Work Text:
Dem DPD den Rücken zu kehren, war nicht leicht gewesen.
Connor war schon beinahe verbittert darüber, dass er Freunde gefunden hatte, die er jetzt schweren Herzens hinter sich lassen musste, genauso wie er manchmal verbittert darüber war, jemals deviant geworden zu sein. Er hätte sich viele Gefühle und viel Schmerz ersparen können, wenn er einfach eine Maschine geblieben wäre, auch wenn das ein dummer Gedanke war, den er schnell wieder verwischte, wenn er aufkam.
Natürlich hatten sie ihm alle versprochen, sie würden in Kontakt bleiben und hatten eine Abschiedsfeier für ihn gehalten. Tina hatte ihn umarmt, einen Scherz darüber gemacht, dass sie ihm irgendwann in die Private Security folgen würde, wenn ihr Gavin weiterhin so auf die Nerven gehen würde und auch Chris hatte ihn an sich gedrückt und auf die Schulter geklopft.
Fowler hatte sich abseits von den anderen bei Connor verabschiedet und sich dafür entschuldigt, wie er ihn zu Beginn seiner Zeit beim DPD behandelt hatte. Aber Connor hatte ihm versichert, dass er ihm nichts nachtrug, wie er es schon öfter gemacht hatte.
Die Menschen und ihre Schuldgefühle.
Er hatte Fowler ein ehrliches Lächeln geschenkt, ihm für alles gedankt und dann war der schwierigste Teil des Abends gekommen.
Sich von Hank in Gegenwart des ganzen DPDs zu verabschieden, war eine seltsame Vorführung von tiefgreifenden Gefühlen, verschleiert hinter freundlichen Floskeln, gewesen. Connor hatte auch ihm für alles gedankt und ihm gesagt, er wünschte ihm das Beste. Das war auch nicht gelogen, aber hinter diesen Worten steckte so viel mehr, als sie sich in dieser Situation sagen konnten.
Sie hatten nämlich schon zwei Wochen vor Connors offiziellem Abtritt voneinander Abschied genommen und das in mehr als nur einer Hinsicht. Dieses Gespräch war die Fortsetzung und der Abschluss einer Reihe ermüdender und emotional geladener Diskussionen gewesen, die sie schon über einen längeren Zeitraum miteinander geführt hatten.
Was nämlich niemand beim DPD wusste und was sie niemandem sagen konnten, war, dass sie seit einem halben Jahr in einer Beziehung waren. Eine Beziehung die mit flatternder Freude und frischer Hoffnung angefangen hatte und die damit geendet hatte, dass sie sich eingestehen mussten, dass ihre Liebe zueinander nicht den hässlichen Schatten erleuchten konnte, der auf ihnen beiden lag.
Zu Beginn hatte sich Hank noch Mühe gegeben sich von seiner besten Seite zu zeigen und sich zusammenzureißen. Connor hatte ihn zwar bereits vor der Revolution an gewissen Tiefpunkten gesehen, aber als sich die Natur ihrer Beziehung änderte und Connor bei ihm einzog und mit ihm begann das Bett zu teilen, wollte Hank ihm die bestmöglichste Version von sich bieten. Connor hatte etwas Gutes verdient, etwas Besseres. Also beschloss Hank sich für ihn zu bessern.
Die ersten paar Monate sah es auch so aus, als würde er das schaffen. Sie hatten eine schöne Zeit gemeinsam und Hank war dankbar für den frischen Wind den Connor kontinuierlich in sein Leben brachte. Wieder zuzulassen, dass sich jemand einen dauerhaften Platz in seinem Leben schuf, war sowohl erschreckend als auch wundervoll. Sie waren sich beide einig, ihre Beziehung vorerst geheim zu halten, um nichts in der Arbeit zu verkomplizieren oder im schlimmsten Fall die Versetzung von Connor zu verursachen.
Zuhause fielen sie schnell in eine Routine, die für sie beide funktionierte. Connor brachte Hank dazu, öfter anständige Mahlzeiten zu essen, leistete ihm Gesellschaft beim Entspannen nach der Arbeit und nahm ihn und Sumo auf lange Spaziergänge mit.
Auf den ersten Blick, hatte sich nicht einmal viel verändert von der platonischen Freundschaft, die sie schon ein ganzes Jahr lang zueinander gepflegt hatten. Es waren die kleinen Dinge und dann wieder die großen Dinge, die die Intimität ihrer Beziehung ausmachten. Von einem leisen Kosenamen und Händchenhalten bis hin zu jugendlichen Zungenküssen am Sofa und gemeinsamem Duschen, wegen denen sie fast zu spät zur Arbeit kamen.
Sie führten ein gutes Leben zusammen und waren zufrieden.
Aber irgendwann wurde es immer schwieriger für Hank seine Dämonen unter Verschluss zu halten. Sie lauerten in der Form von dumpfen Kopfschmerzen in seinen Schläfen und in der zweiten, dritten Flasche Bier am Abend, die seinen Kopfschmerzen Linderung verschafften. Sie krochen in der Früh unter dem Bett hervor und legten sich auf ihn, so dass er sich unter ihrem Gewicht stundenlang nicht bewegen konnte und erst am Nachmittag aus dem Schlafzimmer kam. Sie kamen aus den Schatten des Hauses, wenn Connor nicht da war um Markus bei einer Verhandlung mit Politikern zur Seite zu stehen und kratzten mit ihren Klauen an dem Schränkchen, in dem Hank seinen harten Alkohol aufbewahrte. Wenn er alleine war, war es unglaublich schwierig, dem Ruf des Rausches zu widerstehen und oft genug, verlor Hank diesen Kampf.
Connor konnte über ein, zwei Bier hinwegsehen, aber wenn Hank zum Whiskey griff, war das etwas anderes. Er veränderte Hank. Er saß dann manchmal einfach stillschweigend da, blickte stumpf ins Nichts und führte das Glas in mechanischen Bewegungen zu seinem Mund, als wäre er gar nicht wirklich anwesend.
Und wenn er gerade nicht schwieg und vor sich hin brötelte, dann war er wütend.
Es war nie Connor auf den er wütend war, aber er war die Zielscheibe, auf die er seine Wut richtete. Sein betrunkener Verstand redete ihm manchmal sogar ein, dass Connors Versuche ihm zu helfen, ihm entgegenzukommen und ihn von der Flasche wegzubringen, das Problem waren und dass es Connors Schuld war, warum er sich so furchtbar fühlte. Den Jahren der Selbstvorwürfe müde geworden, hatten sich Hanks innere Dämonen Connor als den neuen Sündenbock ausgewählt und reimten sich scheußliche Gedanken zusammen, die einfach nicht wahr waren und für die sich Hank am nächsten Tag nur noch mehr schämte.
Connor verzieh ihm den ersten Wutausbruch auch, aber was als ein Ausrutscher begonnen hatte, entwickelte sich schließlich zu einem Muster. Hank betrank sich, warf Connor seine Fürsorge vor, am nächsten Tag wachte er mit einem Kater auf und war den ganzen Tag gereizt, versuchte aber es nicht weiter an Connor auszulassen. Was nur darin resultierte, dass sie nicht miteinander redeten und am Tag darauf, entschuldigte er sich bei Connor, machte ihm kleine Geschenke und Gesten und sie versöhnten sich. Beide wissend, dass es bald wieder passieren würde.
Was sogar noch schmerzhafter für Connor war, als zu wissen womit Hank in seinem Inneren rang, war sich einzugestehen, dass er ihn nicht retten konnte. Er versuchte an ihn zu appellieren und rational mit ihm darüber zu sprechen, aber Hank schrie ihn ihn, dass er aufhören sollte seine Verhandlungssoftware an ihm anzuwenden. Also versuchte es Connor auf einer emotionalen Ebene und musste erkennen, dass er nicht wusste, wie er Hank helfen konnte, weil er nicht wusste, wie es war süchtig zu sein oder den Verlust eines Kindes zu betrauern, der ihn in diese Spirale der Depression geschickt hatte.
Bis zu dem Zeitpunkt waren die Unterschiede, die die beiden wegen ihrer Abstammung hatten, nie wirklich ein Problem gewesen. Sie hatten Witze über die Dinge gemacht, die Connor als Androide nicht tun konnte und umgekehrt. Aber zum ersten Mal führte das dazu, dass er sich Hank fremd fühlte. Die banale Einsicht anders zu sein, als sein menschlicher Partner, riss eine Kluft zwischen sie und je tiefer sie ging, desto kühler wurde die Stimmung zwischen den beiden.
Connor distanzierte sich und begann Hank sich selbst zu überlassen. Der wollte schließlich seine Hilfe gar nicht und was sollte Connor denn auch schon tun? Was wusste er schon von den emotionalen Tiefen der Menschen? Das einzige negative Gefühl, mit dem er zu kämpfen hatte, war das, das Hank in ihm auslöste.
Genauso wie niemand beim DPD gemerkt hatte, dass sie irgendwann begonnen hatten sich mit weichen Blicken anzusehen und sich manchmal hinter Ecken und unter Tischen die Hände zu streicheln, fiel es niemandem auf, als diese kleinen Gesten aufhörten und einer Spannung wichen, die sie von zuhause mitnahmen und am Ende des Tages wieder dorthin zurücktrugen.
Irgendwann hatte Connor eine ernüchternde Erkenntnis. Und zwar die, dass er begonnen hatte sich auf die nächtlichen Spaziergänge, die er alleine mit Sumo machte, zu freuen, weil er dann Hank aus dem Weg gehen konnte. Und dass, wenn er wieder die Straße zurückkam und die Lichter des Hauses vor ihm immer größer wurden, der Kloß in seinem Bauch auch immer größer wurde. Ihre eigene kleine Welt, leuchtend und warm und oh so naiv wie sie gewesen war, war zu einem schwarzen Loch geworden, das jedes Gefühl der Freude aus Connors Körper saugte, je länger er sich darin aufhielt. Und das Zentrum dieses schwarzen Loches war die Eingangstür. Jeden Tag, wenn er durch diese Tür schritt, überkam ihn ein beklemmendes Gefühl und er verspürte das Verlangen, irgendwo anders zu sein. Er wusste nicht wo, er hatte keinen anderen Ort an den er gehen konnte. Er wollte nur irgendwo anders sein.
Den Punkt ohne Wiederkehr erreichten sie, als Hank Connor eines Abends etwas vorwarf, dass sie beide so erschütterte, dass er es nicht mehr zurücknehmen konnte. Danach war alles anders.
Connor war mit Nines, Tina und Gavin fort gewesen und als er nachhause kam, war die Haustür zum ersten Mal seit langem wieder eine ganz normale Tür und nicht der Schlund eines schwarzen Lochs. Aber das Strahlen in Connors Gesicht wurde ihm schnell genommen, als er Hank alleine und mit gesenkter Haltung am Sofa sitzen sah. Selbst wenn Connor die Flaschen um ihn herum übersehen hätte, hätte ihm Hanks stumpfer Blick in den Fernseher verraten, dass er betrunken war. Sein Herz sank und ein kühler, abwartender Ton schlich sich in seine Stimme, als er Hank grüßte.
Der drehte langsam den Kopf in seine Richtung und da sah Connor die Waffe. Sie lag neben ihm auf dem Sofa. Und wie eine Giftschlange im Gebüsch, die sich gefährlich nah an Hanks Knöchel befand, schickte sie eine Welle der Panik durch Connors ganzen Körper. Sofort sprangen allerhand Protokolle an, die ihm sagten, wie er die Situation entschärfen konnte.
„Hank?“, fragte er leise. Hank antwortete nicht und sein Blick war undeutbar.
„Was machst du da?“
„Wonach sieht‘s denn aus?“, knurrte Hank mit schwerer Zunge. „Wonach sieht‘s denn…“
Er führte den Satz nicht zu Ende. Sein Kopf rollte zur Seite, als könnte sein Nacken ihn nicht mehr halten und da sah Connor das Bild von Cole auf dem Tisch. Die kindliche Fröhlichkeit auf seinem Gesicht war eine Klinge ins Herz. Und Hanks Herz war es, das blutete.
„Komm“, hob Connor sanft an und kam auf Hank zu. Er ging seine Optionen durch, im Blick die Waffe, die er unbedingt aus Hank Nähe bekommen wollte.
„Du weißt, dass Cole das nicht für dich gewollt hätte. Dass du dich-“, aber bevor Connor ausreden konnte, fuhr Hank plötzlich hoch und schrie ihn an: „Was weißt du schon?“
Er hob die Arme und Connor erhielt eine Warnung auf seinem HUD, dass er sich in Gefahr befand. Er schob die Warnung zur Seite, aber sein LED leuchtete gelb.
„Sag mir nicht, was mein Kind für mich gewollt hätte oder nicht! Du weißt gar nichts! Weißt nicht wie es ist jemanden zu verlieren! Du hast doch gar keine Ahnung wie es ist jemanden zu lieben!“
Connor wurde steif. Sein LED sprang auf rot.
“Das ist nicht fair, Hank”, wisperte er.
Die Stille zwischen ihnen war unerträglich schwer und Connor konnte Reue in Hanks Augen sehen, aber sein Mund war eine dünne Linie, die kein Wort der Entschuldigung herausließ. Sie wussten beide, was angerichtet worden war. Sie sahen den Sprung in der Tasse ihrer Beziehung und wussten, dass an dem nichts mehr zu retten war. Die Tasse würde zerspringen und zurückbleiben würden Scherben.
Connor verbrachte diese Nacht in einem Hotel. In der Umarmung seiner Bettdecke, fand er Trost so wie Vorwürfe darüber dass er Hank mit einer Waffe allein gelassen hatte. Er bekam die ganze Nacht kein Auge zu und kehrte um fünf in der Früh zum Haus zurück, um sich zu vergewissern, dass Hank sich nicht die Kugel gegeben hatte.
Er fand ihn schnarchend auf dem Sofa vor, zu tief in seinem Rausch, um durch irgendetwas geweckt zu werden. Connor war froh, dass er am Leben war. Aber er fühlte sich trotzdem kein bisschen leichter. Er ließ Sumo raus, gab ihm frisches Wasser und Futter und dann fuhr er alleine in die Arbeit. Hank kam an dem Tag nicht und Connor fragte nicht nach.
Danach dauerte es tatsächlich noch mehrere Wochen, bis sie endlich an den Punkt eines anständigen und nüchternen Gesprächs kamen und die Beziehung endlich beendeten. Ironischerweise, war es etwas vollkommen Nichtiges gewesen.
Die Beiden hatten sich über etwas so kleines gestritten, dass sie es schon wieder vergessen hatten, als Connor auf einmal damit herausplatzte, dass es vielleicht das Beste wäre, wenn er kündigen und das DPD verlassen würde, weil er es mit Hank nicht mehr aushielt.
Der Auslöser des Streits war nicht wichtig, er war nur der Tropfen der das Fass zum überlaufen gebracht hatte. Der Gedanke, alles einfach zu beenden, auszuziehen und zu kündigen saß schon länger in Connors Kopf und saß mit ihm gemeinsam am Küchentisch, wenn Hank zu Abend aß und Connor darüber nachdachte, wo er wohl die nächste Flasche versteckt hatte. Und jetzt da es endlich ausgesprochen war, wussten sie beide auf einmal mit absoluter Sicherheit, dass das zwischen ihnen zu Ende war.
Hank war in sich zusammengesackt und Connor hatte geseufzt. Es war als würde all die Frustration und der Schmerz der letzten Monate von ihnen abgefallen, weil sie zu müde waren um sie noch länger zu tragen. Und zurück blieb der Raum für ein offenes und ehrliches Gespräch, gesprochen mit sanften Stimmen und einer Note Schwermut. Es wäre schon fast erleichternd gewesen, wenn es in erster Linie nicht verdammt traurig gewesen wäre.
Die Entscheidung sich zu trennen lag nämlich nicht an einem Mangel von Liebe oder an all ihren Unterschieden - die sich nämlich tatsächlich gut ergänzten - nein, ironischerweise war es ihr Wille gewesen, es zu schaffen und für ihre Beziehung zu kämpfen. Connor war so überzeugt und verbissen darauf gewesen, Hanks Dämonen zu bekämpfen und ihm zu helfen, dass er zu spät bemerkte, dass er mit ihm sank. Und dass Hank nicht bereit war, sich helfen zu lassen.
Es war kein leichtes Gespräch, auch wenn sie beide irgendwo schon lange gewusst hatten, dass es irgendwann dazu kommen musste.
„Ich kann das nicht mehr länger machen, Hank“, hatte Connor gesagt, müde und verzweifelt. So müde.
„Ich kann so nicht mehr weiter machen. Das hier“, er machte eine ausladende Handbewegung. "Ich schaffe es einfach nicht mehr."
„Was bedeutet das?“, fragte Hank, die Stimme gedämpft, weil er genau wusste, was Connor sagen würde.
„Ist das…. das Ende? Sind wir…“, Hank bekam es nicht über die Lippen.
Da antwortete Connor für ihn: „Ja. Es ist aus.“
„Okay…“ sagte Hank ergeben. In seiner Haltung war keine Wut, nur Resignation und Trauer. Er wusste, dass Connor recht hatte. Sie beide konnten so nicht mehr weitermachen.
Nach einer Weile des schweren Schweigens, fragte er: „Was wirst du jetzt tun? Ausziehen?“
Connor nickte.
„Weißt du überhaupt, was du machen willst nach dem DPD? Wo du hingehen wirst?“
„Ich kann temporär bei Nines unterkommen. Er hat mir gesagt, dass seine Tür immer für mich offen steht, wenn ich ihn brauche. Aber nur bis ich eine Wohnung für mich gefunden habe. Ich will ihm nicht zur Last fallen. Und ich will nicht bei ihm-..."
„Du brauchst Abstand zum DPD, ich versteh‘ schon.“
„Es tut mir leid-“, hob Connor an, aber Hank hob die Hände und unterbrach ihn: „Musst du nicht.“
Sie sahen zur Seite und dachten für einen Moment über all das nach.
„Ich will nur nicht-“, setzte Connor schließlich an, aber er brach ab und sah seufzend zu Boden. „Ich will nicht, dass du das hier jetzt als Grund oder Entschuldigung siehst, dich noch mehr zu zerstören. Ich werde ab jetzt nicht mehr da sein, um dich davon abzuhalten dich zu betrinken oder dir Schlimmeres anzutun. Dafür bist du jetzt allein verantwortlich. Und ich… habe Angst, dass du das gar nicht erst versuchen wirst. Oder dass du-“, er brach wieder ab und wischte sich eine Träne aus dem Auge, bevor er Hank endlich ansah.
„Ich will dich nicht aufgeben, Hank. Bitte glaube nicht, dass ich das tue. Ich- ich muss auch auf mich achten, verstehst du?“
„Ich weiß, ich weiß“, wisperte Hank, den es genauso zerriss Connor die Wahrheit sagen zu hören, wie ihn weinen zu sehen.
„Bitte mache das nicht zu meiner Schuld.“
Diese Worte taten sehr weh. Aber es war, was Hank verdiente, das wusste er. Trotzdem linderte das nicht den Schmerz.
Connor schniefte und auch Hanks Augen waren feucht, aber auch wenn ihre Hände nach Trost juckten, rührten sie sich nicht von der Stelle.
„Du kannst morgen mit Fowler reden. Er hat schon ein paar Mal jemandem eine Stelle bei der Private Security verschafft“, sagte Hank sachlich und dann war es für einen Moment lang still. Es war alles gesagt worden, wozu die beiden gerade Kraft hatten.
Hank schlief in dieser Nacht auf dem Sofa und am nächsten Morgen wachte er früh auf. Er hatte nicht gut geschlafen, weil ihn die ganze Situation bis in seine Träume verfolgt hatte. Darum war er auch nicht ganz bei Verstand, als er im Morgengrauen zu Connor ins Schlafzimmer rüber ging und ihn fragte, ob er sich zu ihm legen konnte. Connor machte die Augen auf, als wäre er schon seit Stunden wach und hob ohne Worte die Decke für ihn an.
Hank schlüpfte dazu und sie umarmten und hielten sich, wie sie es schon so oft getan hatten. Connor seufzte, als er Hanks Herzschlag hören konnte und der dachte, wie sehr er diesen dezenten, sauberen Geruch von Connors Haut vermissen würde.
„Du bist das Beste, was mir je passiert ist“, sagte Hank schließlich. „Und das sage ich nicht, weil ich dich dazu bringen will hier zu bleiben. Ich verstehe deine Entscheidung und du hast recht. Wirklich. Ich will nur, dass du weißt, wie sehr ich dich schätze… Und alles was du für mich getan hast. Auch wenn ich mich oft genug so verhalte, als wäre dem nicht so.“
Er presste Connor noch fester an sich und der streichelte mit einer Hand über seinen Rücken.
„Es ist nur so… verdammt schwer…“, flüsterte Hank.
„Ich weiß.“
„Ich liebe dich. Und es tut mir so verdammt leid, dass ich dir wehgetan habe. Ich habe einfach so viel Ballast und ich wollte ihn dir nie aufbürden, aber das habe ich. Es tut mir leid…“
„Ich weiß…“, wisperte Connor. „Ich liebe dich auch.“
Zum ersten Mal tat es weh, diese Worte auszusprechen. Es war ein Versprechen und gleichzeitig das Messer, mit dem sie es zerschnitten.
So blieben sie noch eine ganze Weile liegen und badeten in all den Dingen und Gefühlen, die sie nicht aussprechen konnten, aber die sie in der Wärme des Anderen fanden.
Connor zog also bei Nines ein und begann einen neuen Job und zum ersten Mal seit langem konnte er wieder aufatmen. So schwer ihm die Trennung auch zusetzte, konnte er nicht leugnen wie viel besser er sich fühlte, als er die erste Nacht in einem neuen Bett verbrachte. Er fühlte sich zehn Kilo leichter. Als hätte er die ganze Zeit einen Steinbrocken auf dem Rücken getragen. Auch wenn es angenehm gewesen war sich in kalten Nächten an diesen Steinbrocken anzuschmiegen.
Aber gleichzeitig war es auch verdammt schwer.
Es brauchte lange Zeit, bis Connor aufhörte, sich zu vergewissern, dass es Hank gut ging. Dass er nicht das getan hatte, wovor Connor so große Angst hatte, dass er in manchen Nächten zitternd in seinen Polster weinte oder sich selbst in Stase zwang, um das Bild von Hank in einer Blutlache am Boden aus seinem Kopf zu bekommen. Der Gedanke Hank auf diese Weise zu verlieren, machte ihn krank. Denn eine hässliche Stimme in ihm sagte ihm, dass das seine Schuld wäre.
Er besänftigte diese lähmende Angst, in dem er Nines jeden Tag fragte, ob Hank in der Arbeit gewesen war. Das war im Licht des Tages Trost genug aber wenn es draußen dunkel wurde, reichte das nicht mehr aus, um Connor von Hanks Zustand zu überzeugen. Also begann er jeden Abend lange Spaziergänge zu machen. Zwei Stunden lang ging er zielstrebig durch die Straßen von Detroit und hielt erst in Hanks Straße an. Wenn er dann im Schutz der Dunkelheit die brennenden Lichter in den Fenstern sah und sein Gehör auf die höchste Stufe stellte, um alle geräuschlichen Lebenszeichen aus dem Haus aufzunehmen, überkam ihn zum ersten Mal Erleichterung.
Es war eine perverse Form der Bewältigung. Es war abhängig. Auch nach der Trennung konnte Connor sich wohl einfach nicht von Hank befreien. Also versuchte er das zu machen, was Hank getan hatte.
Er verwandelte seine Sorge, seine Trauer und seinen Schmerz in Wut. Eine trotzige Wut, mit der er sich einredete, dass er nicht nach Hank sehen musste, da er seine eigene Person war und für sich selbst verantwortlich war. Wenn Hank beschloss sich weh zu tun, dann war das seine Entscheidung. Er konnte Connor dafür nicht die Schuld geben. Er würde schon sehen, was er davon hatte. Denn Connor war es ab jetzt egal. Er würde nicht mehr in Fenster spicken und seine Freunde fragen, wie es Hank ging. Er hatte jetzt sein eigenes Leben und dieses Kapitel lag hinter ihm.
Aber auch diese Wut war auf die Dauer ermüdend.
Connor musste sich eingestehen, dass seine Liebe zu Hank sich nicht einfach so in Luft auflösen würde. Und dass er andere Wege finden musste, um damit umzugehen. Also konzentrierte er sich auf seine neue Arbeit. Freundete sich mit seinen Kollegen an. Suchte nach einer eigenen Wohnung. Und in dem er seinen eigenen Alltag schuf, rückten die Gedanken an Hank immer weiter in den Hintergrund. Immer noch da, aber nicht mehr so laut, dass sie alles andere in seinem Leben übertönte.
Sich komplett zu zerstören, war sehr verlockend für Hank, nachdem Connor gegangen war. Es war sehr verlockend zu kündigen, sich ins Koma zu trinken, sich die Kugel zu geben - was auch immer für ein Impuls es an dem Tag gerade war. Aber das war genau das, was Hank Connor nicht antun wollte. Er würde das Ende ihrer Beziehung nicht als Entschuldigung benutzen, um sich umzubringen und Connor Schuldgefühle aufzulasten.
Also sperrte er den Revolver weg.
Aber er machte trotzdem weiter wie bisher - betrank sich jeden Tag und kam verspätet und verkatert in die Arbeit, ganz so wie damals - und hoffte einfach, dass er am nächsten Morgen die Augen wieder aufmachen würde, wenn er sich in die Bewusstlosigkeit trank. Und tatsächlich kam das Morgenlicht immer. Spottend stach es ihm in den Augen, bohrte sich in seinen Schädel und schrie: "Du bist am Leben!"
In der Arbeit begann Hank Gavin so oft anzuschnauzen und Streit mit ihm zu suchen, bis der ihn irgendwann ganz in Ruhe ließ. Er antwortete Fowlers Enttäuschung über seinen offensichtlichen Rückfall mit bösen Blicken und ging Nines aus dem Weg. Er hielt es nicht aus dieses Gesicht anzusehen. Das war Nines gegenüber nicht fair aber es war einfach noch zu früh. Und der Androide schien den Hint zu verstehen und ging Hank genauso aus dem Weg.
Ja, irgendwie überlebte er. Die Tage reihten sich stumpf und sinnlos aneinander und wurden zu Wochen. Und dann zu Monaten.
Connor hatte Hanks Grund sein wollen, mit dem Trinken aufzuhören. Auch Hank hatte gehofft, dass er das sein würde. Aber so war es nicht gewesen.
Aber dann eines Tages präsentierte sich ihm ein Grund.
Hank hatte im Vollrausch ein eingerahmtes Bild von Cole zerbrochen.
Es war ein Versehen gewesen. Eine ungeschickte Bewegung mit dem Arm und das Bild lag auf dem Boden und durch Cole’s Lächeln ging ein Riss.
Es war ein dummer Grund, aber es war Hank in dem Moment auf einmal Grund genug.
Also rief er kurzerhand bei einer Rehabilitationsklinik an.
Und wenig später kam er in Fowlers Büro und sagte ihm, dass er für einige Zeit weg sein würde. Und Fowler sah ihn an, mit einer Weiche im Blick - dem Überbleibsel einer Freundschaft - und nickte und wünschte Hank alles Gute.
Es ging alles recht schnell. Es war beinahe zu einfach, sodass Hank sich fragte, ob das gerade wirklich passierte. Er verspürte das Bedürfnis Connor davon zu erzählen und dachte darüber nach, ob er ihn anrufen oder es ihm über Nines ausrichten sollte. Aber dann ließ er es lieber bleiben.
Er ließ es auch bleiben, als ihm im Entzug gesagt wurde, dass er sich bei all den Leuten entschuldigen sollte, denen er wehgetan hatte. Er schrieb einen Brief an Ben, Fowler, seine Ex-Frau und sogar Cole. Er schrieb keinen für Connor, nicht weil ihm der Schmerz, den er ihm beschert hatte, nicht leid tat, sondern weil er es irgendwie nicht übers Herz brachte. Er war sich sicher, dass es Connor besser ohne ihn ging. Und er wollte das nicht ruinieren, in dem er sich mit einem Brief zurück in sein Leben schlich. In seinen Gedanken wusste er aber genau, was er geschrieben hätte. Vielleicht würde er irgendwann nochmal die Möglichkeit bekommen, sich bei Connor persönlich zu entschuldigen. Eines Tages vielleicht.
Hank fand sogar ein paar Freunde in der Klinik. Da war Francis - dessen Ex ihn nicht in die Nähe ihrer Kinder lassen wollte, solange er süchtig war - und Michelle - die durch einige Verluste und traumatische Ereignisse dort gelandet war, wo sie jetzt war. Sie waren wie Hank voller Scham und Schmerz. Und wenn sie nicht gerade gemeinsam ihre Lebensgeschichten beweinten und sich durch die Entzugserscheinungen hindurch halfen, redeten sie über ihre gemeinsamen Hobbies und Interessen. Hank zeigte Francis Fotos von Sumo - auf den Tina währenddessen aufpasste - und tauschte sich mit Michelle über Rockmusik aus. Es tat gut, mit Leuten zu reden, die verstanden, was er durchmachte. Auch über Cole zu sprechen, fühlte sich in diesem Kreis anders an. Michelle war nicht die einzige Person, die Todesfälle in ihrem nahen Umfeld gehabt hatte. Für manche war das der Auslöser für ihre Sucht gewesen. Für andere, hatte es die nur schlimmer gemacht.
Hank tauschte mit Michelle und Francis Nummern aus und sie versprachen sich, ab und zu ein Lebenszeichen zu schicken, nachdem sie aus der Klinik draußen waren.
Ihr Aufenthalt hatte sich ewig angefühlt, besonders als die Nüchternheit ihre hässlichen Seiten zum Vorschein gebracht hatte, aber als Hank entlassen wurde, fühlte es sich surreal an, wieder in die Welt hinauszugehen und für sich selbst verantwortlich zu sein. Und weil er sich jetzt seiner Verantwortung für sein Wohlergehen bewusst war, beschloss Hank in Pension zu gehen.
Fowler sah ihn auf diese Verkündung hin überrascht an. Überrascht darüber, dass er endlich einsah, dass es schon längst Zeit für seinen Rücktritt war. Das DPD hielt sogar eine Abschiedsfeier für ihn, von der Hank dachte, er hätte sie wirklich nicht verdient. Das sagte er der versammelten Menge auch, in der Hand ein Glas alkoholfreien Sekt. Er blickte in die Runde versammelter Kollegen - jung und alt - und versuchte vom Herzen zu sprechen: "Ich weiß, dass ihr alle nur froh seid, mich endlich loszuwerden und äh… ich kann es euch wirklich nicht verübeln."
Das brachte ihm ein paar Lacher ein. Tina lächelte ihn an und sogar in Gavins Gesicht lag ein kaum merklicher weicher Ausdruck.
"Ich brauche niemandem hier zu sagen oder zu erklären, warum ich mich mit der Zeit in einen Haufen Scheiße verwandelt hab, aber… was ich sagen kann ist, dass es mir leid tut. Ich habe nicht nur meinen Ruf in den Boden gestampft, sondern auch meinen Kollegen das Leben schwerer gemacht, als es sein musste."
Er versuchte die Wahrheit mit Witzen aufzulockern, aber er bereute es wirklich, seinen Kollegen sein Elend angetan zu haben und die antworteten ihm mit verständnisvollen, leicht traurigen Blicken. Ben schenkte ihm ein vielsagendes Lächeln, das Hank beinahe zu Tränen rührte.
Er räusperte sich und sagte: "Bevor ich hier vor allen zum Weinen anfange… danke für alles. Ich wünsche euch nur das Beste."
Alle hoben ihre Gläser und Chris sagte: "Wir Ihnen auch."
Hank schätzte das sehr. Er war gerade dabei zu lernen, dass er etwas besseres als den Absturz verdient hatte. Vielleicht nicht "das Beste", aber irgendwann, so hoffte er, würde er auch das glauben können.
Connor erfuhr durch Nines von Hanks Abschied. Er war sowohl froh für Hank, als auch besorgt. Auch wenn er Nines schon lange nicht mehr nach ihm gefragt hatte, hatte er sich darauf verlassen, dass er das immer könnte, wenn er sich um Hank Gedanken machte. Aber wenn Hank nicht mehr beim DPD war, dann war es, als würde der letzte Strick zwischen den beiden reißen. Als könnte er einfach in die Nacht verschwinden und sich wie ein Schatten auflösen. Und der Gedanke ängstigte Connor. Denn auch wenn Hank nicht mehr in seinem Leben war, war da doch stets die Möglichkeit gewesen, dass er das wieder sein konnte.
Aber so war Connor wohl dazu gezwungen, mit seinem Leben weiterzumachen, wie bisher.
Er war mittlerweile in eine kleine Wohnung gezogen und hatte sich Fische zugelegt. Er mochte seine Arbeit und hatte Freunde gefunden, mit denen er fortging, sich Filme ansah und mit denen er redete, wenn es ihm nicht gut ging. Auch mit Nines blieb er im engen Kontakt und eines Tages stellte er ihn sogar seiner Freundesgruppe vor. Nines war froh, einmal Leute außerhalb des DPDs kennenzulernen und Connor freute sich, ihm dabei zuzusehen wie er über sein Programing hinauswuchs.
Nach einem Jahr, in dem Connor diesen neuen Lebensabschnitt erforschte und sich an andere Leute und Hobbies herantastete, drängten ihn seine Freunde dazu wieder zu daten. Sie wussten alle, wie seine erste und letzte Beziehung geendet hatte und sie wussten auch, dass er noch nicht ganz über sie hinweg war. Trotzdem brachten sie ihn dazu sich auf Dating Apps anzumelden und versuchten ihn mit Freunden zu verkuppeln.
Connor war sich nicht sicher, ob er eine neue Beziehung wollte. Aber da war eine gewisse Leere in ihm, die er nicht leugnen konnte. Ein Leerraum, der manchmal etwas schrumpfte, wenn er einen Hund im Park streicheln konnte oder wenn er sich mit seinen Freunden am Sofa zusammen kuschelte und jemand abwesend mit seinen Haaren spielte.
Also begann er auf Dates zu gehen. Er verbrachte zwar viel Zeit damit sich die Profile von älteren Männern anzusehen, aber verabreden tat er sich nie mit ihnen. Er ging hauptsächlich auf Dates mit Androiden, da er die Sicherheit des grundlegenden Verständnisses, das sie alle füreinander hatten, mochte. Sie liefen auch alle sehr gut. Wo manche Androiden lieber nicht darüber reden wollten, wie ihr Leben vor der Revolution ausgesehen hatte, waren sie alle nur zu froh darüber zu reden, was sie jetzt taten und womit sie ihre Zeit verbrachten und welche Dinge sie zu mögen gelernt hatten. Connor gefiel es sehr mit Gleichgesinnten über das Finden seiner Selbst zu reden. Auch wenn das oft einen bittersüßen Schmerz mit sich zog, wenn er über die Dinge sprach, die Hank ihm gezeigt hatte. Wie zum Beispiel seine Liebe für Hunde, Jazz Musik und ausgefallene Hemden. Connor hatte aber gelernt diese Dinge von der Erinnerung an Hank zu separieren. Mehr oder weniger. Denn wenn er sich wehmütig fühlte, setzte er sich auf seine Couch und hörte eines von Hanks Lieblingsalben. Davon erzählte er seinen Dates allerdings nie.
Aus diesen wurde aber auch nie mehr als Freundschaft. Wobei viele Androiden kein Problem damit hatten, etwas unkonventionellere Freundschaften zu führen, da sie viele der sozialen Regeln - die die Menschen ihrer Gesellschaft auferlegt hatten - für unwichtig hielten. Da waren zum Beispiel Claire und Ash, die Connor schnell zu seinen guten Freunden dazu zählte und mit denen er intim war, während sie gleichzeitig auch andere Beziehungen führten.
Mit Androiden Sex zu haben, war ganz anders, als mit einem Menschen. Dinge wie Wire Play waren Connor zwar nicht fremd, aber sich währenddessen mit der anderen Person zu verlinken und die Empfindungen ihrer Körper miteinander zu teilen, das war neu für ihn. Es überwältigte seine Sinne auf die bestmöglichste Art, aber es war auch ein sehr verwundbarer Zustand. Denn manchmal sickerten Gedanken, Gefühle oder Bilder zur anderen Person durch, die man gar nicht teilen wollte.
Ash war aber nicht beleidigt oder verwirrt, als Connor eines Nachts aus Versehen eine Erinnerung an Hank durch ihren Link schickte. Claire war genauso verständnisvoll gegenüber den Dingen, die Connor im Bezug auf Beziehungen erfahren hatte und welche er noch lernen musste. Sie sprachen oft darüber und auch wenn Connor sich in den nächsten zwei Jahren nie in einer romantischen Beziehung wiederfand, war er mehr als zufrieden mit den Beziehungen, die er mit seinen Freunden führte. Sie schlossen die Leere in ihm nach und nach. Auch wenn er immer einen leichten Luftzug spüren konnte, der durch seine Brust wehte.
Hank verbrachte die nächsten zwei Jahre in erster Linie damit nüchtern zu bleiben. Er ging gewissenhaft zu AA Meetings, meldete sich ab und zu bei Michelle und Francis und ging wieder in Therapie. Und nachdem er umgezogen war - was wie so viele Entscheidungen schon lange überfällig gewesen war - fing er an, alte Hobbys und Gewohnheiten aufzuheben und abzustauben. Und je mehr Staub er von sich schüttelte, desto mehr fühlte er sich wieder wie ein lebendiges Wesen.
Ein halbes Jahr nachdem er das DPD verlassen hatte, ging auch Ben in Pension und Hank nahm das als Vorwand ihre alte Freundschaft wieder dort aufzunehmen, wo sie geendet hatte. Und er war erleichtert, als Ben sein Freundschaftsangebot ohne zu zögern annahm. Er lud Hank zum Abendessen mit seiner Frau Miranda ein und der fand sich in äußerst angenehmer und herzlicher Gesellschaft wieder, die er mehr vermisst hatte, als er sich bewusst gewesen war.
Es ging ihm besser wie schon sehr lange nicht mehr und jeden Tag war er dankbar für die Veränderung und den Fortschritt, den er gemacht hatte. Aber natürlich gab es Momente und Tage, an denen es schwer war nicht in alte Muster zu fallen und zur Flasche zu greifen. Coles Geburtstag, Todestag und Weihnachten, waren hart.
Aber in der Nacht, in der Sumo starb, war es besonders schwer.
Der Hund war schon sehr alt, als Hank ihn zum Tierarzt bringen und einschläfern lassen musste. Er redete sich ein, dass er ihm damit einen Gefallen getan hat, sonst wäre Sumo elendlich dahin gesiecht. Aber das linderte den Schmerz trotzdem kein bisschen.
Ben war bei ihm, als Hank ihn brauchte. Um zehn in der Nacht, öffnete er ihm die Tür, gab ihm etwas zu Essen, hörte ihm zu und ließ ihn bei sich am Sofa schlafen und am nächsten Tag aßen Hank, Ben und Miranda gemeinsam Frühstück.
Hank verspürte das Bedürfnis, Connor zu erzählen, was passiert war. Er hatte den alten Jungen geliebt. Aber Hank wollte sich nicht bei ihm mit schlechten Nachrichten melden. Er hatte schon genug schlechte Erinnerungen bei ihm hinterlassen. Trotzdem tröstete es ihn irgendwie sich vorzustellen, wie sie beide Sumo betrauerten.
Connor auf der anderen Seite betrauerte in dem Moment etwas ganz anderes.
Einer seiner Freunde hatte seinen Geburtstag gefeiert und auf dem Weg nachhause fand er sich in der Gegend wieder, in der Hank gewohnt hatte. Er wusste nicht wirklich wie er hier gelandet war, aber bevor er eine Antwort darauf finden konnte, sah er auch schon das Haus vor sich. Mit einem neuen Wagen davor. Und als Connor das Nummernschild checkte und im Licht des Wohnzimmers zwei Gestalten sah, die er nicht kannte, überkam ihn eine schleichende Angst. Er versuchte sich einzureden, dass Hank nur Besuch hatte, aber die Angst, dass eine ganz andere, viel schlimmere Tatsache vorlag, machte sich so laut in seinem Kopf, dass diese Stimme jegliche andere Erklärung schnell übermannte. Wenn jemand anderer hier leben sollte, was war dann aus Hank geworden?
Kalt knisterte die Angst in Connors Innerem, als er ohne nachzudenken auf die Eingangstür zu schritt und den Finger so lange auf die Klingel presste, bis die Tür aufging.
„Ja, was ist de- Oh“, sagte der Mann, der ihm öffnete. Er war wahrscheinlich in seinen frühen Dreißigern und er war offensichtlich verwirrt darüber wer dieser Androide war, der so spät am Abend bei ihm Sturm läutete.
„Sie- “, setzte Connor an und bemerkte, dass er mit seinem rot leuchtenden LED wohl einen etwas beunruhigenden Abendgast abgab. Er räusperte sich und versuchte die Sorge aus seinem Gesicht zu wischen.
„Ähm, verzeihen Sie die Störung. Ich bin nur- ich war gerade in der Gegend und ein alter… Freund von mit hat früher hier gelebt und als ich gemerkt habe, dass er nicht mehr hier wohnt, da… Sie wissen nicht zufälligerweise was mit ihm…“
Was mit ihm passiert ist, wollte er sagen. Aber er konnte es nicht aussprechen, weil er dadurch die Angst hätte aussprechen müssen, die ihn überhaupt an diese Türschwelle gebracht hatte.
Der Mann schien aber zu verstehen, denn sein Gesicht entspannte sich etwas und er sagte: „Ein alter Herr mit langen Haaren, oder?“
„Ja, genau“, sagte Connor erleichtert. Er hatte ihn also gekannt. Das bedeutete, Hank war nicht tot.
„Wir haben ihn einmal getroffen, um über das Grundstück zu reden. Soweit ich weiß ist er nur umgezogen.“
Connor konnte ein Lächeln nicht unterdrücken und der Mann sah ihn verständnisvoll an. Da erschien eine Frau hinter ihm und sah ihm über die Schulter, um zu sehen, was da vor sich ging.
"Es tut mir wirklich leid, wegen der Störung. Als ich gesehen habe, dass er nicht mehr hier wohnt, habe ich mir nur Sorgen gemacht."
"Kein Problem", versicherte ihm der Herr. Sie verabschiedeten sich peinlich berührt von einander und dann stand Connor wieder allein in der Nacht. Nur er und die warme Erleichterung darüber, dass Hank am Leben war. Die altbekannte Panik bei dem Gedanken, dass er tot sein könnte, hatte in ihm einen unangenehmen Nachgeschmack hinterlassen. Aber diese pure Freude zeigte ihm auch, wie viel Hank ihm noch bedeutete.
Lange war es jetzt her, dass die beiden ihre Beziehung beendet hatten und trotzdem kamen sie nie vollständig voneinander los.
Wohin auch immer sie das Leben führte und welche Entscheidungen sie auch trafen, an jeder zweiten Ecke schien die Erinnerung an den anderen zu warten. Connors Weltbild war von Hank geformt worden und ohne ihn, wäre er wohl eine ganz andere Person, das wusste er. Und genauso hatte Connor Einfluss auf Hank gehabt und sein Verständnis dafür, was für eine Person er war, erweitert. Sie dachten, sie würden so weiterleben, wie bisher. Immer verfolgt von dem Schatten einer wehmütigen Erinnerung. Aber den Weg alleine gehend.
Aber dann, als das dritte Jahr nach ihrer Trennung heranrollte, begegneten sie sich wieder.
Es war purer Zufall.
Connor saß in einem seiner Lieblingscafés - in dem er seine Liebe zu Thirium basierendem Kaffee gefunden hatte - und sah abwesend aus dem Fenster, während er auf eine E-Mail von seinem Boss antwortete, als er auf einmal ein vertrautes Gesicht sah. Er hatte den Blick über die Menge auf den Straßen schweifen lassen und hatte über irgendetwas nachgedacht, was er in dem Moment aber schlagartig vergaß.
Denn wen er da auf der anderen Straßenseite sah, war Hank.
Connor erkannte ihn sofort, obwohl seine Haare jetzt kurz geschnitten waren. Mit ein paar Locken die ihm seitlich über die Stirn fielen. Er hatte ein bisschen abgenommen und obwohl sein Gesicht müde aussah, wirkte er frischer, als Connor ihn in Erinnerung hatte. Er trug ein gelbes Hemd mit blauen Orangenscheiben darauf und der Anblick löste etwas in Connor aus. Der Leerraum in ihm, der über die Jahre langsam aber doch zusammengeschrumpft war, riss mit einem Mal auf und wurde mit einem Schwall prickelnder Freude gefüllt.
Ohne darüber nachzudenken, schnellte Connors Hand in die Höh und er winkte Hank zu. Und seine Thiriumpumpe setzte einen Schlag aus, als Hank ihn bemerkte. Für eine ewig lange Sekunde blieb alles stehen, als ihre Blicke sich trafen - überrascht und ungläubig. Connor merkte nicht, dass er lächelte, bis Hanks Mund dasselbe tat. Und dann bewegte er sich nach vorne. Als hätte er genauso wenig Kontrolle über seinen Körper wie Connor, überquerte er die Straße, machte die Tür des Cafés mit etwas viel Schwung auf und dann standen sie sich endlich gegenüber.
Existierten im gleichen Raum, nachdem sie nun fast drei Jahre lang nur in ihren Gedanken existiert hatten.
Connor stand auf, als Hank auf seinen Tisch zukam.
„Hey“, atmete Hank. Er war genauso überrascht darüber, sich hier über den Weg zu laufen, wie Connor. Seine Augen funkelten.
„Hi“, sagte Connor leise.
Sie umarmten sich und versuchten sich nicht in der vertrauten Nähe ihrer Körper zu verlieren. Aber für diese paar Sekunden, schien die ganze Welt um sie herum zu verschwinden. Sie hielten sich fest, streichelten sich über Rücken und Schultern und als sie sich endlich voneinander lösten und Hank sich auf den Sitz gegenüber von Connor setzte, war die Welt immer noch nicht zurückgekehrt.
“Wow. Was- ?”, setzte Hank an, aber er wusste gar nicht, was er fragen wollte. Connor lachte. Die ganze Situation war einfach etwas surreal und keiner von den beiden konnte es so recht glauben.
Dann war es Connor, der das Gespräch ins Laufen brachte.
„Was ich hier mache? Meine Freizeit damit verbringen E-Mails zu beantworten, anscheinend. Und Leuten auf der Straße zusehen - was sich endlich einmal ausgezahlt hat.“
Er strahlte Hank an, um dessen Augen sich Lachfalten bildeten.
„Und was machst du hier?“
„Ich war gerade auf dem Weg ein Geschenk für Bens Geburtstag zu kaufen. Seine Frau hat mir zum Glück gesagt, was er sich wünscht. Wie du weißt, bin ich furchtbar mit Geschenken.“
Connor kicherte und murmelte zustimmend, während er daran dachte, wie sehr er den Klang seiner Stimme vermisst hatte.
„Hast du noch Kontakt mit irgendjemandem aus dem DPD?“, fragte Hank. Sie brauchten beide noch etwas oberflächliches Gerede, bevor sie auf ein tiefere Ebene gehen konnten.
„Hauptsächlich mit Nines. Und durch ihn erfahre ich hier und da Neuigkeiten. Tina ist endlich zum Detective befördert worden“, erzählte Connor.
„Ah, gut für sie. Sie hat es verdient.“
„Ich hab damals mitbekommen, dass du in Pension gegangen und umgezogen bist. Wohin hat es dich verschlagen?“, wollte Connor wissen. Die Frage beschäftigte ihn schon lange.
„Oh, ich wohne immer noch in Detroit. Nur, woanders. Das Haus war voller Erinnerungen und Dinge… Es war Zeit für so etwas, wie einen Neuanfang“, sagte Hank langsam nickend. „Und wie geht es dir? Was machst du so? Bist du immer noch in…?“
„Private Security, ja. Obwohl ich gerade dabei bin Positionen zu wechseln. Der aktive Dienst ist nichts mehr für mich.“
„Neuanfänge, hm?“
Die beiden sahen sich lächelnd an, verlegen und offen.
„Du siehst gut aus“, sagte Connor dann, weil es stimmte und weil er beim Anblick von Hanks Lächeln ein Ziehen in der Brust spürte. Hanks Lächeln wurde daraufhin nur breiter.
„Du auch, Kid“, meinte er und weil Connors Anwesenheit ihn von Innen heraus so erwärmte und weil seine Augen ihn so sanft ansahen, legte Hank seine Hand, ohne darüber nachzudenken, auf Connors. Und dessen andere Hand, die nervös seine Tasse Thiriumkaffee gehalten hatte, bewegte sich ebenfalls über die Tischplatte und ergriff auch Hanks Hand.
Sie wollten sich so vieles sagen.
Connor wollte erzählen, dass er einen Hund hatte - einen Cockapoo namens Brownie. Und er wollte von seiner Arbeit erzählen, von seinen Freunden und davon, dass er Hank vermisst hatte. Auch Hank wollte am liebsten sein ganzes Herz vor Connor ausschütten. Aber stattdessen sahen sie sich nur in die Augen, badeten in der vertrauten Präsenz des anderen und schrieben Dinge in die Luft, die sie sich später irgendwann sagen würden.
Denn sie wussten beide mit unerklärlicher Sicherheit, dass sie noch viel Zeit miteinander haben würden.
