Chapter Text
Die Mädchen standen mit strahlenden Augen und offenen Mündern vor der Auslage des Kostümladens. Die meisten Kostüme waren für die Mädchen unbezahlbar, aber für eine Maske oder Hut reichte es dann doch. Der Rest musste halt im Kostümfundus der Schule zusammengesucht werden. Elisabeth sah den Treiben gelassen zu. Natürlich gab es auch dieses Jahr wieder einen Faschingsball am Unsinnigen Donnerstag und war eine beliebte Abwechslung. Vor allem weil das der einzige Tag war, an dem die Direktorin keinen Zutritt zu dem Ball hatte, dass hatten sich die Mädchen schon vor Jahren hart erkämpft und die Direktorin hatte schlauerweise erkannt, dass selbst sie nichts gegen die Begeisterung für den Fasching unternehmen konnte und hatte es dann lieber vorgezogen, all die Regelbrüche gar nicht sehen zu wollen. Nachdem dies eh immer der Auftakt für die Faschingsferien war nach der Zeugnisvergabe, überließ sie das Treiben nur zu gern Fräulein von Racket. Mit der Zeit hatte sie allerdings erkannt, dass ganze schlaue Mädchen es zuweilen schafften, heimlich Bier oder Schnaps in die Aula zu schmuggeln und sah nun ihre vornehmste Aufgabe darin, schon vorher spitz zu kriegen, ob auch dieses Jahr wieder ein Schmuggelgeschäft geplant war. Und dann auch die heimlichen Beschaffungswege aufzudecken. "Kinder, ihr hab noch eine halbe Stunde, dann geht's zurück. Bei dem Schneetreiben möchte ich so früh wie möglich zurück sein." "Aber wir haben doch nicht alle etwas gekauft!" "Es gibt genug Kostüme für alle im Fundus. Dann habt ihr mehr Taschengeld übrig..." "Aber die von der Schule sind doch teilweise schon so alt, muffig und öde!", protestierte vor allem Ilse. Elisabeth hatte schon letztes Jahr erkannt, wie wichtig Ilse es nahm, immer das beste Kostüm zu haben. Schon Wochen vorher war sie plötzlich ganz sparsam geworden und hatte fleißig zu nähen begonnen. Ilse hatte dann beim ihrem ersten Besuch des Ladens tatsächlich das meiste Geld ausgegeben. Ihre Eltern hat freilich gern ihren Anteil gezahlt, kamen sie doch aus Mainz und wollten die Tradition fortgeführt sehen. "Ilse, ich bin mir sicher, du schießt auch dieses Jahr wieder den Vogel ab." War sie doch letztes Jahr glatt als Pinguin erschienen. Elisabeth begann zu schmunzeln, den Moment würde sie nie vergessen, als Ilse watschelnd in die Aula kam und sich dann mit Zylinder und Krückstock vor ihr verbeugt hatte. Es hatte etwas von Charlie Chaplin. "So, jetzt Kinder-" Frau Müllleitner und ihre Gehilfin, das Fräulein Berghammer begannen alles wieder zusammen zu packen und die Käufe abzurechnen. Es dauerte noch eine Weile und dann verließ eine schnatternde Menge den Laden und folgten brav ihrer Lehrerin in Richtung Internat. Während des Spaziergangs an der Würm entlang hing Elisabeth ihren Gedanken etwas nach.
Kurz bevor sie mit der Schule fertig wurde, hatte sie in den Ferien mit ihren Eltern Verwandte besucht, die sie dann auf einen Faschingsball einluden. Sie hatte zwar nicht darum gebeten, auch weil sie sich nicht wirklich etwas darunter vorstellen konnte, aber nahm die Einladung an und sah dem ganzen gespannt entgegen. Am Tag vor dem Ball hatte sie interessiert dem Treiben auf dem Marktplatz zugeschaut, wo Männer in gruseligen Masken tanzten und dann von Frauen mit Besen vertrieben wurden. Sie konnte sich irgendwie nicht vorstellen, dass es auf dem Ball genauso zu gehen würde. Als sie dann alle beim Ball ankamen und alle prächtigen Farben verkleidet waren, kam sich Elisabeth reichlich dumm vor, nicht im Kostüm erschienen zu sein. Ihr Vater ging schnurstracks auf Graf von Lerchenfeld-Neunburg zu und begrüßte ihn jovial. Kein Wunder, nachdem er zu mittags schon reichlich die hiesigen Biere probiert hatte. Elisabeth blieb vornehm zurückhaltend neben ihrer Mutter stehen. Sie würde wohl nie verstehen, wie unbewegt ihre Mutter dabei zu sah, wie viel ihr Vater immer trank und sich dementsprechend benahm. Ihr war das ausgesprochen peinlich. So in Gedanken verloren fiel ihr gar nicht auf, wie die Tochter des Grafen Elisabeth aus der Ferne interessiert musterte. Und sich entschloss den ersten Zug zu machen. Wer sich traute so natürlich auf den Ball zu gehen, konnte nur eine Rebellin sein. Außerdem sah sie verboten gut aus. Braune Haare zu einem Dutt geformt, eine lindgrüne Bluse zu einem braunen Rock. Zwar nicht ganz ihre Farben, aber sicherlich hatte sie sich noch keine eigene Garderobe erstellen dürfen. Oder sie war als Lehrerin verkleidet. Gekonnt durch die tanzenden schreitend, nahm Marischka Kurs. Etwas überrascht blickten Elisabeth und ihre Mutter auf, als sich vor ihnen ein junger Kerl in Reiteruniform aufbaute. "Guten Abend!" Das war ja eine Sie! Die sie hob galant zunächst Frau von Bernburg die Hand hin und als diese annahm, knickste sie brav. "Gestatten Maria, genannt Marischka, von Lerchenfeld-Neunburg." "Guten Abend Fräulein von Lerchenfeld-Neunburg." Noch immer etwas verdutzt grüßte Frau von Bernburg ihr Gegenüber. "Und du bist?" Das war ja ganz unerhört! Ihr Tochter duzen! Sie war doch keine der Bediensteten aus den unteren Schichten. Etwas zögerlich antwortete ihre Tochter mit Elisabeth. "Darf ich um einen Tanz bitten?" Bevor ihre Mutter noch antworten konnte, nickte Elisabeth. Marischka steckte Frau von Bernburg ihren Hut in die Hände und führte Elisabeth auf die Tanzfläche. Elisabeths Herz schlug plötzlich etwas zu schnell für ihren Geschmack. Und sie hatte das Gefühl, ihre Wangen waren so rot wie die aufgemalten Wangen der Clowns. Ihre bisherigen Tänze war so aufregend gewesen wie das Bügeln eines Taschentuchs. Vor allem wenn die Herren mehr über ihre eigenen Füße stolperten oder ihr von anderen Gräfinnen vorschwärmten, die sie zu heiraten gedenkten. Ihr taten die angebeteten Damen manchmal sehr leid und wünschte ihnen, dass sie bessere Ehegatten abbekommen würden. Letztendlich erschloss sich ihr nie, was so toll am Tanzen sein sollte, dass daraus ganz Kriege eröffnet oder beendet werden konnten. Aber anstatt ihre Zehen platt gedrückt zu bekommen, führte sie Marischka sicher aber lässig über den Tanzboden und zum ersten Mal erkannte Elisabeth, dass Tanzen doch vielleicht Spaß machen konnte. Marischkas Hand auf der Hüfte trug dazu wesentlich bei. Es fühlte sich fast schon verboten gut an. Marischka spürte, sehr zu ihrer Freude, wie sich Elisabeth in ihren Händen entspannte und führen ließ. Dabei musste sie sich wahrlich zusammenreißen, sich nicht in den großen blauen Augen zu verlieren. Sie hätte Elisabeth stundenlang anhimmeln können und es wär kein bißchen langweilig geworden. Potzblitz, da hatte ihr Amor wohl ein paar Pfeile zu viel ins Herz geschossen.
"Wollen wir etwas nach draußen gehen, hier drin ist doch recht warm geworden. Außer Sie wollen sich an den Gesprächen der feinen Gesellschaft beteiligen." Das plötzliche Sie war nun genauso irritierend wie vorhin das du. Dass Marischka nur etwas Dampf herausnehmen wollte, konnte sie natürlich nicht wissen. "So interressant sind die Gespräche nun auch nicht." Beide kannten die üblichen Themenfelde zur Genüge und freuten sich wie ein plötzlich entdeckten Diamanten, wenn sie erkannten das ihr Gegenüber über interessante Themen zu sprechen wusste. Die beiden gingen die große Treppe im Foyer hinab, selbstverständlich nach links und rechts grüßend. Endlich angekommen, schlug Marischka nicht den Weg zum Park hinaus, sondern in Richtung der Pferdeställe. "Ich nehme an, Sie können reiten?" "Sie wollen doch jetzt nicht reiten?" "Nein, nein.", winkte Marischka lachend ab. "Aber in der Regel findet man bei den Ställen oft interessante Sachen." Elisabeth wusste nicht, was damit gemeint sein könnte, wollte sich aber auch nicht die Blöße geben. Ein älterer Knecht kam ihnen entgegen. "Na, auf der Suche nach ein paar Burschen? Sind heute keine da." "Die brauchen wir auch nicht." "Aha, so eine..." Er zwinkerte ihr allwissend zu. "Nehmt den linken Eingang." Das ging jetzt alles in eine Richtung, die sich verboten anfühlte. Elisabeth verlangsamte ihren Schritt. "Ist Ihnen nicht gut? Wir können auch zurück gehen." Elisabeths Sturköpfigkeit meldete sich. Jetzt waren sie schon so weit gegangen, jetzt wollte sie das auch durchziehen, was auch immer "das" war. Sie war im letzten Schuljahr, Teufel noch eins. Wann wenn nicht jetzt, musste sie die Zeit zum Rebellieren nutzen, in ein, zwei Jahren würde sie verheiratet sein und hatte dafür keine Zeit mehr. Bei den Ställen angekommen, entschieden sie sich wortlos, tatsächlich den linken Eingang zu nehmen. Recht schnell stellte sich heraus, warum der Knecht ihnen das empfohlen hatte. War wohl nicht das erste mal gewesen, dass ihm während eines Balls junge Leute entgegen gekommen waren. Sie kamen in eine Stube, die wohlig warm war. Es stand ein altes Kanepee an der Wand, darüber Nacktfotos von Frauen und Männern. Die Nacktfotos der Frauen lösten in Elisabeth etwas aus, was sie bisher nur einmal erlebt hatte. Als ihr eintte Krankenschwester letztes Jahr einen Verband am Oberschenkel angelegt hatte, nachdem sie sich beim Reiten eine Schürfwunde zugezogen hatte. Marischkas Blick war zunächst auf die Flasche Schnaps und den Zigaretten gefallen und hat darum von Elisabeths Gefühlswallung nichts mitbekommen. Elisabeth konnte sich von den Bildern gar nicht losreißen und hätte sich am liebsten sofort auch so berührt wie die Frauen sich auf den Fotos. Noch ungeheuerlicher allerdings war der Gedanke, ob Marischka vielleicht auch so dachte.
Endlich sah auch Marischka zur Wand hinüber und entdeckte ebenso die Fotos. Anerkennend pfiff sie, was Elisabeth fürchterlich erschreckte. Elisabeth wurde knallrot. Marischka begann zu lachen und legte ihre Hand auf Elisabeths Schulter. "Entschuldigung, das wollte ich nicht. Ein paar von den Fotos hätte ich schon gern in meinem Schrank hängen..." Elisabeth hätte nun wirklich nur zu gern das Artemiskostüm getragen. Dann hätte Marischka nämlich ihre nackte Schulter berührt. Ob Marischka unter ihrem Hemd eigentlich etwas trug? "Willst du deine Uniform nicht ablegen, ist doch wirklich warm hier drin?" "Ich soll mich ausziehen?" Marischka begann ihre Jacke aufzuknöpfen. "Nur- nur- nur die Uniformjacke..." Elisabeth konnte sich auf einmal nicht mehr von Marischkas Anblick losreißen. Was vorher nur eine wage Vermutung war, bestätigte sich nun allzu ersichtlich. Elisabeth stand auf voll und ganz auf Frauen und wenn sie sich nicht völlig täuschen würde, endete die Nacht vielleicht noch gemeinsam auf der Couch. Manchmal hatte solche trägen Bälle doch ihr gutes. "Schon einmal eine Frau in echt nackt gesehen?" Lässig schmiss Marischka die Uniformjack auf den Stuhl. Völlig fixiert auf den Anblick vor ihr, schüttelte Elisabeth den Kopf. "Willst du?" Elisabeth stöhnte auf. "Zur Belohnung bekomm ich aber auch einen Kuss!"
"Na Servus." Ein anderer Knecht war unbemerkt in die Stube gekommen. Verschreckt verschränkte Elisabeth ihre Arme vor der Brust und fühlte sich plötzlich sehr nackt. "Sollen wir wieder hinausgehen, wir können auch woanders schmusen." Lachend hielt der zweite Mann sich spielerisch die Augen zu. "Braucht's euch nicht zu schämen, wir sind warme Brüder." Marischka fand ihre Contenance wieder, zog sich ihre Bluse straff und holte sich nicht ohne Bedauern ihre Uniformjacke wieder. Sie hätte wirklich Lust gehabt, auch ein bißchen zu schmusen. Sie zog die noch immer völlig erstarrte hinter sich an den beiden Männern aus der Stube und begann langsam zu kichern. Sie war schon immer ein Wildfang gewesen, aber das war ihr auch noch nicht passiert. Gab wohl für alles ein erstes Mal. Als Elisabeth später auf dem Nachhauseweg in der Kutsche saß, wurde ihr bewusst, dass sie gerade um die Chance beraubt wurde, eine Frau zu küssen. Ob die Chance wohl je wieder kommen würde? Die Erkenntnis erbrach geradezu einen Schwall an Gefühlen und Gedanken, die sie für die nächsten Tage und Wochen sehr schweigsam bleiben ließ.
"Fräulein von Bernburg den Schlüssel bitte!" Nicht gerade im höflichen Ton meldete sich Ilse lautstark, nachdem sie am Tor angekommen waren und sich auf den heißen Tee freuten. Fräulein von Bernburg war deutlich hinter ihnen geblieben und schien noch gar nicht realisiert zu haben, dass sie ihre Zöglinge nun schon seit ein paar MInuten warten ließ. Peinlich berührt ging sie einen Zacken schneller auf das Tor. Was wohl aus Marischka geworden war. Sie glaubte, sich zu erinnern, dass sie irgendwann zu hören bekam, dass Marischka nach Südamerika gegangen war, um Pflanzen zu erforschen. Aber das konnte genausogut nur eine Ausrede gewesen sein. Solche Frauen steckte man ja immer noch gern in die Irrenanstalt. Wenn sie nicht gerade Nonnen oder Lehrerinnen wurden. So wie sie.
