Chapter Text
Tamtey
Schon von weitem sah Tamtey das Feldlabor in Flammen aufgehen.
»Verdammt, sie haben das Labor gesprengt!«, keuchte Teylan, der vermutlich an den Computern des Widerstands saß.
Der arme Junge hatte nicht einmal Zeit gehabt, seinen ersten Rausch auszuschlafen.
»Wiya.« So’lek fluchte. »Das müssen sie gerade eben gemacht haben, Tamtey! Halt Abstand, verdammt!«
»Sag mir nicht, was ich zu tun habe! Beeilt euch besser!« Sie fauchte zornig.
Die Mangkwan waren bereits um den Berg herum aus ihrer Sicht verschwunden, als Telisi das Feldlabor erreichte, sich aufrichtete und mit kräftigen Flügelschlägen über diesem ihre Position hielt. Glücklicherweise war niemand dort gewesen, dem die Mangkwan hätten schaden können. Die Ausrüstung darin konnte Tamtey wieder von RDA-Basen stehlen. Dennoch hatten sie damit einen wertvollen Rastplatz und eine Überwachungsmöglichkeit der Region verloren.
Tamtey hielt mit gefletschten Zähnen nach den Räubern Ausschau. Was war ihr Ziel? Doch hoffentlich nicht die Tarsyublüte?
Nein, das konnte nicht sein. Die Blüte lag in einer Höhle auf halber Höhe des Berges, sie war so gut wie unmöglich zu finden, wenn man kein Sarentu war.
Das Rauschen eines Flammenwerfers hallte von den Felsen wider und Tamtey legte die Ohren an. Das Geräusch war ihr zu vertraut, als dass sie es nicht erkennen könnte.
Es kam vom Fuß des Berges.
Von dem Ort, wo das Totem ihres Volkes stand.
Sie blinzelte fassungslos und jagte Telisi nach vorne, als sie die Ikrane ihrer Freunde hinter sich hörte. So’lek und Rasi schrien ihr über Funk zu, sie solle auf sie warten.
Telisi, angestachelt vom verzweifelten Zorn ihrer Reiterin, schoss mit einem Brüllen um die felsigen Hänge des Großen Stoßzahns. Tamtey legte einen Granatpfeil auf die Sehne und spannte den Bogen.
Mindestens sieben Mangkwan, umgeben von ihren Ikranen, hatten sich um das Sarentu-Totem versammelt, das Tamtey kaum wiedererkannte.
Sie hatten das Sturmgleiterweibchen abgeschlachtet, das jedes Jahr auf dem Gipfel nistete, und es mit ihren groben Seilen in verdrehter Haltung an dem Totem aufgeknüpft.
Nun richtete einer von ihnen den Flammenwerfer darauf, während die anderen jubelten.
Das aus Holz, Schilf und Gräsern vor Jahrzehnten, wenn nicht noch viel längerer Zeit errichtete Totem ging wie Zunder in Flammen auf.
Schmerz jagte durch Tamteys Nervenbahnen und die Zeit schien für einige Sekundenbruchteile langsamer zu vergehen. Telisi brüllte, als diese Wut auch sie erfüllte, und beschleunigte ihre Flügelschläge.
Mit einem zornigen Kampfschrei ließ Tamtey den Pfeil fliegen und traf den Mangkwan mit dem Flammenwerfer in den Rücken. Noch ehe er nach vorne taumeln konnte, explodierte die präparierte Spitze und riss auch das Gerät der Himmelsmenschen mit sich, womit es ihn sofort tötete.
Die neben ihm stehenden Räuber wurden zurückgeschleudert oder wichen vor den Flammen zurück, wobei sich einige in Tamteys Richtung umdrehten. Ein Ikran brüllte und erhob sich in die Luft, um die Flucht zu ergreifen. War der Mangkwan mit dem Flammenwerfer sein Reiter gewesen? Hoffentlich erkannte der Ikran, dass er nun wieder frei sein konnte.
Die Mangkwan schrien durcheinander und griffen nach ihren Bögen und ... Gewehren.
Diese verdammten Himmelsmenschen!
Fluchend ließ sie Telisi wenden und steil nach oben fliegen, um sie über die nächste Steinterrasse des Berges zu führen, damit die Kugeln sie nicht treffen konnten.
»Schneller, Telisi!« Ihre Ikran schnatterte und gab sich Mühe, während unter ihr die ersten Geschosse gegen den Fels prallten.
Tamtey verdrehte sich im Sattel und schoss erneut einen Pfeil ab, der einen Mangkwan in die Schulter traf, als dieser eben im Begriff gewesen war, auf seinen Ikran zu springen. Das Tier wich schreiend zur Seite aus und ergriff die Flucht.
Sie mochten die Ikrane lenken können, aber sehr weitreichend war deren Loyalität ohne die Liebe eines Reiters anscheinend nicht, sobald Verletzungen im Spiel waren.
»Die machen wir fertig, was, Telisi?« Tamtey fletschte die Zähne.
Ihre Ikran schnatterte entschlossen und kippte ihren Körper für eine enge Wendung steil zur Seite. Die Mangkwan würden hoffentlich nicht damit rechnen, dass sie nur darauf lauerte, dass sie die steinerne Stufe des Berges überquerten. Tamtey hängte sich den Bogen über die Schulter und riss das Gewehr an sich. Bei einer solchen Übermacht konnte sie sich nicht darauf verlassen, einzelne Pfeile zu schießen. Das Magazin rastete ein und Tamtey machte sich schussbereit.
Ma Eywa, hilf mir, keinen Ikran zu treffen!
Der erste Mangkwan jagte über die Klippe und Tamtey eröffnete das Feuer, noch während Telisi wieder über ihn hinwegrauschte. Einige Treffer in den Bauch ließen ihn zusammensacken. Dennoch klammerte er sich an den Sattel und fletschte die Zähne in ihre Richtung.
Ihre Freunde jagten unter ihr um die Felsen des Berges und schossen mit Pfeil und Bogen und in So’leks Fall auch dem Gewehr auf die Mangkwan. Die Gruppe löste sich auf und alle stoben auseinander, um den Angriffen auszuweichen. Damit schienen die Mangkwan nicht gerechnet zu haben. Anscheinend war keiner von ihnen tödlich getroffen worden.
»Bitte sagt mir, dass mehr Reiter unterwegs sind!«, schrie Tamtey, während Telisi rasch um eine Felssäule kreiste und den Berg entlang nach oben schoss, um den Kugeln eines Mangkwan auszuweichen. »Sie sind in der Überzahl!«
»Ein paar Kame’tire und Aranahe sind unterwegs, aber die Feier hat ihre Spuren hinterlassen!«, keuchte Teylan in den Funk. »Viele sind nicht wirklich einsatzbereit gewesen. Anqa rüstet sich mit dem Scorpion.«
Tamtey schrie auf, als einige Kugeln so knapp an ihnen vorbeischossen, dass sie Telisis Flanke streiften. Ihre Ikran machte eine Fassrolle und versuchte erneut den Fels zwischen sich und den Mangkwan zu bringen. Ein paar Kugeln prallten hinter ihnen vom Berg ab. Ein Querschläger streifte Tamteys Wange, zwei weitere schlugen wirkungslos in das dicke Leder ein, mit dem Telisis Harnisch gefertigt worden war. Sie duckte sich eng über Telisis Hals und war nicht zum ersten Mal unglaublich dankbar, dass sie ihr die Rüstung aus den Felsnadeln so gut wie immer anlegte. »Anqa soll nicht so dumm sein und gefälligst beim Kreis bleiben! Sie muss ihn bewachen, aus der Distanz sind ihre Waffen wirkungsvoller. Und bei so vielen Ikran ist der Helikopter zu plump. Die holen sie doch in zwei Minuten vom Himmel!«
Anqa meldete sich. »Verstanden, Tamtey, ich vertrau dir!«
Sie drehte sich im Sattel um und versuchte den Mangkwan in Deckung zu zwingen, indem sie mit dem Sturmgewehr auf ihn schoss, wann immer er mit seinem Ikran hinter ihnen auftauchte. Rund um den Berg und die ihn umgebenden Schluchten mit den Steinsäulen hallten Schüsse von den Felsen wider.
Der Räuber hielt den Abzug durchgehend gedrückt. Gut, hoffentlich gingen ihm bald die Kugeln aus!
»Zwei sind hinter mir!«, schrie Rasi in den Funk.
»Ich habe gerade einen vom Himmel geholt, ich komme«, antwortete So’lek, ohne zu zögern.
»Nesim und ich verfolgen zwei andere!«, rief Minang in den Funk. Dass es sich die Tsahìk nicht nehmen lassen würde, ihr Volk zu verteidigen, hätte Tamtey ahnen müssen.
Während Telisi mit kräftigen Schwingenschlägen den Gipfel überquerte, schoss Tamtey nach hinten. Dabei rechnete sie nach.
Ein verletzter Räuber war hinter ihr, einen hatte So’lek eben getötet. Zwei hinter Rasi, zwei auf der Flucht vor den Zeswa. Wo war der Rest?
Hatte sich die Gruppe zerstreut?
Der Räuber hinter ihr brüllte zornig, als sein Gewehr klickte. Das Magazin war leer. Hoffentlich waren sie beim Wechseln nicht so geschickt wie Tamtey und die anderen Sarentu nach ihrer Ausbildung bei TAP! Das konnte ihr einen Vorteil verschaffen.
Tamtey ließ Telisi auf den Rand des Berges in der Absicht zujagen, sie auf der anderen Seite im Sturzflug hinabrauschen zu lassen. Sie kannten sich hier aus und könnten ihre Ortskenntnis nutzen, um die Mangkwan zwischen den Steinsäulen auszumanövrieren, wenn ...
Vor ihnen schoss ein rot-weiß-schwarz bemalter Ikran senkrecht in die Höhe und der Räuber in seinem Sattel eröffnete das Feuer.
Telisi reagierte schnell und wich nach oben aus, während sich Tamtey an den Sattel klammerte und mit einer Hand das Feuer erwiderte, so gut es ging. Einige Kugeln trafen den Reiter, andere seinen Ikran. Sein Gebrüll ließ ihr Herz bluten.
Ein weiterer Reiter schoss hinter dem Verletzten die Klippe hoch. Nur knapp schaffte Tamtey es, sich zu ducken, als er seinen Pfeil fliegen ließ. Sie spürte, wie dieser ihre Haare streifte und ihr einige davon ausriss.
»Da ist Rlltìs Mörderin!«, brüllte einer.
»Auch das noch!« Atemlos schoss Tamtey auch auf diesen Reiter, doch sein Ikran wich gewandt aus. »Ich brauche Hilfe hier!«
»Sarentu, was ist los?«, rief So’lek. Sie hörte das Brüllen eines Ikran aus den Schluchten und fragte sich trotz ihrer heiklen Situation sofort, wie die anderen zurechtkamen.
»Drei Mangkwan sind mir auf den Fersen!«
»Halte durch, wir kommen!«
Telisi musste ihre ganze Geschicklichkeit aufbringen, um den Kugeln und Pfeilen der Mangkwan auszuweichen. Die Ikrane schnappten immer wieder nach ihr, wenn sie versuchte, nach unten wegzutauchen. Tamtey schoss, so gut sie konnte, doch da die Räuber sie von allen Seiten ablenkten, war es fast unmöglich, gute Treffer zu platzieren, während sie und Telisi immer weiter nach oben jagten. »Sie versuchen mich in die Wolken zu treiben!«
Einige Kugeln prallten von ihrer Rüstung ab, zwei durchbohrten Telisis Flügelhaut. Ihre Ikran heulte auf und schnappte nach einem der Mangkwan-Ikrane, der es gerade noch schaffte, sich zur Seite zu werfen.
Zornentbrannt warf Tamtey sich im Sattel herum und schoss auf den Räuber, der ihre Ikran getroffen hatte. Die Salve schlug in seine Brust ein und der Reiter stürzte in die Tiefe.
Sein Ikran brüllte auf, schüttelte sich und ergriff die Flucht.
»Euch zwei kriegen wir auch noch!«, schrie Tamtey und jagte Telisi auf den nächsten Reiter zu. Er schoss, drei Kugeln schlugen in den Harnisch ein und blieben in der dicken Chiropterahaut stecken, die Tamtey zur Fertigung verwendet hatte. Sie spürte die Einschläge durch ihre Verbindung zu Telisi, doch das würde höchstens Blutergüsse verursachen.
Und damit war sein Magazin leer.
»Unsere Chance! Los!« Sie stieß einen Kampfruf aus, Telisi kreischte.
Vereint griffen sie an.
Telisi streckte ihren Hinterleib nach vorne und rammte ihre Feinde. Ihre Klauen brachen Knochen, durchschnitten Haut und rissen den Mangkwan aus dem Sattel. Er und sein Reittier stürzten ab und prallten weit unter ihnen auf dem Gipfel des Großen Stoßzahns auf.
»Tamtey, es sind weitere aufgetaucht! Rasi und ich schaffen es nicht zu dir!« Die Panik in So’leks Stimme ließ Tamteys Brustkorb eng werden. Sie mussten das hier beenden!
Telisi flog höher, als der hinter ihnen fliegende Räuber erneut das Feuer eröffnete. Sie schlug Haken, drehte sich und versuchte ihrer Reiterin einen guten Winkel zu bieten, aus dem sie die Schüsse erwidern konnte, aber der Mangkwan trieb sie weiter vor sich her. Er hatte den Vorteil auf seiner Seite, so lange er hinter ihnen war.
Tamtey knurrte entschlossen. Sie hatte nicht schon zwei ausgeschaltet, um jetzt aufzugeben!
Mit einem zornigen Schrei riss sie den Bogen wieder an sich und wandte sich um. Der Pfeil sprang wie von selbst auf die Sehne. Das Gewehr mochte gegen mehrere Feinde nützlich sein, aber sie war nicht umsonst mittlerweile eine der besten Jägerinnen im westlichen Grenzgebiet – der Langbogen war ihre Waffe.
Der Mangkwan raste auf sie zu, das Gewehr mit einem siegessicheren Grinsen auf sie gerichtet, als sie die Sehne spannte und den Pfeil fliegen ließ. Das Geschoss traf ihn in den Bauch.
Der Räuber sackte zusammen und klammerte sich an seinen Ikran. Dieser brüllte über den Schmerz seines Reiters und stürzte sich nach vorne.
Auf Tamtey.
Telisi versuchte auszuweichen, indem sie die Flügel schlagartig an den Körper zog und sich fallen ließ, doch der Ikran packte Tamtey und riss sie aus dem Sattel. Ihre Ikran brüllte auf, als ihr Tsaheylu gewaltsam getrennt wurde.
»TELISI!«
»Sarentu, was ist passiert?« So’leks Stimme war voller Angst.
Tamtey wurde durch die Luft geschleudert. Der Himmel war über ihr, dann der Berg, der Boden, die Ebene. Alles verschwamm.
Sie schrie. Nach ihrer Ikran. Nach Eywa.
Um Hilfe.
»Ich bin abgestürzt!«
Ein atemloser Fluch entwich So'lek. »Wir kommen!«
Sie sah, wie Telisi sich gegen den Ikran der Mangkwan wehrte, nach ihm schnappte, mit den Flügen nach ihm schlug, während dieser, angefeuert durch seinen verletzten Reiter, nur ein Ziel hatte.
Er würde verhindern, dass Telisi ihre Reiterin fing.
Tamtey streckte Arme und Beine aus und so versuchte ihren Fall zu stabilisieren, damit Telisi sie fangen konnte. Ihre treue Ikran würde es nicht zum ersten Mal schaffen, sie zu retten. Wenn sie nur rechtzeitig in den Sturzflug gehen konnte ...
Der eigentlich so weit entfernte Boden raste auf sie zu, kam viel zu schnell näher. Wie hatten die Mangkwan sie nur so verdammt hoch über den Berg jagen können? Sie hatten beinahe die Wolken erreicht ...
Panisch warf sie einen Blick nach oben. Telisi hatte es geschafft, den Räuber abzuhängen, und raste ihr hinterher. Vielleicht ...
Da rammte ein weiterer bemalter Ikran Telisi und zwang sie, sich selbst zu schützen. Er trug keinen Reiter. Vermutlich war dieser schon einem von ihnen zum Opfer gefallen.
Weit unter sich erkannte sie So’leks und Rasis Ikrane, die gegen die bemalten Reittiere der Mangkwan kämpften. So’lek schoss, einer der Räuber stürzte ab.
Rasis Ikran stürzte sich auf den anderen. »Tanhì und ich schaffen das, hol Tamtey!«, schrie sie.
Ìley jagte aufwärts in ihre Richtung, So’lek eng über seinen Hals geduckt. »Sarentu!«
Sie war zu schnell. Wenn sie nicht bald jemand fing, blieb keine Zeit mehr, ihren Fall zu bremsen, bevor sie sich auf einen Ikran ziehen konnte. Der Sturz in die Schluchten rund um den Großen Stoßzahn würde sie zerschmettern.
Hinter einer Steinsäule jagte ein Räuber hervor und schnitt Ìley den Weg ab. Die Ikrane prallten gegeneinander, klammerten sich aneinander, während der Mangkwan mit einem Speer nach So’lek stieß. Er duckte sich darunter weg, doch selbst in dieser Situation lag sein Blick auf ihr.
Sie meinte die Angst in seinen Augen trotz der Distanz zu sehen, als seine Stimme ihren Namen rief.
»TAMTEY!«
Das war ihr letzter Kampf. Tränen schossen ihr in die Augen.
Die Erkenntnis traf Tamtey wie ein Schwall kaltes Wasser. Sie waren weitab der Wälder, wo die großen Blätter und Ranken ihren Sturz bremsen konnten. Niemand konnte sie noch fangen. Telisi nicht, Rasi nicht ... nicht einmal So’lek.
Die Funksprüche überschlugen sich. Ihre panisch durcheinander schreienden Freunde beim Sterben im Ohr zu haben war nicht unbedingt Teil ihres Plans gewesen.
»Was zur Hölle ist bei euch los?« Alex.
»Die Mangkwan sind in der Überzahl!« Rasi.
»Wir jagen sie!« Nesim.
»Tamtey ist abgestürzt!« So’lek.
»Wo ist Telisi?« Ri’nela.
»Sie kämpft!« Rasi.
»Ihr konntet sie doch fangen?!« Teylan.
»Ich ...« So’lek, dem die Worte fehlten.
Rasi schluchzte. »Nein!«
Tamtey unterdrückte ein Schluchzen. Was sollte sie auch sagen? Sollten ihre Freunde ihr beim Sterben zuhören?
Die felsigen Terrassen unterhalb des Berges nahmen ihr die Sicht auf So’lek und Rasi, als sie zwischen die Felsen in die Schluchten fiel. Einige der Klippen verfehlte sie nur knapp, weil sie bei den Kame’tire gelernt hatte, bis zu einem gewissen Grad ihren Fall zu lenken, aber das zögerte ihren Tod wohl nur hinaus.
Ein Vogelruf erregte ihre Aufmerksamkeit. Ein Ikran, den sie nicht kannte, war wie aus dem Nichts aufgetaucht und holte sie im Sturzflug rasch ein. Auf ihm ritt ein Na’vi eines Clans, den sie nicht kannte. Er trug grün-gelbe Kriegsbemalung und war definitiv weder Zeswa noch Aranahe oder Kame’tire.
In dieser Sekunde hätte sie sich jedoch auch an einen Mangkwan geklammert, wenn dieser Fall nur ein Ende fand, das sie nicht sofort töten würde. Sie streckte die Hand aus und betete zu Eywa, dass der Reiter sie erwischte, bevor sie wie ein Meteor in den Boden einschlug.
Der Na’vi packte ihren Unterarm beim ersten Versuch. Tamteys Finger schlossen sich ihrerseits fest um seinen und er zog sie mit unglaublicher Kraft hinter sich auf seinen Ikran. Tamtey hielt sich instinktiv an der Rüstung des Kriegers fest, da sie nicht auf Anhieb eine gute Haltung im Sattel fand. Sie war es schließlich gewohnt, allein zu fliegen. Der Ikran breitete die mächtigen Flügel aus und fing seinen Fall auf. Die scharfe Bremsung presste Tamtey die Luft aus den Lungen und sie wurde nach unten gegen den Sattel und an den breiten Rücken des Mannes gedrückt.
Der Boden raste nur knapp unter ihnen vorbei. Als der Ikran sich in die nächste Kehre legte, flog er so tief, dass seine Flügelspitzen das Wasser des Flusses streiften.
Rasch ließ der Krieger seinen Ikran in einer engen Schraube wieder aufwärts fliegen, ehe sie es überhaupt schaffte, Luft zu holen. Das war ein Manöver, das Tamtey schon mit nur einem Reiter für schwer umsetzbar gehalten hätte, doch diesem Tier schien es leicht zu fallen. Seine schwarzgelben Schwingen spannten sich links und rechts gut einen Meter weiter, als sie es von Telisi kannte. Nur Sekunden später streckte der Krieger den Arm aus und fing den Langbogen, den Tamtey im Sturz verloren hatte, mit derselben Präzision, mit der er sie aus der Luft gefischt hatte. Er reichte ihn ihr schweigend über die Schulter.
Sie nahm ihre vertraute Waffe fassungslos entgegen.
Tamtey holte keuchend Atem. Ihr Verstand konnte sich kaum um die Tatsache winden, dass sie noch am Leben war.
»Wie nennst du dich?«, presste sie mühsam hervor. Ihr war schwindlig von dem langen Sturz und nicht zuletzt dem spektakulären Fang.
»Vokan«, antwortete der Krieger knapp.
Über ihnen rauschte Telisi mit einem Schrei vorbei, verfolgt von zwei brüllenden Mangkwan auf ihren Reittieren. Tamtey wurde heiß und kalt und sie krallte sich unbewusst fester in die Rüstung ihres Retters. Ihre Ikran brauchte Hilfe!
Sie schien kein Wort verlieren zu müssen. Der Ikran des Fremden schlug sofort schneller mit den Schwingen und nahm seinerseits die Verfolgung der Mangkwan auf, die ihre Gewehre auf Telisi abfeuerten. Ohne ihren dicken Harnisch wäre Telisi vermutlich längst tot oder zumindest schwer verletzt.
Die Stimmen ihrer Freunde, die ihren Namen riefen, durch den Funk versuchten, ihren Verbleib zu erfahren, waren voller Schmerz. Da alle durcheinander schrien, hatten sie garantiert nicht gehört, wie sie ihren Retter nach seinem Namen gefragt hatte.
»Leute, ich lebe noch!«, keuchte sie und löste ihren Griff von dem Krieger. Allmählich fand sie trotz des raschen Tempos, das sie flogen, ihre Balance auf dem Rücken des ungewohnt großen Ikran-Männchens.
»Wartet, war das TAMTEY?« Teylan klang den Tränen nahe.
»Sarentu!« So’leks Erleichterung ließ sie darüber hinwegsehen, dass er mal wieder ihren Clannamen für sie benutzte. »Eywa sei Dank! Wie ...?«
»Ein Na’vi namens Vokan hat mich wie aus dem Nichts gefangen«, erklärte sie knapp. »Kümmert euch um die Mangkwan. Ich muss zu Telisi!«
»Das soll uns jetzt reichen?«, rief Rasi hörbar entgeistert.
So’lek hingegen atmete durch. »Sie ist in guten Händen! Er ist ein Tipani!«
Wenn So’lek dieser Meinung war, war Tamtey schon zufrieden. Aber nun hatte Telisi Vorrang.
Der Ikran des Tipani-Kriegers tauchte mit einem mächtigen Flügelschlag aus der Schlucht auf, wodurch Telisi in Sicht kam, die östlich von ihnen hektisch hakenschlagend versuchte, ihre Verfolger auszumanövrieren. Die Mangkwan johlten und trieben sie herum wie Wild. Zumindest schienen sie Tamteys Retter noch nicht bemerkt zu haben.
Tamtey sah rot. Die Mangkwan waren zu zweit und feuerten mit Gewehren, daher mussten sie keine aufwändigen Manöver fliegen, um Telisi wie ein junges Pfeilreh herumzuhetzen. Währenddessen näherten sie sich ihnen mit jedem Flügelschlag des mächtigen Ikran. Bald würden die Mangkwan in Reichweite ihres Langbogens geraten.
Womöglich hatte ihre Ikran in den Höhlen unterhalb der Ebene eine Chance, ihnen auszuweichen. Tamtey und Telisi kannten die Säulen des versteinerten Walds von ihren Jagden in- und auswendig. Wenn sie sich nicht täuschte, gab es nicht weit von hier entfernt eine Lücke in der Ebene, die es ihrer Ikran erlauben würde, in das Höhlensystem darunter abzutauchen.
Tamtey stieß ihren Ruf nach Telisi aus und kombinierte diesen mit dem Kommando für Runter, das sie ihre Ikran gelehrt hatte.
Telisi verstand sie anscheinend auch ohne das Band. Sie schlug mit einem Fauchen einen engen Bogen, wich einem Pfeil eines Mangkwan aus und schoss mit einem mächtigen Flügelschlag ein Stück aufwärts. Dann ließ sie sich senkrecht nach unten fallen, gewann mit einem weiteren Schlag ihrer Schwingen an Tempo und schlang diese sofort um ihren eigenen Körper.
Sie tauchte mit einem triumphierenden Ruf kopfüber in die Lücke ein, durch die ein Ikran mit Reiter nie passen würde, und die Ikrane und Mangkwan brüllten auf. Eines ihrer Reittiere landete neben dem Loch, stieß mit dem Kopf gegen den Rand der Lücke und kratzte daran wie ein Natterwolf am Bau seiner Beute, doch zumindest für den Augenblick war Telisi in Sicherheit.
Tamtey ging hinter Vokan auf einem Knie in die Hocke. In seinem Windschatten schaffte sie es, mithilfe ihres Schwanzes das Gleichgewicht zu halten und den Bogen zu spannen.
»Das ist zu wei...!«, setzte Vokan an.
Tamtey ließ den Pfeil fliegen.
Dieser durchbohrte den Hals eines Mangkwan und riss ihn aus dem Sattel. Sein Ikran brüllte auf, schlug mit den Flügeln und jagte davon.
»Niemand sagt mir, wann ich ein Ziel treffen kann!«, fauchte sie mit eng angelegten Ohren.
Der zweite Mangkwan fuhr im Sattel herum und legte das Gewehr auf sie an. Vokan ließ seinen Ikran eine enge Wendung fliegen, für die Tamtey sich an ihn klammern musste. Hinter ihnen peitschten die Kugeln an die Felsen. Der in kriegerischen Farben bemalte Ikran erhob sich wieder in die Luft und kam ihnen entgegen. Einige Kugeln pfiffen nur knapp an ihnen vorbei. Tamtey und Vokan duckten sich tiefer, um nicht getroffen zu werden. Schnell war das Magazin leer. Rasch kniete sich Tamtey wieder hinter den Sattel und legte den nächsten Pfeil an die Sehne. Der Mangkwan versuchte noch, sein Reittier herumzureißen, wodurch der Pfeil nun den Ikran anstatt seines Reiters in die Brust traf. Tamtey zuckte zusammen, als hätte sie selbst einen Pfeil abbekommen, als das Tier brüllte und taumelnd zu Boden ging.
»Oeru txoa livu, ma oeyä tsmukan(Bitte verzeih mir, mein Bruder)«, flüsterte sie mit brennenden Augen. Gleichzeitig brodelte in ihr Hass auf die Mangkwan hoch. Kein Na’vi, den sie kannte, würde seinen Ikran absichtlich statt ihm einen Treffer einstecken lassen. Sie würde für Telisi ihr Leben riskieren. Wie konnte man nur so lieblos mit seinem Vertrauten umgehen!
Der Räuber stürzte über die Schulter seines Ikrans auf den Boden. Vokan flog eine enge Wendung und jagte auf den Mangkwan zu, als sich dieser gerade aufrichtete und das Gewehr an die Brust hob.
Tamtey hielt sich an dem Tipani fest, als sein Ikran sich steil zur Seite neigte, sodass seine Flügelspitze den Boden streifte. Vokan schwang eine Axt aus Knochen und enthauptete den Räuber im Vorbeifliegen. Sein Blut spritzte auf Tamteys Schulter. Sie zuckte zusammen, presste aber unfreiwillig beeindruckt die Lippen aufeinander. Vokan war definitiv ein außergewöhnlicher Kämpfer.
Damit waren in ihrem Teil des Gebiets keine Mangkwan mehr am Leben, zumindest nicht, soweit sie es erkennen konnte. Wie ging es den anderen? Und Telisi?
Ohne weiter darüber nachzudenken, löste Tamtey ihren Griff um Vokan und ließ sich auf den Boden fallen, ehe der Ikran zu hoch aufsteigen konnte. Mit einer Rolle nahm sie ihrem Fall den Schwung und sprang wieder auf die Füße. Sie eilte auf die Lücke im Boden zu, durch die Telisi abgetaucht war. »Telisi!«
Da regte sich der Ikran des Mangkwan-Räubers neben ihr.
Sie fing sich stolpernd und fuhr zu ihm herum. »Oh nein.« Ihre Hände zitterten, als der Ikran den Kopf hob und schwach krächzte. Der Pfeil, den sein Reiter ihn hatte abfangen lassen – Tamteys Pfeil – steckte tief in seinem Brustkorb und war abgebrochen. Sie hatte wenigstens gehofft, dass ihn das sofort getötet hätte, aber hier lag er vor ihr, leidend.
Ihre eigene Brust schmerzte bei dem Anblick und sie eilte an die Seite des Ikran. Er starrte sie aus weit aufgerissenen Augen an und zitterte, als sie ihre Hand an seine Wange legte. Bei jedem Atemzug quälte er sich, es brodelte in seiner Brust. Blut füllte seine Lunge. Er war nicht mehr zu retten – und er litt. Tamtey zog unter Tränen Deltas Zahn aus seiner Scheide. »Hu nawma sa’nok tivul ngeyä tirea. Oeru txoa livu(Möge dein Geist mit der großen Mutter gehen. Bitte verzeih mir).« Sie strich tröstend über die Stirn des Ikran und es brach ihr das Herz, dass er von seinem Reiter nie die Liebe erhalten hatte, die diese edlen Tiere verdienten. Sie setzte das Messer an der richtigen Stelle über seinem Herzen an, spürte das Pulsieren unter der Spitze des Zahns. Dass sie ihre Erfahrung als Jägerin je so würde nutzen müssen, hätte sie nicht gedacht. Sie holte noch einmal tief Luft und hielt den Atem an, dann stieß sie das Messer nach vorne.
Der Ikran zuckte ein letztes Mal, sein Blut floss über ihre Hand. Langsam atmete er aus und schloss die Augen.
Tamteys Tränen fielen auf seinen Kopf, als sie vorsichtig das Messer aus seinem Fleisch zog und ihn streichelte. »Ngari hu Eywa, ma oeyä tsmukan(Dein Geist geht zu Eywa, mein Bruder)«, flüsterte sie.
Ihre Kehle war viel zu eng.
»Du hast richtig gehandelt.« Sie hob den Blick und verspannte sich, als sie bemerkte, dass Vokan vor ihr stand. Nun, wo sie ihn das erste Mal von vorne sah, erkannte sie, dass er nur ein Auge hatte, was ihn fast so gefährlich aussehen ließ, wie er sich als Kämpfer eben präsentiert hatte.
Er musste weit genug entfernt gelandet sein, dass sie seinen Ikran nicht gehört hatte. Doch wie hatte er sich so lautlos annähern können? Dass So’lek es auf dem schwebenden Berg, bedeckt von weichem Gras und Moos, geschafft hatte, leuchtete ihr ein. Aber die Ebene war voller Steine und trockenen Gräsern. Es schien zu stimmen, was man über Tipani sagte – man bemerkte sie nur, wenn sie das wollten.
»Es wäre falsch gewesen, sein Leiden zu verlängern. Es war mein Pfeil und damit auch meine Verantwortung«, flüsterte sie und erhob sich langsam. »Danke, dass du eingegriffen hast.«
Er senkte leicht das Kinn.
Tamtey runzelte die Stirn. Gegen diesen Tipani war So’lek ja schon beinahe ein Schwafler. »Ich verdanke dir mein Leben. Irayo, Vokan.«
Er schwieg, legte jedoch eine Hand über sein Herz und nickte.
Dabei ließ der Blick aus seinem stechend gelben Auge ihren nicht los.
