Chapter Text
Reese sah auf den Haufen an unbezahlter Rechnungen, während sein Arbeitgeber ihm gerade verkündet hatte, dass er seinen Job verlor. Mit zitternden Knien saß er sich auf einen der Stühle und blickte auf den Scherbenhaufen seines Lebens, der sich vor ihm ausbreitete. Eigentlich konnte er jederzeit bei seinen Eltern unterkommen, aber wollte er das wirklich? Er dachte wirklich, dass er sein Leben endlich in den Griff bekam.
Doch das Gegenteil war der Fall.
Wütend schmiss er den Papierhaufen vom Tisch und ballte seine Hände zu Fäusten. Er schlug wütend auf den Tisch, das Gesicht hinter den Händen vergraben. Die Schulden häuften sich, da er zu oft über seine Verhältnisse gelebt hatte. Frustriert trat er gegen das Tischbein, was sich jedoch schnell rächte.
„Verdammt!“ fluchte er und versuchte sich abzuregen.
Er stand auf und holte etwas aus seinem Kühlschrank. Da waren noch ein paar Reste von gestern, die allerdings auch schon komisch rochen. Die Tür schloss sich wieder und er füllte sich Wasser ins Glas.
Konfus trank er es aus und dachte nach.
Gab es denn keine Möglichkeit aus dieser Zwickmühle rauszukommen? Normalerweise würde er ja Malcolm um Rat fragen, aber der hatte sich ja seit Wochen nicht mehr bei ihm gemeldet. Dewey war zu sehr mit seinen Konzertauftritten beschäftigt, Jamie war mittlerweile in der Marine. Und seine Eltern waren so mit sich selbst beschäftigt. Die wollte er damit nicht belasten.
Da er kein Geld mehr hatte würde er irgendwie so über die Runden kommen müssen. Nervös kaute er auf seiner Unterlippe herum, bevor er es sich auf seiner Couch bequem machte. Fernsehen würde ihn sicher ablenken, aber den musste er leider verkaufen, um einen Teil seiner Schulden zu begleichen. Sein Vermieter war ohnehin schon sauer auf ihn, da er zwei Mieten hinterher hing.
Wenn er nächsten Monat nicht bezahlte, wurde er rausgeschmissen.
Voller Gram saß er da und ließ die Schultern sinken. Es half ja doch nichts. Irgendwo musste er sich Hilfe suchen. Sein Herz fühlte sich so schwer an, während die Sorgen ihn zu Boden drückten. Ich habe versagt. Diese Feststellung schnürte ihm die Kehle zu und ein leises Schluchzen brach aus ihm heraus. Doch er wollte nicht weinen, da sich diese Ohnmacht noch schlimmer anfühlte, als das Gefühl der Hilflosigkeit.
Mit schweren Schritten ging es zum Handy, dessen Akuu am Schwächeln war.
Vermutlich würde er ihn nicht erreichen, da er ja verheiratet war. Wollten sie nicht sogar ein Kind bekommen? Er ging mit der Erwartung ans Handy, dass niemand abnahm. Wahrscheinlich würde nach dem langen Warten nur die Mailbox kommen, aber was hatte er schon zu verlieren? Bald würde ihm sowieso der Strom abgestellt werden und dann gab es auch kein Netz mehr.
Da musste er diese eine Chance zumindest nutzen.
„Reese, was gibt’s?“ kam es gestresst von Francis und er atmete auf. Das war ein gutes Zeichen. Jetzt hieß es nur noch Ruhe zu bewahren. „Hey, ich… ich wollte nur fragen wie es dir geht?“ Die Hemmung ihn mit seinen Problemen zu belasten war einfach zu groß. „Es geht. Ich hab gerade zu tun. Gibt es etwas Wichtiges?“ fragte Francis ihn und er spürte wie sich alles in ihm zusammenzog.
Er ist genervt und will seine Ruhe haben. Ich sollte ihn nicht damit belasten.
„Ja, alles gut. Ich wollte nur fragen wie es dir geht. Ciao.“
Hastig legte er auf und spürte wie sein Herz schneller schlug. Okay, das war echt eine dumme Idee. Er hätte ihn gar nicht anrufen sollen. Schließlich war sein eigenes Leben chaotisch genug. Seufzend öffnete er den Kühlschrank und aß den Rest daraus. Ihm wurde schlecht, da das Essen schon Stellen hatte, aber er wusste nicht ob er in nächster Zeit wieder etwas zu Essen bekam.
Angewidert verzog er das Gesicht und schob sich den schlechten Braten rein. Hinter ihm ertönte der Klingelton seines Handys, was auf dem Tisch vibrierte. Verdattert starrte er auf den Namen der Rufnummer. „Francis?“ sprach er in den Hörer und dieser räusperte sich. „Reese, was ist los? Du rufst mich doch nicht einfach so an. Ich kenne dich.“ kam es misstrauisch von seinem großen Bruder und er schloss kurz die Augen.
Jetzt nur nicht die Nerven verlieren.
„Nein, alles gut. Ich schaffe das schon alleine. Du bist doch sowieso mit deiner Familienplanung beschäftigt.“ plapperte er drauf los und lächelte breit. Als ob Francis das durchs Telefon spüren konnte. „Nein, bin ich nicht. Wir sind geschieden.“ Ihm klappte die Kinnlade runter. Das war nicht sein ernst? „W-was? Aber ihr wart doch so glücklich zusammen?“ Stille trat ein, während sein Bruder nachdachte.
Also jetzt wollte er ihn erst Recht nicht damit belasten.
„Reese, was ist los?“ bohrte Francis nach und er würgte auf. Der ekelige Geschmack des Schimmels breitete sich in seinem Mund aus. Er nahm noch einen Schluck Wasser und hoffte, dass damit auch das Gefühl in seinem Mund verschwand. „Ach, weißt du. Ich verliere meine Wohnung. Mein Arbeitgeber hat mir gekündigt und es kann sein, dass ich ein paar Schulden angehäuft habe.“ erzählte er ihm unter lauten Lachen. Einfach um seine eigenen Unsicherheiten zu überspielen.
Wieder trat Stille ein.
Ob sein Bruder auflegen würde? Er könnte es wirklich verstehen, da er sowieso die reinste Belastung für eigentlich jeden war. „Wo bist du? Ich hol dich ab.“ Was hatte er gesagt? Er musste sich verhört haben. „Nein, Francis. Ich will dich nicht in meine Probleme mit reinziehen. Ist schon okay.“ wehrte er ab und lachte in den Hörer. Innerlich fühlte er sich tot, aber das wollte er ihm nicht zeigen.
„Wenn du mir nicht sofort sagst wo du wohnst, rufe ich Mum an und erzähl ihr die ganze Geschichte.“ drohte Francis ihm und er schluckte schwer auf. „Ist ja schon gut.“ erwiderte er mit tiefen Seufzen, während er ihm seine Adresse gab. Er würde in einer Stunde hier sein und ihn abholen. Anscheinend war Piama ausgezogen, weswegen Francis ihm die Couch anbot. Dabei wollte er doch niemanden in das Ganze hineinziehen.
Nervös stand er in der Küche herum und hielt sich den Bauch. Sein Magen grummelte noch immer, der ihm seine Aktion echt übel nahm. Schnell flüchtete er ins Bad, bevor Francis kam. Da er keine Beschäftigung fand, wippte er mit dem Stuhl auf und ab, bis die Klingel zu hören war. Er drückte auf den Schalter, um Francis ins Treppenhaus zu lassen.
Unentschlossen stand er rum. Die Hände tief in den Taschen seiner Jeans versunken, als er die Schritte seines großen Bruders hörte. Seine Finger umklammerten den Türgriff, den er zitternd nach unten drückte. Irgendwie überforderte ihn gerade alles an dieser Situation. Und schon stand er vor ihm und blickte ihn aus seinen blauen Augen heraus an.
„Das mit Piama tut mir leid.“ brach es aus ihm heraus, aber er schüttelte den Kopf.
Mitfühlend schloss sein großer Bruder ihn in den Arm.
„Verdammt, du Idiot. Wieso hast du nichts gesagt?“ flüsterte er und er zuckte hilflos mit den Schultern. „Ich wollte einfach niemanden in die Sache reinziehen.“ gestand er, während sich Francis aus der Umarmung löste. Interessiert betrat er seine Wohnung und blickte sich um. „Sie haben dir ja echt alles genommen.“ stellte er fest und er senkte beschämt den Kopf.
„Ist schon okay. Du musst dir das nicht antun.“
Francis starrte ihn einfach nur an.
„Reese, hör auf mit dem Quatsch. Ich nehme dich mit. Wo sind die Rechnungen?“ Er deutete peinlich berührt auf den zerknitterten Papierhaufen auf dem Boden. Sein Bruder sammelte diesen auf und packte ihn einen Schutzumschlag. Dann nahm er ihn am Arm und zerrte ihn aus seiner Bruchbude. „Die Schlüssel?“ Reese schloss die Wohnung ab, bevor er sie Francis übergab. „Was hast du vor?“ fragte er seinen Bruder interessiert, aber dieser schüttelte den Kopf.
„Später. Erst einmal fahren wir zu mir.“
Damit musste er sich wohl fürs Erste zufrieden geben. Bedrückt folgte er seinem Bruder die Treppen hinunter, bis sie vor seinen Ford standen. An sich war sein Auto noch echt gut in Schuss. Wenn man von den kleinen Alterserscheinungen absah. Er saß sich auf den Beifahrersitz, während Francis den Motor startete. Die Dokumente hatte er hinten im Kofferraum verwahrt.
„Und jetzt erzähl mir Mal wie das alles passiert ist.“
Nervös kaute er auf seiner Unterlippe herum und versuchte den Moment des Geständnis hinaus zu zögern. „Reese, ich will dir doch nur helfen.“ Und er warf ihm einen mitfühlenden Blick zu, was ihn erweichen ließ. „Ich hab den Überblick über meine Rechnungen verloren.“ gestand er, den Blick gesenkt. „Das wird doch nicht alles sein.“ bohrte Francis weiter nach, der sich auf den Verkehr konzentrierte.
Sein Blick war nach vorne gerichtet, aber er spürte wie seine Augen immer wieder zu ihm rüber huschten. „Nein, natürlich nicht. Ich hab auf der Arbeit gefehlt und angefangen teure Sachen zu kaufen. Am Ende ist mir mein Vermieter beinahe aufs Dach gestiegen, da ich die Miete nicht zahlen konnte.“ Das war so beschämend. Doch Francis wollte alles hören. Jedes noch so kleine Detail.
Er trat aufs Gas und fuhr in eine Straße rein. „Ich werde dir helfen.“ Irritiert starrte er ihn an. „Aber du steckst doch selber in der Scheidung. Wie willst du mir da bitte bei meinen Schulden helfen?“ Was hatte das für einen Sinn. Er war doch sowieso ein hoffnungsloser Fall. „Ich werde mir schon was einfallen lassen. Bis dahin wohnst du bei mir.“ sprach sein Bruder zu ihm, als ob das eine Selbstverständlichkeit wäre.
„Nein, das kann ich nicht annehmen.“
Diese Aussage wurde mit einem wütenden Blick erwidert. „Reese, sei nicht albern. Wo willst du hin? Du wirst auf der Straße landen.“ Da gehörte er auch hin. „Das kann dir doch egal sein.“ Genervt lehnte er sich gegen den Gurt und blickte aus dem Fenster. An ihm zogen die grauen Gebäude vorbei, während Francis sich bemühte nicht noch mehr aufs Gas zu treten. Er spürte wie es in ihm arbeitete.
„Ich versteh dich nicht.“ Seine Stimme war dabei so leise, dass ihm eine Träne hochkam. „Das musst du auch nicht verstehen. Wir leben doch mittlerweile unser eigenes Leben.“ erwiderte er bedrückt, denn das Gespräch ging in eine falsche Richtung. Er hätte ihn niemals anrufen sollen. Das war ein Fehler gewesen. „Reese, wir sind eine Familie. Natürlich helfe ich dir.“ antwortete Francis mit so einer Heftigkeit, dass sich die Luft verdichtete.
Familie? Was ist das?
Er dachte über die Zeit nach, wo seine Eltern ihn immer wieder als hoffnungslosen Fall vorstellten. Das hatte sehr lange Zeit an ihm genagt. Bis er es schließlich schaffte im Arbeitsleben Fuß zu finden. Die Wohnung war sein Zuhause gewesen, aber jetzt verlor er auch das. „Reese?“ Francis Stimme drang in sein Bewusstsein. Aus seinem Auge hatte sich eine Träne gelöst, die stumm in seinen Mundwinkel floss.
Salzige Bitterkeit war zu spüren.
Das beschrieb sein Leben ganz gut. „Ich war doch nie Teil dieser Familie.“ Francis trat auf die Bremse und die Schwerkraft drückte ihn für einen Moment gegen die Armatur. Er hörte ein leises Fluchen, bevor der Motor wieder angeschmissen wurde. Offenbar war sein Ford kurzzeitig abgesoffen. „Sag das nie wieder.“ fuhr Francis ihn an, dessen Augen vor Wut zitterten. Ein leichter Schimmer lag auf ihnen, der zeigte, dass es seinen großen Bruder nicht weniger aufwühlte.
„Was soll ich nicht wieder sagen?“
Francis schloss die Augen und trat aufs Gas. „Wir reden später.“ knurrte er, während sie die restliche Fahrt über sich anschwiegen. Er seufzte schwer und lehnte sich gegen den Gurt. Mit einem leeren Blick starrte er aus dem Fenster und fragte sich wie lange es wohl noch dauern würde, bevor sie bei ihm ankamen. Doch das war sowieso gleichgültig. Sobald Francis auf der Arbeit war, würde er seine Wohnung verlassen und nach Hause gehen.
Niemals im Leben würde er seinen Bruder mit so etwas belasten. Diesen Gedanken konnte er einfach nicht ertragen. Und so ließ er sich einfach von ihm dort hinfahren, mit dem Gefühl, dass er etwas Gutes tat. Dabei wusste er, dass er schon zu tief in der Scheiße steckte. Ihm würde niemand mehr helfen können.
Das Auto fuhr noch etwas weiter aus der Stadt heraus, bis dieses schließlich vor einem Haus mit Garten hielt. Drumherum waren noch viele weitere davon. Francis musste echt gut verdient haben, wenn er sich so etwas leisten konnte. „Wow.“ entwich es ihm beeindruckt, als er ausstieg.
„Du wohnst in einem Haus?“
Sein großer Bruder nickte einfach nur und schloss die Haustür auf. Der Ford wurde draußen in der Einfahrt geparkt. Und er kam aus dem Staunen nicht mehr raus, als er die Einrichtung seines Bruders bewunderte. Alles daran strahlte so viel Behaglichkeit aus, dass ihm ganz warm ums Herz wurde. Hier musste es sich wirklich gut leben. „Du hast die letzten Jahre wohl gut verdient.“ stellte er fest und nahm eine Vase in die Hand, die sehr hochwertig wirkte.
„Ja, als Kaufmann verdient man nicht schlecht.“
Nicht schlecht? Wenn er über die unzähligen Nudeln- und Suppentage nachdachte, womit er sich über Wasser halten musste. „Na ja, da kann ich nicht mithalten.“ Seufzend saß er sich auf einen der schicken Möbel, die natürlich alle aufeinander abgestimmt waren. Francis saß sich ihm gegenüber und blickte ihn streng an. „Wer sagt, dass du irgendwo mithalten musst?“
Die Frage klang sehr verurteilend und er senkte den Kopf.
„Francis, ich bin ein hoffnungsloser Fall. Halte am Besten ganz viel Abstand von mir. Ich bereite dir nur Probleme.“ murmelte er und spürte wie seine Stimme schwer wurde. Sein Plan abzuhauen würde wohl nicht so einfach werden, da er keine Ahnung hatte wo Francis wohnte. Selbst mit Trampen wäre es schwer wieder zurück zu gehen. „Nein, das werde ich nicht tun. Ich bezahle deine Schulden und du wirst wieder einen Job finden.“
Reese lachte trocken auf.
„Wer will mich schon? Francis, mein Chef hat mich wegen zu vieler Fehltage gefeuert. Das steht in meinem Arbeitszeugnis. Mein Abschluss ist so schlecht, dass keiner auf die Idee käme mich einzustellen.“ entgegnete er und schob seinen Stuhl vom Tisch weg. „Bring mich einfach zurück und hör auf dir falsche Hoffnungen einzureden.“ Francis starrte ihn betroffen an, als er sich erhob und dabei war zu seiner Haustür zu gehen.
„Mach’s gut, Francis.“ verabschiedete er sich und trat in den Garten hinaus.
Die kühle Luft zog über ihn hinweg, während er durch Francis Garten stapfte. Sein Magen knurrte noch immer, aber diesmal vor Hunger. Er würde einen langen Weg vor sich haben, aber das war schon okay. Dank der netten Einladung seines Bruders konnte er jetzt über genug nachdenken. Zum Beispiel darüber wie viel man im Leben falsch machen konnte. Denn offenbar bekam jeder sein Leben besser in den Griff als er.
Er wollte gerade über die Straße gehen, als er grob am Arm gepackt wurde.
„Auf keinen Fall haust du ab, du Idiot!“ knurrte Francis ihn an, während er ihn wieder zurück in den Garten schleifte. „Lass mich los. Ich brauch deine Hilfe nicht.“ Doch seine Rufe wurden einfach ignoriert. Sein großer Bruder bugsierte ihn durch die Tür und schloss diese hinter sich ab. Zur Sicherheit klemmte er einen Stuhl zwischen die Klinke, bevor er ihn finster anstarrte. „Okay, du Idiot. Ich weiß, dass du ziemlich stur sein kannst, aber hör endlich auf vor allem abzuhauen.“ wies Francis ihn zurecht und atmete schwer auf.
Reese blickte ihn verwirrt an.
„Ich hab dir gerade echt ein gutes Angebot gemacht.“ kam es erzürnt von seinem großen Bruder, dessen Augen vor Tränen schimmerten. „Ich dir auch. Lass mich gehen und hör auf damit, dich weiter mit mir zu belasten.“ erwiderte er stur, während er die Arme vor der Brust verschränkte. Warum musste er ihn jetzt auch noch aufhalten? Die Tage würden auch so schon lange genug werden.
Sein Mund öffnete sich und er war gerade dabei sich weiter gegen seine Hilfe zu wehren, als er spürte wie dieser ihn fest in den Arm schloss. Francis Kopf vergrub sich in seine Schultern und er streichelte sanft seinen Rücken. „Reese, es tut mir leid was dir passiert ist. Du hast was Besseres verdient.“
Hab ich das?
Ein Teil von ihm widerstrebte es immer noch, dass Francis ihn nicht losließ. Doch der schwache, sensible Teil in ihm genoss es einfach so in den Arm genommen zu werden. Sie verweilten noch sehr lange darin, bis er sich schließlich von ihm löste. „Warum willst du mir helfen?“ fragte er nochmal und spürte wie sich eine Träne aus seinem Augen löste. Diese kullerte völlig ziellos über seine Wange und tropfte lautlos auf den Boden.
„Weil du mein Bruder bist und ich dachte, dass wir uns immer helfen. Egal was passiert.“ erwiderte Francis und blickte ihn aufrichtig an. „Außerdem könnte ich gerade auch jemanden zum Ausweinen gebrauchen. Das mit der Trennung tut mir immer noch weh.“ gestand sein großer Bruder ihm und er blickte ihn mitfühlend. „Das tut mir leid. Ich helfe dir gerne.“ murmelte er und streichelte seine Schulter.
Francis hielt seine Hand und blickte ihn an.
„Dann lass du dir auch helfen.“
Das war wohl jetzt sein Schicksal oder sollte er sagen ihr Schicksal? „Einverstanden. Ich höre dir zu.“ Und sie saßen sich an den Tisch, während Francis dabei war seine Rechnungen zu sortieren. Dafür musste er ihm natürlich auch alle Fehler gestehen, die er sich im Laufe seines Lebens geleistet hatte. Und da war noch so viel mehr, als er zugeben wollte. Am Ende biss er sich beschämt auf die Unterlippe und senkte den Blick.
„Hey, du wirst das schon schaffen. Ich helfe dir dabei raus.“ tröstete Francis ihn und ihre Blicke trafen sich. „Und was ist mit dir?“ fragte er ihn, da er sich absolut nutzlos vorkam. „Du wirst hier wohnen, bis du einen Job gefunden hast. Danach kannst du auch wieder in eine eigene Wohnung ziehen.“ schlug Francis ihm vor und er stimmte zu. Das klang nach einem guten Plan. „Ist in Ordnung. Ich werde dir auch nicht im Weg stehen.“ Wieder bekam er diesen vorwurfsvollen Blick.
„Okay, als Erstes hör auf so zu tun als wärst du eine Belastung.“
„Aber das bin ich doch, Francis.“
Sein Bruder schüttelte genervt den Kopf und fuhr sich durch die blonden Haare. Erst jetzt bemerkte er, dass er ein schickes Hemd trug. Anders als seine Sachen, die schon voller Löcher waren und dringend in die Wäsche mussten. Doch mit welchem Geld? Seine Waschmaschine wurde ihm auch genommen, weswegen er einfach angefangen hatte diese im Waschbecken zu waschen. Nur ohne Seife half das wenig.
Er spürte Francis Blick auf sich.
„Reese, ich helfe dir gerne, aber hör auf so verbohrt zu sein. Ja?“ ermahnte ihn Francis und stand auf. „Du hast sicher Hunger. Ich hab hier noch ein wenig was im Kühlschrank.“ Mit dem Rücken zu ihm gewandt holte er seine Vorräte heraus, die er auf dem Tisch ausbreitete. Der frische Duft von Aufschnitt und Gemüse strömte in seine Nase. Dazu gab es frisches Baguette, was Francis ihm bestrich und mit belegte. „Ich kann das schon alleine.“ wandte er ein, wofür er wieder einen strengen Blick bekam.
Sein Bruder schob ihm das viel zu leckere Baguette rüber und in das er reinbiss. Dann machte er sich selber eins und aß stillschweigend mit ihm am Tisch. „Sind das deine einzigen Klamotten?“ fragte er ihn, den Blick über sein Oberteil wandernd. „Ja, ist es. Ich hab zwar noch etwas in der Wohnung, aber das ist nicht mehr gut.“ gestand er ihm peinlich berührt. „Du bekommst was von meinen Sachen.“ erwiderte Francis und biss in das Baguette.
Da Francis sowieso keinen Widerspruch zuließ akzeptierte er seine Entscheidung. Reese genoss es wieder etwas im Magen zu haben. Er hatte schon gar nicht mehr gewusst wie schön es sich anfühlte satt und zufrieden zu sein. Als sie mit Essen fertig waren, räumte Francis den Tisch auf und blickte ihn ernst an. „Ich muss morgen nochmal zu einer Anhörung und ein paar Dinge klären, aber ich bin vermutlich mittags wieder Zuhause.“ erklärte sein großer Bruder ihm und er zuckte mit den Schultern.
„Ist in Ordnung.“
„Du sagtest doch, dass du zwei Mieten hinterher hängst. Ich kann sie dir gerne bezahlen.“ Seine Augen weiteten sich. Wie viel Geld musste Francis besitzen um sich das zu leisten? „Nein, bitte. Du hast gesagt ich kann hier bei dir wohnen. Ich werde mir einen Job suchen und die Mietschulden selbst zurückzahlen.“ bat er seinen Bruder, der den Mund zu einem Lächeln verzog. „Einverstanden. Du kannst dich gerne duschen. Ich lege dir Kleidung bereit.“ erwiderte Francis und verschränkte die Hände hinter dem Kopf.
„Und deine Arbeit?“ fragte er seinen Bruder unsicher. „Ich hab gerade frei. Deswegen muss ich auch nirgendswo hin.“ Das erklärte auch warum er so entspannt war. „Danke für die Kleidung. Ich werde dir alles zurück zahlen.“ nuschelte Reese und senkte den Blick. Ihm war es immer noch unangenehm, dass Francis so viel auf sich nahm. Gerade weil er sich eigentlich schon auf der Straße gesehen hatte.
„Das musst du nicht. Ich mache das gerne.“
Er blickte auf und sah, wie dieser sich erhob. „Okay, dann mach dich mal frisch. Ich suche dir derweil Bettzeug her.“ Und mit diesen Worten stand er auf und ließ einen konfusen Reese zurück. War Francis schon immer so nett zu mir gewesen? In ihrer Kindheit gab es oft Streit und er hatte nie das Gefühl gehabt, dass sie viel gemeinsam hatten. Vor allem weil Francis ihm bewiesen hatte wie ehrgeizig er war. Im Gegensatz zu ihm selbst.
Gleichzeitig freute er sich darauf endlich wieder warmes Wasser, ein bequemes Bett und sogar funktionierende Geräte zu haben. Sein Handy war mittlerweile aus, da ihm der Saft fehlte. Doch wie er Francis kannte würde er auch dafür sorgen. Am Ende blieb es in seiner Verantwortung einen Job zu finden. Und das machte ihn, bei all seiner Unterstützung, noch am meisten Sorgen.
