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Oak and Mistletoe

Summary:

After a life dominated by a strange form of sickness, Thorin is sent to the Shire to seek a cure only Bilbo Baggins can offer.

Notes:

Chapter 1: To Meet

Chapter Text

Der erste Rabe war vom Zauberer gekommen.

Sein dauerhaftes Picken hatte Bilbos Frühstück unterbrochen und er leckte sich die Erdbeermarmelade vom Finger mit einem Seufzen, bevor er das Fenster aufmachte und den Vogel hinein ließ. Die Krallen klackten auf dem Küchentisch, als er näher sprang und erwartungsvoll neben dem Teller mit dem halb gegessenen Mahl stand.

„Ist ja gut, warte kurz.“, murmelte er, als seine Finger die aufgerollte Nachricht von dem knochigen Bein aufknoteten.

Er nahm einen weiteren Bissen von seinem Toast und fing an, den Brief zu lesen, aber als er die paar Zeilen in Gandalfs bekannter Schrift überflog, wurde das Geräusch seines knusprigen Kauens immer langsamer, bis es komplett aufhörte, als er die letzte Zeile las. Er wusste, dass ihn nur wenig von einem Zauberer kommendes überraschen sollte, aber das hier...

Nachdem er mit etwas Schwierigkeit geschluckt hatte, saß er leise da, als er über die Nachricht nachdachte.

Schließlich stand er auf.

„Okay.“ Er schloss seinen Bademantel. „Okay. Zuerst den Schrank mit der Bettwäsche überprüfen und...“

Bilbo wurde in seinem Denken unterbrochen von einem beleidigten Ziehen an seinem Gürtel und schaute hinunter auf seinen Vogel Begleiter.

„Oh, tut mir leid.“ Bilbo zeigte auf den Rest seines Frühstücks. „Nimm dir ruhig.“

Als er so zuschaute wie der Rabe den Rest seines Specks verspeiste, verfasste Bilbo eine Antwort an den Zauberer in seinem Kopf, obwohl die Nachricht von Gandalf weder für Ablehnung noch Akzeptanz für diesen komischen Vorschlag Raum gelassen hatte.

Er schaute hinunter auf den Vogel, als er seinen Schnabel auf der Suche nach Toastkrümeln über den Teller schweifen ließ.

„Der Zauberer spricht deine Sprache, oder nicht?“

Der Rabe legte seinen Kopf schief, bewegte ihn zwei Mal rauf und runter.

„Wirst du ihm sagen...“ Er tappte drei Mal nachdenklich auf den Tisch. „Sage ihm, dass ich das beste Schlafzimmer fertig haben und die Ankunft dieses Zwergenprinzen am Anfang des Sommers erwarten werde.“, endete Bilbo mit einem entschiedenen Nicken.

Der Rabe gab ein letztes Krähen von sich und flog aus dem noch immer offenen Fenster. Er umrundete Beutelsend ein Mal, bevor er sich nach Norden aufmachte, wo Gandalf der Graue während eine seiner vielen Reisen gerade war.

 

X-X

 

Der zweite Rabe kam aus Erebor.

Bilbo hatte den sonnigen Tag genutzt, um in seinem Garten zu arbeiten, als eine kratzige Stimme von hinter ihm kam.

„Guten Morgen.“, sagte sie.

„Guten Morgen.“, antwortete Bilbo abgelenkt, an einem hartnäckigen Unkraut zupfend. „Schöner Tag heute, nicht wahr?“

„Hier unten schon. Dort wo ich normalerweise fliege ist es ein wenig kühler.“

„Fliege?“ Bilbo unterbrach seine Arbeit und drehte sich herum, als er sich den Schweiß von der Stirn rieb, sodass ein Streifen Dreck dort zurückblieb.

Der größte Rabe, den er je gesehen hatte, stolzierte seinen Gartenzaun herauf und herunter und seine perlenden Augen nahmen sowohl den kleinen Hügel als auch den davor stehenden unordentlichen Hobbit ein.

Bilbo blinzelte. „Du sprichst Westron?“

Der Vogel schüttelte seine Federn aus. „Natürlich tue ich das. Ich bin immerhin ein Rabe vom Rabenhügel. Wir sprechen alle bekannten Sprachen Mittelerdes, und auch ein paar der unbekannten.“, sagte er, als er seine Flügel ein, zwei Mal ausbreitete, um offensichtlich diesen Hobbit aus dem Auenland zu beeindrucken.

Bilbo nickte, wollte nur höflich sein zu einem Wesen mit solch großen und scharfen Krallen. „Und wo ist der Rabenhügel?“

„Innerhalb des großen Bergkönigreichs Erebors.“, sagte der Rabe, als er auf einen Pfosten im Zaun sprang, starrte hinunter auf Bilbo von seiner hohen Position. „Thrain ist mein Gebieter und ich und meine Sippe folgen seinen Befehlen.“

Bilbo erkannte die Namen von Gandalfs Nachricht und begann zu verstehen. „Und was hat König Thrain dir befohlen, hier im Auenland zu tun?“

Der Rabe streckte seine Brust raus. „Um dir zu sagen, dass er seinen Sohn, Kronprinz Thorin, geschickt hat, um in deinem...“ Er schaute zurück auf Bilbos Zuhause. „In deinem Loch in dem Hügel zu wohnen. Du kannst seine Ankunft innerhalb eines Monats erwarten.“

Bilbo sträubte sich ein wenig ob der Beschreibung seines gemütlichen Zuhauses, aber er lächelte gezwungen den Raben an. „Danke, dass du es mir erzählt hast. Und du kannst deinem König wiedergeben, dass ich versuchen werde, dass der Prinz eine erholsame Zeit unter meinem Dach haben wird, und ich hoffe, dass sein Aufenthalt im Auenland zu seiner Zufriedenheit sein wird.“

Die großen, schwarzen Flügel breiteten sich aus und der Rabe machte ein paar Schläge, um genug Druck unter ihnen aufzubauen. „Du kannst es versuchen, Meister Beutlin.“ Seine Füße hoben vom Zaun ab. „Aber ich wette, dir wird es nicht gelingen.“ Er flog über die Wiese unter Bilbos Hügel, seine kratzige Stimme mit dem Wind kommend.

„Denn nichts gibt Prinz Thorin Zufriedenheit!“

 

X-X

 

Bilbo verbrachte den nächsten Monat damit, sich auf den Royalen Besuch vorzubereiten. Nicht, dass Königtum dem Volk im Auenland viel bedeutete, doch er war schon immer Stolz auf sein Zuhause, sein Essen und seine Gastfreundschaft gewesen. Und alle drei mussten perfekt sein, um diesem fordernden Prinzen zu gefallen. Er konnte ja schließlich nicht nach Erebor zurück reisen und von unhöflichen Hobbits erzählen.

Am ersten Abend des Sommers, genau ein Monat nach dem Besuch des letzten Raben, lief Bilbo in seiner Vorratskammer herum, schaute mit voller Zufriedenheit auf alles, das er für seinen Gast vorbereitet hatte: Würste, die reifsten Käse, eine Auswahl an Früchten und Gemüse aus seinem eigenen Garten und sogar den Kümmelkuchen seiner Mutter extra gebacken zu Ehren seines Gastes, und Bilbo hoffte, dass der Prinz bald kommen würde; ansonsten wäre es nichts außer einer trockenen und geschmacklosen Hülle.

Aus dem Fenster auf die dunkler werdende Straße schauend, entschied er sich dafür, das letzte Mahl des Tages vorzubereiten. Wenn es der Prinz schaffte, noch heute anzukommen, konnte er das immer noch mit ein paar kalten Kartoffeln vom Mittagessen ergänzen, vielleicht einem heißen Kartoffelsalat mit Zwiebeln, und es wäre immer noch genug für zwei da.

Aber der Prinz kam nicht zum Abendessen an.

Das Feuer in seinem Wohnzimmer war fast aus, als Bilbo einen letzten Blick auf den Pfad warf, der zu seinem Zuhause führte. Alles still. Er zog sich vom Fenster zurück und unterdrückte ein Gähnen, bevor er sich in sein Schlafzimmer begab. Jetzt war es zu spät, dass noch jemand an der Tür klopfte, dachte er, als er sich seinen Pyjama anzog. Sein Kopf fiel auf sein Kissen, als er darüber nachdachte, was einen Prinzen und sein Gefolge auf der Straße verspäten könnte. Bilder von angreifenden Tieren oder einladenden Gasthäusern entlang der Straße waren die letzten Dinge, die ihm durch den Kopf gingen, bevor er sich umdrehte und einschlief.

Er wusste nicht, was ihn aufweckte, aber er war wach, starrte hinauf an die Decke. Sein Schlafzimmer war getränkt in goldenes Licht von einer tief hängenden Sonne. Es war noch immer früh, viel früher als Bilbo, der gemütliche Hobbit, der er war, aus dem Bett steigen wollte. Er streckte die Arme über dem Kopf, griff nach seinem Kissen und schüttelte es auf, bevor er sich auf seine Seite drehte, mit dem Rücken zum Fenster.

Aber es brachte nichts. Diese warmen Sommermorgen waren nicht geeignet dafür, lange im Bett zu bleiben. Auch wenn seine Augen geschützt waren, die Sonne kitzelte immer noch seinen Nacken und seine Decke wurde viel zu warm. Mit einem Seufzen schmiss er sie zurück, schlurfte zur Seite seines Bettes und stand auf.

Bilbo gähnte, als er in die Küche tappte, machte einen losen Knoten aus dem Gürtel seines Bademantels, bevor er den Ofen anschmiss.

Er schloss die Metalltür als die kleinen Flammen den frischen Klotz entlang leckten und ging zur Vorderseite seines Zuhauses, wollte sehen, wie das Auenland so früh am Morgen aussah.

Der Ansturm an frischer, feuchter Morgenluft, der ihn traf, als er die Tür öffnete, versorgte ihm mit einem erfrischenden Aufwachen nach den erstickenden Decken seines Betts. Er schloss seine Augen und streckte sich, hoffte, dass er seine Gedanken und Körper vollständig wach vor dem Frühstück bekam. Und es sah aus wie ein weiteres Mal, das er alleine essen würde.

Als er seine Augen öffnete, fielen ihm zwei seiner Nachbarn auf, die unten auf der Straße standen und hinauf auf seine Höhle starrten, als sie sich aufgeregt etwas zuflüsterten.

Bilbo runzelte die Stirn. Sicherlich war es keine so seltsame Ansicht, ihn so früh wach und vor seinem Zuhause stehend sehen zu können. Sich unwohl fühlend festigte er den Gürtel um seinen Bademantel und wollte wieder hinein gehen, als er von dem Knarren des Holzes zur Linken seines Hauses unterbrochen wurde.

Die neugierigen Hobbits ignorierend, folgte er dem Pfad an der Vorderseite entlang und stand still, als er sah, was da auf seiner Bank saß.

Es war ein Zwerg, aufrecht sitzend und außerhalb seines Hauses schlafend. Bilbo kam einen Schritt näher. Er hatte bisher nur Zwerge aus den blauen Bergen aus der Distanz gesehen, also erlaubte er sich die Zeit, sich diesen genauer anzuschauen. Könnte es einer aus dem Gefolge des Prinzen sein, der voraus geschickt wurde, um die Ankunft seines Herren anzukünden? Das arme Ding musste die ganze Nacht gereist sein, dachte Bilbo, als er auf den schmutzigen Mantel und die abgetragenen Stiefel schaute.

Das Gesicht war interessant. Zwerge waren dafür bekannt beleibt zu sein, schwer mit Fleisch, Bier und metallischem Schmuck. Aber die eingesunkenen Wangen, scharfe Nase und einfache Kleidung von diesem sprachen von einem Leben des Mangels. Der Bart war kurz, nicht die übliche Zwergenart, und das Haar war lang aber einfach. Keine ausgefallenen Zöpfe oder ausgefallene Perlen. Kümmerte sich das Königshaus Erebors nicht gut um seine Diener?

Bilbo konnte beinahe seine Finger zucken fühlen, um für diesen hier zu kochen, um ihn zu füttern, bis etwas Farbe und gutaussehende Fülle in das karge Gesicht einkehrte. Wenn der Prinz kam, würde er ihn und sein ganzes Gefolge zu einem großen Fest einladen. Aber zuerst würde er sich um diesen mit einem schon lange überfälligen Frühstück kümmern.

Bilbo legte eine freundliche Hand auf die breite Schulter, fühlte, wie sie sich vor Erkenntnis unter seiner Berührung versteifte. Die Augen des Zwerges zuckten, öffneten sich langsam und fanden sofort Bilbos Gesicht.

In der Morgensonne sollten die blauen Augen eigentlich wunderschön sein. Die Farbe hätte sich neben dem goldenen Licht erhellen müssen, dem müden Gesicht ein wenig Leben geben müssen. Aber sie blieben stumpf und neutral, starrten Bilbo wie betäubt an, bevor der Zwerg aufstand.

„Bilbo Beutlin?“ Die Stimme war tief und glatt.

“Ja.“, sagte Bilbo, die breite Figur hinaufschauend. „Guten Morgen.“

Der Zwerg summte tief zur Antwort, als er auf dem steinigen Pfad von Fuß zu Fuß trat.

Bilbo schaute über seine Schulter auf die zwei glotzenden Hobbits, die noch immer angespannt zuschauten. Und nun wusste er auch, was ihre Aufmerksamkeit zuerst gezogen hatte. Es kam nicht jeden Tag vor, dass ein Zwerg in Bilbo Beutlins Haus einzog.

Gerne wollte er die Schau beenden, also drehte er sich wieder zum Zwerg. „Du musst müde von deiner Reise sein. Bitte, komm doch rein.“

Der Zwerg nickte, hob seinen Rucksack auf und folgte Bilbo durch die Tür.

Der Eingang war kühl und dunkel nach den hellen Farben der Außenwelt und Bilbo machte sich daran, dem Zwerg den Mantel und den Rucksack abzunehmen. Sobald er davon zurückkam, die Dinge an einem sicheren Platz aufzuhängen, betrachtete Bilbo die Figur des Zwerges von hinten. Knochige Schulterblätter schienen durch seine Haut zu schneiden und höhlten das Hemd des Zwerges über seinem Rücken aus. Die sichtbaren Unterarme sahen stark aber drahtig aus und prominente Venen verliefen von spitzen Ellbögen zu knochigen Händen.

Bilbos Augen erweichten in Sympathie. Dieser Zwerg brauchte mehr als nur ein gutes Frühstück nach mehreren Monaten des Reisens. Er brauchte mehrere kräftige Mahlzeiten, Pflege, Ruhe, Erholung... An dieser Stelle erinnerte er sich plötzlich an die sorgfältig gewählten Worte in Gandalfs Nachricht, erinnerte sich an die Erwähnung der unbekannten Krankheit des Zwerges.

Bilbo schüttelte den Kopf ob seines eigenen Leichtsinns. Dies war offensichtlich der erwähnte Prinz. Die abgetragenen Klamotten und einfache Erscheinung mussten eine Art von Schutz gegen irgendwelche Räuber gewesen sein, die einen einsamen Zwergenprinzen als einen einfachen aber wertvollen Preis ansahen.

„Eure Hoheit?“ Bilbo versuchte, ein Zucken bei der ungewohnten, ausländischen Formalität zu unterdrücken. Er glaubte nicht, dass er den gesamten Sommer mit jemandem, der „Eure Hoheit“ genannt wurde, verbringen konnte.

Der Zwerg drehte sich, um ihn anzuschauen. „Thorin.“, korrigierte er.

„Oh!“ Bilbos Schultern sanken mit einem erleichterten Seufzen. „Und du kannst mich Bilbo nennen.“ Er lächelte Thorin breit an, fühlte sich hoffnungsvoll wegen der kommenden Monate.

Aber da war kein antwortendes Lächeln. Der Zwerg nickte ein Mal, sein Gesicht unbewegt, als seine Augen den Hobbit verließen, um die Innendekoration anzuschauen.

Bilbos erster Instinkt war es, sich beleidigt zu fühlen. Ein Hobbit mochte seine Nettigkeiten und Höflichkeiten, auch wenn sie nicht ganz ehrlich gefühlt waren. Ein Lächeln wäre eine einfache Sache gewesen, jemandem anzubieten, der dich in sein Zuhause eingeladen hatte. Aber dann ermahnte er sich selbst: dieser Prinz war monatelang gereist, war davor schon krank gewesen und war gerade nach einer Nacht auf einer Holzbank erwacht. Und Bilbo wusste, was all seine Probleme lindern würde.

„Frühstück.“, verkündete er. „Den Ofen habe ich bereits angemacht, also sollte es nicht lange dauern. Möchtest du davor aus deiner Reisekleidung wechseln?“

„Nicht nötig.“, sagte Thorin, ohne ihn anzuschauen. „Wo hast du meinen Rucksack hingetan?“

„In dein Schlafzimmer. Es ist genau hier-“ Bilbo wollte den Zwerg den Flur hinunter eskortieren, als Thorin an ihm vorbei lief.

„Nicht nötig.“, schmiss er über seine Schulter, als Bilbo sah wie sein Rücken in das beste Schlafzimmer verschwand.

Nun. Bilbo zog abrupt an dem Gürtel um seiner Hüfte. Nun.

Die Unhöflichkeit dieses Zwerges beiseite schiebend, tappte er in seine Vorratskammer und überflog, was er seinem Gast an diesem Morgen anbieten konnte. Nachdem er die nötigen Sachen ausgesucht hatte, fiel sein Blick auf den Kümmelkuchen, ein goldener Dom auf dem Lieblingsteller seiner Mutter auf einem hohen Regal stehend. Ein passendes Willkommen für einen Prinzen, dachte er, als er ihn vorsichtig herunter nahm und mit sich trug, um ihn in die Mitte seines Esstisches zu stellen, bevor er mit dem Frühstück anfing.

Bilbo hob gerade das letzte Stück brutzelnden Speck aus der Pfanne und auf Thorins Teller, als der Zwerg aus seinem Schlafzimmer wiederkam und sich nervös neben den Tisch stellte.

„Setz dich doch, bitte.“ Bilbo versuchte ein weiteres Lächeln, bevor er an dem Zwerg vorbeiging, um die Pfanne in der Küche abzustellen und einen Teller mit leicht getoastetem  Brot in das Esszimmer mit zurück zu nehmen.

Als er sich hinsetzte, goss er dem anderen eine Tasse Tee ein und zeigte ihm ohne Worte, dass Thorin anfangen konnte, seinen Teller voll mit Tomaten- und Pilzomelette mit Speck oben drauf zu essen.

Der Zwerg nickte kurz und nahm sein Besteck in die Hand.

Bilbo war es gewohnt nach dem Tod seiner Eltern alleine zu essen und deshalb war es normal für ihn, in Stille sein Mahl zu sich zu nehmen, seine Gedanken mehr als genug, um ihm Gesellschaft zu leisten. Normalerweise verbrachte er es damit, sich an den gestrigen Tag zu erinnern, was er gelesen hatte, was er geschrieben hatte, den Zustand seines Gartens, und was er auf seinem nächsten Ausflug in den Alten Wald alles einsammeln musste. Hobbingen baute darauf, dass er immer genug Unkraut, Pflanzen und Kräuter zur Verfügung hatte, egal wie wenig die meisten Hobbits zugeben wollten, dass sie vom „Verrückten Beutlin“ abhängig waren.

Doch schon bald riss sich Bilbo aus diesen Gedanken, erinnerte sich, dass er einen seltenen Gast zu unterhalten hatte. Er schaute hinüber zu Thorin, bereitete sich darauf vor zu fragen, was der Zwerg an seinem ersten Tag im Auenland machen wollte, als er bei der Ansicht vor ihm stoppte.

Thorin saß sehr gerade, hob eine Gabelvoll von seinem Teller zu seinem Mund. Dann kaute er lustlos vier bis fünf Mal, schluckte mit etwas Anstrengung und wiederholte den Vorgang dann wieder.

Das war ein seltsamer Anblick für Bilbos Augen. Hobbits waren stolz auf ihr Essen und nahmen sehr großen Stolz aus dem Können zu kochen und das Essen zu teilen. Mahlzeiten waren fröhliche Gelegenheiten, gefüllt mit offensichtlichem Genießen des Essens. Es war nicht nur ein gedankenloses, mechanisches Kauen und Schlucken. Bilbo war kein stolzer Hobbit. Nicht im Vergleich zu anderen Leuten, überhaupt. Er war dennoch stolz auf sein Kochen. Vielleicht war der Prinz an feinere Dinge als ein Omelette gewöhnt.

„Es muss aufregend gewesen sein.“, fing Bilbo an, verzweifelt daran versucht, damit dieses gedankenlose Essen aufhörte, „den ganzen Weg die Große Straße entlang und über die Nebelberge zu reisen. Die Sehenswürdigkeiten die du gesehen haben musst.“

Thorins Gabel senkte sich auf den Teller. „Ja.“, sagte er, „es ist ein langer Weg.“

Bilbo versuchte es ein weiteres Mal. „Und bist du den ganzen Weg alleine gereist? Ich muss zugeben, überrascht gewesen zu sein, als ich dich so alleine vor meinem Zuhause sitzen gesehen habe.“

„Das habe ich. Ich finde es geht schneller auf diese Weise. Niemand, der auf lange Abende in wegnahen Gasthäusern besteht und mehr Zeit, die man damit verbringt, einen Fuß vor den anderen auf der Straße zu setzen.“

Bilbo lehnte seinen Kopf vor Wunder zur Seite. „Du hast keine Freude am Reisen?“

„Es ist ein Weg, von einem Ort zum anderen zu kommen. Nichts weiter.“

„Aber wenn du deine Zeit in wegnahen Gasthäusern verbringst oder in einer Waldlichtung rastest, anstatt einfach nur einen Fuß vor den anderen zu setzen, dann würdest du vielleicht etwas Freude am Reisen finden.“

Thorin schaute hinunter auf seinen Teller. „Das bezweifle ich.“

Bilbo lehnte sich in seinen Stuhl zurück, machte es sich für die Diskussion gemütlich. „Bist du deswegen durch die Nacht gereist, bevor du bei mir Zuhause angekommen bist? Um deine Reise zu verkürzen?“

Thorin nahm sich einen Schluck vom abkühlenden Tee und zog eine Grimasse. „Ich bin nicht durch die Nacht gereist. Ich hatte vorgehabt, gestern Nachmittag an meinem Ziel anzukommen, aber ich habe mich an der östlichen Grenze zum Auenland verlaufen.“ Er verschränkte die Arme. „Ich kam sehr spät nach Nachteinfall an, als keine der Lichter in deinem Fenstern anwaren.“

Bilbos Augen erweiterten sich in Erkenntnis. „Du hast die Nacht auf meiner Bank verbracht?“

Thorin nickte ein Mal mit dem Kopf. „Das habe ich.“

Bilbo schüttelte den Kopf ob des Zwerges Besonderheiten. „Aber du hättest klopfen können! Ich hatte ein nettes, weiches Bett für dich vorbereitet. Sicherlich würdest du das einer harten Bank bevorzugen?“ Er blinzelte schnell, sein Erstaunen klar ins Gesicht geschrieben. „Es wäre kein Problem gewesen, überhaupt nicht.“

„Und es war kein Problem für mich, die Nacht draußen zu verbringen, genauso wie die anderen Monate zuvor. Ein Bett, eine Bank, der Boden; das sind alles nur Plätze, um deinen Kopf abzulegen und deine Augen zu schließen.“ Thorin zuckte mit den Schultern, als wäre dies das Ende der Unterhaltung.

„Aber das ergibt keinen Sinn!“ Bilbo wurde langsam wirklich verärgert. „Du redest als könntest du den Unterschied zwischen weich und hart, zwischen nett und faul nicht spüren.“

Thorins Schultern versteiften sich. „Ich weiß nicht, wovon du redest.“ Er schob sich vom Tisch weg und stand auf. „Danke für das Frühstück. Es war... füllend.“

Er drehte sich herum und ging zurück in sein Zimmer mit schweren Schritten, hinterließ Bilbo dazu, den leeren Platz und das halb gegessene Mahl, hinterlassen von seinem lang erwarteten Gast, anzuglotzen.

Mit ruckartigen, abrupten Bewegungen stand Bilbo auf und räumte den Tisch auf. Der Kümmelkuchen, der den stolzen Platz in der Mitte des Tische innegehalten hatte, wurde zurück in die Vorratskammer gebracht, unberührt. In der Küche leerte er Thorins Teller in den Eimer mit Müll, der später an Bauer Holmans Schweine gehen würde. Was für eine Schande es war, solch ein exzellentes Omelette an ein nicht kümmerndes Tier zu verschwenden. Aber, dachte Bilbo, als er über seine Schulter in die Richtung von Thorins Schlafzimmer schaute, schien es auch an einem Zwergenprinzen verschwendet gewesen zu sein.

Seine Gedanken drehten sich um seinen ersten Eindruck von seinem Gast, versuchten eine Erklärung für das seltsame Verhalten zu finden, dass er von Thorin erfahren hatte. Und in dem Moment erinnerte er sich an die Worte des Raben: dass Prinz Thorin nichts zufrieden stellte. Bilbo selbst hatte die Wahrheit dieser Worte herausgefunden. Nicht die Schönheit ganz Mittelerdes, nicht das Versprechen auf ein weiches Bett oder eine warme Mahlzeit in einem Gasthaus nach einem langen Tag des Reisens, und nicht einmal ein feines Frühstück von Bilbo Beutlin gekocht.

Und dann fiel ihm etwas ein, sodass er seine Arbeit abbrach. Seine seifigen Hände tropften in die Waschschale, als er über seine neue Erkenntnis nachdachte. Er hatte schon Mal von so etwas gehört, aber Beschreibungen davon wurden meist in alten Texten von weit entfernten Ländern gefunden. Niemand im Auenland hatte sich je damit beschäftigen müssen.

Als er seine Hände abwischte, traf er eine Entscheidung darüber, was er tun musste. Er musste ein Experiment durchführen.

Bilbo marschierte zur offenen Tür von Thorins Schlafzimmer und rief aus, „Thorin?“

Der Zwerg drehte sich um, den Rucksack in seinen Händen. „Ja?“

„Könntest du mit mir nach draußen kommen? Ich würde dir gerne etwas zeigen.“

Seinen Rucksack auf dem Bett ablegend folgte er Bilbo durch die Hintertür, wo sie anhielten, um den üppigen Garten zu betrachten. Rechts neben der Tür wuchsen Bilbos ausgezeichnete Rosenbüsche, der frühe morgendliche Tau auf ihnen schmelzend und ihren parfümierten Geruch durch das grüne Gras tragend. Der Geruch war stark, beinahe süßlich, doch Bilbo genoss die Schönheit der Rose neben ihrem tollen Geruch.

Er schaute hinauf zu Thorin. „Ich möchte, dass du ein paar tiefe Atemzüge durch deine Nase nimmst und mir dann erzählst, was du hier in meinem Garten riechen kannst.“

Thorin starrte zurück. „Ist das so eine Art Hobbit Laune? Du willst, dass ich dir sage, wonach dein Garten riecht?“

Bilbo lächelte sein unschuldigstes Lächeln. „Tue mir den Gefallen. Bitte.“

Thorin verengte seine Augen, als er Bilbos unschuldiges Gesicht sah, aber nahm trotzdem ein paar Schritte in den Garten, nahm ein paar tiefe Atemzüge durch die Nase, als er ging.

„Nun?“, rief Bilbo ihm nach.

Thorin drehte sich um. „Pferdekacke.“, sagte er. „Das ist alles, was ich riechen kann. Pferdekacke.“, endete er mit einem Nicken.

„Dünger.“, korrigierte Bilbo, sein Verdacht von vorhin nur noch verstärkt. „Er ist gut für die Rosenbüsche. Du riechst nicht die Rosen?“

Thorin schüttelte mit dem Kopf.

„Hier.“, sagte Bilbo, führte den anderen hinüber zu den Büschen, „komm näher und probiere es noch mal.“

Thorin schnüffelte. „Immer noch Pferde- Entschuldige, Dünger.“

Bilbo lief ein kalter Schauer über den Rücken. Er knickte eine ausgewachsene Rose von dem Busch und hob sie zu Thorins Gesicht. „Versuch es noch mal.“

Thorin senkte seinen Kopf über die Blume. Seine Stimme war leise, als er schließlich sagte, „Nichts. Da ist nichts.“

In einem letzten, verzweifelten Versuch riss Bilbo eine Handvoll Blütenblätter von der Rose und zerrieb sie zwischen seinen Fingern. Der Geruch stieg hinauf in sein Gesicht, süß und würzig, bis er sie fast in Thorins Gesicht schmiss. „Und jetzt?“

Thorin schloss seine Augen. „Nichts.“

Bilbo ließ die Rose und die Blütenblätter fallen und kam näher, sein Blick konzentriert auf Thorin. „Warum hat dich der Zauberer zu mir geschickt?“

„Weil ich krank gewesen bin.“ Thorin sagte das dritte Wort etwas angewidert, als er seine Lippen genervt verzog.

 „Ich weiß. Aber was wollte er, dass ich dagegen mache?“

Thorin straffte seine Schultern unter Bilbos suchenden Blick. „Das sagte er nicht.“

„Nun, natürlich hat er das nicht.“ Bilbo schüttelte mit dem Kopf. „Hast du noch nicht mit einem Zauberer gesprochen? Frag sie über den Süden und sie erzählen dir über den Norden. Und sie haben immer mindestens sieben Pläne auf einmal am Laufen. Geheime Pläne, natürlich, denn du kannst uns Sterbliche nichts wissen lassen, wenn es um unsere eigenen Leben geht. Nein, das überlassen wir am besten Zauberern!“

Thorin blinzelte vor Überraschung, als er auf den kleinen Hobbit, der immer röter im Gesicht wurde, hinunter schaute. „Hat dich Gandalf schon einmal ausgetrickst?“

„Nein, nicht auf diese Weise.“ Bilbo schaute über die Hecke zu seinem nahsten Nachbarn, fragte sich, ob Hamfast bereits angefangen hatte, in seinem Garten zu arbeiten. „Wir reden darüber am besten drinnen.“, sagte er und lief weg, erwartete, dass Thorin ihm folgte.

Sobald sie drinnen waren, saß Bilbo sich an seinen Tisch und Thorin tat es schnell auch.

„Nein.“, sagte Bilbo, das Gespräch weiterführend. „Er hat mich nie ausgetrickst. Aber ich kenne ihn seit vielen Jahren und ich weiß, dass er dir die ganze Wahrheit aus eigenen Gründen nie erzählen wird.“ Er verschränkte seine Hände auf dem Tisch vor ihm. „Und deswegen müssen wir beide komplett ehrlich zueinander sein, wenn ich dir helfen soll.“

„Ehrlich?“ Der Stuhl knarrte, als sich Thorin bewegte und die Arme vor der Brust verschränkte. „Nun, die Wahrheit ist: ich bin nicht krank. Andere denken, dass ich es bin, aber ich bin es nicht.“

Bilbo verengte seine Augen nachdenklich. „Und dein Vater ist einer von diesen Leuten?“

„Er ist der einzige mit der Autorität mich zu irgendeinem Hobbit Apotheker auf Vorschlag eines wandernden Zauberers zu schicken, also ja.“

„Apotheker? Hat mich Gandalf einen Apotheker genannt?“

„Nicht in so vielen Worten. Aber da ich nichts als fremde Apotheker in den letzten drei Jahren getroffen habe, dachte ich, dass du noch einer sein würdest.“

„Nun.“, sagte Bilbo, seine Hände auf dem Tisch ausbreitend. „Genauso wie du nicht krank bist, bin ich kein Apotheker.“

Thorin lehnte sich in seinen Stuhl zurück. „Was bist du dann?“

Bilbo wollte sprechen, zögerte aber dann. Gab es einen Ausdruck für das, was er war? „Verrückter Beutlin“ war der erste, der ihm einfiel, aber er verwarf ihn schnell wieder. „Weiser Hobbit“ schien ein zu großer Titel und alle Worte, die mit Medizin zu tun hatten, waren ungenügend.

„Ich...“ Bilbo biss sich nachdenklich auf die Lippe. „Ich habe eine Bücherei voll mit Texten gefüllt mit Wissen hinunter gereicht von Müttern zu ihren Kindern. Ich weiß, wie man ein Fieber behandelt, einen Ausschlag kühlt, wie man eine Wunde wäscht. Ich kenne die Pflanzen des Waldes. Ich weiß, was sie für uns tun können, gutes wie schlechtes. Ich weiß, wie ich sie vorbereiten muss und mischen muss für den größten Vorteil. Ich kenne Mixturen und kann sie herstellen für einen schmerzenden Kopf und depressive Stimmungen.“

„Zauberei.“, hauchte Thorin, als er den unauffälligen Hobbit anstarrte.

„Das ist ein Wort dafür.“ Bilbo schaute hinauf in Thorins weite Augen. „Aber nicht eines, das ich gerne benutze.“

Die Vögel zwitscherten ein fröhliches Lied vor dem offenen Fenster als Bilbo darauf wartete, dass Thorin verstand, was ihm gerade gesagt wurde. Der Zwerg schien gefühllos dem gegenüber, seine Augen auf Bilbo gerichtet, als er nachdachte.

Als der Zwerg ruhig blieb, fing Bilbo wieder an. „Nun, ich bin ehrlich zu dir gewesen. Vielleicht ist es jetzt Zeit, dass du mir den Gefallen auch tust?“

Thorin blinzelte, anscheinend aus seinen Gedanken gerissen und seine mürrische Laune kehrte wieder, als er sagte, „Das sagte ich dir bereits. Ich bin hier, weil mein Vater davon überzeugt ist, dass ich krank bin.“

„Und das bist du nicht?“ Bilbo zog die Augenbrauen hoch. „Also die Tatsache, dass du den Geruch einer Rose nicht wahrnehmen kannst, nur den Dünger, der sie wachsen lässt, dass du kein Essen genießt, und dass du den Unterschied zwischen einem Federbett und einer Holzbank nicht kennst, das ist alles normales Verhalten für dich?“

„Das ist es.“, sagte Thorin, als er auf den Tisch hinunter schaute.

„Ist es schon immer so gewesen?“

„Solange ich mich daran erinnern kann.“

„Dann...“ Bilbo zappelte, seine schlimmsten Vermutungen bestätigt. „Was gibt dir dann Vergnügen am Leben? Was macht dich glücklich?“

„Die Abwesenheit von Kälte, von Krankheit, von Schmerz.“ Thorin wandte die Augen von Bilbos suchenden Blick ab.

„Oh.“, atmete Bilbo aus. „Oh, du arme Seele.“

Thorin stand abrupt auf, und sein Stuhl kratze laut gegen den Boden. „Ich bin nicht diesen ganzen Weg gekommen, nur um von einer, einer Hexe bemitleidet zu werden!“

Bilbo stand auch auf und bewegte sich um den Tisch, um nach Thorins Hand zu greifen, sie festzuhalten, auch als Thorin weggehen will. „Ich biete kein Mitleid an. Aber Mitgefühl? Freundlichkeit? Ich biete diese im Überfluss.“ Er schaute hinauf in dieses heimgesuchte Gesicht, hoffte, dass dieser Zwerg verstand. „Und ich werde dir helfen. Ich schwöre es.“

Thorin schaute hinunter auf Bilbo, seine Augen müde, als er diesen seltsamen Hobbit betrachtete. „Du bist nicht der erste, der mir diese Worte sagt. Ich bin so etwas wie ein Forschungsobjekt für die gelehrten Leute von Mittelerde geworden.“ Seine Stimme hielt eine bittere Note.

„Wunderbar.“ Bilbos Lippen verzogen sich zu einem Schatten eines Lächelns. „Du kannst mir sagen, was sie bereits versucht haben und dann weiß ich, was ich auf meiner Suche nach einer Heilung ausschließen kann.“

„Du klingst dir ziemlich sicher.“

„Das bin ich nicht. Aber ich habe immer noch etwas Hoffnung für dich.“ Bilbo drückte Thorins Hand. „Selbst wenn du sie nicht hast.“