Chapter Text
„We will try again. Always.“
Warum versuche ich es immer und immer wieder?, dachte Torch.
Es schmerzte jedes einzelne Mal ein wenig mehr. Jedes Mal zerbrach seine Welt ein Stück weiter. Wie viele Welten hatte er noch übrig, bevor er selbst zerbrechen würde? Vielleicht war dies die letzte.
Langsam rollte er sein Pergament ein. In dem Turm, in dem er Clancy das letzte Mal gesehen hatte, brannte noch kein Licht. Vielleicht war das gut. Vielleicht bedeutete es, dass noch nicht alles wieder begonnen hatte. Nicht der Vialismus. Nicht die Ordnung. Nicht das endlose Spiel.
Er ließ seinen Blick über das Schlachtfeld schweifen.
Die Banditos hatten ihre Sachen bereits gepackt. Niedergeschlagen entfernten sie sich von ihm. Niemand sprach.
Die Grabsteine waren wieder verschlossen. Kein Zeichen eines Kampfes. Kein Hinweis darauf, dass hier eine Schlacht getobt hatte. Als wäre nie etwas geschehen.
So wie immer.
Wie jedes einzelne Mal.
Doch was sollte es.
Er würde es wieder versuchen.
So lange, bis es funktionierte.
Bis er seinen Clancy behalten durfte.
Der Clancy im Turm war sein Lieblings-Clancy gewesen.
Doch er war nicht mehr Clancy.
Er war Bishop.
Der Wind fuhr durch Torch’ Haare, die Gräser wiegten sich sanft. Die Welt wirkte grausam friedlich.
Er setzte seinen Rucksack auf und machte sich auf den Rückweg zum Lager. In der Ferne zeichneten sich Berge ab, dahinter das Meer. Als er den Hügel erreichte, von dem aus sie die Schlacht begonnen hatten, blieb er stehen.
Dema ragte aus Trench hervor.
Grau.
Unnahbar.
Bedrohlich.
Die Mauern schienen endlos hoch. Eine dunkle Energie ging von ihnen aus — etwas, dem man sich nicht nähern wollte.
Doch es spielte keine Rolle, wie hoch die Mauern waren.
Wie viele Bischöfe darin lebten.
Wie viele Menschen auf den Straßen standen.
Sie hatten verloren.
Und Torch war die Hoffnung.
Er drehte der Stadt den Rücken zu. Zurückblicken brachte nichts. Es brachte Clancy nicht zurück.
Seinen geliebten Clancy.
Er war besonders gewesen. In jeder Hinsicht.
Torch schüttelte den Gedanken ab. Es brachte nichts, sich darin zu verlieren. Er musste zurück. Musste ihn retten. Musste Clancy aus dem Bann der Bischöfe reißen.
Doch ein Gedanke ließ ihn erstarren:
Was, wenn er selbst zu einem Bishop würde?
Dann wäre er bei ihm.
Torch liebte Clancy. Sein Lachen. Seine Stimme. Die Musik, die sie gemeinsam gespielt hatten.
Seine Gefühle waren zu stark, um ihn einfach wieder zu vergessen.
Aber konnte er diese neue Version lieben?
Konnte er Clancy lieben, wenn er ein Bishop war?
Die Frage nagte an ihm, bis er das Lager erreichte.
Alle warteten auf ihn.
Er war die Hoffnung.
Und genau das war das Schwerste.
Die Blicke trafen ihn — erwartungsvoll, erschöpft, verzweifelt. Weiter hinten weinte jemand leise.
Torch wollte verschwinden.
Einfach gehen.
Nicht mehr derjenige sein, zu dem alle aufblickten.
Er schwieg lange.
Dann sagte er, mit brüchiger Stimme:
„Wir sollten packen und weiterziehen.“
Niemand widersprach.
Zelte wurden abgebaut. Das große Feuer erlosch. Ihr kleines Zuhause verschwand Stück für Stück.
Doch Torch war noch nicht bereit.
Die Wolken verdunkelten den Himmel. Selbst die Sonne wollte das hier nicht mit ansehen.
Langsam ging er zu seinem Zelt. Zu dem Ort, an dem er die letzte Nacht mit Clancy verbracht hatte.
Er kniete sich neben dessen Bett.
Es war noch unordentlich. Roch noch nach ihm.
Torch atmete tief ein, sog den Geruch in sich auf, als könnte er ihn so für immer bewahren.
Er legte sich hinein. Umklammerte die Decke.
Eine Träne lief über seine Wange.
Dann noch eine.
Bis er nicht mehr aufhören konnte.
Wie viele Versuche noch?
Wie oft noch verlieren?
Würde er Clancy jemals wiedersehen?
Würde Clancy sich überhaupt noch an ihn erinnern?
Er schloss die Augen. Erinnerungen überrollten ihn — ihre erste Begegnung, das gemeinsame Spielen, das Lachen am Lagerfeuer.
Dann ein Rascheln.
„Bist du bald fertig?“, fragte eine Stimme draußen.
„Ja. Versammelt schon mal die Banditos“, antwortete Torch und wischte sich hastig über das Gesicht.
Als die Schritte sich entfernten, begann er zu packen.
Gerade als er die Decke verstauen wollte, flackerte seine Hand.
Ein kurzes, helles Aufleuchten.
Und für den Bruchteil einer Sekunde — war sie nicht da.
Torch erstarrte.
Das kannte er.
Es passierte nur, wenn er sich projizierte.
Aber das tat er nicht.
Oder?
Er starrte auf seine Hand. Wartete. Nichts.
Vielleicht Einbildung.
Er war nicht in guter Verfassung.
Torch schüttelte seinen Kopf. Der ganze Stress schien ihn echt mitzunehmen. Er Schwung seinen Rucksack auf seinen Rücken und ging hinaus aus dem Zelt, hinein in die menge der Banditos. Er bahnte sich seinen Weg nach vorne. Neugierige Augen verfolgten ihn. Als Torch vorne ankam blickte er in die Menge.
Sie sahen nicht wirklich traurig aus. Sie kannten es.
Sie kannten diese Art von Verlust bereits zu oft.
Zwischen ihnen standen jedoch neue Gesichter. Junge Banditos.
Sie kannten diesen Schmerz noch nicht —
den Schmerz, tausendmal an etwas zu glauben
und tausendmal zu scheitern.
Torch hatte längst aufgehört zu zählen.
Er wusste nicht mehr, ob er selbst noch an ein Happy End glaubte.
Aber er wusste, dass er weitermachen musste.
Für Clancy.
Die Banditos wandten sich um. Rucksäcke wurden fester gezogen.
Niemand sagte etwas.
Sie warteten.
Warteten darauf, dass er voranging.
Doch Torch konnte nicht.
Nicht jetzt.
Ein Mann — vielleicht Mitte zwanzig — trat auf ihn zu.
Verstrubbelte dunkle Haare, Bandito-Kleidung, ein Halstuch vor dem Mund.
Für einen Moment sah er Clancy erschreckend ähnlich.
Torch blinzelte.
Die Ähnlichkeit verschwand.
„Möchtest du noch kurz warten?“, fragte der Mann ruhig.
Seine Augen zeigten Verständnis. Kein Mitleid. Kein Druck.
Torch nickte.
„Soll ich mit den anderen schon vorgehen? Du findest uns.“
Es war keine Frage aus Zweifel.
Es war Vertrauen.
Wieder nickte Torch.
Der Mann wandte sich ab, sprach leise mit den anderen.
Dann setzten sie sich in Bewegung.
Weg von der Stadt.
Zurück nach Trench.
Torch blieb stehen.
Er sah ihnen nach, bis sie nur noch kleine Punkte am Horizont waren.
Bis sie verschwanden.
Er würde sie finden.
Doch in diesem Moment fragte er sich, ob er es überhaupt wollte.
Er war ihre Hoffnung.
Doch vielleicht wollte er keine Hoffnung mehr sein.
Langsam drehte er sich um.
Dema ragte noch immer vor ihm auf.
Unbeweglich.
Grau.
Unerschütterlich.
Ein Schauer lief ihm über den Rücken.
Warum gibt es überhaupt Hoffnung?, dachte er.
Er ging ein paar Schritte — nicht weg von der Stadt.
Auf sie zu.
Jeder Schritt fühlte sich falsch an.
Und gleichzeitig unvermeidlich.
Als würde etwas in ihm antworten.
Als würde etwas ihn rufen.
Doch draußen, als er allein auf der Ebene stand, geschah es erneut.
Sein Fuß flackerte, als er gegen einen Kiesel trat.
Ein kurzes Leuchten.
Ein Aussetzen.
Als wäre er nicht vollständig hier.
Es fühlte sich an, als wäre er eine Manifestation.
Aber er wusste, wann er das tat.
Und jetzt war er real.
Er war in Trench.
Oder?
Plötzlich blitzte sein ganzer Körper auf.
Einmal.
Zweimal.
Die Welt wurde still.
Der Wind verstummte.
Die Geräusche legten sich.
Die Stille war falsch.
Unnatürlich.
Torch wich zurück. Sein Herz raste.
Seit dem Kampf fühlte er sich weniger wie ein Mensch — mehr wie eine Erinnerung.
Was, wenn er nicht mehr ganz real war?
Was, wenn jeder verlorene Versuch ein Stück von ihm selbst ausgelöscht hatte?
Er brach auf die Knie.
Erinnerungen trafen ihn wie Wellen.
Clancys Lachen.
Seine Umarmungen.
Seine Stimme.
„In time I will leave the city…“
Unbewusst begann Torch zu singen.
Langsam beruhigte sich sein Atem.
Das Flackern ließ nach.
Doch ein Gedanke blieb:
Wenn ich mich verliere …
erinnerst du dich dann an mich?
Würde Clancy ihn vergessen?
Oder war Torch derjenige, der langsam verschwand?
Eine leise Melodie erklang.
„Leave the City.“
Torch hob den Kopf.
Sie kam aus Richtung Dema.
Nur Clancy kannte dieses Lied so.
War er noch da?
Rief er ihn?
Torch stand auf.
Er sollte gehen.
Zu den Banditos.
Er war ihre Hoffnung.
Doch er war auch seine eigene.
Und vielleicht — nur vielleicht — war noch nicht alles verloren.
Denn egal, wie oft sie verloren hatten —
Er hatte es immer wieder hinausgeschafft.
Und er würde es wieder tun.
Always.
