Chapter Text
Die Frau an der Bar lächelte dem Blondhaarigen verführerisch zu, während dieser sich gelassen auf dem Barhocker niederließ. „Einen Wodka.“ winkte er der Kellnerin zu die verstand. Sein Instinkt sagte ihm, dass diese Nacht eine ganz Besondere werden würde. Er hatte schon die ganze Zeit die Frau im Visier gehabt die sich mittlerweile neben ihm niederließ. „Du bist nicht oft hier, oder?“ fragte sie ihn mit einem Kichern in der Stimme. „Nein.“ antwortete er und grinste wissend. „Wie ist dein Name, Fremder?“ Dean lehnte sich nach vorne und flüsterte ihr einen seiner Decknamen ins Ohr. „Oh, ich verstehe.“ Sie kicherte. Er genehmigte sich einen Schluck und hielt Ausschau nach seinem Bruder.
Wie immer stand dieser Abseits vom Geschehen und lehnte an der Wand. Dean wusste, dass er am liebsten sich Zuhause auf dem Sofa mit einem Buch gemütlich machen würde. Doch wie so oft gab er nach da sein großer Bruder so oft schon versprach, dass sie diesmal wirklich den Abend gemeinsam verbringen würden. Natürlich hielt dieser nicht sein Wort und flirtete stattdessen mit der Nächstbesten um sich seine Nächte im Bett zu versüßen.
Sam seufzte schwer und beobachtete aus der Ferne wie Dean ihn mal wieder den Abend klaute. Mit einem Blick auf seine Armbanduhr stellte er fest, dass es schon auf Mitternacht zu ging. Andererseits hatte er keine Lust alleine nach Hause zu fahren. Es war ätzend immer wieder auf seinem Hundeblick reinzufallen. Sein großer Bruder beherrschte ihn mindestens genauso gut wie er. Und er wusste selber nicht warum er sich jedes Mal aufs Neue verarschen ließ.
Er rollte mit den Augen und überlegte wie lange er dieses Spielchen noch mit sich machen lassen sollte bevor er sich ein Taxi rief. Andererseits waren sie gerade erst mal seit einer halben Stunde hier. Vielleicht würde er sich ja doch mal auf einen Drink einlassen. Jedoch sah er nicht eine Frau die ihm Ansatz interessieren würde. Wahrscheinlich weil alle doch nur auf dasselbe aus waren. Und das war einfach nicht sein Ding. Er war schon immer mehr der Mann gewesen der auf etwas Längerfristiges aus war. Dean eigentlich auch, aber er konnte es mit ihrem Job einfach nicht vereinbaren. Und irgendwo konnte er ja seinen großen Bruder verstehen. Nur diese ständigen One-Night-Stands mussten ihn doch irgendwann auch frustrieren?
Nein. Dean garantiert nicht.
Er war ein glücklicher Single und genoss den Sex.
Im Gegensatz zu ihm.
Er hatte ja nie welchen.
Worüber dachte er überhaupt nach? Er sollte echt weg hier. Das war ja nicht zum Aushalten wie Dean die Tussi an der Bar an sabberte. Angewidert verzog er das Gesicht und wandte sich zum Gehen als eine Stimme hinter ihm ertönte. „Langweilig hier, oder?“ Sam drehte sich irritiert um. Eigentlich war er gerade dabei gewesen sich wieder enttäuscht und wütend mit einem Taxi nach Hause zu verziehen. Allerdings interessierte ihn auch wer denn so plötzlich Interesse an ihm zeigte.
Eine Frau schien es auf jeden Fall nicht zu sein. Das erkannte er an der Stimme. „Ich kann dich verstehen. Keine Ahnung warum ich trotzdem hier bin. Wahrscheinlich weil ich irgendwo doch noch hoffe, dass jemand wie ich diesen Ort aufsuchen könnte.“ Sam starrte in die unglaublich grünen Augen seines Gegenübers. Dieser Fremde sprach ihn einfach mal so von der Seite an als ob sie sich schon seit Jahren kannte. „Entschuldige, aber kennen wir uns?“ fragte er unsicher und räusperte sich. Dieser Typ erinnerte ihn optisch sehr an seinen Bruder.
Schlank.
Dunkelblonde Haare.
Und die grünen Augen hatten auch eine gewisse Ähnlichkeit mit Dean.
„Nein, wir kennen uns nicht. Aber du hast mein Interesse geweckt als ich dich gesehen habe.“ Sam war so überrumpelt, dass er kein Wort heraus brachte. Glaubte dieser Mann etwa er wäre vom anderen Ufer? Ach was, das war unmöglich. Schließlich turtelten hier doch nur Heteros herum. Da schien ihm das etwas unrealistisch. „Ahh… okay.“ antwortete er etwas langgezogen. Gehen oder nicht gehen. Das war hier die Frage. Andererseits hatte er zum ersten Mal jemanden mit dem er sich halbwegs vernünftig unterhalten konnte.
„Marc, und dein Name ist…“ Sam überlegte fieberhaft. Eigentlich nutzten sie nur ihre Decknamen. Es gab natürlich Ausnahmen wo sie auch ihre echten Namen benutzten, aber das Risiko war einfach zu groß erkannt zu werden. Und momentan war er froh, dass sie mal eine kleine Auszeit hatten. „Sam.“ rutschte es ihm raus und er schaute Marc misstrauisch in die Augen. Doch die Reaktion war nach seinen Empfinden nicht auffällig. „Ahh… und du bist nicht so oft hier?“ fragte er interessierte. „Nein, mein Bruder und ich sind oft auf Reisen.“ antwortete er überfordert. „Geschäftlich.“ fügte er hastig hinzu.
„Dein Bruder?“
„Ja, er… er ist der wo gerade die Blondine angräbt.“ konnte sich Sam nicht verkneifen als er Richtung Dean nickte. Der war gerade dabei die Blonde in einen leidenschaftlichen Kuss zu ziehen. Sam schluckte schwer. Er wandte sich wieder an Marc. „Achso, jetzt versteh ich.“ lachte Marc leicht abfällig. „Ich nehme mal an du begleitest ihn nur damit er nicht alleine die Frauen aufreißen muss, oder?“ Sam schluckte schwer. Er schämte sich gerade sehr für seinen Bruder. Eigentlich hatte er kein Problem damit, dass Dean ein sehr offenes Sexleben führte. Doch er konnte Marc auch nicht widersprechen. Irgendwie hatte er sich selber nie die Frage gestellt wieso Dean ihn immer dabei haben wollte. Das ergab überhaupt keinen Sinn. Schließlich ging er die meiste Zeit immer leer aus. Das Einzige was er vielleicht mal tat war ihm dabei über die Schulter zu schauen. War Dean wirklich so selbstverliebt? Nein… das konnte es auch nicht sein. Natürlich hatte Dean ein gesundes Selbstbewusstsein, aber er war ihm nicht egal. So schätzte er seinen großen Bruder einfach nicht ein.
„Entschuldige, ich hoffe ich habe keinen wunden Punkt getroffen.“ Sam zuckte zusammen. Er hatte die ganze Zeit in Richtung seines Bruders gestarrt. Erst jetzt war ihm wieder bewusst wie ähnlich Marc und Dean sich waren. Dabei schien Marc eine ganz andere Einstellung als dieser zu haben. „Ich, nein… ist schon okay. Lass uns einfach nicht mehr darüber reden.“ nuschelte der Braunhaarige und gab sich größte Mühe nicht mehr auf das heftige Rumgeknutsche zu schauen. Irgendwo nervte er schon. Konnte er sich nicht endlich mal verziehen mit seiner neuen Angebeteten?!
Andererseits hatte er nie viel von dem Ganzen mitbekommen da er sich meist nach einem Bier schon nach Hause verzogen hatte. Dennoch kam es ihm gerade etwas merkwürdig vor, aber vielleicht lag das auch an der verbrauchten Luft. Er hustete als etwas Zigarettenqualm zu ihnen herüber zog. Ein paar Raucher hatten sich auf einen der quietschenden Holzstühle niedergelassen. „Ich nehme mal an, dass deine Interessen eher in der Literatur liegen? Hab ich Recht.“ Sam spürte wie er leicht errötete. Er spürte wie ihn der andere aus intensiven Blick beobachtete. „Ja, ich hab schon immer gerne gelesen und auch mal studiert.“ Was war denn los mit ihm? Normalerweise ging er bei diesem Thema total auf, aber die Nähe von Marc war ihm einfach unangenehm.
Unangenehm auf eine Art die er nicht kannte.
Es war ihm fremd, dass ihn in so einer Szene ein Mann ansprach. Vor allem wenn er nicht die genauen Absichten dahinter wusste. „Und du? Was interessiert dich so?“ stotterte er und biss sich auf die Lippen. Fast schon reflexartig griff er sich hinten am Nacken. Das machte er immer wenn ihm etwas peinlich war. Marc lächelte und rückte näher an ihm ran. „Was denkst du denn was mich interessiert?“ Die grünen Augen hielten ihn gefangen. „Na ja… ähm… wahrscheinlich liest du auch gerne Bücher.“ Was redete er da überhaupt für einen Stuss daher? Er atmete schwer und versuchte seine Kontrolle zu behalten. Warum zum Teufel war er wie fest gegossen? Dieser Mann näherte sich ihm unwahrscheinlich schnell, und eigentlich war doch das Erste was er gemacht hätte, ihn von sich wegzustoßen.
Es war ja schließlich nicht das Erste mal, dass ein Mann mit ihm flirtete. Doch diesmal war die Situation so anders. Dean war nicht in seiner Nähe der darüber lachen konnte. Und auch so hatte er Niemanden der ihn vielleicht für diese Lage verurteilen konnte. „Du musst nur etwas sagen dann hör ich auf.“ Sam spürte eine Hand die sich langsam von seiner Hüfte nach oben zu seiner Brust tastete. Er atmete immer schwerer und schluckte. Marc hatte mit der linken Hand seine Hüfte und die andere machte sich langsam auf dem Weg nach oben.
„Ich hab das Gefühl, dass du viele Geheimnisse in dir trägst. Und ich glaube ich habe eines davon entdeckt.“ stellt dieser mit einem sicheren Lächeln fest als Sam tief ausatmete. „Du bist ein Jäger, oder?“ Sam konnte nicht mehr als stumm zu nicken. Zu paralysiert war er von den Berührungen des anderen. „Ich bin auch einer, weißt du. Und ich hätte nicht gedacht, dass ich dich hier finde.“ Mit diesen Worten überwand er schließlich die letzten Zentimeter die sie voneinander trennten um ihn auf den Mund zu küssen.
Sam ließ es einfach mit sich geschehen. Die Lippen waren rau und weich zugleich. Es war fremdartig und vertraut. Verwirrende Gefühle wirbelten in ihm auf. Lust und Angst. Hatte er in all den Jahren nie seine bisexuellen Neigungen bemerkt. Die Art wie Marc seine Hände um seinen Nacken schloss um ihn näher ran sich zu ziehen faszinierte ihn. Er erwiderte den Kuss und als eine feuchte Zungenspitze seine Lippen berührte gewahr er ihm schließlich um Einlass. Seine Arme schlossen sich nun auch um die Hüfte des anderen so, dass nur noch ein Blatt ihre Körper voneinander trennten.
Was Sam jedoch nicht bemerkte war, dass sein großer Bruder von der Blondine losgelassen hatte. Dean staunte nicht schlecht als er seinen kleinen Bruder sah der in einem leidenschaftlichen Kuss mit einem anderen Mann war. Er wusste nicht wie er reagieren sollte. Bei Schwulen hatte er schon immer seine Probleme gehabt. Nicht etwa weil er homophob war sondern weil ihr Vater nicht wirklich der beste Erzieher in diesem Thema war. Und schon gar nicht als Ansprechpartner. Dean hatte leider nur allzu oft Schwule in Verbindung mit tuckig gehabt. Obwohl er selber wusste, dass es totaler Blödsinn war und ein schwuler Mann deswegen weniger männlich war. Doch sein inneres Vorurteil blieb in all den Jahren und er hatte bisher auch nur selten Kontakt damit gehabt.
Jetzt jedoch wurde er quasi dazu gezwungen sich mehr mit dieser Thematik auseinander zu setzen. Denn sein kleiner Bruder hatte wohl nicht nur Interessen für Frauen. So viel stand fest. Und irgendwie kochte es auch sauer in ihm auf als der Mann seinem kleinen Bruder Dinge in die Ohren flüsterte. Hatte dieser Kerl etwa wirklich seinen Bruder verführt?! Und warum hatte sich Sammy darauf eingelassen? Er war durcheinander und wütend. Am liebsten wäre er zu den beiden hingegangen. Andererseits hielt er es nicht für sehr klug sich jetzt zwischen die beiden zu stellen. Außerdem würde das doch erst jetzt so rüberkommen als würde er seinem kleinen Bruder kein One-Night-Stand gönnen. Ob Frau oder Mann sollte doch vollkommen gleich sein.
„Wollten wir uns nicht bei dir gemütlich machen?“ fragte die Blondine ihn. Ihren Namen hatte er längst vergessen. „Ähm… also.“ Sam küsste noch immer den Mann. Seine Augen waren geschlossen und er sah in dem Moment sehr hingebungsvoll aus. Dean blieb der Mund offen stehen. Er wollte ja seinen Blick davon abwenden, aber er konnte einfach nicht. „Ich glaube… ich glaube ich kann nicht.“ nuschelte er und war wie hypnotisiert. Die Blondine rollte mit den Augen. Offenbar hatte sie sich schon auf das nächtliche Stelldichein gefreut. Doch Dean hatte sowieso jegliches Interesse verloren. Seine Lust war wie verraucht und er mahlte leicht mit den Zähnen.
Als der Mann Sam erneut etwas ins Ohr flüsterte nickte dieser und lächelte. Er ging mit diesem Typen doch tatsächlich raus und haute ab. Dean schluckte schwer. Was sollte er jetzt machen? Hier bleiben machte sowieso keinen Sinn. Sein Date hatte er sich ohnehin vergrault. Und eigentlich hatte er auch keine Lust mehr sich um irgendetwas zu bemühen. Er war einfach nur sauer. Und wusste nicht mal worauf. Wahrscheinlich weil Sam ihm all die Jahre verschwiegen hatte, dass er auch auf Männer stand. Das war vielleicht nichts Wichtiges, aber schließlich waren sie Brüder. Und sie hatten sich doch bisher alles anvertraut.
Er bezahlte und stand auf. Unschlüssig sah er sich nochmal um. Doch plötzlich kam er sich hier sehr sinnlos vor. Außerdem machte es ohne Sammy einfach keinen Spaß. Mit einem Seufzen verließ er die Bar und setzte sich in seinen Impala. Ohne seinen Bruder fühlte sich sein Gefährt sehr leer an. Also drehte er seine Musik auf – Bon Jovi war gerade das Beste was er jetzt gebrauchen konnte – und fuhr los Richtung Motel.
Auf dem Weg dort hin dachte er über das Geschehen nach. Er wollte immer noch nicht wahrhaben was gerade passiert war. Und irgendwo zwischen seiner unglaublichen Wut auf diesen Mann machte er sich auch Sorgen um Sammy. Sollte er ihn anrufen? Was ist wenn dieser Mann ein Dämon war? Nein. Er wollte ruhig bleiben. Zumindest die Nacht über wollte er abwarten. Außerdem war sein kleiner Bruder nicht dumm. Und er konnte sich auch zur Not mal zur Wehr setzen. Der Gedanke beruhigte ihn natürlich, aber im Hinterkopf blieb immer noch, dass sein kleiner Bruder bisexuell oder vielleicht sogar schwul war.
Dieser Gedanke war einfach so befremdlich für ihn wo er doch immer dachte, dass sie beide doch bisher immer nur Frauen hatten. Na ja, er wusste nicht was in seiner Unizeit passiert war. Natürlich war da Jessica. Doch das hieß nichts. Er hatte lange Zeit dort verbracht. War doch etwas gewesen was sein Sammy ihn verschwiegen hatte? Mhm…
Tief in Gedanken versunken parkte er vor dem Motel und stieg aus. Er schloss ab und ging in ihr Zimmer. Da sie beide einen Zimmerschlüssel hatten würde er es schon mitbekommen wenn Sam von seinem One-Night-Stand zurück kam. Wenn… . Nein! Er würde auf jeden Fall zurückkommen. Und ihm dann sicher auch erklären was das Ganze sollte. Danach konnte er sich immer noch aufregen. Am Besten legte er sich schlafen. Auch wenn ihm gerade nicht unbedingt nach Schlafen zumute war.
Der Whiskey war für seinen Konsum nicht viel gewesen, aber ein bisschen spürte er den Alkohol doch. Er zog sich sein Shirt über den Kopf, schob sich die Hose umständlich von den Beinen und legte sich ins Bett. Die Schuhe ließ er einfach neben dem Bett fallen. Unruhig legte er seine Arme hinter den Kopf und starrte an die kahle Wand. Es war still und leer. Und irgendwo auch merkwürdig mal nicht derjenige zu sein der jemanden abschleppte. Was Sammy wohl gerade machte? Obwohl darüber mochte er gar nicht nachdenken. Eigentlich war ihm das Sexleben seines Bruders auch egal. Schließlich hatten die beiden quasi Narrenfreiheit. Sie waren ja fast schon vogelfrei in ihrem Leben ohne Haus, ohne festen Standort und immer unterwegs auf der Suche nach dem nächsten Auftrag.
Und bis auf ein paar wenige Richtlinien machten sich die Brüder auch keine Vorschriften. Obwohl er schon oft das Gefühl hatte, dass Sammy sich genau so etwas in ihrer Beziehung wünschte. Natürlich brüderlichen Beziehung. Sie waren eine Familie. Und da musste man den anderen auch beschützen. Vor allem da Sammy oft sehr naiv war. Und genau das bereitete ihm Sorgen. Nicht etwa, dass ein Mann ihn gerade vernaschte… nein! Er konnte den Gedanken einfach nicht ertragen zu wissen mit wem sich Sammy eingelassen hatte.
Wie auch immer. Grübeln hatte keinen Sinn. Also legte er sich auf die Seite und versuchte – wenn auch diesmal sehr unruhig – Schlaf zu finden. Morgen würde er sicher heraus finden wer dieser Mann war und ob er wirklich gefährlich war für seinen Bruder. Mit diesen Gedanken schlief er auch schlussendlich ein.
