sich zu. Einen Moment später nimmt Adam im Beifahrersitz Platz und kaum ist seine Autotür ins Schloss gefallen, herrscht Leo ihn auch schon wieder an.
„Der scheiß Bruder hatte ne verdammte Knarre im Schoß, Adam! Merkst du eigentlich noch was?“
„Die Gebrüder Spongebob da drin wollten uns gehörig verarschen, checkst du das nicht?“
„Na klar check' ich das! Aber deine scheiß große Klappe ist da auch keine Hilfe!“
Leo krallt die Hände in seine Oberschenkel bis die Knöchel weiß sind und dreht sich ruckartig zu Adam um, der ihn mit störrischem Blick fixiert.
„Du bringst uns irgendwann noch um, Adam, und darauf hab' ich echt kein Bock!“
Eisiges Schweigen. Für eine Sekunde länger starrt Leo in Adams blaue Augen, die unbeeindruckt zurück stieren. Dann reißt er seinen Blick herum, startet den Wagen und fährt viel zu schnell vom Parkplatz während er dabei ist sich anzuschnallen.
Der Rest ihrer Befragungen für den Tag verläuft ereignislos und sie reden nur miteinander wenn absolut nötig. Die Identität der Toten bleibt weiter ein Geheimnis.
-VI-
Es ist Sonntagabend und Leo sitzt an Caros Esstisch über sein veganes Schnitzel gebeugt und ist froh, dass Adam die Einladung ausgeschlagen hat. Reichte echt, dass hier einer sitzt der miese Stimmung verbreitet.
Ihm gegenüber sitzt Caro und hat es wohl mittlerweile aufgegeben ihren Bruder zu mehr als einsilbigen Antworten zu bewegen. Leo kann sehen wie sie lustlos in ihrem Essen herumstochert und nachdenklich die Stirn kraus zieht. Bei Leo meldet sich auf Anblick das schlechte Gewissen. Caro hatte sich echt viel Mühe gemacht mit dem Schnitzel, hatte überhaupt Leo wieder ewig bitten müssen zum Abendessen vorbeizuschauen und dann taucht Leo auf mit einer verdammten Scheißlaune, die seit dem Besuch bei Kadyrow wie eine dunkle Wolke über ihm schwebt. Verdammter Adam. Der hat es echt wie kein anderer drauf Leo auf 180 zu bringen und dann vor sich her brodeln zu lassen. Seit ihrem Streit auf dem Parkplatz des Bikini Bottom hatten sie nur das allernötigste miteinander gesprochen und waren sich so gut es ging aus dem Weg gegangen. So gut das eben ging, wenn man zusammen arbeitet, mit Hochdruck nach einem Mörder fahndet und auch noch in derselben Wohnung lebt.
Als Leo heute früh von seiner Joggingrunde im Wald zurückgekommen war, hatte die Wohnung still und leer dagelegen, von Adam weit und breit keine Spur. Als sich Leo dann eine halbe Stunde später zum Präsidium aufgemacht hatte, war der Parkplatz von Adams Dienstwagen in der Tiefgarage ihres Wohnkomplexes verwaist gewesen. Leo hatte ganz vergessen, dass Adam überhaupt noch im Besitz eines Dienstwagens ist so selten wie Adam den bewegte. Zum ersten Mal seit Adams Einzug waren sie getrennt zur Arbeit gefahren und als Leo die Tür zu ihrem Büro aufgestoßen hatte, war Adam schon da gewesen und hatte so wild auf seine Tastatur eingehackt das man Angst haben konnte, die bricht ihm gleich unter den Fingern durch.
Pia und Esther hatten die ganzen zwei Stunden, die sie an diesem Sonntag Vormittag damit beschäftigt gewesen waren ihre Berichte zu tippen, kein Wort verloren über die unangenehme Stimmung im Raum, aber ihre Blicke waren nicht gerade subtil zwischen Leo und Adam hin und her gesprungen wie bei einem Tennismatsch. In Stunde zwei konnte Leo dann aus den Augenwinkeln sehen, wie es Esther offenbar immer schwerer fiel die frostige Atmosphäre nicht doch noch mit einem ohne Frage harschen Kommentar zu durchbrechen und nur jedes Mal durch Pias mahnende Blicke davon abgehalten wurde.
Leo ist nicht unbedingt stolz darauf, aber er hatte lieber eilig seinen Bericht zu Ende getippt und dann die Flucht ergriffen, bevor es doch noch aus Esther herausplatzen konnte. War eh nicht so, als wenn sie gerade eine heiße Spur gehabt hätten die es zu diskutieren galt und das Team war bis Montag früh im Bereitschaftsdienst. War also nicht so, als wenn sie den Sonntag länger im Büro verbringen mussten als nötig.
Adam hatte er dann für den Rest des Tages nicht mehr zu Gesicht bekommen. Nach Hause war er jedenfalls nicht gekommen bis Leo sich am frühen Abend auf den Weg zu Caros Wohnung gemacht hatte. Trotz all seiner Wut im Bauch kann Leo die Sorge nicht komplett herunterschlucken, bei dem Gedanken, dass Adam es offenbar vorzieht den freien Sonntag im Büro zu verbringen anstatt nach Hause zu kommen. Leo will nicht, dass sich Adam jetzt gezwungen fühlt bei ihm die selben Verhaltensmuster an den Tag zu legen wie damals bei Roland Schürk.
Leo vergeht auch das letzte bisschen Appetit auf das Schnitzel, sodass er das Besteck endgültig zur Seite legt. Fuck. Er muss sich echt mal zusammenreißen, Caro zuliebe. Leo schaut auf und räuspert sich, um das Zittern in seiner Stimme zu unterdrücken.
„Und? Wie läuft es eigentlich mit Jonas? Hab' den ja schon eine ganze Weile nicht mehr gesehen.“
Caro schaut bei seinen Worten von ihrem Teller auf und runzelt nur noch mehr die Stirn als vorher schon.
„Du lässt dich ja auch so gut wie nie blicken, Leo, geschweige denn, dass du mal anrufst. Wie willst du da wissen wie es meinem Freund geht?“
Scheiße. Den Tonfall kennt Leo nur zu gut. Caro hat offenbar genauso die Schnauze voll von Leos Scheißlaune wie er selbst.
„Du weißt doch, ich und das Team sitzen da grade an einem besonders komplizierten Fall und ich-“
„Erspare mir bitte deine Ausreden, Leo! Das geht doch schon seit Monaten so. Entweder zu steckst mitten in einem 'besonders komplizierten Fall' oder du bist damit beschäftigt Kollegen unter Mordverdacht aus dem Knast zu boxen-“
„Hey!-“
„-Hast du dich überhaupt mal bei Mama und Papa gemeldet in letzter Zeit? Dauernd rufen die mich an und fragen warum du nicht ans Telefon gehst, ob es dir gut geht, ob wir nicht irgendwas tun können als Familie, um dich zu unterstützen. Mir fallen langsam keine Antworten mehr ein auf die immer gleichen Fragen, weil ist ja nicht so, als wenn du mit mir noch über irgendwas sprichst!“
Stille. Leo presst betreten die Lippen zusammen und zwingt sich Caros Blick standzuhalten. Das zumindest ist er ihr wohl schuldig. Die Zornesfalte auf Caros Stirn glättet sich einen Moment später und der Ausdruck in ihren Augen wird weicher und das ist schwerer zu ertragen als jeder Wutausbruch. Caro seufzt und greift über den Tisch nach Leos Hand, die sich ohne sein Zutun in die Serviette neben seinem Teller gekrallt hat.
„Sprich mit mir, Leo“, bittet Caro ruhig und streichelt ganz zärtlich mit dem Daumen über Leos Handrücken. „Dich belastet doch irgendwas und ich meine nicht euren Fall. Du hattest doch auch früher schon schwierige Fälle und die haben dich auch nie so aus der Bahn geworfen.“
Leo weiß nicht was er antworten soll. Caros sanfte Berührung droht ihm die Tränen in die Augen zu treiben und er schluckt schwer. Das letzte was Leo will, ist das seine Schwester sich unnötig Sorgen um ihn macht.
„Ist es wegen Adam?“, fragt Caro leise in die Stille hinein. Leo stockt kurz der Atem und irgendwas in ihm bricht ein wie ein Kartenhaus. Ist denn nicht alles irgendwie wegen Adam in letzter Zeit?
„Ist da was vorgefallen zwischen euch? Du bist so abwesend seit er aus dem Nichts wieder hier aufgetaucht ist und dann diese Sache mit seinem Vater-“
„Das war nicht Adams Schuld!“, unterbricht Leo seine Schwester mit scharfem Ton und zieht ruckartig seine Hand zurück auf seine Seite des Tisches, sodass er dabei beinahe sein Weinglas umstößt. Egal was für eine scheiß Stimmung zwischen Adam und ihm herrscht, Leo würde nicht zulassen, dass jemand Roland Schürks Quälereien an seinem Sohn zur Waffe macht und damit gegen Adam schießt. Nicht mal seine eigene Schwester.
„Das weiß ich doch, Leo“, antwortet Caro schnell aber mit Nachdruck. „Tut mir Leid, so hab' ich das nicht gemeint.“ Leo sieht sie an und ihr Blick ist hart aber ehrlich. Leos Schultern entspannen sich und er lässt es zu, dass Caro erneut nach seiner Hand greift.
„Ich mach' mir einfach Sorgen um dich, okay? Seit Monaten schau' ich dabei zu wie es in dir arbeitet, wenn ich dich denn überhaupt mal zu Gesicht bekomme.“ Caro hält kurz inne und Leo merkt, wie sie zögert ihren nächsten Gedanken laut auszusprechen so als habe sie Angst, er könne wieder aus der Haut fahren.
„Was?“, hakt Leo leise nach. Egal wie unangenehm dieses Gespräch ist, Leo will nicht, dass Caro sich jetzt zurückhält, weil sie glaubt Leo vertrage die Wahrheit nicht. Und die Wahrheit ist es doch, um die sie hier herum reden.
„Ist es wegen Adam?“, fragt Caro erneut und ihr Tonfall lässt keinen Zweifel daran, dass Caro längst weiß was die Wahrheit ist und jetzt nur sicher gehen will, dass sie Leo nicht in die Ecke drängt und dazu zwingt etwas preiszugeben, wozu er nicht bereit ist.
Ganz plötzlich spürt Leo seine Liebe für seine Schwester in ihm aufflammen und er ist froh das es Caro ist, die jetzt hier bei ihm ist in diesem Moment und seine Hand hält. Alle Anspannung fällt von ihm ab und er atmet einmal tief durch und dann sieht er in Caros Augen, blaugrün wie seine, und er muss nichts sagen, denn Caro versteht auch so und drückt einfach nur seine Hand.
Auf einmal durchbricht der Klingelton von Leos Diensthandy die Stille und dann lässt Caro seine Hand los und der Moment ist vorbei. Leo greift nach dem Telefon.
„Ja, Hölzer?“, krächzt Leo ins Handy. Er räuspert sich verlegen, während Esther ihn am anderen Ende der Leitung darüber informiert, dass es Neues gibt in ihrem Fall und er am besten gleich zum Präsidium kommt.
„Ich mach mich sofort auf den Weg, Esther. Bis gleich“, versichert Leo jetzt schon mit klarerer Stimme und legt auf. Er schaut zu Caro, die ihn sanft anlächelt. Ihre Augen sind rot unterlaufen und glänzen verdächtig und Leo ist sich sicher, dass seine nicht besser aussehen.
„Danke, Caro“, sagt Leo mit belegter Stimme und greift nun von sich aus über den Tisch nach der Hand seiner Schwester. „Ehrlich.“
„Ach, Leo“, seufzt Caro und ihr Lächeln wird breiter als sie seine Hand ganz fest drückt. „Dafür doch nicht.“
Leo lächelt jetzt auch, steht auf, umrundet den Tisch und beugt sich zu Caro herunter, damit er seiner Schwester einen sanften Kuss auf die Schläfe drücken kann.
„Wenn das mit dem Fall durch ist, dann will ich, dass du mit Jonas zum Essen zu mir kommst. Ich mach die vegetarische Lasagne, die du so magst, und ihr könnt euch lustig machen über meine Weinauswahl“, sagt Leo und Caro schnaubt amüsiert. Leos Augen sind feucht und er sieht, dass es Caro ähnlich ergeht. „Und dann nehme ich Urlaub, also so richtig. Drei Wochen am Strand auf den Malediven oder so.“
„Leo, du hasst Strandurlaub! Du moserst doch schon nach zwei Tagen 'rum dir ist langweilig“, lacht Caro und Leo merkt wie er vor Erleichterung anfängt zu zittern.
„Diesmal nicht, versprochen“, entgegnet Leo und greift ein letztes Mal nach Caros Hand, um jetzt seinerseits ganz fest zuzudrücken.
„Und Caro, ich verspreche dir, dass ich mich bis dahin bei dir melde, und wenn es nur eine Whatsapp ist. Bei Mama und Papa auch.“
„Versprochen?“
„Versprochen.“
Für einen Moment sehen sie sich an und dann ist da plötzlich etwas verschlagenes in Caros Blick und Leo ahnt schon was kommt.
„Und Adam? Mag der auch vegetarische Lasagne und Strandurlaub?“, fragt Caro schelmisch und Leo kann nicht anders als laut loszulachen.
„Vielleicht frag' ich ihn mal bei Gelegenheit.“
„Das solltest du.“
„Ja?“
„Ja.“
Leo drückt ein letztes Mal Caros Hand und richtet sich dann auf.
„Tut mir Leid, dass ich jetzt einfach abhaue und dich mit dem Abwasch hier sitzen lasse“, wirft Leo über die Schulter als er schon auf dem Weg in den Flur ist, um sich Jacke und Schuhe anzuziehen.
„Tut's dir nicht“, entgegnet Caro spöttisch und folgt ihm in den Flur, wo sie sich in den Türrahmen lehnt und Leo dabei beobachtet, wie er mit seinen Schnürsenkeln kämpft.
„Nee, stimmt, tut's nicht“, gibt Leo mit einem Grinsen zu und dreht sich dann noch einmal zu seiner Schwester um und nimmt sie in den Arm. Caro drückt ihn ganz fest an sich, sodass Leo sein Gesicht in ihrem Haar vergraben kann. Es riecht nach Kokos, so wie früher schon.
„Viel Glück“, murmelt Caro in seine Schulter und Leo weiß, dass sie nicht den Fall meint. Leo drückt sie noch einmal ganz fest an sich.
„Danke“, wiederholt Leo mit heiserer Stimme und dann löst er sich von seiner Schwester, um sich endlich auf den Weg ins Präsidium zu machen. Als Caros Wohnungstür hinter ihm ins Schloss fällt und Leo allein im dunklen Treppenhaus steht, hält er trotz seiner Eile kurz inne und versucht in sich selbst herein zu horchen und zu begreifen, was er jetzt fühlt. Erleichterung hauptsächlich. Er fühlt sich, wenn nicht frei, dann freier. Besser.
Gut.
Und dann drückt Leo den Lichtschalter und sprintet die Treppen herunter durch die Haustür zu seinem Auto. Die Abendluft schlägt ihm kühl entgegen und Leo fühlt sich so wach wie lange nicht.
-VII-
Leo war ein paar Mal verliebt gewesen in seinem Leben.
Greta in der Neunten mit der Zahnlücke vorne und den strohblonden Haaren im Nacken, deren Schenkel weiß wie Porzellan unter der Jeansshorts hervorblitzten und Leo die Röte in die Wangen trieben.
Hendrik im ersten Semester Grundrechte, der sich nur traute Leo zu küssen, wenn sie in einer dunklen Ecke ihrer Stammkneipe mit dem Hintergrund verschmolzen und der Rest der Bar schon zwei pro Mille intus hatte.
Hilal mit ihrem kohlschwarzen Kajal und den intelligenten Augen, mit der er einen Sommer spontan nach Istanbul geflogen war nur weil sie den türkischen Apfeltee vermisste, der nirgends so schmeckte wie zuhause.
Alice aus Straßburg mit dem Antifa France Tattoo zwischen den Schulterblättern, die seinen Job verachtete und ihn ritt wie keine zweite.
Adam.
-VIII-
Als Leo durch die Bürotür hastet begrüßt ihn schon das Chaos. Ein paar Uniformierte breiten gerade eine große Karte von Saarbrücken auf dem übervollen Konferenztisch aus, während Pia und ein Typ im Karohemd, den Leo nicht kennt, am Bildschirm von Adams Computer kleben, beide mit Kopfhörern auf den Ohren und angespannter Mimik. Esther und Adam stehen mit ihrem Dienststellenleiter Auerbach am Fenster und scheinen in eine hitzige Diskussion verstrickt zu sein.
Leo ist kaum durch die Tür, da schaut Adam schon auf und ihre Blicke treffen sich zum ersten Mal seit dem Bikini Bottom. Adams blaue Augen sind unergründlich, bis plötzlich ein Nerv in seinem Kiefer zuckt und sich seine Gesichtszüge von einer Sekunde auf die andere entspannen. Er lächelt und nickt kaum merklich und einfach so weiß Leo, dass sie jetzt wieder cool sind, weil sie es sein müssen. Dem Fall zuliebe.
Esther und Auerbach scheinen zwischenzeitlich bemerkt zu haben, dass Adams Aufmerksamkeit nicht mehr ihnen gilt und schauen jetzt ebenfalls zur Tür.
„Ah, Herr Hauptkommissar Hölzer! Gut, dass sie auch endlich da sind“, sagt Auerbach ungeduldig und winkt ihn heran. Seit Leos Disziplinarverfahren hatte Auerbach keine Gelegenheit ausgelassen Leo seine Geringschätzung kundzutun. Adams Augen werden enger bei Auerbachs Tonfall, sodass Leo lieber schnell dazwischen geht, bevor Adam einfällt ihrem Chef auf die Nase zu boxen.
„Was hab' ich verpasst?“
„Zwei Anrufe über den Notruf, der erste um 18:49 Uhr und der zweite um 20:04 Uhr, jeweils von zwei unterschiedlichen Telefonzellen in Saarbrücken aus getätigt. Eine Männerstimme, gibt vor zu wissen, dass unserer Mordfall mit dem Saarbrücker Milieu zu tun hat. Vermutlich handelt es sich um unseren Täter“, fasst Adam die Situation kurz zusammen und verschränkt dabei die Arme vor der Brust. „Die Kollegen von der Schicht sind gerade dabei mithilfe der Karte einen Parameter zu ziehen zwischen den Fundorten der Leichenteile und den Telefonzellen, um den Bewegungsradius des Täters einzugrenzen.“
„Pia und der Sachverständige vom LKA, Herr Wanke, werten die Telefonanrufe inhaltlich aus, um ein Täterprofil zu erstellen“, fügt Esther noch hinzu und nickt in Richtung von Adams Schreibtisch, wo Pia und der Typ im Karohemd immer noch die Kopfhörer auf den Ohren haben und sich auf dem Blatt vor ihnen Notizen machen.
„Sachverständiger?“, fragt Leo und ist etwas überrumpelt, dass sein Team schon so extreme Fortschritte gemacht hat in der kurzen Zeit, seit Esther ihn angerufen und seine Aussprache mit Caro unterbrochen hatte. Es sei denn...
„Wie lange seit ihr hier denn schon am Werk?“, schiebt Leo alarmiert nach, bevor irgendwer seine ursprüngliche Frage beantworten kann.
Adam sieht weg und Leo merkt, dass selbst Esther plötzlich drein schaut, als habe sie ein schlechtes Gewissen. Leo ahnt schon was hier ab geht.
„Schürk war noch hier, als der erste Anruf einging und hat dann mich angerufen. Pia und ich waren noch zusammen unterwegs, deshalb sind wir dann beide ins Präsidium“, gibt Esther zu und schaut ihm demonstrativ und mit festem Blick in die Augen. Nachgeben ist nicht Esthers Stärke. „Wir wollten deinen Abend nicht unnötig unterbrechen. Erst als dann der zweite Anruf rein kam und uns langsam dämmerte, was hier abgeht, da haben wir-“
„Ich bin hier der Teamleiter, Esther. Wenn es was Neues gibt in unserem Fall, dann will ich der Erste sein, der davon erfährt!“
Esther presst die Lippen zusammen und nickt dann bloß nach kurzem Zögern. Adam dagegen wendet sich jetzt blitzschnell wieder zu Leo um und etwas Hartes schimmert in seinen Augen.
„Leo-“, setzt Adam an und Leo ist es jetzt echt zu viel. Er unterbricht Adam, bevor er noch ein weiteres Wort hervorbringen kann und wendet sich stattdessen an Auerbach, der immer noch neben ihnen steht und jetzt aussieht als habe er in eine besonders saure Zitrone gebissen. Leo beißt sich so fest auf die Zunge, dass er glaubt Blut zu schmecken. Schlimm genug, dass das hier für Auerbach eh schon so aussehen musste, als würde Leo seinen Job vernachlässigen. Jetzt hatte er auch noch glasklare Beweise, dass sein Team ihn für genauso eine Witzfigur hält wie Auerbach selbst und, das ist das Schlimmste, ihn als Teamleiter keinen Millimeter ernst nimmt.
„Esther sagte, Herr Wanke ist Sachverständiger?“, fragt er Auerbach und zwingt sich die Kontrolle über seine Stimme wieder zu erlangen. Das wäre jetzt echt noch das beste, das er anfängt zu Stottern.
„Sachverständiger des LKA für Stimmenanalyse, ja. Er war erfreulicherweise noch im Haus, als wir den ersten Anruf erhalten haben“, antwortet Auerbach und das 'anders als Sie' bleibt ungesagt, aber ist dennoch nicht zu überhören.
Adams Miene verdunkelt sich drastisch und Leo hat jetzt endgültig genug davon ständig mit Adams wilden Launen zu ringen und schlimmer noch, sich jetzt auch noch von ihm vorführen zu lassen vor ihrem Dienststellenleiter. Der hält Leo eh schon für komplett inkompetent und für zu weich für den Job, weil er das eine Mal nicht geschossen hat als es darauf ankam und vermutlich auch weil er ab und zu gerne andere Männer küsst und es vorzieht sich nicht dafür zu schämen.
Er wirft Adam einen so eisigen Blick zu, dass sich dessen Augen vor Überraschung weiten und ihm sein nächster dummer Kommentar im Hals stecken bleibt. Adam schluckt und dann sackt er geradezu in sich zusammen, fährt sich einmal fahrig durch das ungewaschene Haar und wendet sich dann ab zur Tür.
„Ich geh' kurz eine rauchen.“
Das Geräusch der zuschlagenden Bürotür geht fast unter im Chaos des Zimmers.
Leo spürt, wie er am ganzen Körper zittert vor Wut und schafft es nur schwer nicht die Beherrschung zu verlieren. Vielleicht hatte Caro doch unrecht gehabt, denkt Leo unglücklich. Wie soll man jemanden zu vegetarischer Lasagne und Strandurlaub einladen, der einem nicht mal zutraut seinen Job richtig zu machen?
Leo zwingt sich den Gedanken beiseite zu schieben und sich voll und ganz auf die Arbeit zu konzentrieren. Sollte Adam doch denken was er wollte, später würde noch genug Zeit bleiben sich darüber den Kopf zu zerbrechen.
Mit Entschlossenheit wendet sich Leo von Esther und Auerbach ab und marschiert rüber zu Pia und dem Typen vom LKA, Wanke, und tippt Pia kurz auf die Schulter um sich bemerkbar zu machen. Die schreckt regelrecht hoch und guckt Leo für einen Moment mit großen Augen an wie einen Geist, bevor sie den Kopfhörer abnimmt und Wanke neben sich mit dem Ellenbogen unsanft in die Seite stößt bis auch der aufschaut. Durch Pias Kopfhörer kann Leo blechern die Stimme ihres Anrufers vernehmen.
„Ich bin Hauptkommissar Leo Hölzer und ich leite hier die Ermittlungen. Schön Sie kennenzulernen, Herr Wanke“, sagt Leo an den Fachmann vom LKA gerichtet und reicht ihm kurz die Hand.
„Was habt ihr für mich, Pia?“, fragt Leo nun seine Teamkollegin und bemüht sich nicht zu unwirsch zu klingen. An Pias Miene kann er erkennen, dass ihm das nicht so ganz gelingen mag. Sie schaut ihn besorgt an und setzt schon zu einem Redeschwall an, den Leo aber gerade ganz bestimmt nicht hören will.
„Der Fall, Pia“, ermahnt Leo sie eindringlich aber trotzdem bemüht um einen etwas verträglicheren Tonfall und Pia stockt kurz und beißt sich auf die Unterlippe, bevor sie sich offenbar geschlagen gibt und Leo ohne weitere Umschweife in ihre und Wankes bisherige Erkenntnisse einweiht.
„Ein Anrufer hat heute um 18:49 Uhr den Notruf in einer Telefonzelle in der Pfaffenkopfstraße gewählt, ganz in der Nähe von dem Autocenter Saar, und hat behauptet, die Tote im Weiher sei eine Prostituierte namens Lina Smirnow und das 'der Bär' ihre Ermordung angeordnet habe, weil sie ihm Drogen gestohlen habe.“
Pia reicht Leo ihren Kopfhörer und wartet bis der ihn richtig aufgesetzt hat, dann klickt sie mit der PC-Maus in ihrem Computerprogramm auf Play und schon ertönt die Stimme des Mitarbeiters der Notrufzentrale in Leos Ohr, der den ersten Anruf ihres Verdächtigen entgegengenommen hat und nun nach der Art des Notfalls fragt. Kurz darauf dann die Stimme des Anrufers, die überraschend dünn klingt, definitiv männlich und mit deutlich ausgeprägtem rheinfränkischen Dialekt.
Leo schielt auf Pias Abspielprogramm und kann erkennen, dass der Notruf gerade mal vierundzwanzig Sekunden gedauert hat. Er nimmt den Kopfhörer wieder ab und Pia setzt sofort ihre Ausführungen fort.
„Um 20:04 Uhr dann derselbe Anrufer, diesmal aus einer Telefonzelle am Bahnhof Burbach-Mitte. Selber Inhalt mehr oder weniger, aber diesmal spricht er statt von einer Lina Smirnow von einer Lina Siljow und wirkt auch generell etwas zerstreut. Er beschuldigt wieder einen Typen namens 'Bär', den Mord in Auftrag gegeben zu haben.“
Pia zeigt ungeduldig auf den Kopfhörer in Leos Hand und er hat gerade genug Zeit beide Muscheln über die Ohren zu ziehen, da drückt Pia schon auf Play und es ertönt erneut zuerst die Stimme eines Mitarbeiters der Notrufzentrale und dann sagt schon ihr Verdächtiger seinen Text auf. Leo kann tatsächlich deutlich hören, wie der Anrufer sich verhaspelt beim Namen des angeblichen Opfers und dann kurz zögert, bevor er wiederum 'den Bären' beschuldigt den Mord beauftragt zu haben und dann hastig auflegt. Auch dieser Anruf hat nicht viel länger als zwanzig Sekunden in Anspruch genommen. Leo streift den Kopfhörer ab und blickt auf zu Pia und Wanke, die ihn jetzt beide gespannt angucken.
„Definitiv derselbe Mann“, bestätigt Leo und legt die Kopfhörer auf Adams Schreibtisch ab, der ähnlich chaotisch aussieht wie der Konferenztisch. In einer Ecke, halb versteckt von dem PC-Bildschirm, kann Leo einen Becher Cup Ramen erkennen. Ein paar Nudeln schwimmen noch in der kalten Brühe und bestätigen Leos Vermutung, dass Adam tatsächlich auf ihn gehört hatte und einmal in seinem Leben die Instant Nudeln zubereitet hat wie ein normaler Mensch. Leo muss schlucken bei dem Anblick und wird schon wieder so traurig. Adam, verdammt. Schafft es echt noch, dass Leo sich nach ihm verzehrte, wenn zwischen ihnen gerade alles zu zerbrechen droht.
„Das ist natürlich nur eine Schnellanalyse, aber ich schätze den Anrufer auf ungefähr zwischen fünfzig und siebzig Jahre, männlich, eindeutig hier aus der Gegend dem Dialekt nach zu urteilen“, meldet sich nun Wanke zu Wort und reißt Leo damit aus seinen trüben Gedanken.
„Da ist sehr viel Unsicherheit in der Stimme, wofür auch der Versprecher beim Namen des angeblichen Opfers spricht. Ich würde sagen einen Profi kann man ausschließen.“
„Also kein Auftragskiller oder jemand, der dem Milieu zuzuordnen ist?“, hakt Leo nach und Wanke schüttelt den Kopf.
„Hundertprozentig ausschließen kann man es natürlich nie, aber es erscheint mir eher unwahrscheinlich.“
„Die Vermutung liegt also nahe, dass es sich um den Täter handelt, der versucht hat eine falsche Fährte zu legen“, schlussfolgert Leo und sieht Pia und Wanke zustimmend nicken.
„Vermutlich hat er sich unter Druck gesetzt gefühlt durch unsere Öffentlichkeitskampagne“, bestätigt Pia Leos eigene Überlegung.
„Irgendeine Idee wen er mit 'der Bär' meint oder ist der auch nur erfunden?“, fragt Leo dann in die Runde und streift sich nachdenklich durch seinen Bart am Kinn.
„Kadyrow“, ertönt es plötzlich hinter ihm und Leo hat Mühe nicht unweigerlich zusammen zu zucken bei der Stimme.
„Kadyrow hat ein Bärentattoo am Hals und die Leute auf der Straße nennen ihn 'Chechnya', den Tschetschenen, oder eben 'Bär', der ist sowas wie das Nationaltier bei denen.“
Leo dreht sich langsam um und da stehen jetzt Adam und Esther, die Auerbach offenbar bei den Uniformierten mit der Karte von Saarbrücken zurückgelassen haben. Leo weicht daraufhin auf die Kante seines eigenen Schreibtisches aus, damit sie einen unförmigen Halbkreis um Pia und Wanke bilden können, die immer noch an Adams Arbeitsplatz sitzen. Sein Blick wandert unweigerlich zu Adam zurück und Leo runzelt die Stirn. Adam scheint sich offenbar größte Mühe geben zu wollen sich nichts anmerken zu lassen, so wie er da steht mit den verschränkten Armen und der tiefen Furche zwischen den Augenbrauen, aber Leo sieht Adams fahle Haut und die tiefen Augenringe und da ist etwas ganz und gar Ungutes in seinen Augen. Bedrückt wirkt er, denkt Leo, und spürt sein Herz verkrampfen.
„Glaubst du echt euer Tschetschene hat mit dem Fall was zu tun, Adam?“, fragt Pia zweifelnd. „Scheint ja so als wenn dieser Kadyrow sowas wie eine Milieugröße ist. Wäre also sicher nicht schwer an seinen Namen zu kommen und den dann zu verunglimpfen, wenn es genehm ist.“
„Ich glaube keine Sekunde, dass unser Spongebob etwas mit der Sache zu tun hat, Heinrich.“
Leo sieht, wie Pia schon zur Antwort ansetzt, vermutlich um zu fragen was Spongebob mit ihrem Fall zu tun hat, als Leo schnell das Wort ergreift, um die Diskussion nicht unnötig abdriften zu lassen. Der Tag ist echt schon lang genug.
„Wir sollten allen denkbaren Spuren nachgehen, Pia, auch den märchenhafteren“, sagt Leo bestimmt. „Wir organisieren morgen eine Streife, die Kadyrow mal bei sich zu Hause abholen und dann auf's Präsidium bringen soll.“
„Warum befragen wir ihn nicht bei sich zu Hause?“, fragt Esther stirnrunzelnd. „Die Beweise dürften nicht ausreichen, um ihn als Verdächtigen vorzuladen.“
„Weil ich vermeiden will wieder unverhofft auf seinen Bruder Shamil zu treffen“, gibt Leo zurück und der Gedanke an ihr letztes Zusammentreffen mit den Tschetschenen hinterlässt einen bitteren Beigeschmack in seinem Mund. „Ich hab' echt kein Bock, dass der beim nächsten dummen Spruch die Hände diesmal nicht im Schoß behält.“
Adams Kiefer spannt sich bei Leos Wort so fest an, dass es schon schmerzhaft aussieht. Trotzdem verliert Adam kein Wort über Leos Seitenhieb und fixiert stattdessen nur stumm einen Punkt irgendwo über Pias Schulter.
Pia und vor allem Esther sehen jetzt schon wieder so aus, als wenn sie ganz dringend was loswerden wollen zu der unterirdischen Stimmung im Raum, aber Leo hat heute nur noch Kapazitäten für die Fakten.
„Leo-“, setzt Pia an und bevor Leo sie unterbrechen kann, schallt schon Auerbachs dröge Stimme quer durch den Raum.
„Hauptkommissar Hölzer!“, winkt Auerbach das Team heran und einen Moment später stehen sie alle um den Konferenztisch mit der Karte von Saarbrücken, auf der schon einer der Kollegen von der Schicht die Telefonzellen und die Fundorte der Leichenteile markiert hat. Leo beugt sich über die Karte. Die Standortmarkierungen ergeben zusammen ein ziemlich schiefes Trapez.
„Burbach“, sagt Leo grübelnd, „zwischen den Punkten liegen jeweils nur maximal dreißig Minuten Fußweg.“
„Sozialer Brennpunkt“, bemerkt Esther und presst die Lippen aufeinander. „In der Gegend gibt es einige Hochhausburgen. Würde mich nicht wundern, wenn da eine Frau verschwindet und keiner kriegt es mit.“
„Wie viele Menschen leben denn in Burbach?“, fragt Leo in die Runde. Einer der Uniformierten, der aufgrund seiner Ähnlichkeit mit Wolfgang Petry von allen nur 'Wolle' genannt wird, antwortet ihm.
„Burbach hat ca. 14.000 Einwohner, davon sind in etwa 6600 männlich und über 18 Jahre alt.“
Für einen kurzen Moment sagt keiner etwas, dann wendet sich Leo an seinen Dienststellenleiter, der gerade dabei ist seine Brillengläser mit einem Taschentuch zu putzen.
„Herr Auerbach, was sagen Sie? Reicht das aus für einen Massenspeicheltest?“
Auerbach steckt sein Taschentuch weg und setzt sich die Brille wieder auf, bevor er sich Leo zuwendet. In seinen Mundwinkeln hat sich etwas verfangen das aussieht wie Puderzucker. Vermutlich von den Schmalzgreben, die hinter ihm auf dem Schrankkabinett in einer Pappschachtel liegen und schon etwas angetrocknet aussehen.
„Diese Frage kann nur der Staatsanwalt beantworten, Hölzer. Ich schlage vor Sie rufen den gleich morgen früh an. Bis dahin halten wir erst mal die Füße still. Morgen um 13 Uhr dann bitte Sachstandsmeldung bei mir im Büro“, antwortet Auerbach und schaut noch ein mal auf die Karte, bevor er sich zum Gehen wendet.
„Gute Arbeit“, schiebt er noch hinterher, etwas zögerlich vielleicht, aber immerhin. Dann ist Auerbach durch die Tür.
„Okay, ihr habt Auerbach gehört, Feierabend für heute“, sagt Leo jetzt an sein Team gerichtet und greift sich seine Jacke, die er vorhin beim Eintreten achtlos über eine Stuhllehne geworfen hat.
„Esther, organisiere du mal gleich morgen früh ein paar Uniformierte, die Kadyrow einsammeln gehen. Ich will, dass wir das mit dem so schnell wie möglich erledigt haben, damit wir uns voll und ganz auf unseren Anrufer konzentrieren können.“
Esther nickt nur, aber Pia neben ihr sieht schon wieder so aus als wenn sie auf Kohlen sitzt.
„Ich kümmere mich morgen um den Staatsanwalt, wir treffen uns dann um 8:00 Uhr wieder hier“, gibt Leo zu verstehen und stellt mit einem schnellen Blick auf seine Armbanduhr fest, dass es bereits nach Mitternacht ist und sie theoretisch also schon von 'heute' statt von 'morgen' sprechen.
„Wenn sich bis dahin irgendwas Wichtiges ergibt, dann will ich diesmal der Erste sein, der davon erfährt, ist das klar?“, ergänzt Leo noch und die zerknirschten Gesichter seiner Teamkollegen sind ihm Antwort genug. Leo wendet sich endgültig zum Gehen.
„Gute Nacht“, wirft er noch über die Schulter, nickt Wanke zum Abschied zu, der immer noch an Adams Schreibtisch sitzt, und dann ist er auch schon im Büroflur und läuft wie auf Schienen in Richtung Parkplatz. Auf Adam wartet er nicht.
-IX-
Der Radiowecker auf dem Nachttisch zeigt 02:16 Uhr und Leo liegt wach. Adam ist bislang nicht nach Hause gekommen und Leo ist ein bisschen nach Weinen zumute.
Er seufzt und dreht sich auf die Seite, um die Nachttischlampe anzuknipsen. Das Licht blendet und er kneift die Augen zusammen bis sie sich an die plötzliche Helligkeit gewöhnt haben. Er hat vor dem Zubettgehen vergessen die Jalousie zu schließen, weshalb ihn jetzt sein eigenes Spiegelbild in der Fensterscheibe entgegen starrt. Leo starrt müde zurück.
Er greift nach seinem Handy auf dem Nachttisch und checkt den Status, aber es gibt keine neuen Nachrichten. Seine letzte Whatsapp an Adam von vor ca. einer Stunde bleibt weiter unbeantwortet. Leo hat keine Möglichkeit zu erraten, ob Adam sie überhaupt gelesen hat, da dieser die Lesebestätigung ausgestellt hat. Leo weiß nicht welche Vorstellung schlimmer ist. Das Adam ihn bewusst ignoriert oder nicht wie besessen die ganze Zeit sein Handy checkt, weil er hofft von Leo zu hören.
Er weiß nicht so genau was er fühlt. Seine Wut auf Adam war so gut wie verpufft in dem Moment als ihm klar geworden war, dass Adam wohl nicht vor hatte heimzukommen und ab da an hat die Sorge jedes andere Gefühl verdrängt. Leo wäre lieber weiter wütend, aber im Hier und Jetzt, um 2:00 Uhr nachts und mit der Einsamkeit in jedem Winkel ihrer Wohnung, fällt es ihm schwer daran festzuhalten.
Leo setzt sich auf im Schneidersitz und fährt sich einmal mit beiden Händen über das Gesicht und durch das Haar, drückt sich so fest die Handballen in die Augenhöhlen bis er bunte Sterne sieht, dann starrt er blinzelnd auf sein Handy in seinem Schoß. Der Bildschirm ist längst wieder schwarz. Er zögert einen langen Moment und dann greift er erneut nach dem Telefon und wählt Adams Nummer, bevor er es sich anders überlegen kann.
Das Freizeichen ertönt und Leo traut sich kaum zu atmen vor lauter Anspannung. Nach einer kleinen Ewigkeit hebt Adam ab und für eine Weile sagt keiner was. Leo atmet schwer aus und ist sich sicher, dass Adam das am anderen Ende der Leitung hören kann.
„Leo“, sagt Adam irgendwann ganz sanft und Leo vermisst ihn auf ein mal so heftig, dass ihm fast die Luft weg bleibt.
„Tut mir Leid, wenn ich dich geweckt habe“, bringt Leo leise hervor und er hat keine Ahnung warum er jetzt flüstert, aber es fühlt sich an, als wäre alles andere ein Sakrileg.
„Hast du nicht“, gibt Adam ebenso leise zurück und dann ist wieder Stille zwischen ihnen.
Ein paar Nachtgeräusche dringen zu Leo durch, während er darauf wartet, dass einer von ihnen etwas sagt. Der Nachbar ein Stock über ihnen, der die Toilettenspülung betätigt, sodass es hinter der Wand durch die Leitung rauscht. Durch das gekippte Fenster dringt dumpf und weit weg die Sirene eines Notarztwagens und es knackt ein bisschen aus dem Heizkörper, obwohl der gar nicht angeschaltet ist. Adams gleichmäßige Atemzüge in seinem rechten Ohr.
„Wo bist du, Adam?“, fragt Leo schließlich nach einer Weile.
„Bei meiner Mutter“, gibt Adam nach langen Zögern zu und Leo schließt die Augen, weil er spürt wie ihm die Tränen kommen. Das alles hier fühlt sich so sehr nach Versagen an.
„Leo“, sagt Adam eindringlich und da ist etwas Gehetztes in seiner Stimme, dass Leo nicht einzuordnen weiß. „Ich-“
„Bitte komm' nach Hause“, unterbricht Leo ihn und vergräbt seine Stirn in die Handfläche seiner freien Hand. „Bitte, Adam. Komm' einfach nach Hause, ja?“
Schweigen breitet sich aus und Leo spürt, dass sie hier am Scheitelpunkt stehen. Wenn Adam jetzt verneint, dann ist es das gewesen mit ihnen und diesmal dann nicht nur für fünfzehn Jahre, sondern vermutlich für immer. Dann nimmt Adam seinen Wanderrucksack und seine sieben Sachen aus Leos Wohnung und fährt mit dem nächsten Bus zurück nach Berlin, dort wo seine Koffer stehen in Ninas Kellerverschlag.
„Okay.“
Leo atmet zitternd aus und lässt endlich die Tränen fließen.
-X-
Als das Geräusch von Schlüsseln im Schloss ertönt und Adam kurz danach im Rahmen der Wohnzimmertür auftaucht, sitzt Leo in Jogginghose und Henley auf dem Sofa und versucht nicht zu viel auf einmal zu denken. Das Zimmer liegt halb im Dunkeln, weil er sich nicht die Mühe gemacht hatte die Deckenleuchte einzuschalten. Stattdessen fällt das fahle Licht der Straßenbeleuchtung durch die Fensterfront und zieht Schatten bis vor Leos nackte Füße, die sich in den flauschigen Teppich graben.
Leo schaut auf und sein Blick trifft Adams müde Augen, die ihn im Halbdunkel des Zimmers vorsichtig mustern. Leo wendet sich ab und er sieht aus den Augenwinkeln, wie Adam kurz zögert und sich dann in Bewegung setzt. Er knipst auf dem Weg die Stehleuchte neben der Couch an und setzt sich dann zu Leo auf das Sofa und legt den Kopf in den Nacken. Leo beobachtet die Schatten an der Wand und wartet darauf, dass etwas passiert. Das hier kann er Adam jetzt nicht auch noch abnehmen. Leo hat sein Herz heute Nacht schon genug entblößt, als er Adam geradezu angefleht hat nach Hause zu kommen. Jetzt muss Adam selbst entscheiden, was er damit anfangen will und einmal in seinem Leben den Mund aufmachen und seine Worte benutzen.
„Ich hab' nochmal mit Auerbach geredet, nachdem du weg warst“, sagt Adam plötzlich in die Stille hinein.
In den zwanzig Minuten, die Leo hier gesessen und auf Adam gewartet hat, waren ihm alle möglichen Szenarien durch den Kopf gegangen wie ihr Gespräch verlaufen könnte, aber Auerbach hatte er nicht auf dem Schirm gehabt.
Leo spürt wie Panik in ihm aufsteigt. Er hat nach ihrem Telefonat vorhin gehofft, dass sie wenigstens nochmal über alles reden könnten, bevor Adam die nächst beste Chance ergreift, um ihren Dienststellenleiter um eine Versetzung zurück nach Berlin zu bitten. Scheint so, als wäre Leo da gehörig auf dem Holzweg gewesen.
„Dann war's das jetzt also? Du gehst wieder zurück?“, müht sich Leo herauszupressen und dabei nicht zu klingen als wenn gerade eine Welt für ihn zusammenbricht.
„Zurück? Hä, Leo, was redest du da?“
Leo sieht ihn nicht an, aber er spürt wie Adam sich jetzt aufsetzt und zu ihm dreht. Sein Blick bohrt sich geradezu in Leos Schläfe.
„Leo!“
„Berlin, Adam!“, platzt es aus Leo heraus und er springt von der Couch auf und wirbelt herum, um dann einen verdutzt dreinschauenden Adam mit seinen Blicken zu traktieren. „Ich will wissen, ob du Auerbach um Versetzung zurück nach Berlin gebeten hast!“
Adam hat es offenbar zum ersten Mal in seinem Leben die Sprache verschlagen. Gut so, denkt Leo gehässig und zwingt sich einmal tief durchzuatmen. Fuck, das hilft jetzt auch nicht mehr.
Leo wendet sich hastig ab und vergräbt das Gesicht in den Händen, weil er keine Sekunde länger mehr in der Lage ist Adam noch ins Gesicht zu schauen. Wie eine verdammte scheiß Klette klebt er immer noch an Adam, auch nach all der Zeit und nichts, aber auch gar nichts hat sich geändert in den letzten fünfzehn Jahren. Adam geht wohin auch immer es ihn treibt, dorthin wo Leo ihm nicht folgen kann und Leo bleibt am Ende mit den Scherben zurück.
Für einen kurzen Moment sagt keiner etwas und Leo versucht verzweifelt sich zu beruhigen, aber es ist als tobt in ihm ein Flächenbrand. Er kann hören wie Adam sich hinter ihm langsam erhebt und Leos Schultern verkrampfen sich automatisch.
„Ich war bei Auerbach um ihm zu erklären, warum ich dich nicht gleich informiert habe, als der erste Anruf über den Notruf einging.“
Adam ist ihm jetzt so nahe, dass Leo glaubt seinen Atem im Nacken zu spüren. Er klingt ganz ruhig und seltsam reguliert, als er das sagt und Leo wird plötzlich bewusst, wie absolut crazy er sich gerade benimmt. Wenn er Adam bisher noch nicht zurück nach Berlin vertrieben hat, dann mit Sicherheit jetzt, denkt Leo verbittert.
„Ich hab' ihm gesagt, dass du ein verdammt guter Teamleiter bist, der beste mindestens im ganzen Saarland wenn nicht sogar ganz fucking Deutschland und das er froh sein kann, dass du ihm ständig den Arsch rettest mit deiner scheiß guten Aufklärungsquote, weil der Rest des Dezernats nur aus Vollidioten wie ihm besteht“, sagt Adam jetzt und Leo kann sein Gesicht nicht sehen, aber er weiß auch so, dass Adam ihm gerade die Wahrheit sagt. Das er das wirklich so zu ihrem Dienststellenleiter gesagt hat.
Fuck.
„Dann hab' ich ihm noch gesteckt, dass er besser jetzt nicht damit droht mir oder dir oder sonst wem aus dem Team ein Disziplinarverfahren an den Hals zu hängen, weil ich ihn sonst schneller bei der Gleichstellungsbeauftragten melde als er gucken kann. Glaub nicht, ich hab' nicht mitbekommen wie scheiße homophob der Wichser ist, Leo.“
Fuck. Fuck.
„Und dann hab ich Auerbach noch gesagt, dass ich dich nicht angerufen habe, weil ich für einen Moment vergessen habe, dass du mein Teamleiter bist. Nicht, weil ich dich nicht respektiere oder glaube, dass du deinen Job nicht richtig machst, sondern weil du mir einfach so verdammt wichtig bist, Leo. Du gehst seit Wochen auf dem Zahnfleisch und hast deine Schwester nicht mehr gesehen in fucking forever und ich wollte nur, dass du mal einen Abend verbringst ohne an das scheiß Präsidium zu denken.“
Fuck!
Leos Kopf schwirrt und für eine Sekunde glaubt er ihm wird schwarz vor Augen. Fucking Adam. Verliert seit Wochen über Wochen kein Wort darüber was die Hälfte der Zeit in ihm vorgeht, lässt sich immer alles aus der Nase ziehen und spricht nie darüber wo er die letzten fünfzehn Jahre war außer in Ninas fucking Kellerverschlag. Und jetzt auf einmal redet er wie ein Wasserfall bis Leos Weltbild komplett in sich zusammenstürzt.
„Pia und Esther haben übrigens die ganze Zeit dabei gestanden und zustimmend genickt, die verdammten Hooligens“, fährt Adam fort und Leo entwischt ein kurzes ersticktes Lachen. Und dann:
„Es tut mir Leid, dass ich dir das Gefühl gegeben habe, dass du nicht auf mich zählen kannst.“
Bam! Treffer versenkt.
Leo unterdrückt mit Mühe ein Schluchzen, als er spürt, wie Adam behutsam nach seinen Schultern greift und vorsichtig versucht ihn zu sich umzudrehen. Leo lässt ihn nach kurzem Zögern gewähren und dann lässt er die Hände sinken und schaut zu Adam auf. Leo bleibt bei dem Anblick die Luft weg.
Adams blaue Augen sind ganz glasig und rot unterlaufen und da ist ein so verdammt zärtlicher Ausdruck in ihnen, dass Leo es kaum noch schafft die Tränen zurückzuhalten. Adams Haare sind ganz wirr, als habe er sich mehr als einmal während seiner Rede fahrig durchs Haar gestrichen und seine großen, schlanken Hände liegen jetzt warm und fest auf Leos Oberarmen, als habe er Angst Leo könnte jeden Moment davon schweben, wenn er ihn nicht selbst am Boden verankert. Sie sind sich jetzt so nahe, dass Leos Augen zwischen Adams hin und her springen müssen, um ihn richtig zu fokussieren.
„Dein ganzes Zeug ist noch in Berlin“, murmelt Leo zerstreut und greift jetzt nach Adams Ellenbogen, um sich an ihnen festzuhalten. Die Hoffnung droht in ihm überzuschwappen wie eine übervolle Badewanne. „Ich hab' ständig das Gefühl, dass du dich hier nicht Zuhause fühlst in Saarbrücken, hier in der Wohnung, und du es längst bereust zurückgekommen zu sein. Die Sache mit deinem Vater-“
„Leo, hey!“, unterbricht Adam seinen Redeschwall und drückt einmal ganz fest Leos Schultern, bevor er anfängt mit den Daumen sanfte Kreise über Leos Schlüsselbeine zu ziehen.
„Leo, verstehst du denn nicht? Mein Zuhause ist nicht fucking Saarbrücken oder Berlin. Mein Zuhause bist doch du.“
Adam streicht ganz langsam und zärtlich Leos Schultern entlang bis seine Hände auf Leos Hals zur Ruhe kommen und ohne Zweifel den wilden Puls spüren, der ihnen entgegenschlägt. Adams Daumen beginnen jetzt ganz sachte Leos Wangen zu streicheln, und Leo kann nicht anders als seine Finger immer fester in Adams Ellenbogen zu krallen. So fest, bis seine Knöchel weiß hervortreten. Ihre Blicke sind wie in einander fest geschweißt.
„Du bist der einzige Grund warum ich zurückgekommen bin, Leo, bitte glaub' mir das.“
Da ist es wieder, das Gewitter zwischen ihnen. Alles knistert und knallt und Leo will den Stecker nicht ziehen, diesmal nicht. Er will, dass endlich die Sicherung durchbrennt und zwischen ihnen alles explodiert.
Adam lehnt seine Stirn gegen Leos bis sich ihre Nasen berühren und dann atmen sie gemeinsam, fünf oder sechs Herzschläge lang.
„Ich geh' nicht mehr weg, Leo“, flüstert Adam und Leo schmeckt seinen Atem auf den Lippen. „Versprochen.“
Adams Daumen streicheln über seine Ohrmuscheln als er Leo küsst und dabei Funken sprühen.
-XI-
Ein paar Stunden später nimmt Achmat 'Der Bär' Kadyrow im Verhörraum Platz und wird durch Pia und Esther in die Mangel genommen. Mit der Toten im Burbacher Waldweiher hat er zwar am Ende nichts zu tun, aber sie können seinen Fall trotzdem erfolgreich an die Kollegen von der Steuerfahndung weiterreichen, die das Bikini Bottom so dermaßen gründlich umgraben, dass selbst Spongebob es nicht wiedererkennen würde. Kadyrows Bruder Shamil wird kurz darauf verurteilt wegen wiederholtem illegalen und schweren Waffenbesitz und sitzt seine vollen neun Monate in Lerchenflur ab ohne Aussicht auf vorzeitige Haftentlassung.
Der Staatsanwalt stimmt dem Massenspeicheltest nach einiger Überzeugungsarbeit schließlich zu und zwei Tage, nachdem der mutmaßliche Täter den Notruf gewählt hat, setzt sich auch schon die Bürokratiemühle in Gang und wenig später ergehen in Burbach 6573 Einladungen an die männlichen Bewohner über achtzehn Jahre mit der Bitte um Abgabe einer freiwilligen Speichelprobe.
Wenig später zieht Adam zurück in Leos Schlafzimmer und sie feiern das mit einem freien Sonntag im Bett. Leos Mund und Hals sind ganz wund von Adams kratzigen Bartstoppeln, als er am Montag im Büro am Konferenztisch sitzt und sich zum wiederholten Male die wunden Stellen kratzt. Esther reicht ihm kommentarlos Pias Tube Apres-Sun-Lotion, die sich irgendwie in den letzten Tagen auf das Schrankkabinett verirrt hat, und Leo erträgt Pias Belustigung und Adams süffisante Genugtuung mit einem milden Lächeln.
Noch einmal wenig später verbringen Adam und Leo den Sonntag auf der Autobahn auf dem Rückweg von Berlin nach Saarbrücken. Leo fährt und Adam hält ihm einen von Ninas veganen Brownies vor die Nase, die sie ihnen zum Abschied mitgegeben hat. Leo beißt genüsslich ab und sieht aus den Augenwinkeln, wie sich Adam den Rest in den Mund schiebt. „Indirekter Kuss“, lacht Leo und lacht dann nur noch lauter bei Adams obszöner Antwort. Zehn Minuten später hält Leo auf einem kleinen unbedeutenden Rastplatz mitten im Nirgendwo, zieht Adams Gesicht zu sich heran und küsst ihm den Geschmack von Brownies aus dem Mund.
Auerbach erlebt die Lösung des Falls nicht mehr als ihr Dienststellenleiter, da er sechs Wochen nachdem Adam und Leo wieder begonnen haben sich ein Bett zu teilen, vorzeitig in den Ruhestand versetzt wird. Offiziell heißt es aus gesundheitlichen Gründen, aber insgeheim glaubt man in den Teeküchen des Saarbrücker Polizeipräsidiums zu wissen, dass er Behördengelder abgezweigt habe oder mit der blonden Anwärterin aus dem Innendienst in flagranti im Kopierraum erwischt wurde, je nachdem wen man denn nun fragt. „Vermutlich beides“, flucht Adam nur, als sie die News erfahren und verläuft sich dann noch in eine Schimpftirade darüber, dass fucking Auerbach auch noch mit vorzeitiger Rente belohnt wird für seine Inkompetenz. Leo muss dann schon wieder ganz heftig versuchen Adam nicht zu verknallt anzulächeln, sie sind hier immerhin noch auf Arbeit und da gilt es eine gewisse Form zu wahren. „Verdammter homophober Pisser“, schiebt Adam noch hinterher und das ist dann also der Moment, in dem Leo ihr erstes 'Ich liebe dich' herausrutscht. Ups.
Zwei Monate und fünf Tage nach dem Fund der Leichenteile im Burbacher Waldweiher ist der Fall schließlich gelöst. Stellt sich heraus, dass ihr Anrufer tatsächlich der Mörder ist und sich mit seinen Meldungen bei der Notrufzentrale selbst die Schlinge um den Hals gelegt hat. Ohne einer Aussicht dem Massenspeicheltest auf Dauer zu entgehen, begeht Alfred Dahlke drei Wochen nach Erhalt des Behördenschreibens in seiner Wohnung Selbstmord und hinterlässt einen Abschiedsbrief. Gefunden wird er erst, als die Nachbarn wegen dem furchtbaren Gestank die Polizei verständigen und bei der Überprüfung der Meldeadresse zu Tage kommt, dass Dahlke einer der 246 Männer ist, die sich bisher dem Speicheltest entzogen haben. Leo steht im Wohnzimmer von Alfred und Frieda Dahlke zwischen unzähligen Porzellanpuppen und einer Armee von Goldfliegen an der Wand und liest darüber, wie eine fast fünfzig Jahre andauernde Ehe mit einem Hammer auf dem Kopf enden kann. „Wird uns nicht passieren“, raunt Adam ihm im Vorbeigehen zu und zwinkert dann neckisch, bevor er in der Küche der Dahlkes verschwindet. Die Puppen seien ihre Zeugen, denkt Leo und tütet den Abschiedsbrief ein.
Das Wochenende darauf kommt Caro mit Jonas zu Besuch und es gibt vegetarische Lasagne. Leo hat beim Essen seine linke Hand auf Adams Knie und schaut amüsiert dabei zu, wie die Drei seine Weinauswahl aufs Korn nehmen. Später am Abend, als Adam auf dem Balkon eine raucht und Jonas ihm dabei Gesellschaft leistet, greift Caro nach seiner Hand und drückt einmal ganz fest zu.
-XII-
Leo liegt im Bett und hört das Meer rauschen. Das Leinenlaken klebt ihm am Rücken trotz der Klimaanlage und er spürt wie Adam seinen rechten Schenkel zwischen seine Beine schiebt und sich noch fester an ihn drückt, als versuchte er mit Leo zu verschmelzen. Adams Hand liegt auf Leos Bauch und hebt und senkt sich bei jedem Atemzug und Leo zieht ihn jetzt seinerseits noch fester an sich und vergräbt die Finger in Adams zerzauste Haare, küsst einmal ganz lang seine Schläfe. Drückt sein Lächeln gegen Adams heiße Haut und lässt das einfach alles über sich hinein brechen was er fühlt, wie ein Tsunami aus Glück und Sex gepaart mit absoluter Hingebung, eine Mischung mit Sprengkraft und Leos Kopf kapituliert und lässt sich einfach treiben.
„Ich bin nur Bulle geworden, um meinem Vater eins rein zu würgen“, sagt Adam plötzlich leise, seine Lippen gegen Leos Kehle gedrückt. Leos Finger in Adams Haaren stocken ganz kurz in ihrer Bewegung, bevor sie sich entspannen und Leo sanft über die zarte Haut hinter Adams Ohr streicheln kann. „Aber was für ein scheiß schlechter Witz am Ende, denn stellt sich heraus, dass ich ein verdammt guter Bulle bin. Joke's on me und all das.“
Das ist eines der Dinge, die sich geändert haben seit sie sich wieder ein Bett teilen. Das sie manchmal einfach da liegen, nach einem langen Arbeitstag oder nach dem Sex oder einfach am nächsten Morgen mit noch vom Schlaf verkrusteten Augen. Und dann erzählt einer von ihnen eine Anekdote aus den letzten fünfzehn Jahren, die der andere noch nicht kennt oder es wird gebeichtet, ein Geheimnis in dem kein Spaten vorkommt zum Beispiel oder ein Gefühl oder wie jetzt, Adams zynische Beweggründe für seine Berufswahl.
Leo lässt die Worte eine Weile auf sich wirken, bevor er antwortet. Das sind sie sich beide schuldig, denkt er, dass sie nichts mehr beiseite wischen oder klein reden, und das sie die fünfzehn Jahre Funkstille zwischen ihnen an den Hörnern packen und sich dagegen stemmen, anstatt immer nur das Handtuch zu schmeißen und sich aus dem Staub zu machen.
„Joke's on him, würde ich sagen, immerhin wurde er am Ende von seinem eigenen Sohn überführt“, antwortet Leo schließlich und drückt erneut einen Kuss gegen Adams Schläfe.
„Erzähl mal kein Scheiß, Leo. Das waren doch ganz allein du und das Team.“
„Mag sein, dass wir die Ermittlungsarbeit gemacht haben und das alles. Aber Adam, ohne dich als Ziel hätten wir doch schon in der Halbzeit aufgegeben. Weil wir wissen, weil ich weiß, dass du nicht nur ein scheiß guter Bulle bist, sondern ein scheiß guter Mensch und Roland fucking Schürk dir nicht mal ansatzweise das Wasser reichen kann.“
Das Meer rauscht und die Luft riecht nach Salz und dann hebt Adam den Kopf von Leos Schulter und schaut ihn an, sodass Leos Hand aus Adams Haaren zwischen dessen Schulterblätter rutscht und dort auf dem Tattoo zum liegen kommt. Adam hebt jetzt seine Hand von Leos Bauch und legt sie stattdessen auf Leos Wange, streichelt ihm ganz liebevoll mit dem Daumen durch die Bartstoppeln. Adams Augen sind wieder sehr blau, fast schon obszön türkis im maledivischen Morgenlicht, und seine Haare sind lang wie nie zuvor, ausgebleicht von Sonne und Meer. Adam mustert ihn für einen langen, langen Augenblick und einige Strähnen seiner feinen Haare kitzeln Leos Stirn. Dann endlich zeigt sich eins seiner Grübchen, das linke, Leos Lieblingsgrübchen, und schließlich ist Adam ihm so nah, dass sie nicht anders können als den Sauerstoff zwischen ihnen von den Lippen des jeweils anderen zu saugen. Leo schmeckt das Salz auf Adams Zunge und spürt Adams Herzschlag an seinem, als der sich noch weiter über Leo beugt und ihn endlich ganz fest in die Leinen drückt.
Alles ist gut, denkt Leo, während Adam ihm einen Knutschfleck hinter dem linken Ohr verpasst. Und dann denkt Leo für eine Weile gar nichts mehr.
