Chapter Text
Adam kann förmlich fühlen, wie ihm die Kinnlade runter fällt während er Ullrich anschaut. “Das ist jetzt nicht Ihr verschissener Ernst, oder?”
“Adam!” faucht Leo ihn von der Seite her an.
“Was?” fragt er und wendet sich seinem Partner zu, der deutlich besser mit der Situation umzugehen scheint als er. “Nur weil wir-”
“Ist gut jetzt,” unterbricht Leo ihn und legt ihm eine Hand auf den Arm.
Adam will sich eigentlich ärgern, dass Leo denkt, ihn wie ein wildes Tier beruhigen zu müssen, aber dummerweise funktioniert es. Angenehme Wärme und Kribbeln breiten sich von der Stelle aus, an der Leo ihn berührt und lenken Adam von seinem Ärger ab. Er muss quasi darum ringen weiter empört zu sein.
“Herr Schürk, das sollte keineswegs eine Beleidigung sein,” versichert Ullrich ihm mit einem versöhnlichen Lächeln. “Sie beide sind sehr fähige Ermittler, wir haben Sie für den Einsatz sowieso in Betracht gezogen und dass Sie-”
“Dass wir zwei Schwuchteln sind ist ein Bonus, oder was?” keift er zurück.
Vor zehn Minuten hat Leo einen Anruf erhalten mit der Bitte, sich möglichst zügig im Büro des Leiters der Mordkommission einzufinden. Da war Adam noch ziemlich froh, weil alle Mörder in Saarbrücken und Umgebung scheinbar momentan Sommerurlaub machen und sie nichts besseres zu tun haben, als den staubigen Aktenstapel auf ihren Schreibtischen abzuarbeiten und Beamtenmikado zu spielen.
Er wird zwar nicht gerne ins Büro vom Chef zitiert, aber heute macht er eine Ausnahme, wenn das heißt, er muss nicht länger hinter seinem Schreibtisch versauern. Oder er hätte eine Ausnahme gemacht, wenn ihr neuer Auftrag nicht wirklich beschissen wäre.
Wenigstens hat der Chef den Anstand peinlich berührt auszusehen, nach Adams Ausbruch. Das ist ja auch wohl das Mindeste. “Ich wollte sagen, dass es wenig Vorbereitung bedarf, weil Sie bekanntermaßen hervorragend zusammen arbeiten und demzufolge nicht erst das nötige Vertrauen aufbauen müssen, um Ihre Rollen zu spielen,” versucht er sich zu erklären.
Vielleicht würde Adam das Argument durchgehen lassen, wenn er nicht genau wüsste, dass einige Kolleginnen und Kollegen es immer noch komisch findet Adam in der Dienststelle zu haben, der sehr offen damit umgeht, dass er auf Männer steht. Am Anfang wurde das mit “Der ist ja aus Berlin.” weg erklärt — auch wenn Adam sich nicht sicher ist, was das damit zu tun haben soll — aber mittlerweile ist er schon so lange hier, dass das nicht mehr ganz funktioniert. Nur ist Ullrich eben einer von denen, wenn Adam das richtig einschätzt.
Es klingt sogar recht einleuchtend, aber Adam wäre nicht Adam, wenn er nicht gerne provoziert. “Und dass wir schwul sind hat damit natürlich rein gar nichts zu tun,” meint er erneut, weil er ihm nicht glaubt und außerdem ein Arschloch ist.
Wieder kann er Leos warme Hand auf seinem Arm fühlen und sieht zu seinem Partner. Der lächelt ihren Chef unverbindlich an und macht schon einen Schritt zurück. “Würden Sie uns für einen Moment entschuldigen?” fragt er höflich, bevor er Adam aus der Tür zieht.
Adam will sich schon bei seinem Partner entschuldigen. Leo ist ja nicht schwul sondern bi, was laut Esther auch den meisten bewusst ist — Leo hat früher wohl kein großes Geheimnis draus gemacht wenn er einen Freund oder eine Freundin hatte, auch wenn das noch nicht vorgekommen ist, seit Adam wieder zurück ist — aber trotzdem hält Adams Argument stand: nur weil sie die einzigen beiden Männer in der Dienststelle sind, die theoretisch auf Männer stehen, heißt dass nicht, dass sie auch die einzigen sind, die für dieses Undercovereinsatz in Frage kommen.
Kurz kommt der Gedanke auf, dass er sich weniger dagegen sträubt, weil er zu einem Couples Retreat irgendwo in der Pampa fahren soll, um zu überprüfen, ob das Ressort als Umschlagplatz für Drogen genutzt wird, sondern weil er ausgerechnet mit Leo undercover gehen soll, aber das schiebt er ganz schnell von sich. Seine Gefühle bezüglich seines Partners und besten Freundes zu beleuchten, das macht er nur, wenn er schon was getrunken hat und alleine in seinem Bett liegt.
“Adam, komm, reg dich nicht so auf,” bittet Leo ihn sobald er die Tür zum Büro von Ullrich hinter sich zugezogen hat. Seine Stimme ist immer noch ruhig und besonnen, sein ganz besonderer “Adam-beruhigen” Tonfall.
“Nicht so-” faucht er und fährt sich mit beiden Händen durch die Haare. “Leo, echt jetzt? Glaubst du den Mist etwa den er erzählt?”
Leo schnaubt und lehnt sich entspannt an die Wand, die Hände in den Taschen seiner Jeans vergraben. “Natürlich nicht, aber er hat nicht ganz unrecht damit, dass wir eine gute Wahl sind für einen Job wie den.”
Adam hat keine Ahnung wie er so ruhig sein kann. Er selbst ist dabei den Flur auf und ab zu tigern. “Nur weil wir-”
“Weiß ich, okay?” unterbricht sein Partner ihn. “So meinte ich es auch gar nicht.”
“Wie meinst du es denn dann?” fragt er zurück und zwingt sich einen tiefen Atemzug zu nehmen.
Leo ist nicht derjenige, der ihn gerade aufregt. Auf Leo kann er gar nicht wütend sein, nicht mal wenn er Adam bittet seinen Bericht nochmal zu schreiben, weil er nachts um drei die Hälfte vergessen hat.
Mit einem Lächeln stößt Leo sich von der Wand ab und macht einen Schritt auf Adam zu. Er bleibt so dicht vor ihm stehen, dass Adam sein Aftershave riechen kann und sofort vergisst er ein noch bisschen mehr von seinem Ärger.
“Kennst du irgendwelche Kollegen, die so gut zusammenarbeiten wie wir?” fragt Leo leise, “Die das auch nur annähernd so überzeugend spielen könnten wie wir?”
Grummelnd muss Adam ihm Recht geben.
“Mal ganz abgesehen davon,” fährt er unbeirrt fort. “Kannst du dir vorstellen wenn jemand wie Schank von der Anmeldung das machen müsste? Oder Strombach aus der OK?”
Adam zuckt unweigerlich zusammen. Die beiden haben sich letztes Jahr lautstark in der Kantine darüber ausgelassen, wie furchtbar sie es finden, dass die Beflaggung an einem einzigen Tag im Jahr auch eine Regenbogenfahne umfasst. Sie undercover in ein Ressort für queere Leute zu schicken ist vermutlich keine Gute Idee.
“Ich find’s trotzdem nicht gut,” brummt er und lässt sich gegen die Wand sacken.
Leo rollt mit den Augen und lehnt sich neben ihn. “Okay, wie wär’s damit: wir werden quasi für ein paar Tage in den Urlaub geschickt und müssen keine Akten mehr wälzen. Unser Arbeitgeber zahlt eine horrende Hotelrechnung, damit wir ein bisschen in anderer Leute Kram herum schnüffeln können, was für dich sowieso ein Hobby ist-”
“Hey!” wirft Adam empört ein, auch wenn Leo natürlich vollkommen Recht hat.
“Und das einzige was wir machen müssen,” fährt Leo unbeirrt fort, “um unsere Tarnung aufrecht zu erhalten, ist so zu tun, als würden wir ein bisschen rumknutschen und versuchen unsere Eheprobleme aufzuarbeiten.”
Leo sieht in mit seinen hübschen blaugrünen Augen an und wirkt dabei so entspannt, dass Adam einen Moment braucht. Er ist froh, dass er es darauf schieben kann, dass er mit sich selbst ausdiskutiert, ob er diesen Einsatz annimmt und dass Leo nie erfahren muss, dass sein Kopf gerade ganz woanders ist.
Um ihre Tarnung aufrecht zu erhalten, muss Adam so tun, als würde er mit Leo rumknutschen. Was vielleicht bedeutet, dass er ihn wirklich wird küssen müssen .
Er, Adam, muss Leo küssen. Bei dem er sich schon als Teenager vorgestellt hat, wie es sein könnte und der jetzt, wo sie erwachsen sind, die Hauptrolle in seinen Träumen spielt.
Diesen Auftrag anzunehmen ist eine ganz, ganz dumme Idee, realisiert er auf einmal. Denn auch wenn es einfach klingt, gehören noch ganz andere Sachen dazu. Sie werden sich ein Zimmer teilen, ein Bett und er wird so tun müssen, als sei er in Leo verliebt.
Was, so muss er sich auch eingestehen, vermutlich leichter ist, als so zu tun, als würden sie sich gerade streiten. Darin sind sie nun wirklich nicht gut, zumindest nicht über einen längeren Zeitraum.
“Komm schon,” versucht es Leo nochmal. “Ist außerdem nur Drogenfahndung und keine Mordermittlung. Was soll schon schief gehen?”
“Okay,” seufzt er nachdem er es nicht weiter rausschieben kann. Wenn Leo ihn weiter so durchdringend ansieht, dann würde er sowieso zu allem ja sagen. Und ein bisschen ermitteln während er irgendwo am Wasser liegt- Da gibt’s sicher Schlimmeres.
Schon allein Leos strahlendes Lächeln als er zustimmt ist es eigentlich wert. Dummerweise kann er es aber gar nicht richtig auskosten, weil ihr Chef genau in diesem Moment die Tür zu seinem Büro aufreißt und sie beide abwartend ansieht. “Und?” fragt er etwas gehetzt. “Machen Sie’s?”
Natürlich machen sie’s und der Rest des Tages vergeht in hektischer Geschäftigkeit. Sie sollen ihren ‘Urlaub’ schon am nächsten Tag antreten — Adam beschwert sich schon aus Prinzip darüber, dass sie nicht mehr Zeit hatten — und dafür gibt es einiges vorzubereiten.
Als erstes werden sie direkt zur Drogenfahndung geschickt, damit die Kollegen dort sie für den Einsatz briefen können. Viel, das Leo und ihm helfen könnte, haben sie leider nicht, wie ihnen ein bulliger Typ mit hamburger Dialekt erklärt. Sie gehen davon aus, dass die Drogen zusammen mit Lebensmittellieferungen aus Frankreich gebracht werden und das Ressort als Umschlagplatz genutzt wird.
Die Urlauber sind nicht die eigentlichen Abnehmer, erfahren sie von einem französischen Kollegen. An sie geht zwar auch ein kleiner Teil, aber nicht genug, als dass es sie interessieren würde.
Der Besitzer des Hotels ist wegen Drogenbesitzes vorbestraft, aber das war eine einmalige Sache in seiner Jugend und seitdem ist er nicht wieder aufgefallen.
“Okay,” nickt Adam und wirft die Akte auf den Tisch, die man ihm für die Besprechung in die Hand gedrückt hat und in der eigentlich nichts drin steht. “Und warum müssen wir da jetzt ausgerechnet diese Woche rein?”
“Anonymer Tipp,” meint der mit dem hamburger Dialekt. “Diese Woche soll irgendwas Großes kommen.”
Adam hat noch ungefähr hundert Fragen — die meisten drehen sich immer noch darum, warum ausgerechnet er und Leo das machen müssen, warum genau jetzt, warum genau als Ehepaar und nicht als Mitarbeiter, und warum nicht irgendein Serienkiller die Stadt heimsuchen kann, damit er aus der Sache wieder rauskommt — aber für Leo scheint alles klar. Mit einem versöhnlichen Lächeln steht er auf und schüttelt Hände.
“Und ich glaube wir müssen dann los,” meint er fast schon entschuldigend. “Wir müssen dann wohl noch packen.”
Der Typ mit dem hamburger Dialekt nickt. “Ja, natürlich. Wenn noch was is’, dann hab ich ja eure Nummern.” Er winkt ihnen aus dem Sitzen zu und entlässt sie damit aus der Besprechung.
Die Fragen kreisen noch immer durch Adams Gedanken als er Leo zurück in ihr eigenes Büro folgt. Er ist so damit beschäftigt sich mental darauf vorzubereiten, wie er die nächste Woche überleben soll — geschweige denn ermitteln — dass er nicht einmal bemerkt, dass Leo ihn etwas gefragt hat bis er stehen bleibt, und Adam ihm in den Rücken läuft.
“Alles in Ordnung?” fragt er leise, und sieht sich um, als würde er nicht wollen, dass die Kollegen sie hören.
Adam winkt ab. Er kann Leo ja schlecht die Wahrheit erzählen. “Klar, überlege nur, was ich einpacken soll.”
Leo nickt. Wahrscheinlich ergibt das für ihn total Sinn und er hat sich mental schon längst eine List angelegt, was er alles mitnehmen muss. Die wird sicher auch verschriftlicht und seinem Koffer beigefügt, damit er, wenn sie wieder nach hause fahren, auch ja nichts vergisst.
Es ist bezaubernd, dass Leo noch genauso ein Streber ist wie früher in der Schule, auch wenn er jetzt gar nicht mehr danach aussieht.
“Ich weiß nicht, ob Hauk dir die Infos auch per Mail geschickt hat,” erzählt er weiter, so als ob Adam wüsste wer Hauk ist, “aber ich kann dir die auch nochmal weiterleiten. Auf der Website ist eine Liste mit Aktivitäten, wenn du dir die anguckst, dann weißt du sicher besser Bescheid.”
Hauk ist vermutlich der Typ mit dem hamburger Dialekt, überlegt Adam und nickt. Die Infos könnt er vermutlich wirklich nochmal gebrauchen. “Ja, das wäre nett,” antwortet er unverbindlich.
“Passt es dir, wenn ich dich morgen um acht abhole?” fragt er. “Ergibt ja keinen Sinn wenn wir erst nochmal herfahren. Wir sind ja eh freigestellt.”
Sollten sie je wirklich in den Urlaub fahren, denkt Adam sich, dann wird er Leo definitiv die Planung überlassen. “Acht ist okay,” antwortet er. “Und ich kann auch fahren, wenn du magst.”
Leo schüttelt den Kopf und lächelt. “Das passt schon, aber danke.”
Damit wendet er sich wieder von Adam ab und geht die letzten Meter zu ihrem Büro.
Die Kolleginnen sind natürlich neugierig und wollen wissen, warum sie zu ihrem Vorgesetzten mussten. Die Neugierde schwingt schnell in Neid um, weil sie nicht dafür in Betracht gezogen wurden, als ob irgendjemand Esther mit ihrem Babybauch in einen Außeneinsatz schicken würde.
“Wird sicher eh langweilig,” meint Pia dann irgendwann halb im Spaß, vermutlich um Esther zu besänftigen. “Am Ende kommen da gar keine Drogen und ihr schnüffelt eine Woche lang umsonst Landluft.”
“Hauptsache wir haben es versucht,” antwortet Leo diplomatisch während er seine Sachen packt. “Aber mehr erzählen wir euch dann wenn wir wieder zurück sind.”
Nachdem Adam und Leo sich vor dem Präsidium verabschiedet haben, ist er direkt nach hause gefahren, um zu packen. Da er lange aus seiner Reisetasche gelebt hat, geht das ziemlich schnell und er versteht nicht so recht, warum Leo einen ganzen Nachmittag braucht, um sich auf eine Woche fake-Urlaub vorzubereiten.
Er wüsste es allerdings gerne, weil er aus Ermangelung besserer Alternativen den Rest des Tages mit Nachdenken verbringt.
Ein Blick auf die Website hat Adam gereicht, und er hat sein Tablet gleich wieder ans andere Ende der Couch geworfen. Das ganze Resort ist auf Pärchen-Urlaube spezialisiert, mit romantisch gestalteten Zimmern und Bungalows, Bäumen und Hecken, die Sichtschutz bieten, Nischen und Eckchen soweit das Auge reicht, übergroßen Betten-
Da ist natürlich sofort wieder Adams übereifrige Fantasie mit ihm durchgegangen und er musste raus auf seinen Balkon gehen und eine rauchen. Die Alternative wäre eine eiskalte Dusche, aber er ist sich leider ziemlich sicher, dass der Gedanke daran, sich mit Leo während der nächsten Woche ein Bett zu teilen, ihn heute noch häufiger überraschen wird.
Er ist Mitte Dreißig, mit einem anderen Mann im selben Bett zu schlafen stört ihn eigentlich nicht. In Berlin hat er einige Nächte mit seinem Mitbewohner im selben Bett gepennt, weil sie beide nach dem Feiern zu betrunken waren, um danach noch in ihr eigenes zu stolpern. Es hat ihm nicht einmal etwas ausgemacht, dass Vincent sich wie ein Oktopus im Schlaf um ihn geschlungen hat, auch wenn ihm am Morgen dann immer unerträglich heiß war.
Das Problem ist Leo, oder vielmehr Adams Gefühle und nicht sehr jugendfreie Gedanken seinen besten Freund betreffend. Sich vorzustellen, dass Leo sich eng um ihn schlingen könnte und dass auch noch bei dem warmen Wetter in letzter Zeit bei dem er vermutlich keine zugeknöpften Schlafanzüge trägt-
Adam zieht nochmal an seiner Zigarette und konzentriert sich darauf, das Kribbeln im Bauch zu unterdrücken. Das macht er, solange bis nur noch der Filter übrig ist und er sich wieder auf seine Couch begibt.
Wie seltsam wäre es wohl, wenn er sich kategorisch weigert, in diesem Bett zu schlafen? Er könnte es ja Leo überlassen und die Couch nehmen, wenn es denn eine gibt. Notfalls tut es sicher auch eine ausgepolsterte Badewanne. Oder er könnte nachts ermitteln, wenn alle anderen schlafen und erst ins Bett gehen, wenn Leo aufsteht, sich quasi im Schichtdienst mit ihm abwechseln.
Vermutlich ist diese Option für ihn weniger peinlich als alle anderen.
Mit einem frustrierten Stöhnen lässt er sich gegen die Rückenlehne seiner Couch fallen und presst die Handballen gegen seine Lider. Warum auch muss er sich in Leos Gegenwart immer so fühlen wie ein Teenager, der das erste Mal verknallt ist?
“Bringt ja nichts,” murmelt er sich selbst zu und zwingt sich aufzustehen. Irgendwie wird er diese Woche schon überleben, auch wenn er am Tag dreimal kalt duschen muss.
Bevor er sich zwingt sich schlafen zu legen, schickt er noch ein kurzes Stoßgebet zum Himmel. Er hofft, dass sie im Ressort Drogen finden. Nicht nur, um den Auftrag so schnell wie möglich hinter sich zu bringen, sondern auch, damit er Leo überlebt.
Es gibt nämlich einen Pool und wenn sie den nutzen- So ein bisschen chemische Beruhigung wäre sicher nicht schlecht.
Entgegen seiner Erwartungen hat Adam einigermaßen vernünftig geschlafen. Wie immer hat es zwar ewig gedauert, bis er weggedämmert ist, aber immerhin ist es irgendwann passiert und ihn haben keine Albträume heimgesucht.
Dass er heute morgen schwitzend und keuchend aufgewacht ist, das hatte andere Gründe, über die er sich nach seiner Dusche kategorisch weigert nachzudenken.
Zehn vor Acht steht er mit seinem Rucksack unten vor dem Wohnhaus und wartet auf Leo. Er hat alle Unterlagen, die die Drogenfahndung ihnen geschickt hat beim Frühstück noch einmal durchgelesen und dabei nichts interessantes entdeckt, aber immerhin hat er so seine Zeit produktiv totgeschlagen.
Trotzdem war er zu früh fertig und ist dann in seinem Wohnzimmer auf und ab getigert. Nach draußen zu gehen war die einzige Möglichkeit, um den Haussegen zu retten, weil er mit seinen Schritten sonst die Nachbarn von unten genervt hätte.
Aber er ist eben nervös. Er ermittelt gerne mit Leo, sie funktionieren als Team hervorragend, da hat er schon Recht, nur sind sie da Partner. Adam kann sich hinter Kollegialität verstecken, ihrer langjährigen Freundschaft und der
Wenn es zum Äußersten kommt und er und Leo wirklich eine Woche lang ein Ehepaar spielen müssen- Er ist sich nicht sicher, dass er dann überhaupt noch irgendwas verstecken kann.
Adam ist so in seinen Gedanken versunken, dass er nicht aufsieht, als ein Auto am Bordstein vor ihm hält. Erst als ein lautes Hupen ihn aufschreckt, bemerkt er, dass Leo am Steuer sitzt.
Verdutzt sieht er das rote Cabriolet an, das ganz eindeutig nicht Leos Auto ist. Das kennt Adam nämlich mittlerweile so gut, dass er auf seiner Couch liegen und die Motorgeräusche von denen anderer Wagen unterscheiden kann.
“Leo?” fragt er, so als würde sein Freund ihn nicht vom Fahrersitz aus angrinsen.
“Guten Morgen,” meint er und schiebt sich die Sonnenbrille in die Haare.
Etwas zögerlich tritt Adam neben die Beifahrertür. “Was ist mit deinem Dienstwagen passiert?” fragt er und fummelt am Riemen seines Rucksacks herum.
Leo zuckt die Schultern und stellt endlich den Motor ab. Das ist auch gut so, weil Adam sicher noch einen Moment braucht, um sich mit dem Gedanken anzufreunden. “Hab ich gegen Caros eingetauscht,” erklärt er gut gelaunt. “Ich dachte mir, dass hier passt besser zum in den Urlaub fahren.”
“Und mit deinem Auto geht das nicht?” fragt er ausweichend und lässt endlich seinen Rucksack auf den Rücksitz fallen, wo auch Leos Tasche schon liegt.
“Doch, klar,” lacht Leo und hebt fragend eine Augenbraue. “Hast du was dagegen?”
Natürlich hat Adam nichts gegen das Auto. An sich sieht es ja nicht schlecht aus. Er weiß nur schon jetzt, dass er nicht gut damit klarkommen wird, Leo in den nächsten Stunden beim Fahren zu beobachten, mit vom Wind zerzausten Haaren und der Sonne im Gesicht.
“Hab keine Sonnenbrille,” grummelt er also als Ausrede und lässt sich widerwillig in den Sitz fallen.
Leo, der immer auf alles vorbereitet zu sein scheint, lehnt sich zwischen den Sitzen zurück. Als er wieder auftaucht, drückt er Adam eine zweite Sonnenbrille in die Hand.
“Achso,” meint er, die Hand schon am Schlüssel. “Hier, den brauchst du noch.”
Adam nimmt entgegen, was auch immer Leo da gerade aus seiner Hosentasche gezogen hat. Es dauert einen Moment bis er versteht, was ihm da gerade in die Hand gedrückt wurde.
“Was ist das?” fragt er, unnötigerweise, weil es eigentlich ziemlich klar ist.
“Ein Ehering?” bestätigt Leo seine Vermutung und wackelt mit seinen Fingern im morgendlichen Sonnenlicht, damit Adam das Pendant sehen kann zu dem, der immer noch in seiner Hand liegt, bevor er den Motor startet. “Ist das nicht offensichtlich?”
Natürlich ist es offensichtlich. Adam hätte nur ein bisschen Zeit gebraucht, sich mental darauf vorzubereiten, dass Leo ihm einen Ring präsentiert. Vielleicht so ein bis zwei Jahre wären gut gewesen. Auf jeden Fall nicht so überraschend und irgendwie aus dem nichts.
Auch wenn, dass muss er sich eingestehen, er damit hätte rechnen können. Sie spielen immerhin ein Ehepaar und Leo nimmt seinen Job sehr ernst. Vermutlich war es naheliegend auch wenn das nichts an der Tatsache ändert, dass der goldene Ring in seinen Hand sich förmlich in seine Haut brennt und Adam es nicht auf die Reihe kriegt, ihn über seinen Ringfinger zu streifen.
Leo. Ehering . Er fühlt sich wie ein Computer, der sich kurz vor dem unabwendbaren Crash nochmal so richtig aufheizt.
“Was-” Adam muss sich räuspern, bevor er das eine Wort mühsam zwischen seinen Zähnen hervor pressen kann. “Äh, wo hast du den denn auf die Schnelle aufgetrieben?”
Ordnungsgemäß sieht Leo sich um, bevor er langsam losfährt und Adam nur einen Seitenblick zu wirft. “Hab meine Mama gefragt. Sie hat die von meinen Großeltern aufgehoben und Caro wollte sie damals nicht.”
Wieder muss Adam um Luft und Beherrschung ringen, weil Leo das einfach so dahin sagt. Adam ist nun wirklich nicht so der Familienmensch, seine eigene Blutsverwandtschaft könnte ihm egaler nicht sein, aber Leo ist einer. Er kommt aus einer guten Familie, die sich am Wochenende treffen, um zusammen Kaffee zu trinken und sich auszutauschen.
Leo ist niemand, der diese Ringe auf die leichte Schulter nehmen würde.
“Du willst echt Familienerbstücke für einen Undercover Einsatz verwenden?” fragt er darum und flucht innerlich, weil seine Stimme piepsig klingt. Er muss seine Lungen unbedingt endlich dazu bekommen wieder richtig zu funktionieren.
“Klar, warum nicht?” antwortet Leo und fährt locker in Richtung Autobahn. “Unsere Tarnung macht es glaubwürdiger und du bist ja nicht irgendwer.”
Herz, Aussetzer und so weiter. Man kennt es mittlerweile. “Was soll das denn jetzt heißen?”
Leo zuckt mit den Schultern. “Naja, ich weiß, dass ich dir damit vertrauen kann,” meint er. “Du wirst ihn schon nicht einfach so verlieren.”
Seufzend streift Adam den Ring endlich über seinen Finger. Er passt und er will am liebsten anfangen zu heulen. Wenn jetzt gleich sein Wecker klingelt, dann kann er für nichts mehr garantieren, dann flippt er aus.
“Wie lange waren deine Großeltern nochmal verheiratet?” nuschelt er und starrt wie gebannt das goldene Band an.
“Fast siebzig Jahre lang,” meint Leo und wendet sich ihm mit einem Lächeln zu. “Ziemlich beeindruckend, oder?”
“Ja. Total beeindruckend.”
Noch beeindruckender wäre es allerdings, wenn Adam auch nur die nächsten siebzig Stunden überlebt.
Adam korrigiert die Stunden, die er überleben muss, um das ganze hier als Erfolg zu verbuchen, ziemlich schnell nach unten. Wenn er es auch nur einen Tag lang schafft, sich nicht vollkommen zum Deppen zu machen, dann hat er gewonnen.
Er würde allerdings gegen sich selbst wetten, wenn er könnte, weil er schon wieder einen dieser Momente hat, in dem er Leo ansieht und einfach nicht weiß wohin. Wohin er schauen soll, wohin mit seinen Gefühlen, wohin mit ihnen beiden, falls er sich doch mal trauen sollte. Dabei sind sie aber gerade erst einmal aus der der Stadt rausgefahren und Leo hat mit einem fast schon spitzbübischen Grinsen den Motor des Cabrios aufheulen lassen.
Es ist eine so unschuldige Freude, eigentlich ganz banal, aber das Grübchen in seiner Wange lässt Adams Herz schneller schlagen. Es pocht so laut, dass er überrascht ist, dass Leo es nicht hören kann.
Und es ist ja nicht nur das Grübchen, die ihm den Atem rauben und den Kopf verdrehen. Es sind die vom Fahrtwind zerzausten Haare, die Lachfalten an den Rändern seiner Augen, die Adam auch an der Sonnenbrille vorbei erkennen kann. Es sind die entspannten Schultern und wie Leo im Takt der kaum zu verstehenden Musik mit dem Finger auf das Lenkrad klopft.
Da ist außerdem noch das bunte Hemd, über das Adam gerne gestichelt hätte, hätte Leo nicht vergessen, die obersten Knöpfe zu schließen. Hat er aber und so wird der Stoff vom Sicherheitsgurt zur Seite gezogen, entblößt Sonnengebräunte Haut und beschert Adam eine staubtrockene Kehle.
Als er abbremsen muss, wendet Leo sich einen Moment zu Adam. Was auch immer er sieht, er hält er für nötig Adam in die Schulter zu knuffen.
“Jetzt entspann dich mal,” meint er ebenso gut gelaunt wie er aussieht. “Mehr Sommerurlaub bekommen wir für eine Weile nicht.”
Dann grinst er und Adam muss sich wieder korrigieren: zwölf Stunden. Wenn er’s bis dahin überlebt kann er sich hoffentlich am Buffet die Kante geben und danach tot ins Bett fallen und nicht daran denken, dass Leo im selben Bett schläft.
