Chapter Text
„Was liest du da?“
Rhun zuckte kaum merklich zusammen. Er seufzte und hob langsam seinen Blick vom Buch, in welches er eben noch vertieft gewesen war, und richtete seine Augen in die Richtung, aus der die Stimme seines Bruder’s gekommen war.
Mit einem breiten Grinsen im Gesicht, stand Zeke ein paar wenige Meter von Rhun entfernt im Türrahmen seines Arbeitszimmer’s und lachte. „Na, hab ich dich erschreckt?“
Rhun verdrehte die Augen. Immer das gleiche mit Zeke. Er hatte eine merkwürdige Angewohnheit, mitten in der Nacht und ohne Vorwarnung, im Hotel zum Zahn aufzutauchen.
Bis heute war Rhun sich nicht sicher, wie zum Teufel Zeke es immer wieder schaffte, sich unbemerkt ins Hotel zu schleichen, geschweige den in Rhun’s Arbeitszimmer. Oder sein Schlafzimmer. Oder sein Wohnzimmer. Oder jegliche andere Arten von Zimmern, welche Rhun gerade nicht in den Sinn kamen.
Wie Zeke es schaffte war jedoch die weniger wichtige Frage, welche ihn beschäftigte. Viel mehr wollte er wissen warum sein Bruder es tat.
Das Hotel war schliesslich nicht in der Nähe von Zeke’s nächtlichem Rundgang und auch wenn er anscheinend ohne grosse Probleme ins Hotel reinkam, waren dessen Sicherheitsmassnahmen dennoch umständlich zu passieren.
Also warum tat Zeke das so oft? Die Antwort würde Rhun wohl nie erfahren. Das letzte Mal, als er versucht hatte dem ganzen auf den Grund zu gehen, hatte sein Bruder nur gelacht als wäre Rhun der Verrückte zwischen den beiden.
„Warum kommst du zu solch gottlosen Uhrzeiten hier her?“, hatte Rhun damals gefragt, nachdem sein Bruder um 3 Uhr Nachts in seine verfickte Küche eingebrochen war.
Zeke hatte darauf hin nur gelacht und einen Arm um die Schultern seines älteren Bruder‘s gelegt. „Ach Rhun-Schmuhn,“
„Nenn mich nicht so-!”
„ist es denn ein Verbrechen, seinen Bruder zu besuchen? Sei nicht immer so misstrauisch.“, war alles was Zeke ihm damals zur Antwort gegeben hatte.
Rhun seufzte und schüttelte den Kopf. Er ignorierte die vorherige Frage und starrte Zeke unbeeindruckt an. „Was machst du hier?“, fragte er.
Zeke zuckte nur mit den Schultern und schob seine Brille hoch. Er blinzelte, rieb sich die Augen und gähnte. „Hatten wir das nicht schon? Ich will nur meinen Bruder besuchen. Hör auf so paranoid zu sein.“, antwortete Zeke und grinste erneut.
Rhun stiess zur Antwort nur ein frustriertes Stöhnen aus und fixierte seine Augen auf das Gesicht seines Bruder’s. Augenringe. Zeke hatte mal wieder für längere Zeit nicht geschlafen. „Wann hast du das letzte Mal geschlafen?“
Daraufhin zuckte Zeke nur wieder mit den Schultern und Rhun beobachtete, wie er sich in Bewegung setzte. Mit überraschend leisen Schritten, kam er auf Rhun’s Schreibtisch zu, machte einen Bogen darum und kam hinter seinem Bruder zum Stehen.
Dieser drehte sich nicht um. Für einen Moment herrschte Stille und im nächsten landete ein Kopf auf Rhun’s Schulter und eine Handvoll blonder Haare streiften sein Gesicht.
Er konnte ein weiteres Schulterzucken von Zeke spüren. „Weiss nich'… vor einer Woche? Vielleicht auch nur vor 5 Tagen.“, murmelte dieser in den Stoff von Rhun’s Mantel.
„Wieso?“
„Alpträume.“
„Mh.“
„Yup. Also? Was liest du da?“, wiederholte Zeke seine erste Frage. Ablenken vom Thema. Typisch. Doch Rhun lies ihn damit durchkommen, er wusste wie es war, wenn man unter Albträumen lit. Manchmal war eine Ablenkung da besser als darüber zu sprechen.
Rhun sah seinen Bruder vom Augenwinkel aus an und hob eine misstrauische Augenbraue. „Seit wann interessierst du dich für Bücher?“
Zeke hob den Kopf etwas und verzog seinen Mund zu einem Schmollen. „Tu ich nich' aber du schienst sehr vertieft, muss spannend sein. Ach komm, schau mich nich' so grimmig an, Grinch-Fee.“
Rhun starrte Zeke nur mit eindringlichem Blick an und zog seine Augenbrauen zusammen.
„Gehen dir und den anderen jemals diese dummen Fee Witze aus?“
„Werden dir jemals die deine Mutter Witze ausgehen?“
„…Touché.“
Zeke grinste triumphierend und liess seinen Kopf wieder sinken, sein Gesicht in die Schulter seines Bruder’s vergraben. Rhun musste sich ein Lächeln verkneifen. „Wenn du es wirklich wissen willst, ich lese mir nur ein Buch über alte Alchemie Bräuche durch.“
Zeke lachte und Rhun konnte die Vibration des Geräusches im Rücken spüren. „War ja klar… Nerd.“, gluckste sein Bruder.
Stille kehrte wieder ein. Eine angenehme, ruhige Stille. Rhun liess ein kleines zufriedenes Geräusch entweichen und fühlte wie sich seine angespannten Muskeln lösten.
Zeke’s Präsenz konnte ganz schön entspannend wirken, so als ob seine Kräfte auch ausserhalb von Schlafsand eine gewisse Wirkung hatten. Vorausgesetzt natürlich dass Zeke selbst auch entspannt und ruhig war.
Rhun wandte seinen Blick wieder zurück zu seinem Buch und hob eine seiner Hände, um Zeke durch die Haare zu streichen, während er las und seinem Bruder die Zeit gab, sich etwas zu erholen. Einfach kurz die Augen schliessen und durchatmen.
Schon als Kind hatte Zeke die Angewohnheit gehabt, sich einen seiner Brüder zu krallen, um denjenigen als Kissen zu benutzen. Er war schon immer dazu geneigt gewesen, körperliche Nähe zu suchen.
Schon seltsam wie sehr sich, in den 500 Jahren, welche sie jetzt schon lebten, die Welt um sie herum verändert hat, während sie gleich blieben. Rhun störte das allerdings nicht.
Denn in einer Welt, in der sich Dinge stetig veränderten, in der die Zeit ohne Halt und ohne Rücksicht floss, waren seine Brüder schon immer eine vertraute Konstante gewesen. Fips, Zeke und Klaus, vertraut und konstant. Trotz all der Streitereien und Disstracks.
Unveränderlich und unbelehrbar. Rhun musste schmunzeln. „Was grinst du so?“, murmelte Zeke.
„Tue ich nicht.“
„Wenn du meinst.“
Für eine Weile blieben sie in der Position, die einzigen Geräusche, welche zu hören waren, waren das Blättern von Rhun und der leise Atem Zeke’s. Und bevor sie sich versahen, riss sie das Leuten einer Kirchenglocke aus ihrer kleinen Welt.
Es war Mitternacht. Hinter sich konnte Rhun hören wie sein Bruder einen müden Seufzer ausstiess. Langsam hob Zeke den Kopf und löste sich von Rhun’s Rücken. „Ich muss los, muss meine Arbeit fertig erledigen.“
Rhun nickte und sah ihn eindringlich an. Er scannte sein Gesicht und fand, dass die Erschöpfung in seinen Augen etwas abgenommen hatte, wenn auch nur ein Bisschen. Besser als nichts.
„Okay. Pass auf dich auf. Und versuche zu schlafen, wenn du fertig bist.“
Zeke‘s Grinsen kehrte wieder zurück und dieses Mal schien es weniger angestrengt. „Keine Sorge, ich komm schon klar.“, meinte er und gab Rhun einen Daumen hoch.
„Tja, man sieht sich, Rhun. Gute Nacht!“
„Gute Nacht, Zeke.“
Und schon verschwand Zeke in einer Wolke von Sand. Rhun schüttelte den Kopf und lächelte sanft. Er sah zu wie der Sand langsam zu Boden rieselte und- warte.
Na toll. Sein Bruder hatte mal wieder eine Schweinerei hinterlassen und er durfte es putzen.
Immer das Gleiche mit Zeke.
