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Language:
Deutsch
Series:
Part 2 of Der neue Weg der Sarentu
Collections:
Avatar - Die Wege der Sarentu
Stats:
Published:
2026-06-07
Updated:
2026-06-13
Words:
28,433
Chapters:
9/?
Comments:
7
Kudos:
4
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1
Hits:
97

Die Schüler der Sarentu

Summary:

»Vielleicht gibt es einfach Seelen, die man nicht verderben kann. Seelen, die so rein sind, dass sie Schlechtes besser machen, anstatt selbst schlechter zu werden.«

---

Mit dem Auftauchen des Tipani Clans hat niemand gerechnet - am allerwenigsten So'lek.
Der bekannte Clan stiller Kriegskunst bittet die Sarentu um Hilfe - die Krieger zweier Welten sollen sie im Kampf gegen die Himmelsmenschen unterweisen.

Während Tamtey Vokan unter ihre Fittiche nimmt, wird So'leks frühere Lehrerin nun zu seiner Schülerin. Die Gefühle für Rimu, die er längst vergessen zu haben glaubte, haben tiefere Spuren in So'leks Herz hinterlassen, als er dachte.
Er kämpft dennoch um die Momente in Tamteys Nähe, doch das neu erwachte Interesse eines mächtigen Kriegers an der jungen Sarentu hält ihn davon ab, den nächsten Schritt zu gehen.

So'lek, der sich damit quält, Tamtey schon öfter als einmal nicht beschützt zu haben, wird blind für den Konflikt in ihrem Herzen.

Denn während Tamtey sich auf den Kampf gegen ihre Feinde zu konzentrieren versucht, merkt sie, dass sie sich nur einen Krieger an ihrer Seite wünscht - den ersten Na'vi, den sie im TAP am Tag ihres Erwachens gesehen hat.

Notes:

Kaltxì!
Hach, wie sehr ich diese Geschichte liebe - jeder, der bis hierhin gelesen hat, scheint sie zumindest zu genießen!
Ja, der Burn ist SEHR slow - aber ich hoffe, er erzeugt genauso viel Prickeln bei euch wie bei mir.
Und nein, ich konnte So'leks Vergangenheit nicht einfach ignorieren ...
Oder das Potenzial, ein bisschen Eifersucht zu wecken. Wo bleibt ohne ein bisschen Verwirrung denn der Spaß?

Hinterlasst mir gerne Kommentare, wenn euch etwas gefällt.
Viel Freude mit Band 2 <3
Ab hier werden die Updates langsamer, ich habe noch nicht so viel vorgeschrieben!
Aber ich werde mein Bestes geben :-)

Kìyevame, Na'viyä!

Chapter 1: Entweiht

Chapter Text

Tamtey

»Sarentu, zum Toruk, wozu trägst du überhaupt ein Funkgerät, wenn du nie auf uns reagierst?«, rief So’lek in den Funk.
Sie wandte sich irritiert von Vokan ab und räusperte sich. Währenddessen eilte sie auf die Lücke im Boden der Höhenprärie zu, um endlich nach Telisi zu suchen. »Ngaytxoa, ma So’lek. Ich bin hier und noch ganz. Seid ihr alle wohlauf?«
»Ja, es sind noch zwei Tipani hier. Einer hat uns unterstützt und einer Nesim und Minang. Dank ihnen hat sich das Blatt zu unseren Gunsten gewendet«, antwortete Rasi. »Die Mangkwan sind tot. Wo bist du?«
»Südöstlich des Stoßzahns über dem versteinerten Wald. Ich muss nach Telisi sehen. Sie musste unter die Ebene flüchten.«
»Wir kommen zu dir«, sagte So’lek fest.
»Wir ebenso. Wir sind froh, dass du noch lebst, ma Tsamsiyu.« Nesim klang aufrichtig erleichtert.
Minang stimmte ihr zu. »Srane, ich musste noch nie den Paten eines Zakru einen Tag nach der Taufe beerdigen und hätte ungern mit dir damit angefangen, Tsamsiyu. Pass in Zukunft besser auf dich auf!«

Tamtey, die immer noch das Blut des Ikrans an ihren Händen spürte und seinen letzten Atemzug zu hören glaubte, konnte diese Worte nicht sonderlich würdigen.
Sie kniete sich an den Rand des Höhleneingangs und blickte nach unten in das Dämmerlicht. »Telisi!« Ihre Ikran krächzte aus den Tiefen der Höhle. Ihr wurde abwechselnd heiß und kalt.
Tamtey packte einige Ranken, die in die Höhle hingen, und begann zu klettern. Als sie Füße voran nach unten verschwand, sah sie, wie Vokan ihr lautlos folgte, aber sie hatte keine Lust, sich um ihn Gedanken zu machen. Sie ließ sich so weit nach unten gleiten, wie die Ranke es erlaubte, dann löste sie ihren Griff und landete geschmeidig auf dem Boden. Die Höhlen unterhalb der Prärie waren von Säulen gesäumt, die die Ebene darüber stützten, woher auch der Name »Versteinerter Wald« stammte. Sie blähte die Nasenflügel und nahm Telisis Witterung auf.
Tamtey schenkte Vokan, der nun ebenfalls die Ranke hinunterkletterte, keine Beachtung, folgte ihrer Nase und lief ein Stück in die Höhle, wo sie Telisi roch.

Ihre Ikran schnatterte im Schatten hinter einer Säule und kam langsam hervor, als Tamtey ihren zärtlichen Vogelruf ausstieß.
Telisi gurrte leise, wie sie es tat, wenn sie Schmerzen hatte, aber sie konnte anscheinend gut atmen. Das war schon mal beruhigend.
»Ma Yawntu.« Tamtey atmete auf und eilte auf Telisi zu, die ihr keckernd entgegen krabbelte, bis sie ihren großen Kopf unter Tamteys Arm schieben konnte.

Tamtey fiel auf die Knie und umarmte Telisi, so fest sie konnte. Diesmal rollten ihr Freudentränen über die Wangen. »Ma Yawntu, ich bin so froh, dass es dir gutgeht. Lass dich ansehen, mein Mädchen.«

Telisi gurrte zärtlich und streckte ihrer Reiterin ihr Kuru entgegen.
Tamtey stellte Tsaheylu her und schloss einen Moment lang die Augen, als Panik und Schmerzen ihrer Ikran in ihren Geist hinüberschwappten wie eine dunkle Welle. Trotz ihrer Verletzungen und der Angst um ihr eigenes Leben hatte Telisi sich die ganze Zeit um Tamtey gesorgt, was ihr Herz vor Liebe schier überfließen ließ. Sie kraulte Telisis Wangen und legte ihre Stirn an die ihrer Ikran, während sie ihren Schmerz teilte, bis die Dunkelheit in ihrer Seele nachließ und sie gemeinsam aufatmeten. Telisi hatte etliche Kratzer und Prellungen und einige Löcher in den Häuten ihrer Flügel, aber zu Tamteys großer Erleichterung nahm sie keine Schmerzen wahr, die auf schwerere Verletzungen hindeuteten. Ihre Ikran würde gesund werden.
Durch Tsaheylu fühlte sich Telisi rasch besser, stupste ihre Reiterin mit der Nase und Tamtey konnte wieder lächeln. »Schon gut, mein tapferes Mädchen. Ich bin bei dir.«
Telisi schnaubte zärtlich und schloss vertrauensvoll die Augen, während sie sich in ihre Arme schmiegte.

Das Schlagen von Schwingen ertönte hinter ihnen und einige Ikrane landeten zwischen den Säulen.
»Sarentu!«
»Tamtey!«
Sie blickte über die Schulter in Richtung der Schlucht, durch die man die Höhlen seitlich betreten konnte.
Ihre Freunde sprangen aus den Sätteln. Nesim und Minang behielten ihre Waffen in den Händen und die Umgebung im Auge, wobei sie Vokan skeptisch musterten, der wie eine grimmige Statue unweit von Tamtey stehen geblieben war. 
So’lek und Rasi warfen ihm nur im Vorbeilaufen flüchtige Blicke zu.

»Ma So’lek, ma Rasi.« Tamtey blinzelte ihre Familie unter Tränen an, ohne Telisi loszulassen.
Erst in diesem Moment holte sie die Erkenntnis ein, dass sie alle von ihnen beinahe am Vorabend das letzte Mal gesund und munter gesehen hätte.

»Sarentu, ich dachte, wir hätten dich verloren! Was hast du dir dabei gedacht?« So’lek erreichte sie zuerst und ließ sich vor ihr auf die Knie fallen. »Was ist da passiert?« Er legte eine Hand auf ihre Schulter, die andere an ihre verletzte Wange. Erst durch seine Berührung nahm sie wieder bewusst wahr, dass ihre Tränen in dem Riss brannten.
Sie schüttelte den Kopf. »Mawey, ma So’lek. Es war nur dieser Streifschuss. Ich bin in Ordnung.« Zumindest körperlich, aber was sich in den letzten Minuten ereignet hatte, überforderte sie heillos. Es fühlte sich an, als hätte der Kampf von ihrem Sturz von Telisi bis zu diesem Moment des Wiedersehens Stunden gedauert.
Das Blut des Ikran klebte nach wie vor an ihren Händen und nun auch an Telisis Kopf. Sie sehnte sich nach den heißen Quellen, um diesen Schmerz von Leib und Seele zu waschen, und kämpfte vergebens gegen die Tränen an. Ihr Herz tat weh.

So’leks eben noch verzweifelter, fast zorniger Blick wurde sofort weicher und er legte die zweite Hand an ihre andere Wange, seine Daumen streiften ihr Tränen und Blut von der Haut. »Sìltsan(Ganz ruhig), ma Tamtey. Ich bin bei dir.« Die zärtliche Berührung tat gut und ihr Herzschlag beruhigte sich langsam. 

Schon war Rasi bei ihnen und umarmte Tamtey von der Seite. »Was für ein Wildfang du bist! Allein einen ganzen Trupp von Mangkwan anzugreifen, man müsste dir für so viel Kühnheit die Augen auskratzen!« Fauchend gab sie ihr einen Klaps auf den Hinterkopf.

Tamtey verschluckte sich an einem unfreiwilligen Kichern, ehe sie schluchzend den Kopf an Rasis Schulter lehnte. Die Anspannung der letzten Minuten hatte ihr zugesetzt. »Ich musste einen Ikran töten«, flüsterte sie fast lautlos, weil sie diesen Schmerz nicht länger für sich allein behalten konnte. »Ich wollte seinen Reiter erschießen, aber der Pfeil hat stattdessen ihn in die Brust getroffen. Er ... er hat gelitten und .. ich ...« Ihr fehlten die Worte und sie presste zitternd die Lippen aufeinander.
»Ach, ma Yawntu.« Rasi schlang einen Arm um ihren Kopf und zog Tamtey in eine sanfte Umarmung. »Es ist nicht deine Schuld.«
So’lek schwieg, legte aber eine Hand auf ihre Schulter und strich mit dem Daumen über ihre Haut, bis sie sich beruhigt hatte. Mit Telisi in ihren Armen, angelehnt an Rasi und getröstet von So’lek, fiel es Tamtey wieder leichter, Atem zu schöpfen.

Als Rasi sie langsam losließ und aufstand, wurde sie sofort von Nesim und Minang abgelöst, die ebenfalls ihre Hände an Tamteys Schultern und Rücken legten.
Minang nahm Tamteys Kinn zwischen die Finger und drehte ihren Kopf so herum, dass sie den Streifschuss auf ihrer rechten Wange begutachten konnte. Missbilligend schnalzte sie mit der Zunge. »Hach, Tsamsiyu, das wird eine Narbe geben. Die Wunden, die diese elenden Kugeln hinterlassen, verheilen selten so gut, dass man nichts mehr davon sieht.«
Nesim schnaubte und blitzte ihre Schwester aus ihrem verbliebenen Auge an. »Hach ja, schade um das hübsche Gesicht, was?«
Stirnrunzelnd hob Tamtey die Hand und berührte die Haut unterhalb ihrer Verletzung. »Was kümmert mich das? Ich bin eine Kriegerin und trage meine Narben mit Stolz«, sagte sie fest.
»Wie es sich gehört!«, stimmte ihr Nesim zu.
»Bald holst du mich ein.« So’lek schmunzelte und berührte seinerseits die Narbe auf seiner linken Wange unterhalb des Sarentu-Zeichens.

Minang stand auf und trat um ihre Schwester herum. Telisi streckte auf Tamteys Bitte hin bereitwillig die Flügel aus, sodass die Tsahìk ihre Verletzungen in Augenschein nehmen konnte.
»Sie hat Schmerzen«, sagte Tamtey leise und streichelte Telisi zärtlich, um sie davon abzulenken.
»Kein Wunder. Das wird noch bis mindestens morgen so bleiben.« Minang strich über Telisis Flügel und sah Tamtey an. »Ich gebe ihr eine Dapophet, sobald wir die Wunden gereinigt haben. Sie wird bis zum Kreis fliegen können, aber ohne zusätzliche Last wäre es besser für sie.«

So’lek umfasste vorsichtig ihren Oberarm und half Tamtey auf die Beine. »Du fliegst mit mir und Ìley, Sarentu. Komm.«
Tamtey bat Telisi über das Band, nahe an ihrer Seite zu bleiben. Ihre Ikran war nach kurzem Zögern sogar damit einverstanden, dass sie alleine fliegen und sich in ihrer Nähe halten sollte, weil sie verstand, dass ihre Verletzungen dann umso schneller heilen würden.
Und dann konnten sie und Tamtey wieder vereint durch den Himmel jagen.

Tamtey löste Tsaheylu und legte ihre Hand nur locker auf Telisis Hals, während sie das Versteck ihrer Ikran verließen.
Als Tamtey den Blick hob, erstarrte sie. Wie machten diese Tipani das? Nun waren auch die beiden Krieger da, die ihre Freunde gegen die Mangkwan unterstützt hatten, und standen im Schatten der Säulen. Mit ihrer blauen Haut und ihren grünlichen Bemalungen waren sie im Dämmerlicht der Höhle sogar für Na’vi-Augen so gut wie unsichtbar. Neben Vokan stand ein wesentlich schlankerer und anscheinend etwas jüngerer Krieger, sehnig wie ein Natterwolf neben einem Thanator. Schräg hinter den beiden Männern wartete auch eine Kriegerin auf sie. Ihre Haltung war von müheloser Eleganz und das zarte Lächeln, das sie wie selbstverständlich zu tragen schien, ließ sie sogar noch schöner erscheinen.

Rasi trat auf die Tipani zu und bedankte sich mit leisen Worten für die Hilfe, vor allem bei Vokan dafür, dass er Tamtey gefangen hatte. Erneut nickten die Tipani nur. War dieses Volk immer so schweigsam? Tamtey, die die lebhaften Zeswa, die kreativen Aranahe und die meistens laut nachdenkenden Kame’tire gewöhnt war, fand dieses Verhalten fast schon befremdlich.
Nesim und Minang überholten Tamtey und So’lek, der sie immer noch im Arm hielt, und bedankten sich ebenfalls bei den Kriegern und der Kriegerin.

»Ich bin Nesim, Olo’eykte der Zeswa. Meine Tsmuke, Minang, ist unsere Tsahìk. Wie nennt ihr euch?«, fragte Nesim und stützte ihren Speer auf dem Boden ab.
»Alar’at«, sagte der zweite Mann ruhig und hob das Kinn.
Rasi neigte den Kopf vor ihm und machte die Begrüßungsgeste. »Irayo, Alar’at. Ohne deine Unterstützung hätten So’lek und ich Probleme gehabt.«
Nesim richtete ihren scharfen Blick auf die Frau. »Das gilt auch für mich und meine Schwester. Irayo, Tsamsiyu.«
»Oeru syaw fko(Mein Name ist) Rimu.« Die Frau neigte respektvoll das Kinn vor der Olo’eykte, hob ihre linke Hand an die Stirn und führte sie in Nesims Richtung.

So’leks Hand zuckte leicht an Tamteys Schulter und er hob den Blick zu der Kriegerin. Er verlor kein Wort, atmete aber hörbar durch. Hatte er sie erst jetzt bemerkt? Das hielt Tamtey für möglich, wenn es Rimu gewesen war, die die Zeswa unterstützt hatte, während Alar’at den Sarentu zu Hilfe geeilt war.
Tamtey strich leicht über Telisis Hals. Sie kannte fast ausschließlich Gerüchte aus So’leks Vergangenheit, aber dass er und die Tipani sich kannten, war offensichtlich. Warum war er so überrascht über Rimus Anwesenheit?

Oder ... war es keine Überraschung, die ihn hatte innehalten lassen? Seine Hand lag immer noch an ihrer Schulter, allerdings eher so, als wüsste er nicht, wohin damit. Ihre Ohren und ihre Schwanzspitze zuckten unruhig.

»Wir sind dankbar für eure Hilfe, doch was hat euch in die Höhenprärie verschlagen? Zur Taufe seid ihr ja zu spät gekommen, die kann also nicht euer Ziel gewesen sein.« Minang richtete sich auf und musterte die drei Krieger mit einer gewissen Skepsis.
»Wir waren auf der Suche nach den Kriegern zweier Welten, um von ihnen zu lernen. Wie es aussieht, haben wir sie gefunden.« Alar’at sah So’lek und Tamtey an.
Tamteys Ohren zuckten nervös. »Moment, ihr meint die Sarentu? So’lek und mich?«
Rimu trat einen Schritt nach vorne. »Srane. Die Geschichten eurer Kämpfe reisen über alle Clangebiete. Die Himmelsmenschen und Mangkwan dringen in unsere Wälder vor. Sie verwenden mehr und mehr Dinge aus Metall, deren Schwachpunkte wir nicht kennen. Irgendetwas Großes steht uns bevor, aber wir erkennen ihre Pläne nicht. Wir sind gekommen, um von den Kriegern zweier Welten zu lernen, wie man sie bekämpft.« Rimu lächelte Tamtey an und ihr Blick wanderte weiter zu So’lek. »So wird die Lehrerin zur Schülerin.«

So’lek legte die Ohren an und seine Schwanzspitze zuckte, aber er sagte kein Wort.

Rasi räusperte sich hinter Tamtey und legte die Arme um ihre Schultern. »Tamtey, du solltest mit mir fliegen. Ìley hat im Kampf gegen einen anderen Ikran auch was abbekommen, wenn auch nicht so viel wie Telisi. Aber Tanhì geht es gut. Sie kann uns beide tragen.«
Tamtey nickte mit einem seltsamen Gefühl in der Magengegend.
So’lek drehte sich zu ihr um. »Das ist nicht nötig, Sarentu!«
»Ein guter Reiter belastet seinen Ikran nicht unnötig, ma So’lek«, sagte Rasi scharf.
So’lek fletschte einen Moment lang die Zähne, doch etwas an Tamteys Gesichtsausdruck ließ ihn innehalten und er atmete durch. »Meinetwegen.«

Alle wandten sich wieder ihren Reittieren zu.
Weder die Zeswa-Schwestern noch die Tipani sagten ein Wort, als sie in die Sättel stiegen, aber Tamtey fühlte sich unangenehm beobachtet, während sie Rasi zu ihrer Ikran folgte. Ehe sie Tanhì erreichten, hielt sie inne. »Rasi ... wir müssen zu dem Totem«, flüsterte sie. Im Fieber des Kampfes war das grausame Bild, das sich ihr geboten hatte, in den Hintergrund gerückt, doch nun drängte es sich ihr in aller Härte wieder auf. Sie schluckte. »Ich ... weiß nicht, ob du es gesehen hast, aber wir können es ... nicht ignorieren.« Ihre Stimme erstarb.
Zu ihrer Erleichterung nickte die älteste Sarentu einfach nur und griff nach ihrer Hand. »Srane, mein Kind, wir sehen es uns an.«
»Ähm, haltet ihr das für eine gute Idee?«, meldete sich Teylan über Funk. »Was, wenn noch mehr Räuber in der Nähe sind?«
»Dann töten wir die auch! Sie haben unser Totem entweiht.« Tamtey unterdrückte den Drang, zu fauchen.
Teylan hatte keine so enge Bindung zu den Totems wie sie, wahrscheinlich verstand er es deshalb nicht. Er hatte nur wenige besucht, Tamtey hingegen kannte jedes einzelne im westlichen Grenzgebiet. Sie hatten ihr geholfen, die Wege ihrer Vorfahren zu beschreiten, und zwar wortwörtlich. Dass die Mangkwan ausgerechnet das Totem angezündet hatten, welches sie mit So’lek besucht hatte, trug enorm zu ihrem Schmerz bei.

»Huch, da hat aber jemand schlechte Laune«, murmelte Priya.
Nun fauchte Tamtey doch. »Wir können gerne tauschen, Priya! Wenn du meine schlechte Laune nicht erträgst, bist du vielleicht nicht ausgeschlafen genug.«
»Ich habe ja auch gar nicht geschlafen!«
»Das klingt nach einem Du-Problem, Priya!«

Rasi stieg in den Sattel und suchte Halt an ihrem Harnisch, ehe sie Tamtey hinter sich auf Tanhìs Rücken half. Tamtey legte die Arme um ihre Taille und hielt sich fest, als Tanhì mit starken Flügelschlägen abhob und den anderen Ikranen zwischen den Säulen aus der Höhle folgte.
»Denkst du, die Tarsyu ist in Ordnung?«, flüsterte Tamtey, die das Kinn auf Rasis Schulter stützte, und hob den Blick hoch zu dem Berg, in dem die Blüte gedieh.
»Ich hoffe es, aber wir sehen nach ihr«, versprach Rasi.

»Wir sehen im Lager nach dem Rechten. Vielleicht gibt es dort noch etwas zu retten. Und wenn nicht, müssen wir unsere Brüder und Schwestern bergen. Meldet euch, wenn ihr uns braucht, Tsamsiyu«, sagte Minang in den Funk.
»Der Rest unserer Verstärkung ist bereits da«, informierte sie Ri’nela über den Funk.
»Danke, ma Minang. Wir treffen uns später dort.« Tamteys Stimme war belegt, als die dünne Rauchfahne in Sichtweite kam, die von den Überresten ihres Totems aufstieg.
Alar’at folgte den Zeswaschwestern, Vokan und Rimu landeten ein Stück von Ìley und Tanhì entfernt auf der Klippe.
Als sie von Tanhìs Rücken sprang und sich zu dem Totem umdrehte, trat So’lek vor sie und umfasste ihren Oberarm. »Bist du sicher, dass du es so sehen willst?«, flüsterte er. In einer winzigen Bewegung, die ihm womöglich gar nicht bewusst war, ließ er seinen Daumen über ihren Arm streichen.
Sie sah zu ihm auf und begegnete seinem besorgten, fast schon gequälten Blick. Es erfüllte sie mit Erleichterung, dass er wieder so zu sein schien wie immer. Sie beugte sich zur Seite, doch er trat einen Schritt nach rechts, sodass er ihre Aussicht auf das Totem verdeckte.
»Tsakem rä’ä si(Mach das nicht), So’lek«, flüsterte sie fest, drückte die Hände gegen seine Brust und schob ihn von sich. »Es gibt Dinge, vor denen du mich nicht beschützen kannst ... oder solltest.«
Er erstarrte einen Moment, doch dann gab er nach und ließ sie los.

Sie trat an ihm vorbei und stellte sich dem Anblick des Totems.

»Ma Eywa, was tun sie unserem Volk an?«, flüsterte Rasi erstickt.
Das Totem war zusammengebrochen, als das Feuer es verzehrt hatte, nur einige der dickeren Äste hielten die Struktur noch zusammen. Das tote Sturmgleiterweibchen hing, halb verbrannt, in den verkokelten Überresten des Heiligtums. Die Hitze, die das Totem abstrahlte, war unangenehm, aber erträglich, als Tamtey sich näherte. Dabei musste sie einen Bogen um den verbrannten Mangkwan schlagen, den sie mit ihrem Pfeil in die Luft gejagt hatte.
»Sie ist zu groß, um sie zu bestatten«, flüsterte Tamtey voller Trauer und legte die Hand an den Hals des Tieres. Sie hatte selbst schon ein Sturmgleiterweibchen töten müssen, um es von seinem Leiden zu erlösen, aber ... das, was die Mangkwan hier getan hatten, war so abgrundtief falsch, dass sich ihr Verstand weigerte, es zu begreifen.

Sie zog ihr Messer und schnitt die Seile durch, die das Tier so unwürdig an das verkohlte Holz fesselten. Der Kadaver fiel plump zu Boden und damit brachen auch die letzten Pfosten und Stützen des Totems auseinander.
Tamtey schlang die Arme um ihren Oberkörper, um sich selbst festzuhalten, während sie den Blick von Glut und Asche hob und ihn über die Landschaft gleiten ließ.
Der Anblick entfaltete nun die gegenteilige Wirkung, die er früher auf sie gehabt hatte. Sie würde diesen Ort nie wieder so sehen können, wie ihre Vorfahren es angedacht hatten.
Mit einem Schlucken ging Tamtey in die Knie, wobei ihre Trauer um das Sturmgleiterweibchen die um das Totem überwog.

Der Kadaver war zu frisch gewesen und die Mangkwan hatten keinen Brandbeschleuniger verwendet. Trotz der großflächigen Verbrennungen an seinem Körper war das Tier noch wunderschön, selbst im Tod.
Tamtey hatte Sturmgleiter immer bewundert, trotz oder gerade wegen ihrer großen Achtung vor diesen tödlichen Tieren und obwohl sie ihre Reviere mied. Sie waren in den meisten Teilen Pandoras die unbestrittenen Apex-Prädatoren des Luftraums.

Und doch hatten sie den Kugeln der Himmelsmenschen nicht mehr entgegenzusetzen als jeder Ikran. Eher noch weniger, denn die Na’vi konnten ihre Ikrane wenigstens mit Rüstungen schützen.
»Hu nawma sa’nok tivul ngeyä tirea, ma oeyä tsmuke(Möge dein Geist mit der großen Mutter gehen, meine Schwester)«, flüsterte sie und nahm den Kopf des Tieres in die Arme. »Es tut mir so leid. Das hast du nicht verdient.«
So’lek und Rasi drehten in der Zwischenzeit den Mangkwan um, packten ihn unter den Schultern und zogen ihn zur Seite. »Ob diese Verirrten je den Weg zurück zu Eywa finden können?«, murmelte Rasi, als sie sich seufzend aufrichtete.
»Ich bin mir nicht sicher, ob sie das überhaupt verdient haben!«, stieß Tamtey hervor, wobei sich ihre Finger fester um die Hörner am Kopf des Sturmgleiterweibchens legten. Sie hob den Blick und fletschte die Zähne, während ihre Augen vor ungeweinten Tränen brannten. »Sie sind nicht besser als die meisten Himmelsmenschen. Sie töten zum Spaß und verbreiten nichts als Zerstörung. Dieser Räuber wird keine segnenden Worte von mir hören!«

»Mawey, Sarentu!« So’lek drehte sich zu ihr um und kniete sich auf die andere Seite des toten Tieres, um seine Hände über ihre zu legen. »Sprich keine Worte aus, die du bereuen könntest. Lass den Hass, den die Mangkwan in sich tragen, nicht auch in dein Herz«, beschwor er sie und sah sie fest an. Der Ausdruck in seinen goldenen Augen wurde sanfter, als sich ihre Blicke trafen. »Dieser Zorn passt nicht zu dir. Lass dich nicht mitreißen, oder er könnte dich irgendwann verderben. Dann wirst du zu dem, was du jetzt verachtest«, flüsterte er. »Wahre Krieger kämpfen aus Liebe für das, was sie retten wollen.« Bei diesen Worten legte er eine seiner Hände über sein Herz.

Tamtey presste die Lippen aufeinander und senkte ihren Blick auf das Tier hinab, das so sinnlos gestorben war. Dann nickte sie langsam. Die Wut ließ nach und machte Trauer Platz. »Du hast recht.«
»Ich fürchte, wir müssen sie hier liegen lassen. Die Raubtiere in der Gegend werden sich um die Überreste kümmern«, sagte Rasi leise. Auch sie hob den Blick und ließ ihn über die Ebene, die Schluchten und Felsen schweifen. »Sehen wir nach der Tarsyu.«
»Wartet.« Tamtey ließ den Kopf des Sturmgleiterweibchens von ihren Knien gleiten und stand auf. »Ich muss zu der Aussichtsstelle.«

Rasi wandte sich zu ihr um. »Tamtey, allmählich gewinne ich den Eindruck, dass du es genießt, dich zu quälen.«
»Ich ... kann nicht anders. Gebt mir nur einen Augenblick. Ich folge nicht den Markierungen, ich gehe direkt dorthin. Das geht schneller.«
»Ma Yawntu, soll das wirklich das letzte Bild sein, das du von diesem Ort in Erinnerung behältst?«, hakte Nalin über Funk nach.

Tamtey presste die Lippen aufeinander. Ihr fehlten die Worte, um es zu erklären. Es ging ihr nicht darum, sich so an diesen Ort zu erinnern.
Vielleicht würde Klarheit kommen, wenn sie den Aussichtspunkt betrat. Es wäre nicht das erste Mal.
Sie wandte sich von ihren Freunden ab und lief leichtfüßig los. Ihre Füße fanden mühelos den Weg über die Steine, das Gras und die Felsspalten, bis sie den aus dicken Wurzeln gebundenen Kreis erreichte, den ihre Vorfahren als Aussichtspunkt auf das Totem angedacht hatten.
Sie drehte sich dorthin um und hielt den Blick einen Moment lang gesenkt, um Kraft zu schöpfen, ehe sie ihn hob und die Stelle ansah, an der das Totem sich hätte erheben sollen.

In ihrem Hals bildete sich ein Kloß, der sich nicht hinunterschlucken ließ. Ascheflocken flogen durch die Luft, aufgewirbelt von einem Windstoß.
Warum war sie hier? Warum quälte sie sich mit diesem Anblick?
Nach einigen Augenblicken wurde ihr klar, dass es nicht nur um das Totem ging, obwohl sie neben dem Sturmgleiter auch um dieses trauerte.
Sie brauchte ein paar Minuten, um die Erinnerungen zu betrauern, die sie an diesem Ort gemacht hatte. Zuerst allein, und vor einigen Wochen mit So’lek.
Wie sie den Markierungen ihrer Vorfahren gefolgt waren, bis sie Seite an Seite an genau dieser Stelle gestanden hatten.
Wie die Zweifel in seinem Blick einer gewissen Klarheit gewichen waren, während sie den Anblick des Sarentu-Totems in der Landschaft in sich aufgenommen hatten.
Wie er sich zu ihr umgedreht und ihr zugenickt hatte, ein leichtes Lächeln im Gesicht.
Wie diese einfache Geste ihr gesagt hatte, dass er nun bereit war, Sarentu zu werden, ohne dass dafür Worte nötig gewesen waren.

Sie war so glücklich gewesen, als ihr klar geworden war, dass ihr Clan Zuwachs bekommen würde.
Doch nun hatten die Mangkwan diesen Ort verdorben.
Statt mit Glück erfüllte der Anblick der Landschaft hinter dem zerstörten Totem sie nun mit Wehmut.

Würde sie all das beschützen können? Sie wusste es nicht, aber sie würde es versuchen.

Entschlossen hob sie das Kinn und atmete tief durch.
Es war Zeit, ihre Wut als Antrieb zu nutzen.
Sie war eine Kriegerin der Sarentu. Eine der ersten, aber sie hatte nicht vor, die letzte zu sein.
Mit neuer Kraft sprang sie von dem Felsen des Aussichtspunkts auf den Boden und lief zurück zu ihren Freunden.

Die Tipani rührten sich nicht vom Fleck, als Telisi, Tanhì und Ìley sich in die Luft schwangen und in die Höhle eintauchten, in der die Tarsyu wuchs. Tamtey blähte die Nasenflügel, doch sie roch keine Spuren der Mangkwan darin und, was noch wichtiger war, keinen Rauch. Auch die Gifte der Himmelsmenschen, die diese so gerne gegen die Pflanzenwelt einsetzten, lagen nicht in der Luft.
Erleichterung erfüllte ihr Herz, als die Ikrane unweit der Blüte landeten und sich diese auffächerte, um ihre leuchtenden Farben zu präsentieren.

»Sie ist in Ordnung«, flüsterte Rasi erleichtert und strich über eine der tentakelähnlichen Fortsätze, mit denen sie sich als Sarentu mit der Blüte verbinden konnten, stellte jedoch kein Tsaheylu her.
Tamtey selbst streichelte eines der dornigen Blütenblätter. Obwohl ihr die Verbindung zu Eywa in diesem Moment vermutlich gutgetan hätte, fühlte sich der Ort nun zu unsicher an, um sich darin zu vertiefen. »Vielleicht hat der Widerstand eine Möglichkeit, den Ort zu überwachen?«, flüsterte sie. »Teylan würde sicher etwas einfallen.«
»Es würde nichts nutzen, fürchte ich«, erwiderte So’lek, der sich zurückhielt und die Blüte nur betrachtete. »Bis jemand hier sein könnte, um sie zu verteidigen, wäre es zu spät. Und wir können nicht alle Blüten und Setzlinge mit unserem Leben verteidigen. Dafür sind wir zu wenige. Außerdem würden unsere Vorfahren nicht wollen, dass wir für eine Blume sterben, egal wie heilig sie uns ist, oder?«

Rasi seufzte, nickte aber. »Ich denke, du hast recht. Wir müssen Vertrauen haben, dass die Tarsyu hier gut versteckt ist. Sie ist immer geschlossen, außer für Sarentu. Niemand weiß, wo sie sind und wie sie aussehen. Sorgen wir dafür, dass es so bleibt, indem wir uns von den weniger versteckt liegenden Blüten fernhalten, so gut es geht. Die Mangkwan könnten uns sonst folgen.«
»Das schränkt unsere Möglichkeiten ein, unsere Vorfahren in Eywa zu sehen«, flüsterte Tamtey mit rauer Stimme.
»Bis wir es geschafft haben, die Mangkwan endgültig loszuwerden, ist das die beste Möglichkeit, sie zu schützen, ma Eylan.« So’lek legte eine Hand auf ihre Schulter, ließ seinen Daumen wieder zart über ihre Haut streichen.
Sie presste die Lippen aufeinander und drehte sich halb um, um ihn ansehen zu können.

Hatte er sich überhaupt schon wieder mit einer Tarsyu verbunden, seit sie ihn im Rahmen ihres Rituals als Sarentu aufgenommen hatten?
So’leks Blick lag nachdenklich auf der Blüte.

Tamtey sah ihn an, sagte aber nichts.
Schließlich gab sie sich einen Ruck und legte ihre Hand über seine.
»Makto ko. Hier können wir gerade nichts mehr tun.«