Chapter Text
„Jaaaaaaaack..“
Schwarz, alles ist dunkel. Nicht mal der Funke eines Lichtstrahls erreicht diesen Ort. Wind weht. Wo war er? Wenigstens Sterne müsste man sehen. Oder war er vielleicht in einer Höhle, war es deshalb so dunkel?
„Jaaaaaack..“
Die Dunkelheit war nicht normal. Es wirkt so bedrückend, als würde er ersticken. Sein Hals fühlt sich eng an und die Luft die er einatmete schmeckte vergiftet. Sie fing in seinem Hals an zu brennen. Er wollte schreien, nach Hilfe, nach irgendwem, doch kein Laut verließ seine Kehle. Sie schnürrte sich nur mehr und mehr zusammen, nahm ihm jede Luft.
„Jaaack..“
Er fiel auf die Knie, hielt sich seinen Hals und röchelte nach Luft. Doch verspürte er keinen Schmerz an seinen Knien, es wirkte als würde er auf Watte fallen, spürte keinen Boden unter sich. Doch er konnte sich nicht darauf konzentrieren, dafür war die Panik nach Luft zu groß. Er musste hier weg, das waren sicher giftige Gase, die ihn ersticken ließen.
„Jack.“
Panisch stand er auf und rannte los, in irgendeine Richtung, ohne Angst, gegen eine potentielle Wand zu laufen. Der Sauerstoff in seinen Lungen wurde immer knapper, so wurden auch seine Schritte. Das Blut hämmerte in seinem Kopf, sein Herz schien zu kollabieren und so sank er wieder auf die Knie, hechelte nach Luft. Tränen formten sich in seinen Augen, rannten seine Wangen herunter. War es das? War das sein Ende?
„Jack!“
Irgendein Irrer hatte ihn gekidnappt und eingesperrt, wollte ihn vergiften oder wahrscheinlich auch töten. Aber warum? Er hatte nie jemanden etwas getan – zumindest nichts kriminelles. Er war auch immer darauf bedacht gewesen, zu jedem freundlich und nett zu sein. Und wofür? Dass ihn ein Psychopath töten würde? Wieder versuchte er zu schreien, doch es kam nur ein Schwall Blut aus seinem Mund. Sein Magen rebellierte und dessen Inhalt folgte nach dem Blut. Schmerz breitete sich nun überall aus. Es fühlte sich an, als würden seine Gedärme sich verknoten, sein Herz explodieren und sein Kopf zerbarsten. Mehr Blut folgte und langsam war er sich sicher, dass seine Augen nicht nur tränten, sondern auch bluteten, ebenso wie seine Ohren.
„JACK!“
Da war kein Licht am Ende, da war keine Ruhe in ihm, sein Leben strich ebenfalls nicht an ihm vorbei. Es tat nur weh, betäubte ihn nichtmals, sondern ließ ihn leiden. Sterben war wahrlich nicht, wie es immer beschrieben wurde. Da lag er nun im Dunklen, spürte, wie seine Lungen aufgaben nach Luft zu schreien und sein Herz den letzten Schlag ausübte, bis alles Blut in seinem Körper stillstand.
„SEÁN!!“
Jemand kicherte leise im Hintergrund.
"Hihiihihii...
Jack wachte schweißgebadet in seinem Bett auf. Die Bettdecke lag auf dem Boden, das Kopfkissen zwischen ihm und der Wand und er selbst saß kerzengrade in der Mitte. Schnell und schmerzhaft tief zog er seine Lungen mit Luft voll, genoß das Gefühl, wie sie sich füllten und wieder entleerten. Sein Kopf hämmerte noch und sein Körper schmerzte, als hätte er überall Muskelkater. „Nur ein Traum..nur ein scheiß Traum..“, murmelte er zu sich selbst, als seine Atmung etwas langsamer ging.
Als er aufstand, um ins Bad zu gehen, setzte er sich prompt noch mal hin. Durch das Hyperventilieren, fuhr er mit dem Kopf nun Krausell. Also blieb er doch erst mal sitzen, lehnte die Ellenbogen auf die Oberschenkel und fuhr sich mit den Händen durch die Haare. „Was war das denn..“, murmelte er in den leeren Raum und seufzte. So einen real wirkenden Albtraum hatte er noch nie.
Jetzt erst realisierte er die Stimme, die seinen Namen gerufen hatte. Sie kam ihm nicht bekannt vor, auch das Kichern am Ende. Es hatte sich nicht sehr gesund angehört. Seit wann träumte er, dass ein Irrer mit komischer Lache ihn gefangen nahm und mit Gas tötete? „Das kommt sicher von solchen Zombie-Nazi-Spielen..“. Jack hatte es sich angewöhnt mit sich selbst zu reden.
Er wohnte alleine in einer relativ großen Wohnung. Eigentlich war sie für zwei Leute, jedoch hatte er seine Freundin vor ein paar Monaten verlassen und so war er alleine, unwillig nochmals umzuziehen. Von daher sprach er gerne öfter mit sich selbst, um nicht ganz so alleine zu sein, beziehungsweise sich das Gefühl zu geben, er war nicht alleine. Theoretisch war er nicht allein, er hatte seine Community, er hatte Millionen von Fans, mit denen er sich unterhalten konnte, doch ab und zu fehlte das menschliche doch.
Am liebsten würde er sich mit allen persönlich unterhalten, doch das war kaum möglich. Es war schon fast ironisch, dass er sich alleine fühlte und wenn er online ging, sich nicht mehr vor Nachrichten retten konnte. Seine Ex-Freundin hatte ihn deshalb auch verlassen.
Sie war eifersüchtig auf seine Fans, wollte auch die Aufmerksamkeit, doch Jack ließ das nicht zu. Er hatte von Anfang an eine klare Grenze gezogen, zwischen Arbeit und Privatleben. Er hatte kein Problem damit, sie mal zu erwähnen oder sie mit auf Conventions zu nehmen, doch auf die Bühne gehörte sie nicht, ebenso wie in seine Videos. Doch das bewahrte ihn nicht vor Stress, wie erhofft, sondern brachte diesen. Es war nicht so, dass sie nicht zusammen zocken würden – das taten sie sehr oft, abends, nach der Arbeit – aber das reichte ihr nicht. Sie wollte auch die Aufmerksamkeit und die guten Zusprüche, den Ruhm, wenn man das so sagen mochte. Doch Jack tat das nicht wegen solcher Dinge, er tat es, weil es ihm Spaß machte und er mochte es, wenn Menschen lachten und sich freuten. Er mochte ihnen sein Hobby näher bringen und sich mit ihnen in Geschichten verstricken und darüber zu diskutieren.
Jack liebte sie wirklich, sie war immer gut zu ihm gewesen, lachte viel und hörte ihm bei Problemen zu. Doch sie veränderte sich und gegen Ende stritten sie sich nur noch, um eben genannte Dinge. Jack beendete die Beziehung, nachdem er sah, wie sie sich verändert hatte und nicht mehr die Person war, die er liebte. Doch das einzige, worum sie sich kümmerte war, bei wem sie sich nun Aufmerksamkeit ergattern konnte. Gerade das tat ihm weh zu sehen. Liebte sie ihn etwa nicht? Und so kam es, dass er etwas vereinsamte. Verkroch sich vor seinem Comupter und in seiner Community, ging kaum noch raus um Essen zu kaufen und unterhielt sich persönlich mit keinem mehr.
Mit seinem Editor Robin regelte er alles über Skype und auch mit Mark und Felix sprach er noch über das Internet so halbwegs persönlich. Jedoch kam sonst keiner mehr in seinem Leben vor – außer seiner Familie natürlich. Doch diese sah er bisher auch nicht mehr. Freunde hatte er außerhalb von YouTube auch nicht mehr, seine Arbeit stahl ihm mehr Zeit, als ihm bewusst war.
Doch das war okay, er war ja theoretisch nicht alleine. Jack bemerkte nicht, dass er sich hinter seinen Ausreden verkroch. Selbst seine Fans merkten, dass etwas nicht okay war. 'Jack, schläfst du überhaupt noch?', 'Woher nimmst du dir die Zeit, soooo viele Videos zu machen?' und 'Mach mal halblang, man kommt mit dem schauen ja kaum hinterher..'.
Robin sprach ihn dann auch darauf an und er sagte, dass er die Zeit dazu habe und er sich keine Gedanken machen sollte. Er half ihm sogar die Videos zu editieren, da Robin langsam überarbeitet aussah. Er hatte inzwischen so viele Videos, dass er gut einen Monat in Urlaub gehen konnte, ohne sich Sorgen zu machen, dass es irgendwem auffiel.
Anfang Oktober kam Robin auf die Idee, auf die fiktive Figur des AntiSepticEye einzugehen und die Videos etwas zu bearbeiten, in dem er das Bild verzerrte oder für ein paar Millisekunden ein Bild von einem blutigen Jack reinzusetzen. So kamen auch die Fans auf die Spur, dass Jack vielleicht nur so tat, als würde es ihm nicht gut gehen und somit war alles wieder geregelt.
Geendet hat dieses Event mit dem Highlight dass an Halloween Anti sogar auftauchte. Es hatte ihm wirklich Spaß gemacht und den gesamten Monat hatte er sich kaum alleine gefühlt, mit dem Gedanken, er hatte immer jemanden in sich. Er freute sich tierisch über die ganzen Kommentare und es schien jedem gefallen zu haben, was ihn mehr als nur glücklich machte. Doch nach dem Event, als alles wieder normal schien, fühlte er sich noch leerer als sonst.
Und nun kommen wir zu dem momentanen Zeitpunkt. Eine Woche nach Halloween saß Jack also schweißgebadet am Bettrand und machte sich Sorgen um seinen geistigen Zustand. „Jeder hatte doch mal Albträume, oder?“, murmelte er und stand schlussendlich auf. Sein Kreislauf akzeptierte das diesmal sogar und so tappte er ins Badezimmer, um sich ein wenig kaltes Wasser ins Gesicht zu spritzen.
Gesagt, getan. Je eine Hand an einer Seite des Waschbeckens gekrallt und den Kopf über dem Becken hängend, schaute er zu, wie einzelne Wassertropfen über seine Nase in das Becken tropften. Klare, durchsichtige Tropfen, doch sie schmeckten salzig auf seinen Lippen. Weinte er? Leitungswasser schmeckt doch nicht salzig oder nach Kupfer. Moment! Blinzelt sah er in das Becken, sah wie rote Tropfen nun von seiner Nase herabglitten. Schnell wischte er sich durch das Gesicht, sah auf seine Hand und... sie war nass, nass von Wasser und Tränen, kein Blut.
Keuchend sah er in den Spiegel, rot umrandete Augen schauten traurig zurück. „Wahrscheinlich nur die Müdigkeit..“. Jack trocknete sein Gesicht und ging wieder in sein Zimmer. Doch anstatt ins Bett zu gehen, setzte er sich auf seinen Stuhl vor dem Computer und schaltete ihn an. An Schlafen konnte er eh nicht mehr denken.
***
Mark saß vor seinem Computer und editierte gerade ein neues Video von ihm. Es war gerade mal 20 Uhr und er wollte danach noch mindestens zwei neue Videos aufnehmen. Da ertönte das bekannte Skype-Geräusch, dass jemand anrief. Ohne zu schauen, wer es war, klickte er auf den grünen Höhrer. „Halllooouuu?“, sprach er mit seiner tiefen Stimme in das Mikrofon vor sich.
„Hey Mark...“, murmelte eine leise Stimme in sein Ohr. Sie war ungewohnt leise und etwas rau, als hätte er zu lange geschrien. „Hi Jackaboy. Was gibt’s?“. Mark machte sich etwas Sorgen. So hatte er wie seine Fans bemerkt, dass es Jack nicht gut ginge, doch er kam an den Iren einfach nicht heran, er blockte immer nur ab. Umso besorgter war er, dass er jetzt anrief, beachtete man den Zeitunterschied.
„Warte mal, Jack. Ist es bei dir nicht mitten in der Nacht? Was machst du um...rechnen, rechnen, 4 Uhr morgens wach?“, fragte er kurz nach der ersten Frage. „Hatte einen scheiß Albtraum und kann nicht mehr schlafen..brauch bisschen Gesellschaft...“, erwiderte Jack und öffnete Rocket Leauge, um sich etwas abzulenken. „Jaack..“, flüsterte eine leise Stimme in den tiefsten Ecken seines Kopfes – die Stimme aus seinem Traum. Er zuckte leicht, ignorierte es aber, waren es sicher nur die Nachwehen des Traumes.
„Erzähl mal..“, sagte Mark. „Habe geträumt, ich würde sterben..und es hat sich so real angefühlt. Anscheinend habe ich mich tatsächlich verkrampft, denn mir tut alles weh und meine Lungen brennen immer noch so, als wäre ich erstickt.“, murmelte Jack und seufzte. Danach erzählte er alle Einzelheiten, war überrascht, dass er sich noch so gut daran erinnerte. Mark am anderen Ende war die ganze Zeit still, zu still. „Mark?“, fragte Jack, als keine Antwort kam.
„Sorry, ich..ich war etwas perplex. Das hört sich schlimm an. Vielleicht brauchst du echt mal wieder einen Tapetenwechsel. Willst du rüberkommen oder soll ich dich mal besuchen?“, fragte Mark, woraufhin Jack ein warmes Gefühl im Bauch spürte. Mark war immer sein Idol gewesen, sah zu ihm auf und hang an seinen Lippen, wie ein verdurstender. Dass er tatsächlich mit ihm befreundet war, war ihm immer noch nicht so ganz bewusst. Die Woche im Februar, als er in LA war, war mit eine der schönsten in seinem gesamten Leben.
„Würdest du echt hier her kommen?“, fragte Jack etwas ungläubig, woraufhin Mark nur ein tiefes Lachen ertönen ließ. Es gab Jack eine Gänsehaut. „Natürlich. Ich schaue mal nach Flügen..“, sagte Mark und Jack hörte, wie Mark extesiv mit seiner Maus klickte. Mark wurde auch schnell fündig. Günstig waren diese Flüge nicht, aber das war ihm so ziemlich egal. Jack war inzwischen ein guter Freund von ihm und wenn es seinen Freunden nicht gut ging, war er direkt da, um zu helfen – selbst wenn er dafür nach Europa fliegen musste. Er hatte sowieso überlegt Jack zu besuchen, da er sich so isolierte und ganz klar an einer mehr oder weniger ausgeprägten Depression litt. Er wollte ihn aus seinem Kokon befreien und wieder mehr in die Gesellschaft integrieren. Doch wäre es da nicht besser, dass Jack aus seiner Wohnung rauskommen würde?
„Jack... dein Flug geht morgen um 19:45 Uhr.“, sagte er und klickte sich durch die Anbieterseite vor sich. Er hörte schon, wie Jack Luft holte und unterbrach ihn.
„Der Flug ist gebucht, Jack.“.
