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Grenzland

Summary:

Der härteste Kampf ist immer der innere und einen solchen inneren Kampf führt Old Shatterhand seit vielen Jahren. All seine Reisen in ferne Länder können nicht länger darüber hinwegtäuschen, dass sie eigentlich eine Flucht sind vor der Auseinandersetzung mit Gefühlen, die jeder Moral und jedem Gesetz der damaligen Zeit widersprechen. Sich selbst und seiner Leserschaft etwas vorzugaukeln, das ist das eine. Etwas völlig anderes aber ist es, den besten Freund und Blutsbruder zu belügen.

Chapter 1: Prolog

Chapter Text

Lieber Leser*, hast du dich je gefragt, wie ein Schriftsteller die Geschichten auswählt, die er zu Papier bringt, um sie seinem hoffentlich geneigten Publikum zugänglich zu machen? Einfach alles aufzuschreiben, was einem Menschen im Laufe seines Lebens widerfährt oder in den Kopf kommt, wäre ja geradezu ein Ding der Unmöglichkeit. So sind es denn die besonders unterhaltsamen und lehrreichen Geschichten, die ihren Weg in die Redaktionen der Zeitungen und Zeitschriften finden, Geschichten, von denen der Autor sich einen Beitrag zu seinem bescheidenen Lebensunterhalt erhofft oder die gar den in der Handlung auftretenden Personen ein unvergängliches literarisches Denkmal setzen sollen.

Manche Geschichten aber sind dem Schreibenden selbst so nah, dass er sie in seinem Herzen hütet wie einen Schatz. Nur zögerlich wagt er es, sie mit Feder und Tinte in dauerhafte Worte zu kleiden und in seinem Schreibtisch oder an einem anderen privaten Ort zu verstecken, so eng sind sie mit seiner Seele verwoben, so schmerzlich wäre ihr Verlust. Er vermag es nicht, sie loszulassen und sie dem kritischen Blick einer fremden Person auszusetzen, und doch muss er sie erzählen, um Geschehenes zu ordnen und im eigentlichen Wortsinne begreifbar zu machen. Die Lebenszeit jener Zeilen ist meist begrenzt, denn nur eine vollständige Zerstörung verhindert sicher, dass allzu eifrige Erben sie nach dem Tod des Autors doch noch auf den Weg zu einem Verleger schicken.

Eine solche Erzählung nun ist die vorliegende. In dem Moment, da ich diese Worte schreibe, bin ich nicht imstande zu sagen, ob jemals ein anderes Auge als das meine sie erblicken wird, ob es also dich, werten Leser, überhaupt gibt. Doch nehmen wir es ruhig einmal an: Wäre meine Geschichte für dich unterhaltsam; wäre sie lehrreich? Oh, könnte sie es doch sein! Allein ich fürchte den Preis, der zu zahlen wäre, wenn ich sie in die Welt entließe; fürchte, das öffentliche Bild jenes Menschen zu beschädigen, der mir der kostbarste in meinem Leben war.

Es gibt Tage, an denen ich von einer Welt träume, in der Geschichten wie diese erzählt werden und Menschen Anteil an ihnen nehmen, ohne sich verschämt, empört oder gar angewidert abzuwenden. Es gibt Tage, da träume ich davon, in einer Welt zu leben, in der eine Geschichte wie diese nicht anders gelesen wird als die vielen anderen, die ich bereits erzählt habe. Ja, es gibt Momente, da schäme ich mich für all die Feigheit und all die Lüge, die aus jeder meiner anderen Geschichten sprechen. Und doch kann ich sie nicht überwinden, sehe mich hilflos und verloren angesichts einer unversöhnlichen Welt.

Auch ihm war dieses Gefühl der Machtlosigkeit aus vielerlei Gründen vertraut. Mehr noch: Es war ihm ein ständiger Begleiter geworden, der tief in seiner Seele wohnte und der ihn sogar in den glücklichsten Stunden nie mehr ganz verließt. Dieser gemeinsame Schmerz war es, der uns noch enger miteinander verband. In Wahrheit schreibe ich diese Geschichte wohl doch nicht allein für mich selbst, sondern auch für ihn. Denn wie könnte ich mich jemals entmutigen lassen, wenn er so unbeirrbar fest an mich glaubte?

Gebe ich also den Worten Raum, die in mir wohnen und die schon einmal viel zu lange dort eingesperrt waren. Dies ist meine Erinnerung an ihn, der für sein Volk ein großer Häuptling war, für mich aber ein Freund, ein Bruder, ein Gefährte – und keines dieser Worte vermag die Tiefe unserer Beziehung nur annähernd treffend zu beschreiben. Ich schreibe diese Geschichte, die unsere Geschichte ist, für Winnetou, den Häuptling der Apachen, dem für immer meine ganze Liebe gehört.

 

Anmerkung der Autorin:
*Die rein männliche Anrede steht hier in Anlehnung an Mays Texte. Gemeint sind aber natürlich alle Lesenden, die ich als nicht-fiktive Autorin auch gerne ausdrücklich ansprechen möchte. ;)