Chapter Text
Eigentlich war das alles Justus’ Schuld. Bob war sich da ziemlich sicher. Er hatte schließlich die letzte Nacht genug Zeit gehabt, darüber nachzudenken – und diese Nacht ging das auch noch besonders gut, mit dem Regen, der auf das Zelt trommelte und dabei gerade so den leisen Atem an seiner Seite übertönte. Er folgte den Nähten in der Zeltdecke mit seinem Blick, kaum durch das dumpfe Licht, dass von der Lichterkette des benachbarten Wohnwagens durch den Stoff sickerte, erleuchtet, und lies seinen Gedanken freien Lauf.
Was keine gute Idee war. War es noch nie gewesen.
Und er hatte auch wirklich jeden Grund zu schlafen. Es war bestimmt schon drei Uhr morgens, die Müdigkeit saß in seinen bleiernen Knochen, er konnte förmlich spüren wie seine Augenringe sich tiefer in sein Gesicht gruben und das Prasseln des Regens war die perfekte Geräuschkulisse um schnell in tiefen Schlaf zu fallen. Eigentlich. Doch obwohl er den Atem neben sich nicht mehr hören konnte, war er sich dem Jungen neben sich nur allzu bewusst.
Wenn Justus wenigstens auch noch da wäre. Dann wäre das alles nicht so schlimm. Dann könnte Bob einfach dafür sorgen, dass zwischen ihm und Peter noch jemand lag, dann würde er längst schlafen, dann müsste er nicht–
Ein langer Arm langte müde über ihn, von dem leisen Rascheln des Schlafsackes begleitet, und Bobs Atem stockte, sein Herz setzte einen Schlag aus, er blinzelte als das Gewicht des sich entspannenden Arms sich über seine Brust erstreckte. Er machte den schrecklichen Fehler seinen Kopf zur Seite zu drehen – das schwache Licht lag in einem dunkelgelben Schein auf Peters bereits gebräunter Haut, schien sich an den leichten Sommersprossen, die sich über seine Schultern und entlang der sanften Kurve seiner Wirbelsäule zogen, zu verfangen und lies seine zerzausten roten Haare wie gesponnenes Gold erscheinen, sein hübsches Gesicht halb in Bobs rotem Kapuzenpullover vergraben.
Verdammt. Bob schloss seine Augen, nahm einen tiefen Atemzug unter dem Gewicht des Armes, dann hob er vorsichtig seine Hände und entfernte eben jenen Arm so behutsam wie er konnte, Peters Haut warm an seiner. Er öffnete seine Augen wieder als er den Arm langsam neben sich ablegte, beobachtete wie sein bester Freund im Schlaf leicht die Stirn runzelte, hoffte, dass er nicht von der Aktion aufwachen würde; er hatte auch so schon genug Probleme.
Wie gesagt, alles Justus’ Schuld. Ohne ihn und seine blöden Karten wäre er gar nicht erst hier gelandet, in einem Zelt irgendwo nördlich von Sacramento, alleine mit Peter Shaw in einem Meer aus Wohnwägen, Autos und Zelten. Seufzend drehte er seinen Kopf zurück zur Decke. Eigentlich sollte das doch ein Traum für ihn sein.
Mit der Hand tastete er nach dem Stoffbändchen an seinem Handgelenk, fuhr die Kanten und Unebenheiten des Gewebes mit seinen Fingerspitzen nach; vorgestern hatten sie noch zusammen in seinem Käfer gesessen, die Fenster heruntergekurbelt, Musik, die sich mit dem hereintanzenden Wind vermischte, Sonne in Peters wirren Haaren, ein wildes Grinsen auf seinem Gesicht als er sich in den Sitz lehnte und seine langen, athletischen Beine über das Armaturenbrett legte.
Gestern, nachdem sie im Schatten der Plane, die sie zwischen den Käfer und das Zelt gespannt hatten, gegessen hatten und gerade über irgendetwas belangloses gesprochen hatten, hatte Peter seine Arme über den Kopf gestreckt, und sein blödes, kurzes T-shirt war hochgerutscht und Bob hatte sich abwenden müssen, um ihn nicht anzustarren. Trotzdem konnte er sich das Bild auch jetzt noch perfekt in Erinnerung rufen – die sonnengebräunte Haut, die hübsche Taille, die sich dehnenden Muskeln die sich leicht unter seiner Haut abzeichneten, die zwei Leberflecken gerade über seiner rechten Hüfte, die kurze, blasse Narbe neben seinem Bauchnabel.
Neben ihm stieß Peter im Schlaf einen Seufzer aus, und es erinnerte Bob an zu viele kleine Dinge auf einmal. Mit einem tiefen Atemzug setzte er sich auf, Beine angewinkelt, Ellenbogen auf den Knien, und vergrub sein Gesicht in seinen Händen. Scheiße. Das konnte so wirklich nicht weitergehen.
Warum hatte er jemals gedacht, dass das hier eine gute Idee sei?
Doch er musste nur seinen Kopf drehen, musste nur seinen besten Freund ansehen, und ihm fielen Millionen Gründe ein wieso er das genau so noch unendlich mal machen würde. Noch riskierte er das nicht, wartete, Kopf in den Händen, hörte seinem eigenen Atem und dem trommelnden Regen zu, in der Hoffnung, dass es irgendwie einfacher werden würde. Aber natürlich wurde es das nicht.
Bei dem Rascheln von Stoff hob er dann doch den Kopf, blickte über seine Schulter auf den Jungen neben sich; Peter hatte sich auf seinen Rücken gedreht und den Schlafsack bis zu seiner Hüfte nach unten geschoben. Seine Ränder verschwommen mit der Dunkelheit des Zeltes, eine seiner Hände legte sich auf seine Brust, das kleine Kaurischneckengehäuse, dass er schon seit Jahren immer um den Hals trug, glitt in die feine Kuhle zwischen den markanten Schlüsselbeinen und der hübschen Kehle, und sein Bauch hob und senkte sich schwach mit seinem Atem, seine Wimpern zuckten über seine sommersprossigen Wangen.
Und da war die Narbe an seinem Unterarm, kaum noch zu sehen, und doch zweifelte Bob, ob er jemals vergessen würde wie Peter sich die Haut an der scharfen Rinde eines Baumes aufgeschnitten hatte, wie breit er gegrinst hatte als er ganz oben angelangt war und triumphierend heruntersah. Seine eigene Hand bewegte sich fast reflexiv, streckte sich nach dem Arm des Anderen aus, doch dann zögerte er und nahm seine Hand schließlich zurück. Das ging dann doch zu weit.
Aber ging das nicht eigentlich alles zu weit?
Bob seufzte tief. Er sollte wirklich schlafen. Aber irgendwie konnte er seinen Blick einfach nicht von Peter abwenden, wie er so da lag, ein Arm über Bobs Isomatte gestreckt, Gesicht leicht zu ihm geneigt, gerade so als würde er ihn dazu einladen, sich neben ihn zu legen, den Kopf auf seine Schulter zu betten, einen Arm um ihn zu legen, seinem Herzschlag und seinem Atem zuzuhören während er einschlief.
Unter seiner Haut summte ein Verlangen das er nur allzu gut kannte. Und als er sich umdrehte und den Arm seines besten Freundes noch einmal in die Hand nahm, als er seinen Puls unter seinen Fingerspitzen fühlte, da wurde es fast unerträglich. Behutsam verschob er den Arm, dann legte er sich zurück auf seine Matte, achtete darauf, dass sein eigener Arm ihn nicht berührte und faltete seine Hände über seinem Bauch. Der Regen füllte das Zelt mit seinem Gemurmel und er betrachtete die Decke und spürte seinen dumpfen Herzschlag und versuchte, nicht über Peter Shaw nachzudenken.
Am nächsten Morgen wusste er nicht mehr, wie er eingeschlafen war. Es regnete immer noch. Der erdige Geruch wehte mit einer kalten Brise durch die offene Zelttür und strich über sein Gesicht – er legte unzufrieden seine Stirn in Falten und zog seine Decke hoch zu seinen Ohr- Moment mal. Er war sich ziemlich sicher, dass er letzte Nacht keine Decke gehabt hatte.
Schlaftrunken öffnete er seine Augen und drehte seinen Kopf zur Seite; die Matte war leer, der Schlafsack achtlos zur Seite geschoben, von seinem besten Freund keine Spur. Der rote Kapuzenpullover war ebenfalls verschwunden. Von draußen klangen entfernt dumpfe Geräusche durch die dunkelgrüne Zeltwand, irgendwo öffnete sich eine Wohnwagentür, der Geruch von frisch aufgebrühtem Kaffee stieg ihm in die Nase, unter seiner Decke und halb in dem Schlafsack war es trotz der kühlen Luft wohlig warm, und eigentlich fehlte nur noch Peter um das Ganze perfekt zu machen.
Wie aufs Stichwort bewegten sich Schritte über das nasse Gras, dann erschien der zweite Detektiv im Vorzelt – Bob konnte gar nicht anders, als seinen Kopf zu heben. Peter trug den roten Kapuzenpullover offen, so dass man den dummen Spruch auf seinem T-shirt lesen konnte, hatte sich die Kapuze aufgesetzt, trug einige dunkle Flecken wo der Regen ihn erwischt hatte, doch das konnte ihm sein Grinsen nicht nehmen.
„Aufwachen, Schlafmütze!“ sang er heiter in das Zelt, als er den Reißverschluss der Fliegennetztür aufzog, dann stellte er sorgsam etwas ab, setzte sich mit dem Rücken zu Bob in das Zelt und zog seine Schuhe aus, woraufhin er komplett hereinkroch und die Tür hinter sich wieder zu zog. Er ließ sich auf seiner Isomatte im Schneidersitz nieder, nahm die Kapuze ab und bot ihm eine Metalltasse mit wunderbar duftendem Inhalt an. „Ich hab’ sogar Kaffee gekocht.“
Bob schloss kurz die Augen, widerstand dem Drang, mit der Hand durch Peters feuchte, wirre Haare zu fahren und nahm einen tiefen Atemzug bevor er sich aufsetzte. Er nahm die Decke, die der Andere über ihn gebreitet haben musste, und legte sie sich um seine Schultern um sich vor der Kühle des Tages zu bewahren. Dann nahm er die Tasse Kaffee dankend an und fragte: „Wieso bist du so früh schon so gut gelaunt?“
Peter hob lächelnd eine Augenbraue. „Es ist kurz nach Elf.“
„Eben.“
Sein bester Freund schüttelte langsam seinen Kopf. „Langschläfer. Ich war vorhin Laufen, hab geduscht als es noch ziemlich leer war, hab’ ’n paar Kapitel gelesen, und jetzt bin ich hier mit dir!“ Er grinste ihn an. „Ist doch ’n guter Grund, gut drauf zu sein, oder nicht?“
Bob nahm einen versuchenden Schluck aus der Tasse um das dumme Lächeln, das seine Lippen umspielte, zu verbergen. Und natürlich war der Kaffee genau so, wie er ihn am liebsten mochte. Natürlich war er perfekt. Also, nun ja, so perfekt wie er mit löslichem Kaffee eben sein konnte.
„Du siehst nicht so aus, als hättest du besonders gut geschlafen.“ Peter blickte ihn mitfühlend an, hob eine Hand und spielte mit dem Kaurischneckengehäuse um seinen Hals. „Soll ich das Frühstück reinholen, oder willst du draußen essen?“
Bob bedachte erst den Zweiten in seiner eigenen roten Jacke, dann den regnerischen Festivalplatz mit einem prüfenden Blick, aber seine Gedanken waren nur halb dabei. Seit Peter vor ein paar Monaten mit Kelly Schluss gemacht hatte, war er irgendwie… sanfter mit ihm. Er war sich nicht sicher was er davon halten sollte.
„Bin ich aus Zucker, oder was?“ antwortete er schließlich, „Wir essen doch nicht im Zelt. Oder willst du die ganzen Krümel selber raussammeln?“
Sein bester Freund rollte seine Augen. „Ist ja gut.“ Er entfaltete seine Beine und schob sich Richtung Eingang. „Dann komm aber auch endlich mal raus. Ich bin schon halb am verhungern.“ Unbeholfen in die wieder geöffnete Tür gebeugt machte er sich daran seine Schuhe anzuziehen, hielt aber inne als er gerade dabei war, den zweiten zu zu binden. „Ach ja, Justus hat vorhin angerufen.“ Er verzog sein Gesicht. „Hat gesagt er hoffe, dass er uns nicht gerade bei irgendetwas störe.“
Bob legte die Stirn in Falten. „Sicher, dass das Justus war?“
„Ja, anscheinend hat er einen Brief, der an uns adressiert ist, in der Zentrale gefunden. Will ihn nicht ohne uns aufmachen.“
„Und du bist dir ganz sicher, dass das Justus war?“
Peter schnalzte missbilligend mit der Zunge. „Ich bin doch nicht blöde. Klar war er das.“ Er stützte sich hinter seinem Rücken auf seiner Hand ab und drehte sich zu ihm. „Wir sollen uns ‚das Festival doch nicht entgehen lassen, wo wir doch schon einmal hier sind‘. Es sei ‚wahrscheinlich nur irgendein entlaufener Hund‘.“
„Das glaubt er doch selber nicht.“
Sein Freund hob den Zeigefinger seiner anderen Hand. „Aber pass auf, jetzt kommt das Beste. Ich hab’ ihn gefragt, ob es ihm gut geht, und da hat er gesagt es gehe im blendend und hat angefangen sich zu verabschieden. Wolle uns nicht weiter aufhalten.“
„Mit dem stimmt doch irgendetwas nicht.“ Bob ließ seinen Blick auf der Suche nach seinem Handy durch das etwas unordentliche Zelt wandern. „Sollten wir ihn nicht lieber mal anrufen?“
Peter zuckte mit den Schultern und widmete sich wieder seinen Schuhen. „Du kannst es ja mal probieren. Er hat aber gesagt, dass Onkel Titus ihn den ganzen Tag brauchen wird, und deswegen wird er wahrscheinlich nicht antworten.“
Fünf Minuten später gesellte Bob sich zu Peter auf die Picknickdecke zwischen Zelt und Käfer – nun da er seine Brille trug sah die Welt schon gleich viel klarer aus. Eine Autotür stand offen und bot den beiden etwas seitlichen Schutz vor Regen und Wind, die Tropfen prasselten auf die Plane über ihren Köpfen und sammelten sich in einer leichten Kuhle, um sie herum öffneten und schlossen sich Türen und Zelte, vermengt mit regengedämpften Stimmen, und Bob nahm einen Schluck von seiner bereits halb leeren Tasse Kaffee.
Peter hatte sich die rote Kapuze wieder aufgesetzt, die Spitzen seiner roten Haare lugten unter dem Stoff hervor, die Kette über dem Saum seines weißen T-shirt, und er hatte die Ärmel hoch zu seinen Ellbogen geschoben, spielte mit den wenigen Armbändern um seine Handgelenke, blickte gedankenverloren in die unbestimmte Ferne. Das Shirt war eins dieser furchtbaren Dinger mit den dummen Sprüchen; diesmal stand darauf: ‚Protons have mass? I didn‘t even know they were Catholic.‘
Neu, bemerkte Bob, obwohl es nicht so aussah. Wahrscheinlich aus einem Secondhandladen. Er seufzte. Bei Peter war irgendwie sogar das cool.
Während des Frühstücks, das aus Weißbrot, einer kleinen Auswahl von Aufstrichen und etwas geschnittenem Obst und Gemüse bestand, verdichtete sich der Regen mit zunehmenden Windböen. Bob tat sein bestes, sich darauf und auf das Essen zu konzentrieren, anstatt auf die vereinzelten Leberflecken, die über Peters Unterarme verstreut waren, oder wie das Rot des Kapuzenpullovers die leichte Bräunung seiner Haut hervorhob, oder wie unfassbar gut ihm Bobs Jacke stand.
Nichts davon war schließlich neu. Jeder, der funktionierende Augen hatte, konnte sehen, dass Peter Shaw hübsch war. Es war wirklich ungerecht.
Nachdem sie fertig gegessen hatten erhob sich Peter und hob die Plane vorsichtig an, um das Wasser, das sich darin gesammelt hatte, auszukippen, dann machten sie sich gemeinsam daran, das wenige Geschirr, das sie verwendet hatten, sauber zu machen; bei diesem starken Regenfall mussten sie es nur unter der Plane hervorhalten und ein wenig daran herumwischen. Kurze Zeit später machte Bob sich auf, um die temporäre Sanitäranlage aufzusuchen während sein bester Freund das ganze Essen und was sie sonst noch benutzt hatten wieder im Auto verstaute.
Dank seiner Regenjacke entkam er dem schlimmsten des Regens, doch seine Schuhe waren nach nur ein paar Schritten auf dem Hauptweg verschlammt, seine kurze Hose klebte durchnässt an seinen Oberschenkeln, seine Brille war in drei Sekunden komplett verregnet und neben den Tropfen auf seiner Kapuze hörte er so gut wie gar nichts. Irgendwie hatte er Glück, sodass er nur ein paar Minuten vor dem langen Wagen warten musste, doch auch in diesem sah es nicht viel besser aus – der Schlamm bedeckte den ehemals grauen Linoleumboden in einem stetig wachsenden Flatschen hinter der Eingangstür, dunkle Fußspuren verliefen über den restlichen Boden.
Bob sah die Ankündigung auf dem Weg nach draußen. Handschriftlich auf ein Stück Papier gekritzelt, mit Klebestreifen an der Innenseite der Wand neben der Tür befestigt, besagte sie, dass das Musikprogramm für die nächsten paar Stunden aufgrund des Wetters vorerst gestrichen worden war. Vom Veranstalter unterschrieben.
Missmutig begab er sich auf den Rückweg. Er war sich zwar nicht sicher, ob er in diesem Regen gerne vor der Bühne gestanden hätte, aber was sollte er den sonst machen? Ein dreiviertel Buch hatte er noch, sicher, aber das würde ihm höchstens ein paar Stunden die Zeit vertreiben. Hätte er doch bloß noch ein oder zwei weitere Bücher mitgenommen.
Peter nahm die schlechten Neuigkeiten erstaunlich gleichgültig hin, sagte nur: „Oh, schade.“ während er seine Schuhe loswurde und sich in das Zelt verkroch, wo er aus den vier Kisten aus dem Käfer eine Wand baute, die er dann mit seinem Schlafsack und der Decke polsterte. „Aber bei dem Wetter würde ich auch nicht spielen wollen.“
„Schon, aber The Raccoonz hätten 13 Uhr gespielt,“ erwiderte Bob als er sich in das Vorzelt hockte und die Klappe halb zu zog, „Das hätte ich eigentlich gerne gehört. Von dem, was ich im Studio so mitgekriegt habe, sind die ganz gut.“
Sein Freund setzte sich an die improvisierte Rückwand, Kopf leicht geduckt, um nicht an die schräge Zeltwand zu stoßen. „Vielleicht hört der Regen bis dahin ja auf.“ Er klang selbst nicht besonders überzeugt. „Oder sie spielen morgen.“
„Nee, ich denke nicht.“ Er setzte sich in die Öffnung des Zeltes und streifte seine schlammigen Schuhe ab. „Schade. Das wär’ auch der erste so richtig große Auftritt für die Mädels gewesen.“ Die Fliegennetztür hinter sich geschlossen drehte er sich um und begann, den kleinen Innenraum nach seinen Sachen abzusuchen. „Ich glaub’ schon, dass die sich da drauf gefreut haben.“
„The Raccoonz sind Frauen?“ fragte Peter mit einem Ton, der beunruhigt oder interessiert hätte sein können. „Kennst du die persönlich?“
Bob fand seinen MP3-Player und die Kabelkopfhörer. „Ja, voll coole Leute, alles Lesben. Außer David, der ist Mitte dreißig.“ Er setzte sich neben ihn, entschied sich dazu zu ignorieren dass ihre Oberschenkel sich dabei berührten, legte seine gewachsene Ansammlung von Objekten in seinem Schoß ab und befasste sich mit der Entwirrung der Kopfhörer. „Magst du mithören? Ich glaube, ich hab’ sogar ein Album von denen.“
Peter zuckte mit den Schultern, so nah an ihm, dass er es spürte. „Ja, wieso nicht.“
Also saß Bob in einem Zelt, gegen ein paar Kisten gelehnt, hörte der Musik und dem trommelnden Regen zu, versuchte zu lesen, aber seine Schulter and sein Bein berührten Peters, und jedes mal, wenn er einatmete, bekam er eine Lunge voll von der vertrauten Kombination aus Limonenshampoo und dem lavendelartigen Geruch des Waschmittels der Shaws die Peter eigentlich immer umgab. Es fiel ihm schwer, seinen Kopf nicht auf Peters Schulter abzulegen, sich nicht an ihn zu schmiegen, nicht näher zu ihm zu rücken, und doch war das alles zu nah, doch forderte sein hüpfender Herzschlag ihn auf, etwas Entfernung zwischen sie zu bringen.
Darauf hörte er natürlich nicht. Stattdessen lenkte er seinen Blick von Peters feingliedrigen Händen zurück zu seinem Buch, fing die Seite noch einmal von vorne an und ignorierte das wollende Summen in seinem Körper so gut, wie es nur irgendwie ging. Diese halbe Konzentration lief so lange gut, bis der Junge neben ihm eine Hand von seinem Buch nahm um mit seiner Kette zu spielen, und Bob überlegte kurz, ob er ihm vielleicht lieber etwas hätte schenken sollen, mit dem man besser spielen konnte als mit einem Kaurischneckengehäuse.
Aber diese Kette war nun so tief in seinem Bild von ihm verankert, dass er ihn sich gar nicht wirklich ohne sie vorstellen konnte. Tatsächlich konnte er sich nicht erinnern, ihn in den letzten paar Jahren ohne sie gesehen zu haben, wo er so darüber nachdachte; ein Lächeln zupfte an seinen Mundwinkeln. Sie stand Peter aber auch wirklich besonders gut.
Zugegeben, das lag wahrscheinlich daran, dass sie – wie der rote Kapuzenpullover – von ihm war, aber das tat nichts zur Sache. Der Mann sah einfach in allem gut aus.
Irgendwann gelang es ihm dann doch, sich auf sein Buch zu konzentrieren, von den Regengeräuschen in die neblige Welt des Fantasyromans begleitet, und dann nahm ihn die Spannung der Geschichte gefangen und lies ihn nur los, wenn er seine Position minimal veränderte; doch nie so stark, dass er den Kontakt zu Peter verlor. Der Wind schüttelte das Zelt, fegte die Tropfen über den weiten Platz, die Zeit plätscherte angenehm dahin und verschmolz mit dem schlechten Wetter.
Am Rande seines Bewusstseins bemerkte er ab und zu, dass Peter sich bewegte, doch abgesehen davon nahm er erst wieder Notiz von ihm als sein Freund sich aufsetzte und den Kopfhörer rausnahm. Fragend hob er seinen Blick von den beigen Seiten, sah ihm dabei zu, wie er erst seine Beine dehnte und sich dann zur Mitte des Zeltes bewegte. Dort richtete er sich auf und streckte seine Arme über seinen Kopf, durch die niedrige Zeltdecke gezwungen, sie angewinkelt zu belassen, schloss seine Augen und drückte seinen Rücken genüsslich durch.
Dabei hob sich das weiße Shirt, entblößte die feinen Linien seines Bauches, die weichen Kanten seiner Hüften, die kleine Sammlung von Leberflecken an seiner Taille, die– Bob wandte sich ab, versuchte, zu ignorieren, wie leer seine Hände sich anfühlten. Konnte er sich denn nicht für eine Sekunde beherrschen? Peter war einer seiner besten Freunde, verdammt noch mal.
Es war ja schon schlimm genug, dass er am liebsten seine Hände nach ihm ausgestreckt hätte, sie am liebsten an seine Taille gelegt hätte, ihn zu sich herangezogen hätte, und wenn er ihn dann vor sich hätte, dann würde er am liebsten– nein. Darüber wollte er gar nicht erst nachdenken. Nicht, wenn Peter so nah war. Musste er ihn denn auch immer anstarren?
Er widmete sich wieder seinem Buch, um sich der Situation zu entziehen. Wenigstens schien Peter nicht zu merken, wie oft und lange Bob ihn ansah. Und bei jemand so hübschem konnte er einfach nicht anders.
Es wunderte ihn auch ein wenig, dass Peter nicht schon eine neue Freundin hatte. Er war erstaunlich schnell über seine Trennung von Kelly hinweggekommen, und ihm mangelte es nun wirklich nicht an Interessenten, und hatte er nicht selbst schon einmal gesagt, dass er gerne wieder in einer Beziehung wäre?
Ein viel zu lauter, selbstsüchtiger Teil von ihm war froh, dass er Peter für sich hatte, hoffte, dass er sich niemals wieder verlieben würde; außer in ihn selbst, natürlich, aber das würde sowieso nicht passieren. Da machte er sich keine Hoffnungen. Schließlich war er sich durchaus bewusst, dass–
Peter verpasste seinem Unterarm einen leichten Schlag, schreckte ihn von seinen Gedanken auf. Stirnrunzelnd sah Bob ihn an, öffnete den Mund, um sich zu beschweren, doch der Junge kam ihm zuvor.
„Mach’ deine Arme weg,“ verlangte er, als wäre es offensichtlich, dass das das war, was er wollte, „Das Buch auch.“
Die Falten in Bobs Stirn vertieften sich, aber er tat wie ihm geheißen. „Wieso-“ begann er, doch er kam nicht weiter; sein bester Freund rutschte etwas näher an ihn heran und legte sich hin, verschränkte seine Arme über seinen Oberschenkeln, legte seinen Kopf auf ihnen an, winkelte seine langen Beine an, um in das Zelt zu passen.
Oh. Bob zögerte, Buch in seiner erhobenen Hand – sollte er seine Hände auf ihm ablegen? Sie in der Luft halten? Ihn ignorieren?
Was machte man in so einer Situation?
Peter seufzte als er sich entspannte, sein Gewicht für einen Moment verlagerte um seine Hand neu zu positionieren, sein Kopf so nah an Bobs Hand, und dann konnte er einfach nicht widerstehen. Vorsichtig senkte er seine freie Hand, legte seinen Unterarm auf dem Rücken seines Freundes ab, sein Handgelenk auf der roten Kapuze, berührte mit den Fingerspitzen Peters wirre rote Haare.
Sein Herz pochte in seiner Brust als er Peter nach jeglicher Reaktion absuchte, und da er nichts außer der entspannten Zufriedenheit fand, nahm er einen geheimen, tiefen Atemzug und fuhr mit den Fingern in die weichen Strähnen. Er beachtete jede Bewegung von dem jungen Mann halb in seinem Schoß als er langsam begann, mit seinen Haaren zu spielen, über seinen Kopf und die warme Haut seines sommersprossigen Nackens zu streichen.
Peter seufzte noch einmal, dann wurde er still. Und auch Bob beruhigte sich mit dem Prasseln des Regens und der einfachen Bewegung seiner Hand, doch es dauerte ein paar Minuten, bis er es schaffte, seinen Blick von ihm abzuwenden und sich wieder seinem Buch zu widmen. Er mochte Momente wie diese, Momente in denen sie sich einfach nah waren, in denen sie sich irgendwie berührten, ganz ohne die Anspannung eines laufenden Falls oder Justus’ vielsagende Blicke.
Und dann verfiel er wieder dem Bann des Buches, hob seine Hand immer wieder von dem Kopf seines Freundes und blätterte eine Seite um, und dazwischen strich er geistesabwesend mit den Fingern durch sein Haar. Irgendwo bemerkte er, dass sich das Trommeln des Regens lichtete, das Rauschen des Windes allmählich nachließ, doch er nahm keine richtige Notiz davon, zu sehr in sein Buch versunken.
Etwa hundert Seiten später begann sein Körper sich bemerkbar zu machen, ein dumpfer Schmerz der sich von seinem Steißbein ausgehend ausbreitete und seinen wunderbaren Lesefluss unterbrach. Irritiert rümpfte er die Nase, schob seine Brille ein wenig höher, dann ließ er von seinem Buch ab und wandte sich an seinen Freund. „Kannst du kurz aufstehen?“ bat er, „Ich muss mich anders hinsetzen.“
Der Junge kommentierte dies mit absoluter Stille, atmete einfach leise weiter. Bob wartete ein paar Sekunden, hörte kurz auf, mit seinen Haaren zu spielen.
„Peter?“ fragte er schließlich, doch auch darauf kam keine Antwort; war der Mann ernsthaft eingeschlafen?
Bob stöhnte leise, schloss seine Augen, legte seinen Kopf in den Nacken. Verdammt. Ein Lächeln schummelte sich auf sein Gesicht als er seine Finger wieder in Peters Haaren vergrub, darüber nachdachte, dass Peter so entspannt war, so über seinen Schoß drapiert, dass er so eingeschlafen war, dass er sich so wohl fühlte. Aber der Schmerz blieb weiterhin präsent, und so sehr er langes Sitzen auch gewohnt war, so würde er doch trotzdem gerne seine Position verändern. Sollte er ihn aufwecken? Nur, damit er sich anders hinsetzten konnte?
Nein, das brachte er nicht übers Herz. Sanft strich er ein paar wilde Haarsträhnen aus Peters Gesicht, betrachtete ihn mit einem Lächeln – die über seine Wangen gesprenkelten Sommersprossen, der hübsche Mund, der markante Kiefer, die leicht gekrümmte Nase, die Wimpern, die geschlossenen Augen. Bob fuhr mit seinem Daumen über seine Stirn. Irgendwie süß, wie er so da lag.
Aber was nun? Sollte er einfach leiden?
Bevor er entschied, wie er weiter verfahren sollte, streckte er den Arm nach seiner Kamera aus und zog sie langsam zu sich heran. Obwohl er Sorge hatte, dass die verschiedenen mechanischen Geräusche der Kamera seinen Freund wecken würden, machte er ein paar Fotos von ihm, bewunderte sie ein paar Momente lang auf dem kleinen Display der Kamera.
Dann legte er Buch und Kamera ab und stütze sich auf seinen Händen ab, um sich vorsichtig ganz aufzusetzen, doch er brach diesen Versuch sofort ab als Peters Stirn sich ein kleines bisschen runzelte. Er war schon bereit, diese unangenehme Position zu akzeptieren, da hob der Andere leicht den Kopf und bewegte seine Arme, gab ihm etwa zwei Sekunden um sich komplett aufzurichten, bevor er sich erneut hinlegte und friedlich weiter schlief. Gott sei Dank.
Dem Schmerz entronnen legte er seinen Arm wieder auf Peter ab, nahm sein Buch zu Hand und las die letzten 23 Seiten. Als er fertig war, das Buch schloss und aufsah, hatte der Regen vollständig aufgehört und eine fast unheimliche Stille hinterlassen, die nur von der ein oder anderen Windböe und entfernten Geräuschen anderer Menschen unterbrochen wurde. Für eine Weile ließ Bob sich das Buch durch den Kopf gehen, starrte abwesend zur Zelttür und dachte über Handlung, Charaktere und das Ende nach.
Diese Überlegungen wurden abrupt beendet als Peter sich schwerfällig auf seinen Rücken drehte. Fast reflexartig senkte Bob seinen Blick auf ihn, ein Arm auf Peters Brust, die andere Hand an seinem Kopf, und sein bester Freund nahm einen tiefen Atemzug und blinzelte seine Augen auf.
„Auch wach?“ fragte Bob mit einem neckenden Tonfall, „Oder braucht der Herr noch ein paar Stunden schlaf?“
Peter runzelte verschlafen seine Stirn. „Ich war halb sieben auf den Beinen.“ Er blinzelte als Bob ihm den Kopf streichelte, entspannte sich. „Und ich hab’ schon Sport gemacht. Und!“ Er hob seinen Zeigefinger. „Du bist einfach viel zu bequem.“
Bob hob eine Augenbraue, aber sein Lächeln war zurück. „Mhm, klar, ist natürlich wieder meine Schuld.“
Peter machte einen zufriedenen Gesichtsausdruck. „Gut, das wir da einer Meinung sind.“ Sein Blick flog zu der Stelle, an der das Buch des Anderen gewesen war. „Bist du fertig mit dem Buch?“ Und als der Junge bestätigend summte, fuhr er fort: „Um was ging’s denn?“
Also redete Bob. Und obwohl es nun wirklich nichts Neues für ihn war, komplexe Zusammenhänge so gut wie es ging linear wiederzugeben, fiel es ihm etwas schwer, so von der Geschichte zu berichten, dass es nicht zu viele Ausschweifungen gab. Er erzählte seinem besten Freund von der verworrenen Handlung und den Charakteren, und anfänglich sah er ihn dabei auch an; doch je länger er sprach, desto deutlicher zeichnete sich ein Lächeln auf Peters Gesicht ab, das immer zu sanfter zu werden schien.
Und als Bob dachte, so etwas wie Liebe in Peters waldgrünen Augen zu sehen und sich zum hundertsten Mal verhaspelte, entschied er sich dazu, stattdessen die Zelttür zu beobachten und zu hoffen, dass sein Freund nicht sah, wie heiß seine Wangen wurden. Aber so genau wie der Junge ihn musterte war es so gut wie unmöglich, dass er es nicht merkte.
Mit Peters Haaren zu spielen stellte sich als erstaunlich gute Beruhigungsmaßnahme heraus, obwohl sie die negative – wunderbare – Nebenwirkung hatte, dass sein bester Freund sich weiter entspannte, sein weiches Lächeln träge wurde. Als Bob es dann doch einmal wagte, nach unten zu schauen, sah Peter ihn mit etwas in seinen Augen an, das irgendwo zwischen Zärtlichkeit und Müdigkeit lag und blinzelte langsam.
‚Wie eine Katze,‘ dachte Bob, und verlor den Faden seines Satzes. Er blinzelte, versuchte, die letzten Wörter in seinem leeren Gehirn aufzuspüren, musste dann aber feststellen, dass es außerordentlich schwer war, über so etwas banales wie ein Buch nachzudenken wenn ein so hübscher junger Mann in seinem Schoß lag und ihn so ansah.
Manchmal war es echt ein Fluch, mit jemandem wie Peter befreundet zu sein.
Er riss sich von ihm los und betrachtete weiter die Zelttür, konnte seine Gedanken jedoch nicht vollständig dem Buch zuwenden – er spürte den Blick seines besten Freundes förmlich, wie er weicher wurde, wenn er mal wieder über seine Wörter stolperte. Aber irgendwie schaffte er es dann doch, sie wieder zu konzentrieren und normal weiter zu sprechen, der Kerl in seinem Schoß hin oder her.
Peter beschloss anscheinend, dass dies der perfekte Moment war, um seinen Mund auf zu machen. „Weist du, du hast echt voll die angenehme Stimme,“ unterbrach er ihn, einfach so, „Du solltest Hörbücher aufnehmen. Ich würd’ mir die dann immer zum einschlafen anhören.“
Bob glaubte er höre nicht richtig. Bitte was?! Konnte Peter das einfach so sagen? War das erlaubt?!
„Äh,“ brachte er heraus, und dachte: ‚Sehr geistreich, Andrews.‘
Sein bester Freund kicherte. „Deine Stimme ist wirklich voll schön.“ Er lächelte ihn an. „Passt richtig gut zu dir.“
Bob schloss seine Augen, nahm einen tiefen Atemzug und merkte, wie sein Herz in seiner Brust klopfte. Dieser verdammte Peter Shaw. „Ist es so langweilig, wenn ich was sage?“ fragte er, stellte sich vorwurfsvoll, „Dass du dabei einschlafen würdest?“
Peter sah ihn mit einem Blick an, der ‚ernsthaft?‘ zu sagen schien. „Nee, natürlich nicht.“ Das Lächeln, das es Bob so schwer machte, ihn anzusehen, kam zurück. „Deine Stimme ist einfach entspannend. So tief und weich, und so.“
Bob blinzelte noch einmal. Wie antwortete man auf so etwas? Vor allem, wenn es von Peter kam. „Ähm, Danke.“ Er wand sich eine Strähne von Peters rotem Haar um den Finger. „Glaub’ ich. Äh, ja.“
Peter schnaubte amüsiert. „Na, du klingst ja überzeugt.“ Er hob eine Hand um den Unterarm des Anderen zu tätscheln. „Red’ weiter. Es war gerade so spannend.“
Bob seufzte. Hatte er überhaupt eine andere Wahl?
Also führte er seine Erzählungen fort, berichtete ihm weiter von der Geschichte als die Live-Musik irgendwo in der Ferne begann – dann genügte ein Blick, und die beiden waren sich einig, dass sie sich schleunigst auf den Weg zur Bühne machen sollten. Bob sprach weiter als sie sich in der Zelttür nebeneinander setzten und ihre schlammigen Schuhe anzogen (begleitet von angeekelten Grimassen), als sie sich auf dem schlickigen Weg in den trägen, lockeren Strom anderer Menschen einreihten und eine Tafel Schokolade teilten, wurde gerade fertig, als die herannahende Musik fast laut genug wurde, um Gespräche zu stören.
Peter sagte irgendetwas, nickte bereits leicht im Takt mit der Musik, dann schloss die Menschenmasse ihr Maul um sie und verschlang sie. Bob dachte noch, dass Justus das alles gehasst hätte, aber dann stieß seine Hand gegen Peters und er vergaß alles.
Ein paar Stunden später entfernten sie sich während eines Liedes, bei dem sie sich einig waren, dass man es auch verpassen könnte, kehrten zu ihrem Zelt zurück und kochten Nudeln mit einem Campingkocher, aßen die nicht ganz durchgekochten Nudeln mit Tomatensoße und nicht vollständig geschmolzenem Käse, unterhielten sich die ganze Zeit angeregt über die Musiknummern, die sie gerade gehört hatten. Bob tat so, als würde er nicht bemerken, dass Peter sein Bein nur so halb ausgestreckt hatte, damit sie sich berührten.
Irgendwann später, inmitten der Masse vor der Bühne, als der Himmel sich tiefblau gefärbt hatte und die ersten Sterne um den halben Mond glitzerten, als die herankriechende Nacht so kühl geworden war, dass Bob in seinem T-shirt fror, legte Peter eine warme Hand auf seinen Arm. Bob hielt inne, blickte zu ihm auf, harrte einen Moment auf Peters hübschem Gesicht; umrahmt von dem honiggoldenen Schein der Bühnenbeleuchtung zeichnete er sich gegen den sanften Nachthimmel ab, und in der kühlen Nachtluft, umgeben von Musik und allem was jemals zwischen ihnen gewesen war und anderen Menschen, sah sein besorgtes Gesicht schrecklich zärtlich aus.
Sie machten keine Versuche, miteinander zu sprechen. Peter ließ seinen Blick nur zu Bobs T-shirt sinken, Bob shauderte in einem leichten Windzug, und dann hatte Peter ihn schon losgelassen und machte sich daran, aus dem roten Kapuzenpullover zu schlüpfen. Bobs schwacher Widerstand brachte da nichts. Natürlich nicht.
Vorsichtig nahm er die offene Jacke entgegen, widerstand dem Drang, sein Gesicht in dem weichen Stoff zu vergraben und einen tiefen Atemzug zu nehmen, und sein Brustkorb zog sich zusammen. Es hätte nichts besonderes sein sollen, das war ja schließlich sowieso sein Pullover, aber Peter hatte ihn nun schon so lange getragen, dass er nach ihm roch, und seine Körperwärme hing noch immer zwischen den roten Fasern, und irgendwie war die Geste ja auch romantisch.
Für ihn, zumindest. Für Peter sicher nicht. Bei jeder anderen Person hätte er sich außerdem Sorgen gemacht, dass sie vielleicht selber frieren würde, aber nicht bei seinem besten Freund. Der Mann war ein wandelnder Backofen.
Der Moment war schon längst vorbei, ein neues Lied erfüllte die Luft, und eigentlich hätte Bob auch schon darüber hinweg sein müssen, eigentlich hätte sich sein Herz längst beruhigt haben sollen, sein enger Brustkorb sich wieder weiten sollen, aber er war erbärmlich in einen der wichtigsten Menschen in seinem Leben verliebt. Also blickte er noch einmal zu ihm auf, sah ihm dabei zu, wie er sich mit der Musik bewegte, wie die Armbänder aufblitzten als er sich mit der Hand durch die Haare fuhr, und auf einmal zog es an Bobs Herz, auf einmal wollt er nichts als seine Hände nach ihm auszustrecken, ihn irgendwie anzufassen, so nah an ihm zu sein, wie es nur irgendwie ging.
Er wandte sich ab, doch seine Gedanken verweilten bei Peters gebräunter, sommersprossiger Haut und seinem hübschen Mund und seinen feingliedrigen Händen. Warum musste er denn auch so verdammt schwul sein? Ein schöner Junge gab ihm seine Jacke und auf einmal bekam er Herzklopfen? Jämmerlich.
Nur war das eben nicht irgendein schöner Junge, sondern Peter Shaw. Er seufzte in sich hinein. Sein Peter Shaw.
Es war ihm ein Rätsel, wie er es schaffte, sich wieder der Musik zuzuwenden. Aber dafür war er ja überhaupt hergekommen. Die Musik. Na gut, ein bisschen auch, weil der Gedanke, fast drei Tage lang komplett alleine mit Peter zu sein, zu verlockend gewesen war, um nein zu sagen, aber vor allem die Musik. Und Justus hatte ihnen die Karten geschenkt.
Ein paar mal stieß er gegen Peter, doch abgesehen davon galt seine Aufmerksamkeit vor allem der Bühne für die nächsten ein oder zwei Stunden – wie lang genau es war hätte er nicht sagen können. Er wusste nur, dass die Nacht sich vollständig über den Platz gesenkt hatte und seine Beine und Füße weh taten, als er und Peter sich das nächste Mal bewusst ansahen.
Ein Blick genügte, dann drehten sie um und begannen den gefährlichen Rückweg durch die wogende Menschenmasse. Peter ging voran, nahm kurzerhand Bobs Hand, damit sie sich nicht verloren, und ein dummes Grinsen brach auf Bobs Gesicht aus als sein Herz in seine Kehle hüpfte. Peters Hand war warm in seiner, führte ihn sicher durch das Meer aus Körpern, gab ihm die Möglichkeit, mit der anderen Hand den Stoff des Kapuzenpullovers zu seinem Gesicht zu heben und tief ein zu atmen, teilweise in einem Versuch, sein überglückliches, breites Lächeln zu verbergen.
Er lies den Stoff gerade rechtzeitig fallen, dass sein Freund nicht sah, dass er etwas getan hatte, als er sich umdrehte um sicherzustellen, dass es ihm gut ging. Bob strahlte ihn unwillkürlich an.
Peter grinste zurück, beschleunigte ein wenig, und der Andere bekam Schwierigkeiten mit seinen weit ausholenden Schritten mitzuhalten, klammerte sich an seine Hand, damit er ihn nicht verlor. Dann waren sie raus aus der Menge und auf den sich leerenden, schlammigen Wegen, verlangsamten zu einem angenehmen Tempo als ihre Hände zwischen sie sanken und sie sich nebeneinander fanden. Und zu Bobs Überraschung und Freude ließ Peter seine Hand nicht los.
Es war kurz vor zwei als sie sich endlich im Zelt niedergelassen hatten. Die Musik spielte immer noch in der Ferne. Der rote Kapuzenpullover hatte seinen Weg wieder unter Peters Kopf gefunden. Bob lag mit offenen Augen auf dem Rücken und starrte die Zeltdecke an, neben ihm atmete sein Freund leise und regelmäßig.
Irgendwie kam ihm das bekannt vor.
Er verfolgte die Linien seiner Handfläche mit seinen Fingerspitzen, erinnerte sich daran, wie perfekt Peters Hand in seine gepasst hatte. Er wollte ihn. Am liebsten hätte er sich auf die Seite gedreht, wäre an ihn herangerutscht und hätte einen Arm um ihn gelegt, hätte sein Gesicht in seiner Brust vergraben, aber erstens wäre das auf dem harten Boden unvorstellbar unbequem gewesen, und zweitens war er nicht annähernd mutig genug, um auch nur einen Zentimeter näher an ihn zu rücken.
Und sowieso bezweifelte er, dass Peter das überhaupt wollen würde. Er war zwar ein körperlicher Mensch, aber das würde dann wahrscheinlich doch zu weit gehen, zumal sie ja eigentlich nur befreundet waren.
Nur. Als wäre seine Freundschaft mit Peter nicht eins der besten Dinge, die ihm je passiert waren. Genau so wie die mit Justus.
Er seufzte. War genau das nicht das Problem? Seine Freundschaft mit Peter bedeutete ihm zu viel, als das er ihm jemals sagen könnte, was er wirklich für ihn empfand. Deshalb gab es diese Schublade in seinem Nachtisch ja.
Er schloss seine Augen und entschied sich dazu, nicht weiter darüber nachzudenken. Es brachte ja doch nichts. Aber gerade, als er dabei war, endlich in einen dringend nötigen Schlaf zu verfallen, regte sich der junge Mann neben ihm.
„Du, Bob?“ flüsterte Peter nach ein paar stillen Momenten, „Bist du noch wach?“
Bob ließ seine Augen geschlossen, doch er konnte sich perfekt vorstellen, wie sein bester Freund den Kopf zur Seite gedreht hatte, Wange in den roten Kapuzenpullover gepresst, und ihn ansah. „Mhm,“ erwiderte er, demonstrativ müde.
Es raschelte, als würde der Andere seine Hand zu seinem Hals bewegen, und dann zögerte er ein paar Sekunden bevor er schließlich leise fragte: „Glaubst du, das wird immer so bleiben?“
Jetzt öffnete Bob doch seine Augen, drehte seinen Kopf zu ihm. „Was meinst du?“ fragte er zurück, ebenso leise.
Peter drehte das Kaurischneckengehäuse zwischen seinen Fingerspitzen. „Naja,“ begann er, schien es sich dann aber anders zu überlegen. Er ließ von seiner Kette ab, streckte seine Hand unter dem Schlafsack hervor und legte sie offen auf den wenigen freien Platz zwischen ihnen, sah ihn erwartungsvoll an.
Irgendetwas musste von Bob Besitz ergriffen haben, sodass er kaum zögerte. Stattdessen befreite er seine Hand von dem Gefängnis der weichen Decke, sah, wie ein leichtes Lächeln an Peters Mundwinkeln zupfte und nahm das als Bestätigung dafür, seine Hand in die seines besten Freundes zu legen.
Der Lächelte erleichtert, kaum in der Dunkelheit des Zeltes auszumachen, und verschränkte ihre Finger. „Wir, halt,“ sagte er, übertönte gerade so das Pochen des Blutes in Bobs Ohren, „Du und ich. Glaubst du, wir werden immer so bleiben?“
Ein Lächeln stahl sich auf Bobs Gesicht. „Ja,“ erwiderte er, durch die Hitze, die dabei in seine Wangen stieg, „Glaub’ ich. Ich lass’ dich jedenfalls nicht einfach so gehen.“
Peter schloss seine Augen, zufrieden. „Gut so.“ Er strich mit seinem Daumen über Bobs Haut. „Ich dich auch nicht. Dafür mag ich dich zu sehr.“ Und ein paar Minuten später war er eingeschlafen, seine Hand immer noch in seiner.
Bob beobachtete ihn noch eine Weile, bis Peters Atem tief und gleichmäßig ging, bis er sich sicher sein konnte, dass er ihn wirklich nicht hören würde. Dann zog er ihre verschränkten Hände sanft zu sich heran und schloss seine Augen, küsste Peters Finger. „Und ich liebe dich zu sehr,“ flüsterte er zurück. Aber das würde Peter nie erfahren.
