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Rating:
Archive Warning:
Category:
Fandom:
Relationships:
Additional Tags:
Language:
Deutsch
Stats:
Published:
2024-11-27
Completed:
2025-03-30
Words:
13,679
Chapters:
9/9
Kudos:
47
Hits:
421

Strandküsse

Summary:

Elisabeth steht vor großen Veränderungen. Die Schule wird geschlossen. Die Scheidungspapiere unterschrieben. Soviel Unsicherheit. Dabei bräuchte sie doch nur jemand, der sie festhält.

Manuela schlägt die Kofferraumklappe zu. Feli sitzt längst auf dem Beifahrersitz. Endlich fertig mit dem Studium. Und jetzt? Erst einmal ans Meer. Und dann vielleicht ein paar Tage durch den Norden, hier ein Theaterbesuch, dort eine neue Kunstausstellung. Und dann? Leitung eines Kindergartens, arbeiten in einem Jugendzentrum? Vielleicht auch ganz entwas anderes. Und ganz vielleicht auch eine neue Beziehung. Genug alleine in den Himmel gestarrt.

Und dann springt Feli neben Elisabeth ins Wasser, sodass Elisabeth stürzt und komplett nass wird und Manuela ihr anbietet, zu ihr ins Hotel zu kommen um die Kleidung zu wechseln.

Notes:

Hab zuviele Szenen im Kopf, wär schade, die nur für mich selbst aufzuschreiben.
Und ja, Realismus können andere schreiben, ich nicht. Zumindest hier nicht.
Spielt ungefähr in den 70ern, offensichtlich sind die Regeln etwas gelockert, aber die Dynamik bleibt die selbe.

Und ich muss sagen zwei verschiedene Werbungen und Lilli Palmers Fotos mit Carlos im Pool haben später kommende Szenen beeinflusst.

Chapter Text

Der Sand war noch feucht, die Sonne war gerade dabei die letzten Nebelfetzen zu vertreiben. Elisabeth wünschte sich, auch mit jedem Tag stärker zu werden wie die Sonne. Sie stand am Strand, die Schuhe in der Hand und versuchte nicht völlig laut loszuheulen. Soviel Niederlage wollte sie ihm dann doch nicht zugestehen. Ein paar Meter hinter ihr lag ihr Rad. Welches er ihr noch zu Weihnachten geschenkt hatte. Peugeot, in zartrose. Am liebsten wäre sie in sein Büro gestürmt und hätte ihm das Rad auf den Tisch geknallt. Den eigentlich war das Rad für Claudia gedacht, die hatte dann aber Rollschuhe und Plattenspieler lieber gemocht. Aber dafür war sie viel zu müde. Die letzten Jahre mit Michael waren zunehmend anstrengender geworden. Oder Elisabeth hatte zunehmend weniger Kraft sich hinter dem Aufdruck Ehefrau zu verstecken. An dem Dilemma war zumindest teilweise auch sie selbst Schuld. Michael war eine gute Partie, sagten die Eltern. Elisabeth wird ihre Flausen schon vergessen, sagten ihre Eltern. Elisabeth hat doch ein schönes Gesicht, dachte sich Michael und genug Geld hatte sie auch. Und war gut genug erzogen, um nichts zu sagen, wenn er einmal wieder bei einem Fest mit der neuen Praktikantin verschwand. Er hatte sie Lehrerin werden lassen und amüsierte sich, wenn Elisabeth mal wieder eine griechische Poetin las oder weinte, wenn sie Schuberts Serenade hörte. Er hatte für diese Musik nichts übrig. Die fetzte nicht. Und so gern er den Umsatz im Familienbetrieb hochschraubte, so gern ging er auf Parties und noch lieber schmiss er welche und lies sich dann anhimmeln. Elisabeth räumte dann lieber die Spülmaschine auf und summte in Gedanken Sonaten. Und jetzt stand sie hier und hatte vor ein halben Stunde die Scheidungspapiere unterschrieben. Michael hatte nie gesagt, warum er so plötzich die Scheidung wollte, denn wenn es um offizielle Anlässe ging, präsentierte er ja dann doch lieber seine kluge Ehefrau. Und sie hatte auch nie mit einem Wort die Seitensprünge angesprochen. Eigentlich hatte sie nie etwas angesprochen, sich nur immer hinter Büchern versteckt oder Klavier gespielt. Nur dass sie an dieser Schule unterrichten durfte, das war ihr wichtig. Eine freie Mädchenschule. Wie schön war das gewesen, zu sehen, was die Mädchen alles konnten, wenn man sie nur liese. Plötzlich trauten sie sich zu Mathe zu verstehen, Chemieexperimente zu machen und physikalische Formeln anzuwenden. Und sich frei beim Turnen zu bewegen, in der Theater AG neue Stücke auszuprobieren. Die Schule war ihr zweites zu Hause gewesen. Sicherlich, immer wieder bedroht, weil zu emanzipiert und undiszipliniert, aber solange ein sehr reiches Elternpaar den Trägerverein finanziell unterstützte, konnten sie die Unabhängigkeit bewahren. Nun aber hatte sich das Ehepaar scheiden lassen, beide waren in verschiedene Länder gezogen und hatten nun wirklich keinen Grund mehr die Schule zu unterstützen, nachdem die Tochter längst das Studium begonnen hatte. Elisabeth wollte nicht wieder Jungs unterrichten. Und die nächste Mädchenschule war derzeit voll besetzt. Für die nächste freie Stelle hätte sie umziehen müssen. Und auch wenn Elisabeth das schon länger wusste, irgendetwas hielt sie zurück. Also stand sie hier im wahrsten Sinne des Wortes gestrandet und wusste nicht, wie es nach den Ferien weiter gehen würde. Freilich, Michael hatte ihr die Wohnung überlassen, er hatte ja schon länger mit einer Villa am Stadtrand geliebäugelt, aber für sie allein war die Wohnung zu groß und Michael bei den Alimenten zu geizig, alsdass sie nur von diesen leben hätte können.

Plötzlich hörte sie ein Bellen und bevor sie sich richtig umdrehen konnte, rannte sie ein großer Golden Retriver um. Sie landete vollends im Wasser, während der Hund freudig im Wasser umhersprang. Eine junge Frau kam lachend auf sie zu und half ihr aufzustehen. "Tut mir leid, Feli ist blind und normalerweise ist um diese Zeit dieser Strandabschnitt menschenleer." Die Frau strahlte sie an, ein locker geflochtner Zopf umrahmte ihr helles Gesicht. Ihre blitzten vor Lebendigkeit. Völlig perplex, vergas Elisabeth für einen Moment, dass ihr Kleidung vor Wasser triefte, sie zu frieren begann und sie frisch geschieden war. Stattdessen konnte sie sich einfach nicht von dem Anblick der jungen Frau wegreißen. "Manuela, mein Name ist Manuela." Manuela hielt ihr die Hand hin, der Hund, Feli, platschte inzwischen fröhlich vor sich hin. "Ähh, ja." Elisabeth schüttelte etwas verzögert die angebotene Hand. "Elisabeth." "Nochmals entschuldigung. Ich hoffe, Sie sind mir nicht böse. Ich hab im Kofferraum mehrere Badetücher und wenn Sie mitkommen wollen, ich hab im Hotel Wechselkleidung." Elisabeth war wirklich überfordert. "Ja, danke." Dabei hätte sie ja auch Manuela beten können, sie nach Hause zu fahren. "Ist das Ihr Rad?" Elisabeth nickte nur. "Gut, ich hab ein Radgestell auf dem Auto." Manuela stellte das Rad auf und rief Feli zu sich. "Das Hotel ist nicht weit weg, eine Decke können Sie auch noch haben." Geradezu mechanisch setzte sich Elisabeth in Bewegung und folgte Manuela wortlos. Am Auto angekommen, zitterte sie inzwischen richtig. Und noch bevor ihr Manuela die Decke geben konnte, begann sie auch zu schluchzen. Immer lauter, zwischen Zahngeklappere und der ersten ankommenden Feriengästen des Tages. Zunächst bemerkte es Manuela nicht, doch dann hörte sie Elisabeth und lies das Rad wieder zu Boden rutschen. Der Kratzer im Lack war ihr egal. Manuela wickelte die Decke noch fester um Elisabeth und nahm sie in die den Arm. Da standen sie nun, völlig losgelöst vom Geschehen um ihnen herum, bis nach ein paar Minuten die Schluchzer doch wieder leiser wurden, das Zittern weniger wurde und Elisabeth langsam Manuela vor sich wahrnahm. "Entschuldigung." Peinlich berührt wischte sich Elisabeth die Tränen und den Rotz weg. "Kann man waschen." "Danke für Ihre Hilfe. Normalerweise bin ich nicht so schnell bei Tränen." Manuela zuckte nur kurz mit den Achseln. "Zu weinen gehört dazu. Ich bin sicher, sie haben ihre Berechtigung. Setzen Sie sich schon einmal rein, aber bitte nach hinten, Feli sitzt immer vorne." Manuela hob das Rad auf das Dach und zurrte es fest. Auf der Rücksitzbank lagen ein paar Romane, Schuhe und Fachbücher verstreut. "Tut mir leid für die Unordnung, aber nachdem ich oft im Auto schlafe oder Pause mache, hab ich auch immer viele Bücher und Kleidung dabei. Vielleicht passen Ihnen auch ja ein paar Teile."

Zumindest die Schuhe konnte sie wechseln. Sich halb versteckt unter einer Decke umzuziehen wollte Elisabeth dann doch nicht. "Studieren Sie gerade?" "Nein", Manuela setzte sich mit Schwung hinter das Lenkrad, "ich bin gerade fertig geworden. Dipl. FH Soz.Päd." "Oh eine Art Kollegin, ich bin Lehrerin." "Wie schön." Der Motor brauchte ein paar Anläufe, dann aber bollerte er gleichmäßig vor sich hin. "Ist Musik in Ordnung?" Elisabeth nickte nur, nun wieder mehr auf sich konzentriert. Sie wollte einfach nur noch in ein warmes Bett. Manuela steckte die Kassette in das Fach und sofort erklang eine Frauenstimme, aber Elisabeth war zu k.o. um sich auf den Text konzentrieren zu können. Sie fuhren mit einem Ruck los und wenige Minuten später reihte sich Manuela auf der Spur der Landstraße ein. Es dauerte nicht lange und Manuela überholte ein Traktorgespann. Elisabeth, die die Augen geschlossen hatte, riss die Augen weit auf. "Fahr bitte rechts ran." Besorgt sah Manuela in den Rückspiegel. Sie hörte Elisabeth würgen. Manuela bog daraufhin scharf rechts ab und fuhr auf eine Wiese. Sie schnallte sich ab und kam gerade noch rechtzeitig um die Tür aufzureißen. Da bog sich Elisabeth auch schon zur Seite und übergab sich. Manuela hielt die Haare zurück. Die Kassette lief unterdessen weiter und Manuela kam nicht umhin um zu denken, dass komischerweise die Textzeile "I wonder if you'll stay now." sie gerade sehr berührte. Sie hatte das Lied schon länger nicht mehr gehört. Aus gutem Grund. Aber die anderen Kassetten waren inzwischen zu abgenudelt, sodass sie mal wieder diese Kassette eingeschoben hatte. Zwischendurch hatte sie den Text auswendig gekonnt. Aber die Zeiten mit Valerie waren vorbei und Elisabeth hatte definitiv gerade größere Probleme. Elisabeth richtete sich wieder auf und ließ sich erschöpft gegen die Rückbank fallen. "Geht's wieder?" "Ja. Ich glaub, ich bin einfach völlig mit den Nerven durch. Sagt man doch so, oder?" Elisabeth lächelte schwach. "Ja." Das Lächeln Manuelas ließ für einen Moment Elisabeth wieder alles vergessen. Manuela hielt ihr eine Wasserflasche hin. Dankbar nahm sie Elisabeth an.

Endlich angekommen, zeigte ihr Manuela schnell den Weg zur Dusche, um dann frische Wäsche zu holen. Elisabeth lehnte sich mit der Stirn gegen die Wand und ließ das fast zu heiße Wasser über sich laufen. Ihr kamen erneut die Tränen, aber dieses Mal zuckte nur ihr Körper, zu hören war nur das Wasser. Sie stand so, bis ihr in den Sinn kam, dass das heiße Wasser vielleicht nicht so vorrätig war und seifte sich dann schnell ein. Nachdem sie frisch angezogen war, das Haar unter dem Badetuch zu einem Turban gedreht, fühlte sie sich wieder deutlich besser. Sie ging Richtung Manuelas Zimmer und war dann doch einen Moment zaghaft, bevor sie klopfte. Feli begann laut zu bellen. Manuela öffnete die Tür und Feli lief sofort in Richtung Elisabeth und begann sie freudig zu beschnuppern. "Normalerweise ist sie neuen Menschen reservierter gegenüber. Magst du- mögen Sie Hunde?" "Ja, ich hätte auch gern wieder einen." "Welche Rasse hatte der?" "War der Familienhund, ein Schäferhund. Aber ich hätte gern einen zutraulicheren." Elisabeth kniete sich hin und nahm Feli in den Arm. Sofort kamen wieder die Tränen. Kurz war Manuela versucht Elisabeth zu streicheln, aber hatte dann Bedenken Elisabeth damit zu überfordern. "Beschissener Tag heute, hm?" "So kann man es sagen." "Soll ich um einen Tee fragen?" "Ja." So konnte Manuela Elisabeth etwas Raum geben. Als sie später mit frischen Tee und Tassen zurückkam, stand Elisabeth am Fenster, allerdings ging die Sicht nur auf einen Industriehinterhof. "Das ist der Grund, warum ich mir das Hotel überhaupt leisten kann. Tagsüber ist immer wieder Lärm zu hören. Ansonsten ist aber alles in Ordnung. Ich habe eine Kanne Pfefferminz und eine mit Hagebutte, ich hoffe das passt." Dankbar setzte sich Elisabeth an das kleine Tischchen während sich Manuela im Schneidersitz auf das Bett setzte. Feli hatte es sich unterhalb der Garderobe gemütlich gemacht. "Soziale Arbeit also." "Ja. Meinen Eltern wär etwas anderes lieber gewesen." Elisabeth nickte wissend. "Aber ich wollte zum einen endlich mal in eine andere Stadt und nicht bloß arbeiten um Geld zu verdienen." Im Grunde hatte Elisabeth die selbe Haltung. "Und jetzt machen Sie hier Urlaub. Und wissen Sie schon wie es dann weiter geht?" "Nein. Ich will mir denn Norden etwas anschauen. Ich finde schon was." Die Zuversicht möchte ich haben, dachte sich Elisabeth, die eher das Gefühl hatte in einen Abgrund zu rutschen. Eine Stille entstand. Elisabeth nippte am Tee. "Vielleicht bleibe ich auch hier, ich weiß nicht." Manuela war aufgestanden und schenkte sich nun ebenfalls Tee ein. Während Manuela einen Schluck trank, sah sie sich Elisabeth genauer an. Wie viel älter mochte sie sein? 15, 20 Jahre? 10? Feine Lachfalten waren zu sehen, unzählige Sommersprossen. Markante Augenbrauen, große Augen, momentan sorgenvoll zusammengekniffen. So jemand wie sie hatte sie noch nie gesehen. Im TV ja. Da kamen ja immer wieder Filme klassischer Hollywoodstars. Sie sah bestimmt schön aus, wenn sie in einer Samtrobe mit Diamantencollier eine große Treppe hinunterschritt. "Im welchen Hotel bist du?" Elisabeth sah auf die Uhr, fast 18 Uhr. "Oh ja, Zeit zu gehen." "Nein, nein, so war das nicht gemeint." "Sie wollen sicher noch zu Abend essen gehen." "Sie- du kannst ja mitkommen, ich hab gesehen, ein paar Häuser weiter gibt es ein kleines Wirtshaus." "Ich weiß einen kleinen Italiener bei mir um die Ecke, wenn wir Glück haben, ist Guilias Mutter auch da, dann bekommen wir eine ganz besondere Nachspeise." "Guilia- du bist schon öfter hier gewesen?" "Ich wohne hier. Entschuldigung, ich hatte vorher völlig vergessen zu sagen, dass du mich nach Hause bringen sollst." Elisabeth wurde etwas rot. "Na, das ist ja super. Dann machen wir uns fertig und gehen essen. Wie schön." Manuela stellte ihre Tasse auf den Tisch und ging sofort zum Kleiderschrank. Sie hatte Elisabeth eine Schlaghose und ein T-Shirt gegeben, die zugegebenermaßen darin etwas ungewöhnlich aussah. Sie hätte ihr gleich ihr bestes Kleid geben sollen. Sie nahm ein weißes Kleid heraus, das eine Lochstickerei am Saum hatte und mit Rosenblüten in blau bedruckt war. "Das ist schön..." Elisabeths niedergeschlagene Stimmung war wie weggeflogen. Manuela schaute zuerst Elisabeth an, dann wieder das Kleid. "Ist es hier eigentlich schön zu leben?" "Naja, wenn man nicht mit den von Bellenbergs verheiratet gewesen wäre ja." "Wieso?" "Man sieht überall ihre Handschrift." "Gehört zu denen nicht das schöne alte Fabrikgebäude an der Geigenlände?" "Ja, und das am Häuslerberg, in der Fliederau und so weiter." Elisabeth seufzte. Egal wie, sie entkam einfach nicht Michael. "Frisch geschieden?" Manuela riet einfach mal ins Blaue. "Ja." Elisabeth stand auf. "Tut mir leid, ich möchte dir den Abend nicht verderben. Vielen Dank nochmal, ich radel heim." "Nein, nein." Energisch drückte Manuela Elisabeth das Kleid in die Hand. "Wir gehen jetzt essen. Du hast dir eine Lasagne und Wein verdient." "Außerdem hab ich mein neues Häkelkleid noch gar nicht getragen. Stevie Nicks wäre neidisch." "Wer ist Stevie Nicks?" "Erzähl ich dir später, komm jetzt, ich will, dass du dich schminkst." Manuela zog Elisabeth vor den Schminkspiegel. Normalerweise trug sie nur dezenten Lippenstift und Nagellack. Manuela zog einen dunkelroten Lippenstift aus ihrer Schminktasche. "Hier." Gespannt sah sie zu, wie Elisabeth ihren Lippen nachzog. In dem Moment fand sie Elisabeth unglaublich anziehend und spürte das in ihrem Körper. Sie ging zum Kleiderschrank und drehte sich doch wieder in Richtung Elisabeth. Elisabeth stand plötzlich mit einer ganzen anderen Haltung da. Ihre Blicke trafen sich im Spiegel. Elisabeth drehte sich um- und Manuela hatte das Gefühl für einem Moment ihr Herz verloren zu haben. Dann fiel ihr auf einmal auf, dass beide zum Du gewechselt hatten ohne es zu bemerken. War sie etwa gerade dabei sich zu verlieben?

Eine Stunde später saßen beide ohne weitere besondere Vorkommnisse in einer stillen Ecke und unterhielten sich über Musik. Elisabeth wusste nun auch wer Stevie Nicks war und dass Manuela Gitarre spielen konnte. Maurizio hatte sich sehr gefreut Elisabeth wieder zu sehen und hatte natürlich schon gewusst, dass sie inzwischen geschieden war. Glücklicher hätte er darüber nicht sein können, nachdem er Michael insgeheim schon immer als Idiot empfand. Er hatte den beiden ausführlich Komplimente gemacht und sofort eine Flasche Wein aufgemacht. "Ich weiß nicht, Maurizio, mir war heute nicht so gut, ich muss noch heimradeln. Sei so lieb, bring mir ein Wasser, ja?" "Ich fahr dich gern nach Hause." "Danke, aber ich brauche heute noch etwas frische Luft. Der Tag war viel." "Völlig ok. Maurizio scheint dich sehr zu mögen." Elisabeth sah in Richtung Küche. "Wahrscheinlich weil er von-" Sollte sie noch gleich mehr von sich preisgeben? "Von Anfang an wusste, dass ich Michael immer treu sein würde." War neutral genug, alles musste sie ja auch nicht sagen, auch wenn sie Manuela für sehr sympatisch hielt. "Er verabscheut Michael, ich war auch hier nie mit ihm essen." "Das macht Maurizio umso sympathischer." "Seine ganze Familie ist so, Guilia, seine Zwillingsschwester auch. Ich werd sie sehr vermissen, wenn sie wieder ganz nach Bozen zieht." "Geht sie schon bald?" "Wird nicht mehr lange dauern, sie möchte ihr Kind dort auf die Welt bringen." Maurizio brachte einen Brotkorb mit Ciabatta sowie die Gläser mit den Flaschen. "Wann ist es denn bei Guilia so weit?" "In 10 Wochen. Du bist natürlich zur Abschiedsfeier herzlich eingeladen. Und zur Taufe auch. Jetzt, wo du Michael endlich los bist, kannst du auch in Bozen Urlaub machen." "Michael wollte immer nach Sylt, Nizza, diese Ecken. Südtirol war ihm immer nicht fein genug. Dabei komme ich aus einem wesentlich höherem Adelsgeschlecht als er." "Unsere Gräfin." Maurizio zog Elisabeth zu sich und diese umarmte dankbar seine Hüfte. Ihre Sorge, dass sie wegen ihrer Scheidung nicht mehr bei seiner Familie angesehen war, war unbekümmert. Aber dann hätten sie auch Maurizio aus ihrem Kreis ausschließen müssen. "Südtirol ist schön, ich war da schon ein paar Mal arbeiten." Wenige Minuten danach kam das Essen. Elisabeth sah die Lasagne an und dann Manuelas Pizza. "Irgendwie wär mir eine Pizza doch lieber." "Ja dann tauschen wir." "Du scheinst mir sehr pragmatisch zu sein." "Nicht immer, ich hab nur oft keine Lust auf lange Diskussionen oder Überlegungen. Und außerdem mag ich beides gern. Ich kann nur nicht gut italienisch kochen." "Alles andere aber schon?" "Toast Hawaii und Käsespätzle auf jeden Fall. Oder Nudelsalat. Studentenessen halt." "Da ich oft in der Schule gegessen hab, musste ich nur selten daheim kochen. Ich bin mir sicher, ich hab es schon besser gekonnt." Die beiden unterhielten sich, als hätten sie sich schon vor Jahren kennengelernt. Irgendwann allerdings war das Ciabatta aufgegessen, die Flasche Wasser getrunken und die Zeit gekommen zu zahlen. "Ich lade dich natürlich ein." "Ich dachte es käme noch eine Nachspeise?" So schnell wollte Manuela den Abend nicht enden lassen. "Selbstverständlich, die Teller werden bald gebracht werden. Das ändert nichts daran, dass ich dich einlade." "Das muss wirklich nicht sein. So eine arme Studentin bin ich dann auch wieder nicht. Ich kann gut meinen Teil selbst zahlen." Elisabeth sah Manuela überrascht an. Daraufhin war sich Manuela nicht sicher, ob sie sich gerade sehr unhöflich benommen hatte. "Tut mir leid, ich wollte nicht unhöflich sein." "Nein, das ist es nicht. Ich wollte mich nur erkenntlich zeigen. Schließlich hast du heute sehr viel für mich getan." "Hab ich doch gern gemacht. Machen wir einen Kompromiss, heute zahlst du, das nächste Mal zahl ich." "Wir werden uns nicht wieder sehen." "Schade und ich hatte gehofft, dich so zu einem weiterem Treffen überreden zu können." Elisabeth lächelte, fast ein bißchen traurig. "Du wirst das Geld sicher später fürs Tanken gut gebrauchen können."

Beide standen vor dem Eingang und wussten nicht was sie sagen sollten. Elisabeth war die erste, die wieder in den Takt kam. "Ich werde das Kleid morgen frisch gewaschen im Hotel abgeben, bevor ich in die Schule fahr. Vielen Dank nochmals Manuela." Manuela sah in den Abendhimmel und wünschte sich, eine Sternschnuppe käme vorbei. "Du wirst mir wirklich nicht so schnell aus dem Kopf gehen." "Du mir auch nicht." Nun sah sich auch Elisabeth den Himmel an, das war leichter zu ertragen. Als ein anderer Gast zur Tür hinaus kam, brach die Stimmung. "Auf Wiedersehen, Elisabeth, pass auf dich auf." Manuela zog ihren Autoschlüssel aus der Tasche. Sie gab Elisabeth die Hand, die sie für einen Moment länger hielt als üblich war. Dann ließ sie sie los. Manuela drehte sich nicht mehr um. Aber saß erst einmal ein paar Minuten in ihrem Auto und weinte.

Am nächsten Morgen weckte sie ein Dienstmädchen, eine Frau von Bernburg möchte sie sprechen. Manuela schlüpfte schnell in eine Jeans und Bluse und lief noch barfuß zur Lobby. Das konnte nur Elisabeth sein. Das sollte nur Elisabeth sein. "Hallo, ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen. Wenn du keine vertraglichen Verpflichtungen hast, könntest du doch auch bei mir einziehen. Meine Wohnung allein ist viel zu groß. Außerdem suchen sie im Krankenhaus eine Sozialarbeiterin. Herr Steffens wird dich sicher nehmen, frisch von der Uni, kostest du weniger als jemand mit langer Berufserfahrung." Manuela brauchte nicht lange überlegen. Freudestrahlend legte sie den Hörer auf die Gabel. Das hatte die Madame beim Handlesen nicht voraus gesagt.