Chapter Text
Lilli saß am Schreibtisch ihres Hotelzimmers, vor ihr das Drehbuch. Normalerweise war ihr letzter Akt nach einem Dreh immer das Drehbuch in den Abfalleimer zu werfen. Kurz und schmerzlos. Was ihr wichtig war, stand eh in ihren Tagebüchern und die wenigsten Filme waren bedeutend genug um in der Gänze archiviert zu werden. Gut, ihr Drehbuch von Cloak & Dagger hatte sie aufgehoben. Feuerwerk auch. Waren beide in ihrer Biographie zu bedeutend. Bei Anastasia fiel es ihr eh überraschend schwer, die Rolle los zu lassen. Aber das Drehbuch von MiU war was besonderes. Es standen nicht nur ihre Notizen und Kommentare drin, sondern auch der ein und andere Kommentar von Romy. Außerdem das ein oder andere Herz, Sternchen oder Kritzelei. Romy konnte genauso gut malen wie sie und hatte den Blick für schnell hingekritzelte Karikaturen. Romys Drehbuch sah nicht anders aus. Fehlte im Grunde noch die berühmte Frage, willst du mit mir gehen, mit den Kästchen ja, nein oder vielleicht. Und genau diese Frage machte alles so besonders, so schwierig, so anders als ihre bisherigen Drehs. Dabei war sie doch frei. Die Scheidung von Rex durch, der nächste Film stand erst in vier Monaten an, die Wohnung in München gekündigt, das Ticket nach Lodon gebucht, um ihre Familie zu besuchen. Und die hätten Romy am liebsten schon nach dem Feuerwerkdreh ins Herz geschlossen. Vor allem hatte sie Rex in einem Telefonat endgültig beigebracht, dass sie nicht zu ihm zurückkommt. Rex hatte es einigermaßen gut aufgenommen. Der Erfolg von My fair Lady war eine gute Abwechslung. Dabei fiel ihr ein, wie neulich Carey sie angerufen hatte, was normalerweise eher selten vorkam und ob sie jetzt mit Carlos zurückkäme. Nein wieso? Sie hatten sich interessant gefunden ja, immer auch wieder gut unterhalten, aber ihre Ansichten zu einer Beziehung waren dann doch zu unterschiedlich, um zu funktionieren. Und Lilli hatte genug von Beziehungen, bei der sie automatisch auch Seitensprünge in Kauf nehmen musste. Die Blätter beidseits des Atlantiks wollten allerdings so schnell so eine gute Geschichte nicht aufgeben. Sie, die ältere kontrollierte Preußin und er, der heiße Südamerikaner, der immer gern ein Abenteuer einging. Sie fand es geradezu lächerlich, wie absurd das Ganze war. Ihr war jahrelang der Ruf vorangeheilt, eiskalt, berechnend und fürchterlich langweilig zu sein und dann sollte sie sich ausgerechnet auf so ein Abenteuer einlassen? Nach alldem, was sie mit Rex erlebt hatte, was sie fast an den Rand eines Kollaps gebracht hatte? Hätte allerdings auch nur ein Blatt eine Story zu Romy und ihr als Paar gebracht, hätte sie ehrlicherweise zugeben müssen, ertappt worden zu sein. Denn am liebsten hätte sie Ja angekreuzt und eine ganze Zeile Ausrufezeichen hinzugefügt, wie zu ihren alten Schulmädelzeiten. Und sich nichts anderes gewünscht, als die selbe Antwort von Romy zu bekommen. Und deswegen saß sie seit dem Ende der Abschlussparty vor dem verdammten Drehbuch und konnte es nicht hier lassen, den Dreh hinter sich lassen. Dann hätte sie nämlich die nächsten Monate privat eine Rolle spielen müssen, privat sich die Augen ausheulen müssen, weil der Kuss genau das war, was das Drehbuch nur impliziert hatte und offensichtlich weit weniger gespielt war, als gedacht, gehofft was auch immer. Teufel noch eins. Lilli stand auf und holte doch die Schachtel Zigaretten aus ihr Handtasche. Sie war ja schlimmer als Manuela. Als sie das Drehbuch bekommen hatte und die Zusammenfassung gelesen hatte, hatte sie erst laut aufgelacht, dann Prusi angerufen und als sie aufgelegt hatte, die warnende Stimme gehört, dass das gefährlich werden könnte. Und den Gedanken beseite gewischt wie eine unerwünschte Spinnwebe am Wäscheständer im Garten. Sie steckte sich eine ZIgarette an, ging zum Fenster und machte es auf. Draußen rauschte der Berliner Verkehr, unter all den Leuchtreklamen und wildem Hupen. Ihr Berlin. Ihre andere Heimat. Geplant war, sich doch wieder eine Wohnung in London zu suchen. Vielleicht doch wieder ans Theater zu gehen. Ob sie nun von München aus nach Hollywood flog oder London, Paris oder Rom, war ihr herzlich egal. Schauspielern konnte sie überall, malen und schreiben und selbst ihr spanisch war inzwischen gut genug, dass sie ein Film in Spanien reizte. Im Gegensatz zu einer Beziehung mit Carlos. Oder doch noch portogiesisch lernen. Porto war so eine schöne Stadt. Und mal durch Südamerika reisen, geisterte ihr schon lange durch den Kopf. Plötzlich klopfte es zaghaft an ihr Zimmertür. Ihr Herz machte einen Sprung. Romy. Sie hätte es überall erkannt. Romy hatte ihren ganz eigenen Rhythmus anzuklopfen. Lilli nahm noch einen Zug und schnippte dann den Zigarettenstummel verbotenerweise auf das Dach unter ihr. Manchmal musste auch sie die Regeln brechen. Sie beeilte sich die Tür aufzumachen, sodass sie ganz vergaß das Fenster zuzumachen. Der Zug riss das Ticket vom Schreibtisch. "Dein Ticket oder brauchst du es nicht mehr?" Romy wies mit dem Kopf in Richtung Fenster. Lilli wurde rot. "Aha, heimlich geraucht." Grinsend ging Romy in das Zimmer, als wäre sie die Bettnachbarin. Was sie schon die ganze Zeit liebend gerne gewesen wäre. Aber so vermessen war sie nicht zu glauben, dass Lilli eh sich auf sowas einlies.
Romy stand nun am Schreibtisch angelehnt und hatte das Drehbuch in die Hand genommen. "Das war es also mit MiU. Die Premiere noch und dann..." Sie hatten in den letzten Tagen auch während die anderen noch einzelne Szenen drehten, schon längst die Pressebilder machen lassen und die gemeinsamen Interviews geführt. Die Einzelinterviews waren dann eh erst zum Filmstart dran. Lilli hatte das Fenster geschlossen und blieb weiter am Fenster stehen. Die Arme verschränkt, sah sie weiter in die Abendhimmel hinaus. In ihr hallte Fräulein von Bernburgs Satz nach, ich werde nicht mehr hier sein. Ist auch besser für dich. Wie wahr, wie wahr. Ihre Tränen waren nicht gespielt gewesen. Und dieser Schmerz und diese Sehnsucht auch nicht. Romy beobachtete ihre Kollegin. Die letzten Tage hatten beide unbewusst den Abstand gesucht, nachdem sie ansonsten unzertrennlich waren und sich doch immer wieder abgesondert hatten. Es hatten ihnen auch keiner Übel genommen, kam doch keine an den Status der beiden heran. Selbst eine Therese Ghiese nicht. Und die hatte sowieso eine Arbeitsmoral und strikte Haltung, was die Trennung vom Beruflichen und Privaten betraf. Eigentlich der Haltung von Lilli nicht unähnlich. Filme waren nicht dazu da, Freundschaften zu finden. Und wenn man dann doch das ein und andere Mal auf einen so seltenen Diamant gestoßen war, dann blieb man doch professionell genug, sich auch mit den anderen zu unterhalten und sich nicht versteckt neben dem Szenenbild zu verratschen. Romy spürte, dass es Lilli schwer fiel sie anzuschauen oder etwas zu sagen. Romy wie Manuela hätte am liebsten geradezu losgesprudelt und mit der jugendlichen Unbekümmertheit spontan Pläne geschmiedet. Sie hatte sich sowieso zum ersten Mal erkämpft, selbst den Urlaub zu planen. Und deswegen noch vor dem Beginn der Dreharbeiten, vier Wochen in der Bretagne gebucht. Was ihr inzwischen eigentlich ziemlich egal war. Am liebsten wär sie nämlich mit nach London. "Ich hab die Abzüge von der Milchbar bekommen." Die Milchbar. Nun drehte sich Lilli doch um. Der Abend bzw. das Fotoshooting war von Anfang nicht so gelaufen wie geplant. Stattdessen ein sehr vergnüglicher Abend geworden, der mit mehreren Eierflip und Schokoshakes mit Schuss geendet hatte. Erwartet hatten beide eigentlich einen für seine langweiligen Fotos bekannten Fotografen erwartet, der allerdings kurzfristig krank geworden war. Stattdessen stand dann plötzlich vor ihnen ein etwas tollkühner Bursche mit kräftigen Händedruck und einem so entwaffenenden Lächeln, dass er ihnen fast alles vorschlagen hätte können. Also statt in einem altbackenen Cafe die Fotos zu machen, waren sie zu einer etwas versteckten Milchbar geschlendert, die an eine Galerie anschloss. So konnte man auch eine Lilli Palmer ködern. Man war recht schnell dazu übergegangen, nicht nur bei den harmloseren Genüsslichkeiten zu bleiben, sondern gerade auch Lilli lies sich von der entspannten und jazzigen? Atmospähre anstecken. Ihr fiel das passende Wort nicht ein. Bis ihr dann bei einem Toilettengang die Realisation kam, dass sie in einer Milchbar für Homosexuelle und Lesbierinnen gelandet waren. Aber sie war schon zu beschwipst um darüber auch nur einen Gedanken zu verschwenden. Degener, der Fotograf, hatte sich die Lokalität nicht ohne Hintergedanken ausgesucht und genau das vor die Kamera bekommen, was er wollte. Mehr als einmal hatte er einen Blick oder Berührung erhaschen können, die seinem Instinkt nur bestätigten. Es war bekannt gewesen, wie sehr beide nochmals gemeinsam einen Film drehen wollten und als dann das Gerücht in der Szene aufkam, dass Mädchen in Uniform neu verfilmt werden würde und als Partnerin für Romy eigentlich nur Lilli in Betracht kam, war mehr als einmal der Kommentar zu hören, dass zwischen den beiden gut etwas sein hätte können. Nun war das vorher nicht mehr als das übliche Geplänkel wer mit wem und noch besser, wer mit wem sein sollte und manchmal bestätigte sich, dass dann tatsächlich was war, natürlich immer unter dem Mantel der Verschwiegenheit. Denn egal ob Kameramann, Fotograf oder Cutterin, man kannte wer zu Szene gehörte und wer nicht und das schloss automatisch mit ein, dass man den Mund hielt. Allein schon, um die eigene Zukunft zu sichern. So waren die Zeiten nun mal. Gedanklich hatte Degener längst im Kopf, bei welchen Fotos die Abzüge nur an die beiden ging. Romy hatte sich bis zum Erhalt keine Gedanken gemacht, was auf den Fotos zu sehen sein könnte, warum auch, war ja nix Besonderes passiert. Aber allein schon der Anstand und die Ehrfurcht gebot es, Lilli zunächst die Abzüge zu geben. Romy war nicht überrascht, dass Lilli nicht völlig erfreut darüber erschien. Sie war ihr am nächsten Tag seltsam verschlossen und distanziert vorgekommen. Nachdem ihre Mutter dann ihr allerdings ziemlich den Kopf wusch, vorher vertraglich nichts festgelegt zu haben, dachte sie sich, dass Lilli aufgrunddessen besorgt war. Lilli tat ihr daraufhin gehörig leid. War ihre Mutter einfach nur peinlich und anstrengend, musste Lilli natürlich weit mehr vorausdenken und planen, um ihre Karriere abzusichern. Romy war schnell klar geworden, dass ihr im Grunde für die nächsten Jahre alle aus der Hand fraßen und wenn sie es geschickt anstellte, sie sich eine ähnlich internationale Karriere erabeiten konnte. Sie hatte das Können, den Look und die Persönlichkeit. Lilli dagegen würde dagegen in den nächsten Jahren an eine Schwelle kommen, die allein schon wegen Geschlecht und Alter zunehmend den Zugang zu guten Rollen erschweren würde. Romy machte sich da keine großen Hoffnungen, dass sich das Showbiz innerhalb der nächsten Jahrer in dieser Hinsicht groß änderen würden. Sie konnte manche Kommentare nur zu gut verstehen. Da hatte man einen Weltstar wie Lilli und bot ihr dann so Schinken an. Lilli hatte ihr in einer Drehpause von den grässlichen Drehbüchern erzählt. Die sie am liebsten umgeschrieben zurückgeschickt hätte. Aber selbst eine Lilli Palmer konnte nur veranlassen, dass sie von ihrer schönsten Seite gezeigt wurde (Romy fand ja, dass sie voll und ganz aus jedem Winkel umwerfend aussah, vor allem mit dieser Kurzhaarfrisur und den Jeans im Gläsernen Turm) und dementsprechend die Kulissen aufgebaut wurden, aber ein Drehbuch komplett umschreiben zu dürfen und dann diese Fassung durchzusetzen war ein Ding der Unmöglichkeit.
Lilli nahm den Umschlag mit den Abzügen in die Hand. Vor was hatte sie eigentlich Angst. Es war ja nichts passiert. Doch. Dass ihr Herz zunehmend schneller klopfte, wenn ihr erster Gedanke automatisch Romy galt. Ihr Grinsen nicht zu übersehen war, wenn sie am Morgen die Zähne putzte und gedanklich die Szenen mit Romy durchging. Dass sie sich zunehmend zusammen reißen musste, sich nicht völlig zu offenbaren. Ihr Gesicht war allerdings leider auch ohne einem gesprochenen Wort sehr ausdrucksstark und der eine Sekunde zu lange Blick passte gut ins Drehbuch, war aber einfach dessen geschuldet, dass sie sich einfach nicht losreißen konnte, Romy anzuschauen, zu beobachten, diese Augen, die Offenheit, Ehrlichkeit, dieses Level würde sie nie erreichen. Musste sie auch nicht, weder als Person noch als Schauspielerin. Aber es war einfach fasznierend neben jemanden zu spielen, der das Schauspiel so komplett anders anging und in der Persönlichkeit auch so vollkommen anders war. Und der Kuss war passiert. Sie hatten vor dem Dreh besprochen, wann die Kussszene gedreht werden würde. Lilli hatte sich gegenüber Magda durchgsetzt, dass auch sie nicht ab Set dabei sein würde, es also auch für Magda nur ein closed Set bedeutete und damit nur diejenigen anwesend waren, die unbedingt notwendig waren. Sie hatte bei der Kussszene weitaus mehr Bedenken als bei den späteren Szenen, die ja wesentlich schwermütiger waren. Aber Küsse waren nun einmal unangenehm und erst so einer wie dieser. Der Film brachte auch so schon genug Aufregung. Und dann war der Tag gekommen und Lilli war so aufgeregt, als würde sie gleich zum ersten Mal Gary treffen. Während Romy nur strahlte, war Lilli schon zu Beginn des Drehtages zu spät gekommen, was ihr bisher auch noch nicht passiert war. Weil sie sich noch zweimal umgezogen hatte, dreimal eine geraucht hatte und nochmals duschen gegangen war. Nun rauchte Romy auch, aber das wollte sie nun doch nicht, bei der Kussszene nach Zigaretten schmecken, wenn ihr Romy nun schon so nahe kommen musste. Magda hatte sie nur eisig angeblitzt, so als wäre Lilli allein dafür verantwortlich, dass der Film gedreht werden würde. Ansonsten geisterte ihre "Kollegin" durch und hinter den Kulissen umher, wie sie es auch sonst schon getan hatte und ging Lilli nur noch mehr auf die Nerven. Selbst ihre Mutter hatte weniger auf einen Anstandswauwau bestanden. Magda hatte es dann auch geschafft den Dreh der Szene so nach hinten zu verzögern, dass Lilli, eigentlich froh über darüber, aus ihrem Schminkraum gerauscht kam und darauf bestand, dass die Szene jetzt endlich gedreht werden solle und alle bitte wie besprochen das Set verlassen, auch Sie werte Frau Schneider. Das hatte gesessen. Den selbst eine Magda Schneider musste einsehen, dass das Pfund Hollywood doch schwerer wog, als ihre deutschsprachige Karriere. Und war sichtlich beleidigt in Romys Schminkraum verschwunden. Lilli allerdings hatte inzwischen mehrmals Romy gefragt, ob für sie die Szene so wie geplant okay war, worauf Romy ihre Kollegin herzlich umarmte und meinte, aber natürlich bist ja du. Das reichte und bei Lilli entkamen nun endgültig aller Schmetterlinge. Bis sie das allerdings richtig gemerkt hatte, rezitierte Romy bereits Shakesspeare und Lilli stand ihr gegenüber musterte das Gesicht, die schönen Augen, die Lippen und wurde im nächsten Moment so sanft geküsst, wie sie es ihr ganz Leben noch nicht erlebt hatte und blieb so verwirrt und voller Sehnsucht zurück, dass sie den Ruf des Regiesseurs zunächst gar nicht bemerkt hatte. Sie war tatsächlich hängen geblieben. Romy sah sie so aufrichtig besorgt an, dass Lilli ganz rot wurde. "I'm so sorry. Today is apparently not my day..." "Nochmal von vorn!" Schallte es zurück. Lilli versuchte auf die Schnelle all die Gefühle zu ordnen, doch mit jedem Retake kam nur eine weitere Schicht drauf und zum Schluss, war sie so überfordert, dass sie am liebsten in Tränen ausgebrochen wär. Die Drehpause kam ihr nur recht. Sie stürtzte geradezu aus den Kulissen und schloss sich in ihrem Schminkraum ein. Nun wusste sie zwar, wie es war in eine Frau verliebt zu sein, aber sie war noch nie von einer Frau geküsst worden. Und Romy war inzwischen, nichts anderers als zu einer Frau geworden, die sich langsam aber sicher emanzipierte und ihr im Können und Status absolut ebenbürtig war. Sie hatte Liebe, auch Zärtlichkeiten, bisher immer als etwas schönes erlebt, bis halt der Herzschmerz dazukam, weil es auf eine Trennung hinauslief. Sie war auch nie so verwirrt zurückgeblieben und auch wenn sie nie besonders darauf bestanden hätte, dass ihre Männer sich doch mal mehr um ihre Vorlieben kümmern sollten, so genoss sie die körperliche Nähe doch immer und war selbstbewusst genug, Grenzen zu setzen. Romys Küsse liesen sie aber mit einer Sehnsucht zurück, die sie selbst bei Prusi nicht erlebt hatte. Was nur heißen konnte, dass sie mindestens wohl auch auf Frauen stand und noch mehr, dass sie mehr als freundschaftliche Gefühle für Romy hatte. Ihr plumste das Herz zwischen all den Schmetterlingen auf den Magenboden und dann fing sie wirklich zu heulen an.
Mit zitternden Händen öffnete Lilli endlich den Umschlag und nahm die Fotos heraus. Gespannt stellte sich Romy an Lillis Seite. Da war wieder ihr Parfüm. "Die sehen toll aus!" Romy war am Plattenspieler zu sehen, strahlend über das ganze Gesicht während sie eine Platte aussuchte. Dann mehrmals Lilli. Lachend, sodass ihre sonst so großen Augen ganz schmal wurden und völlig vergaß, darauf zu bestehen, nur von ihrer guten Seite fotografiert zu werden. Das nächste Bild veränderte die Stimmung im Raum schlagartig. Es war nichts neues, Romy völlig verzaubert Lilli anschauend zu sehen, da waren auch beim Feuerwerkdreh schon welche veröffentlich wurden. Na klar, sie sah natürlich zu Lilli auf. Aber auf diesem Bild sah Lilli Romy so andächtig und völler Wärme an, das jedem klar war, da war weitaus mehr als Freundschaft. Vor allem im Zusammenhang mit dem nächsten Bild. Darauf war zu sehen, wie Lilli Romys Gesicht in beiden Händen hielt und mit geschlossenen Augen die Stirn küsste. Romy war an dem Abend gefühlt heimgeschwebt. Aber jetzt war sie selbst verunsichert. Das waren eindeutig Pärchenbilder. Gerade weil sie sich nicht von den anderen Paaren im Hintergrund unterschieden. Siedend heiß dachte sie an den Abend nach der Kussszene zurück. Der Gedanke an den Kuss lies sie nicht nur mit einem wohligen Gefühl im Herz oder Bauch zurück, sondern auch unterhalb des Bauchnabels. Und dass sie sich erlaubt hatte, in der Sicherheit ihrer abgeschlossenen Hotelrooms, dem Gefühl nachzugehen, wie es sich anfühlen würde, von Lilli nicht nur auf dem Mund geküsst zu werden. Oder mit Zunge. Und das Gefühl war zu schön gewesen, als es nicht im ganzen Körper spüren zu wollen und Romy lies sich in diese Wärme und Erregung hineingleiten, bis aus der wohligen Wärme glühende Erregung wurde, die sie mit einem heftigen Orgasmus zurücklies. Aber gut sie war jung und hatte auch über andere Schauspielerinnen schon so gedacht. Und trotzdem blieb etwas zurück, was sonst nicht der Fall war. Das Verlangen von Lilli auch tatsächlich so berührt zu werden.
Beide sahen sich an völlig überwältigt an. Hilflos legte Lilli die Fotos auf den Schreibtisch. Sie war doch die ältere, die Erfahrene. Romy wusste instinktiv, dass es hier nicht darum ging, dass sich Lilli Sorgen um ihre Karriere machte. "Du hast dich in mich verliebt." Lilli drehte sich wieder in Richtung Romy. "Ja." Beschämt schaute Lilli zu Boden. Sie knetete ihre Finger und wusste, es fehlte nicht mehr viel und sie würde schluchzend dastehen, sodass Rotz und Wasser lief. Im Grunde stand sie völlig nackt da. "Deswegen hat dich der Kuss so aus der Fassung gebracht." Romy kam sich seltsam distanziert vor. Das betraf sie doch selbst. Stattdessen analysierte sie Lilli, als würde sie ein Anamnesegespräch durchführen. Irgendwie musste Lilli wieder die Oberhand gewinnen. Sie konnte doch dem Mädel nicht das Lösen ihres Gefühlschaos' überlassen. "Ähm, meinetwegen kann ich dir die Premiere komplett überlassen oder du bleibst fern." "Nein!" Romy widersprach dem Vorschlag heftig. Auch wenn sie sich über ihre eigenen Gefühle noch nicht klar war, sondern wollte sie doch soviel Zeit wie möglich mit ihr verbringen. "Aber das ist doch Wahnsinn! Du bist 20 Jahre jünger, völlig ungeachtet dessen, dass du eine Frau bist und noch die Karriere vor dir hast. Wenn das irgendwie rauskommt, ich kann mich doch nirgends mehr blicken lassen." Irgendwas widerstrebte Romy an der Aussage. "Ich hab dich doch auch lieb." Romy nahm Lillis Hände. Lieb hatte man Hunde. Aber das was Romys Augen sagten, stimmte nicht mit dem Inhalt ihrer Aussage überein. Lilli löste ihre Hände von Romys und legte beide auf Romys glühende Wangen. Sie streichelte mit ihren Daumen Romys sanfte Haut. Und dann nahm sie all ihren Mut zusammen, zog Romy zu sich und begann sie zu küssen. Romy gab sich den Kuss hin und lies ihr Herz tausendmal ich liebe dich sagen. Irgendwann lösten sie sich wieder von einander. Aber sie blieben Stirn an Stirn stehen, die Augen geschlossen, Hände haltend und erlaubten sich, erstmal Ich liebe dich fühlen zu dürfen. Und das war für den Moment genug.
