Actions

Work Header

die Hand, die einen füttert

Summary:

Eine Reihe von Begegnungen zwischen László und Harrison, wie Erzsébet sie wahrnimmt.

Chapter 1: Rücklicht

Chapter Text

Der Abend dämmerte bereits als Erzsébet László‘s Gestalt vom Hügel her auf das Gästehaus zuschreiten sah. Sie konnte es manchmal immer noch nicht recht fassen ihn als ein Teil ihrer physischen Welt zu sehen, Fußspuren im Gras hinterlassend, lebend und gehend und die Arme schlenkernd. Von Zeit zu Zeit machte ihr Herz sogar einen kleinen Sprung, wenn sie ihn so erblickte und es durchfuhr sie neben der Erleichterung eine aufregenden Nervosität, die sie das letzte Mal so gespürt hatte, als sie beide jung verliebt waren und sich gerade erst kennenlernten.

Erzsébet öffnete den Mund um Zsófia rufen, dass sie mit ihr zusammen den Abendtisch decken solle, als sie hinter László Harrison‘s schwarze Limousine erblickte, die sich gemächlich über den Weg auf das Anwesen der Van Burens zuschob. Das leichte Prickeln in ihrem Nacken wandelte sich umgehend von Entzückung in Besorgnis, als sich das Auto ihrem Mann näherte. Für einen ganz kurzen Moment rechnete irgendetwas in ihr fest damit, dass gleich die hintere Tür aufgerissen und ihr Mann gewaltsam hereingezogen werden würde. Doch dieses merkwürdige Gehirngespinst bewahrheitete sich natürlich nicht. Tatsächlich fuhr das Auto samt glänzender Flügel einfach an László vorbei, der kurz aufsah und in die Richtung der passierenden Hinterfenster nickte. Er musste nur noch vom Weg abbiegen und auf ihr Haus zulaufen. Erzsébet wollte schon aufatmen, als der dunkle Wagen ungefähr fünfzig Meter entfernt dann doch noch zum halten kam.

Erzsébet sah, wie ihr Mann, fast zuhause, stehen blieb. Sie meinte dieselbe Anspannung in seinen Schultern erkennen zu können, die ihr im Nacken saß.

Die hintere Scheibe des Wagens wurde heruntergelassen und László offensichtlich etwas daraus zugerufen, denn er legte den Kopf schief. Unschlüssig wippte er auf einem Bein und warf einen zögernden Blick zu dem Haus, in dem Erzsébet auf ihn wartete. Sie wünschte sich, ihre Blicke würden sich treffen und ihren Mann behutsam aber bestimmt zum Haues, zu ihr hin bewegen, wie ein magisches Band. Ihr Wunsch wurde, wie so oft, nicht erhört, und stattdessen von einer Hand fortgewischt, die plötzlich aus dem Autofenster streckte und ihren Mann heranwinkte. Harrison, schnell ungeduldig, fing sogar an zu schnipsen und Erzsébet schnaubte empört über die Geste. László wandte nun den Blick gänzlich vom Haus ab, zog die Brauen zusammen und lachte irritiert auf, bevor er letztendlich auf das wartenden Auto zutrabte.

Als ihr Mann das geöffnete Fenster erreicht hatte, musste er sich leicht vorbeugen um ins Innere des Wagens zu sehen, in das sich die Hand triumphierend zurückgezogen hatte. Es wurden ein paar Worte gewechselt, ihr Mann nickte. Wie leid sie es war dieses beschwichtigende Lächeln auf seinem hübschen Gesicht zu sehen. Sie wusste aus eigener Erfahrung, wie bitter es schmeckte.

Auf einmal setzte sich das Auto wieder in Bewegung, fuhr ein paar Fuß, nur um dann zum zweiten Mal anzuhalten. Erzsébet starrte mit zusammengekniffenen Augen auf die roten Bremslichter. Ihr wurde heiß vor Scham und Wut, als László abermals hinter dem Wagen herlief wie ein ausgesetzter Hund. Noch einmal musste er zuhören, dann endlich rollte die Fensterscheibe hoch und gab ihren Mann wieder frei. Er richtete sich auf, hob für Harrison die Hand zum Abschied und machte sich im Schein der sich entfernenden Rückleuchten auf den Weg zu ihr.