Work Text:
„In seinem Blick lag das Leid der ganzen Welt. Ein stummer Schrei, halb ein Flehen, halb ein Droh´n…“
Mit wildem Herzschlag drückte sich Erik tiefer in den Schatten der riesigen Pferdestatue. Unbemerkt war er Christine und Raoul auf das verschneite Dach der Oper gefolgt. Aber warum war sie mit diesem Mann hier hoch geflüchtet? Sie sollte sich in diesem Augenblick in ihrer Garderobe aufhalten und darauf vorbereiten, die Rolle der Gräfin in „Il Muto“ zu übernehmen. Verstand sie denn nicht, dass er es war, der für Carlottas kleines Unglück gesorgt hatte? Wie konnte sie diese großartige Gelegenheit, die sie einzig und allein ihm verdankte, nur so unbekümmert verstreichen lassen? Auch wenn momentan noch ein dilettantisches Chaos im Saal herrschen sollte, würden die Direktoren das Publikum bald davon überzeugt haben, dass der Tod des Maschinenmeisters Joseph Buquet nur ein Unfall war und dann sollte sie bereit sein, die Hauptrolle zu besetzen und eine unvergessliche Vorstellung zu geben. „Christine…“ seufzte er. Möge sie ihn doch erhören und endlich begreifen, dass sie beide füreinander bestimmt waren. Fast war Erik versucht aus dem Schatten zu treten, sich seiner Angebeteten zu zeigen und wenn nötig diesen Störenfried Raoul mit einem einzigen Degenstreich endgültig aus ihrem Leben zu tilgen. Doch bevor er einen solchen Entschluss verwirklichen konnte, erklang die Stimme des Vicomte: „Christine, hör auf damit. Du brauchst keine Angst mehr zu haben. Ich werde niemals zulassen, dass dir jemand etwas antut. Jetzt, nachdem ich dich endlich wiedergefunden habe, werde ich dich vor allem und jedem beschützen. Du musst es nur zulassen.“
Zitternd vor Wut lehnte Erik sich so weit aus seinem Versteck hervor, dass es ihm möglich war, die beiden jungen Menschen zu beobachten. Wie konnte es dieser unbedeutende Wurm nur wagen, derartige Worte an Christine zu richten?! Wer war denn all die Jahre nicht von ihrer Seite gewichen, hatte sie über ihre Einsamkeit und Trauer hinweg getröstet, die sie nach dem Tod ihres Vaters empfand, hatte sie gelehrt zu singen wie ein Engel und stets Wacht über sie gehalten? Nur er selbst, das gefürchtete Phantom der Oper, war zu jeder Zeit ihr stummer Begleiter und Beschützer gewesen. Und nun maßte es sich eine solche dahergelaufene Kröte an, diese Rolle für sich zu beanspruchen! Gebannt blickte Erik auf die Szene vor ihm und versuchte Christine allein durch die Kraft seiner Gedanken dazu zu bewegen zu ihm zu kommen. Doch anstatt sich umzudrehen ging sie langsam auf Raoul zu.
„Bitte geh nicht. Komm zu mir, Christine.“, flüsterte Erik, aber das Mädchen war bereits zu weit weg um seine Stimme noch zu vernehmen. Als sie nur noch ein paar Schritte von ihrem Jugendfreund entfernt war, sprach sie: „Du verstehst es nicht, Raoul. Nichts ist noch wie früher. Das alles ist kein Spiel mehr. Menschen sterben, Raoul! Und das nur wegen mir, weil ich meinen Engel der Musik erzürnt habe.“
„Christine, du…“
„Nein, Raoul! Hör mir zu.“ Sie atmete tief durch und als sie weiter redete schwang Bedauern in ihrer Stimme mit und sie war nicht länger im Stande ihm in die Augen zu blicken. „Ich habe mich sehr gefreut, als ich dich hier in der Oper wiedersah. Du warst mir ein guter Freund… damals. Doch die Zeit ist nicht stehen geblieben. Wir sind keine Kinder mehr, die sich des Nachts Schauergeschichten erzählen.“ Ein Seufzen drang aus ihrer Kehle und in ihren Augen begannen erste Tränen zu funkeln, die sie jedoch mit aller Kraft zurückhielt. „Wir haben uns zu lange nicht gesehen, Raoul. Du bist mir fremd geworden…“
Während das Chormädchen sprach, drohte für den jungen de Chagny eine Welt zusammen zu stürzen. Der Tag, an dem er Christine zum ersten Mal gesehen hatte, stand ihm noch so klar vor Augen, als läge er keine Jahre, sondern erst Stunden entfernt. Ganz deutlich sah er das kleine schüchterne Mädchen vor sich, dessen Schärpe vom Wind fortgerissen worden war. Als sie weinend auf dem Boden kniete und ihrem liebsten Kleidungsstück hinterhersah, das – wie er später erfuhr – ein Erinnerungsstück an ihre verstorbene Mutter war, hatte er einfach nicht anders gekonnt, als ihr zu Hilfe zu eilen. Von diesem Augenblick an waren sie beide unzertrennlich gewesen. Jeden Tag hatten sie sich getroffen um die Umgebung zu durchstreifen, sich Geschichten zu erzählen oder einfach nur im Gras zu liegen und das Treiben der Wolken am Himmel zu beobachten. Doch Raoul wurde bereits im folgenden Jahr fortgeschickt um ein hoch angesehenes Internat zu besuchen. Der Tag seiner Abreise brach ihm fast das Herz. Fortan musste er jede Minute an sie denken und als er sie dann nach scheinbar endlos langer Zeit auf der Bühne wiedererkannte, kam ihm das wie ein Wink des Schicksals vor. Er hatte inständig gehofft, dass auch sie ihn nicht vergessen hatte und tatsächlich war er ihr im Gedächtnis geblieben. Wollte sie ihm nun allen Ernstes sagen, dass sie seine Gefühle nicht erwiderte?
Mit einem letzten Funken Hoffnung im Herzen antwortete er: „Aber Christine, ich bin doch vor ein paar Tagen erst angekommen. Vielleicht brauchst du nur noch ein bisschen Zeit um dir deiner Gefühle bewusst zu werden. Denk doch an die schöne Zeit, die wir miteinander hatten. All die spannenden Abenteuer und Späße. Wirf das nicht alles weg. Ich bitte dich, Christine. Ich liebe dich!“
Nur wenige Schritte entfernt stand Erik noch immer im Schutz der nächtlichen Schatten. Seine Wut war vollends verraucht, seine Verzweiflung verblasst. Mit Genugtuung betrachtete er den Vicomte, der einen geradezu erbärmlichen Anblick bot, wie er da bettelnd und winselnd vor Christine stand und von vergangen Zeiten und seiner ach so unsterblichen Liebe zu ihr faselte. Mehr als einen mitleidigen Blick erntete er dafür jedoch nicht von ihr.
„Sei dies eine gerechte Strafe für deine Anmaßungen!“, dachte Erik grimmig, als er nun verfolgte wie Raoul verstummte und Christine mit lautlosem Flehen ansah. Als sie antwortete, rückte das Phantom noch ein Stück weiter aus dem Dunkel hervor um keinen Laut der engelsgleichen Stimme zu verpassen.
„Es tut mir Leid, Raoul. Ich kann dich nicht lieben. Und so sehr ich auch danach suche, finde ich in meinem Herzen doch keinen Platz für dich.“ Die folgenden Sekunden des Schweigens schienen ihre Worte endlos weiter zu tragen. Etwas Endgültiges schwang in ihnen mit, der Abschluss mit einem vergangen Lebensabschnitt. Den Zerfall jeglicher Hoffnung, den Christines Abweisung auslöste, konnte Erik selbst auf die Entfernung zwischen ihnen deutlich in Raouls Gesicht ablesen. Die Augen des jungen Mannes verloren ihren Glanz, wirkten leblos und schienen durch das Mädchen hindurchzublicken. Seine gesamten Züge fielen regelrecht in sich zusammen, sodass die einst so jugendlich frische Mine mit einem Schlag alt und erschöpft aussah. Auch seine Körperhaltung, vorher stolz und selbstsicher, entbehrte nun jeder Anspannung. Die Schultern hingen schlaff herab, alles wirkte kraftlos und instabil.
Seinen Widersacher so zu sehen war ein Genuss für Erik. Der Mann, in dessen Verhältnis zu Christine er ängstlich so viel mehr Nähe und Vertrautheit wähnte, war plötzlich keine Bedrohung mehr. Und nicht etwa vom Phantom der Oper, sondern von seiner Geliebten selbst war der Vicomte als störender Faktor ausgemerzt worden.
Ein Lächeln huschte über das Gesicht des Operngeistes, als Raoul sich in diesem Moment umdrehte und ohne ein weiteres Wort wie betäubt zurück zu der Stiege ging, die vom Dach der Oper herunter führte. „Raoul, warte!“, rief Christine ihm hilflos nach, doch die Tür fiel bereits wieder hinter ihm ins Schloss.
Einsam stand die Sängerin nun da. Ein eisiger Windhauch umwehte ihre zarte Gestalt und ließ den weißen Rock des Kleides um ihre langen Beine aufbauschen. Längst war es pechschwarze Nacht geworden und das einzige Licht, das die winterliche Szene erhellte, kam von einem makellosen Vollmond, dessen Schein von den zarten Schneeflocken reflektiert wurde, die langsam vom Himmel tanzten.
Noch eine Weile herrschte Stille, nicht einmal der Tumult aus dem Vorführsaal drang nach oben. Doch schon durchbrach ein leises Schluchzen die Ruhe. Bestürzt sah Erik seinen geliebten Engel weinen. Die Hände vor das liebliche Gesicht geschlagen, ging bei jedem Atemzug ein Zittern durch ihren Körper. Er schaute sich ein letztes Mal um, um sich zu vergewissern, dass niemand außer ihnen beiden hier oben war. Als er sicher war, sein Versteck ohne Gefahr verlassen zu können, zog es ihn unaufhaltsam zu ihr. Mit einem Schritt trat er aus dem Schatten der Statue hervor auf das freie Feld des Daches.
Erschrocken fuhr Christine auf und augenblicklich verstummte ihr Schluchzen. Ihr war, als hätte sie ein leises Rascheln wie von feinem Stoff hinter sich gehört. Langsam neigte sie den Kopf, sodass sie einen Blick zurück werfen konnte. Keine 20 Schritte von ihr entfernt stand ein Mann im kalten Schein des Mondes und sah sie mit starrem Blick an. Sie erkannte ihn sofort. Selbst ohne die auffällige weiße Maske, die keine Verwechslung zuließ, hätte sie gewusst, wer vor ihr stand. Ohne sich dessen völlig bewusst zu sein, hatte sie seine Anwesenheit die ganze Zeit über gespürt. Woher sonst hätte sie die Kraft nehmen sollen, Raoul so schonungslos die Wahrheit zu sagen? Nur weil sie ihren Engel der Musik in ihrer Nähe wusste, konnte sie endlich mit diesem Teil ihres früheren Ichs abschließen. Und nun stand er vor ihr.
Lange Zeit sahen sie sich nur stumm an. Keiner von ihnen wagte etwas zu sagen oder sich zu bewegen. Schließlich brach das Phantom das Schweigen: „Christine…“, begann er, doch die Stimme versagte ihm sofort. Zögernd machte er einen Schritt in ihre Richtung. Er fürchtete, dass sie im letzten Augenblick noch vor ihm zurückweichen würde, doch sie blieb stehen und blickte ihm nur erwartungsvoll entgegen. Keine Spur von Angst oder Abscheu fand sich in ihren Augen. Eriks Herzschlag drohte seine Brust zu zersprengen, er bebte am ganzen Körper vor Anspannung, in seinen Gedanken hallte nur der Name seiner Geliebten wider.
Zu lange schon sehnte er sich nach ihrer Nähe und Liebe. All die Jahre war er dazu verdammt gewesen in Einsamkeit und Abgeschiedenheit zu leben. Niemand stand ihm nahe, niemand ertrug seine Gegenwart. Noch nie wurde er als Mensch behandelt, stets nur wie ein Tier geprügelt und gejagt. Doch dieses engelsgleiche Wesen fürchtete sein wahres Antlitz nicht. Sie störte sich nicht an seinem entstellten Gesicht, denn sie sah ihn nicht mit den Augen, wie all die anderen, sondern mit ihrem Herzen. Sie sah seine Seele, die zwar gequält und zerschunden aber unter all dem Schmerz nicht schwarz und grausam war, nur einsam, verletzt und dennoch von einem Glanz trauriger Schönheit umgeben.
Christine fühlte sich hin- und hergerissen zwischen Entsetzen und Gefühlen der Zuneigung. Vor ihr stand der Mann, durch dessen Hand Joseph Buquet erst vor wenigen Minuten den Tod fand. Er hatte ein unschuldiges Leben skrupellos ausgelöscht. Ein angstvoller Schauer lief bei diesen Gedanken über den Rücken des Mädchens. Aber zugleich stand vor ihr auch der Engel, dessen Stimme in ihr Herz gedrungen war, und dessen Augen nicht kaltblütig aussahen wie die eines Mörders, sondern Sanftheit und Güte versprachen. Erik wartete auf eine Reaktion von ihr. Er wagte nicht ihr näher zu kommen, aus Furcht sie würde bei der kleinsten Bewegung seinerseits die Flucht ergreifen. In ihrem lieblichen Gesicht zeichnete sich der innere Zwist ihrer Gefühle schmerzlich ab. Er konnte nichts tun außer zu warten und verzweifelt zu hoffen, dass ihre Angst vor ihm nicht siegte.
Plötzlich wurde ihr Blick hart und mit eisiger Stimme fragte sie: „Hast du Joseph getötet?“
„Ja“, antwortete Erik schlicht. Er versuchte erst gar nicht seine Tat zu leugnen. Niemals wollte er Christine anlügen. Sie sollte ihn so lieben wie er wahrhaftig war und nicht auf Grund vorgetäuschter Tatsachen. Dass er diesen unbedeutenden Maschinenmeister aus dem Weg geräumt hatte, tat ihm nun beinahe Leid. Er wäre vielleicht ohnehin keine allzu große Bedrohung gewesen, doch das Phantom konnte es sich nicht leisten auch nur im Geringsten zu riskieren, dass sein wahres Gesicht oder schlimmer noch, sein Versteck in den Tiefen des Opernhauses enthüllt würde. Aber für Reue war es nun zu spät.
Unverwandt sah er in die Augen seiner Geliebten und suchte in ihnen nach einer Gefühlsregung, nach Vergebung oder Verständnis. Doch er fand nichts in ihnen, denn sie verrieten keinerlei Emotionen. Ihr Gesicht war zu einer leblosen Maske erstarrt. Hinter dieser jedoch tobten noch immer die unterschiedlichsten Emotionen. Zwar wusste sie, dass die Frage, die sie soeben gestellt hatte, eigentlich überflüssig gewesen war – Wem sonst außer dem Phantom der Oper wäre in der Opera Populaire eine solche Tat zuzutrauen? – doch die Gleichgültigkeit, mit der er ihren Verdacht bestätigte, empfand Christine wie einen Stich mitten ins Herz. Was war das nur für eine grausame Seite an ihrem Engel? Und wie wenig passte diese zu der Gestalt, die ihr gegenüber stand, zu diesen Augen, zu dieser Stimme…
„Warum?“, fragte sie zitternd, aber nichts außer Stille antwortete ihr.
Erik bemerkte den flehenden Unterton in ihrer Stimme. Sie wollte eine Erklärung, eine Rechtfertigung, irgendetwas, womit er die Schuld seines Verbrechens entlasten konnte. Doch was sollte er ihr sagen? Wie könnte sie ihn und seine Beweggründe verstehen?
„Mir blieb keine andere Wahl, Christine.“, begann er. Bei dem himmlischen Klang seiner Stimme ging ein wohliger Schauer durch den Körper der Sängerin und es bedeutete für sie einen enormen Kraftaufwand, sich auf den Inhalt seiner Worte zu konzentrieren, als er weiter sprach: „Hätte mich dieser Mann nicht verfolgt, wäre das alles nicht geschehen. Aber er hat mir schon oft nachgestellt und versucht einen Zugang zu meinem Reich zu finden. Was hätte ich denn sonst machen sollen? Ich konnte doch nicht zulassen, dass er mich verrät! Bitte Christine, versteh mich doch. Ich musste ihn beseitigen um mich zu schützen!“
Mit jedem Wort klang das Phantom verzweifelter. Warum sah sie nicht ein, dass dieses Opfer notwendig gewesen war, damit er ihr weiterhin unbemerkt nahe sein konnte? Nach nichts anderem sehnte er sich mehr als nach ihrer Gegenwart. Weshalb nur drängte sich jeder zwischen sie beide? War ihm denn nicht einmal das kleine Stückchen Glück der Liebe vergönnt? Hatte er in der Finsternis seiner Einsamkeit nicht schon genug gelitten?
Der tiefe Schmerz, der in seinen Worten lag, und die unendliche Traurigkeit in den dunklen Augen des Mannes zeichneten Mitleid auf das eben noch so unnachgiebige Mädchengesicht. Auch wenn sie nach wie vor verurteilte, was er getan hatte, versuchte sie das Geschehene aus seinem Blickwinkel zu betrachten. Wie groß musste seine Angst davor sein, entdeckt zu werden, damit er sich zu einer solchen Handlung gezwungen sah?
Die Panik, die Christines Glieder zu lähmen drohte, wich ebenso unbemerkt, wie sie in ihr hochgekrochen war. Allmählich wurde ihr die Ausweglosigkeit seiner Lage bewusst. Sie kannte die grausamen Legenden, die im Opernhaus über das Phantom erzählt wurden. Es wurde als bestialisch, herzlos und kaltblütig beschrieben. Es mordete angeblich ohne Grund, aus purem Vergnügen. Natürlich war all das nur erfunden, aber vor allem die jüngeren und weniger intelligenzbegabten Mädchen des Ballettcorps schenkten derartigen Schauergeschichten allzu leicht Glauben. Wann immer sich ein Vorfall im Opernhaus ereignete, den man sich nicht sofort erklären konnte, hörte man es sogleich durch alle Ecken raunen: „Das war bestimmt das Phantom der Oper, das wieder umgeht um seine grausigen Mordgelüste zu stillen.“ Auf Grund solcher dummen Gerüchte hatten sich einige der Bühnenarbeiter kurzer Hand zu den persönlichen Beschützern der Ballerinen erklärt. Ein regelrechter Wettbewerb war darüber entbrannt, wer das Unheil bringende Phantom zuerst stellen konnte oder den Zugang zu seinem Versteck fand. Namentlich Joseph Buquet, der sich vor allen anderen vor den Mädchen in Szene setzen wollte, engagierte sich sehr in dieser Hetzjagd. Oft sah man ihn in der Nähe der Versenkungsklappen hinter der Bühne herumschnüffeln. Was wäre wohl geschehen, hätte Joseph tatsächlich einmal Eriks Unterschlupf entdeckt? Christine wagte kaum, daran zu denken. Wahrscheinlich hätte er auf der Stelle das sämtliche Opernpersonal mit nach unten geführt um das Phantom zu erschlagen.
„Hättest du ihn denn nicht auf einem anderen Wege abschrecken können? Warum musstest du ihn töten, Erik?“, fragte sie traurig. Sie wünschte sich aus ganzem Herzen ihrem Engel vergeben zu können, doch zuvor musste sie aus seinem Munde hören, dass er Joseph nicht leichtfertig ermordet hatte.
„Ich habe es versucht!“, brauste Erik plötzlich auf. „Aber er wollte einfach nicht von seiner törichten Suche ablassen. Keine Drohung, kein ’Unfall’ konnte ihn zur Vernunft bringen.“
Noch während das Echo seiner letzten Worte verhallte, schweiften Christines überspannte Gedanken ab. Plötzlich musste sie an die schrecklichen Manieren des Maschinenmeisters denken. Trotz seines fortgeschrittenen Alters war es eine seiner liebsten Beschäftigungen gewesen, den jungen Mädchen des Ballettcorps nachzustellen oder sie heimlich in den Garderoben zu beobachten. Als sie ihn einmal bei letzterem erwischte, hatte er auf ihre Vorwürfe hin nur abfällig gelacht und es sogar gewagt ihr gegenüber geschmacklose Witze zu reißen und unverschämte Anzüglichkeiten zu äußern. Zudem kursierte bisweilen auch das Gerücht, dass Buquet ein Säufer und Taugenichts sei, der nur deshalb seine Anstellung in der Oper behalten durfte, weil er bereits sein ganzes Leben lang dort arbeitete und dadurch eine seltsame Art der Immunität besaß. Viele Angestellte des Hauses hatten ihm regelmäßig die wüstesten Beschimpfungen zugerufen und nicht wenige ihm die Pest an den Hals gewünscht. Kaum jemand würde über sein Ableben trauern.
Langsam kehrte Christine wieder in die Gegenwart zurück. War es ein solch verdorbener Mann wirklich wert, dass sie Erik zurückwies? Nachdenklich lies sie ihren Blick erst über die weiße Maske, dann über den unverhüllten Teil seines Gesichtes schweifen und augenblicklich überschwemmte sie eine schier unerträgliche Welle der Zuneigung. Er liebte sie und sie war sich sicher, seine Gefühle aufrichtig erwidern zu können. Warum also sollte sie ihrer beider Glück wegen eines Menschen aufs Spiel setzen, der ohnehin keines natürlichen Todes gestorben wäre?
„Versprich mir, dass du niemals wieder einem Menschen das Leben nimmst.“, forderte sie.
„Was immer du verlangst, ich schwöre es.“
Mit diesen Worten überwand Erik endlich die letzten Meter zwischen ihnen und blieb so nah vor Christine stehen, dass er den betörenden Duft ihrer Haut wahrnehmen konnte. Er legte die Arme um ihre Schultern und zog sie wortlos zu sich. Mit Erstaunen spürte er, wie sie sich an ihn schmiegte und seine Umarmung erwiderte. Während sie so dastanden vergingen wohl lediglich einige Sekunden, doch für Erik erschien es wie eine kleine Ewigkeit. Schweren Herzens löste er sich vorsichtig wieder aus ihren Armen und hielt das Mädchen eine Armlänge von sich entfernt.
Als Christine in seine Augen sah und die Zärtlichkeit darin vernahm, wusste sie, dass ihre Entscheidung die richtige gewesen war. Vor ihr stand der Mann, den sie wahrhaftig und aus ganzem Herzen liebte, vielleicht schon immer geliebt hatte. Seit sie zum ersten Mal seine wundervolle Stimme gehört hatte, erkannte sie in dieser den Engel, den ihr Vater zu schicken versprach, und befand sich fortan in seinem Bann. Als der Engel dann plötzlich eine menschliche Gestalt bekommen hatte und ein Gesicht, das der Schönheit seiner Stimme in keinster Weise gerecht wurde, war das ein Schock für sie gewesen. Zuerst meinte sie dadurch die Nähe zu ihm zerstört, doch letztlich erkannte sie, dass sie sich trotz allem zu ihm hingezogen fühlte.
Ein liebevolles Lächeln umspielte ihre Lippen, während sie langsam die Hand hob. Sanft strich sie über die linke Hälfte seines Gesichts, welche nicht von der weißen Maske verdeckt war. „Du wusstest die ganze Zeit, dass ich zu dir zurückkommen würde.“, sagte sie leise. Auch Eriks Antwort kam nur als heiseres Flüstern hervor: „Nein. Zwar wusste ich stets, dass du zu mir gehörst, aber ich glaubte dich mit Ankunft des Vicomte für immer verloren zu haben.“
„Wie könnte ich meinen Engel der Musik verlassen?“
Mit geschlossenen Augen nahm Erik die Berührung des Mädchens und die zärtlichen Worte in sich auf. Zum ersten Mal in seinem Leben fühlte er sich geliebt und verstanden. All das Leid der Vergangenheit war durch diese einfache Geste vergessen gemacht. Als er die Augen wieder öffnete, sah er, dass noch immer stumme Tränen über Christines Gesicht liefen.
„Wieso weinst du?“, fragte er besorgt. „Bereust du etwa, dass du den Jungen weggeschickt hast?“
„Nein, diese Tränen gelten nur dir. Ich habe dir lange Unrecht getan. Das verstehe ich jetzt. Bitte verzeih mir.“
„Es gibt nichts, was ich dir vergeben müsste. Allein dass du jetzt vor mit stehst, entschädigt mich für die Zeit meines Wartens.“
Lächelnd senkte er den Kopf und küsste sanft die heißen Tränen vom Antlitz seiner Geliebten.
„Ich liebe dich“, hauchte er zärtlich in ihr Ohr. Anstelle einer Antwort spürte er plötzlich ihre weichen Lippen auf den seinen. Diese unerwartete Liebesbezeugung war beinahe zu viel für seinen ohnehin strapazierten Verstand. Aufgezogen von einer Mutter, die nicht einmal fähig war, ihr eigenes Kind zu küssen, kannte er Liebe nur aus den alten Geschichten und Märchen, die er auf seinen Reisen gehört hatte. Stets war er davon ausgegangen, dass ihm dieses Gefühl auf ewig verwehrt blieb. Wer würde schon eine abstoßende Kreatur wie ihn lieben können?
Aber dieser Augenblick strafte all seine Befürchtungen Lügen. Unbeholfen erwiderte er den Kuss und zog das Mädchen noch enger an sich. Ein unbeschreibliches Glücksgefühl durchströmte seinen Körper. Er wähnte sich im siebten Himmel und wusste, dass das Leid, welches er sein Leben lang ertragen musste, nun ein Ende gefunden hatte. Er musste seinen schmerzvollen Weg nicht länger allein gehen. Endlich hatte er einen Menschen an seiner Seite, der ihn um seiner Selbst willen liebte. Nie wieder würde er in der Dunkelheit seines Reiches kauern und sich den Tod wünschen, nie wieder würde er voller Wut auf diejenigen blicken, denen ein normales Leben mit all den dazugehörigen Freuden vergönnt war.
Er war am Ende seiner langen und beschwerlichen Reise angekommen. Er war glücklich und von allem Hass und Schmerz befreit.
Die einzigen Zeugen dieser unglaublichen Szene waren der kalte Vollmond, der ungerührt sein weißes Licht über die Liebenden ergoss, und die zarten Schneeflocken, die in eisiger Schönheit vom Himmel herab tanzten. Niemand sonst konnte beobachten, wie die hübsche Sängerin Arm in Arm mit dem sagenumwobenen Phantom der Oper vom Dach hinab stieg und sich in sein verborgenes Reich führen ließ.
Ein Phantom, das weder Geist noch Monster war, sondern nur ein Mann, mit dem es das Schicksal selten gut gemeint hatte. Ein Mann, dessen Leben bestimmt war von Verachtung und Hass. Ein Mann, dessen Seele allein durch die aufrichtige Liebe einer jungen Frau geläutert wurde. Ein Mann, der diese Liebe verdiente wie kein anderer und dessen Geschichte ewig weiterleben wird….
