Chapter Text
Tamtey
In der letzten halben Stunde ihrer Reise hatte es geregnet. Tamtey musste zugeben, dass das Visier, das die Kame’tire ihr geschenkt hatten, von Nutzen gewesen war, um Wind und Wassertropfen aus ihren Augen fernzuhalten. Ob sich auch die Kristalle aus den Schluchten südlich des Kinglor-Waldes für die Herstellung davon eignen würden?
Nicht, dass das wirklich nötig war. Telisi sah gut genug für sie beide – Tamtey könnte dank ihr mit geschlossenen Augen fliegen, was sie auch immer wieder tat. Ihre Ikran sah die Welt mit ihren vier Augen so anders.
Tamtey spürte die mächtigen Atemzüge ihrer Ikran, wie sie ihre starken Lungen füllten, den fischigen Geschmack der letzten Beute auf Telisis Zunge, den Wind unter den Flügeln, sich selbst auf Telisis Rücken, so wie Telisi ihre eigenen starken Muskeln unter ihren Füßen fühlte.
Eine Verbindung, wie sie enger nicht sein könnten. Zwei Herzen, zwei Gedanken, zwei Körper, zwei Seelen, eins geworden durch ihr verbundenes Kuru.
Telisi neckte sie, indem sie einen Aufwind nutzte, um eine Rolle zu schlagen. Mit einem kreischenden Lachen schlang Tamtey ihre Arme um den starken Hals ihrer Ikran, den sie streichelte, kaum dass Telisi sich stabilisiert hatte. Telisi keckerte zufrieden, weil sie ihre Reiterin kurz hatte ablenken können. Sie trug ihre Sorgen immer mit, wenn sie flogen.
Ein letztes Mal wollte Tamtey noch versuchen, So’lek zu erreichen, bevor sie unangemeldet in sein Zuhause platzte, und aktivierte ihr Funkgerät. »So’lek? Bist du in deinem Lager? Teylan hat herausgefunden, von wo aus die Schallabwehrgeräte gesteuert werden. Eine RDA-Basis in der Nähe der Fünf Schwestern.«
Keine Antwort. Sie versuchte es noch mal. »So’lek? Empfängst du mich?«
Er antwortete nicht, vermutlich hatte er das Funkgerät mal wieder für eine Weile abgelegt.
Hoffentlich empfand er es nicht als störend, wenn sie einfach so auftauchte ...
Doch nein, wenn sie darüber nachdachte, würde er sicher von Teylans Entdeckung erfahren wollen. Es ging nicht nur darum, dass die gepanzerten Schallabwehrgeräte es ihnen und den anderen Na’vi erschwerten, die RDA aus der Luft anzugreifen, die Maschinen störten das gesamte Ökosystem. Die endlich wieder sprießenden Blumen verschlossen sich vor den Kinglor, die wilden Ikran hatten ihren Horst verlassen, und sogar die Sturmgleiter wurden in ihren Territorien auf den höchsten Bergen gestört und verließen ihre Jagdrouten. Das war für alle gefährlich, denn die Sturmgleiter konnten selbst einen ausgewachsenen Ikran mit nur einem Schlag töten. Selbst ein Toruk machte einen Bogen um ihre Territorien.
Tamtey könnte das auch alleine stoppen, aber die zentrale Steuerung war sicher gut bewacht. Hilfe käme ihr sehr gelegen. Aber sie wollte nicht Nor mitnehmen. Dafür, dass er ihr und So’lek vorgeworfen hatte, von Dunkelheit umgeben zu sein, fühlte sich seine Nähe aktuell selbst sehr dunkel an. Doch sie konnte nicht wirklich erklären, wieso.
Ri’nela war ihre neue Tsahìk – stark, aber besonnen, keine Kriegerin.
Rasi war mit Menschendingen nicht vertraut genug und wusste nicht, bei welchen Maschinen sie sich in acht nehmen musste.
Teylan würde im Ernstfall zögern, Menschen zu töten, fürchtete sie.
Blieb nur noch So’lek. Er würde immer tun, was getan werden musste.
Ebenso wie Tamtey selbst. Das hatten sie gemeinsam.
Sie seufzte.
Einerseits waren sie, Ri’nela, Teylan, Rasi und So’lek sich viel näher, seit sie ihn, den letzten Trr’ong, als Sarentu aufgenommen hatte. Während sie alle zusammen über die Tarsyu-Blüte verbunden gewesen waren, hatte sie seine Unsicherheit darüber gespürt, ob dieser Schritt der Richtige für ihn war. Mehrere Clans hatten ihn schon aufnehmen wollen, doch er hatte immer abgelehnt, nun war er Sarentu.
Hatte sie ihn zu sehr unter Druck gesetzt?
Sie presste die Lippen aufeinander und ihre eng an den Kopf gelegten Ohren zuckten. Niemand außer So’lek hatte in diesem Krieg im westlichen Grenzgebiet andere Na’vi töten müssen, doch er hatte neunzehn Mangkwan getötet, um sie und die anderen zu retten. Das hatte sicher etwas mit ihm gemacht.
Womöglich war er noch nicht bereit gewesen, ein Sarentu zu werden. Die Entscheidung eine überstürzte Folge nach den Ereignissen der letzten Woche gewesen ...
Doch da war noch etwas anderes.
Nach dem Ritual, ihn als Sarentu in ihrem Kreis zu begrüßen, hatte sich etwas zwischen ihnen verändert. Oder hatte es begonnen, nachdem er sie aus dem brennenden Heimatbaum der Aranahe getragen hatte? Sie konnte nicht genau benennen, was es war.
Er schien sie anders ... anzusehen.
Sie konnte sich kaum daran erinnern, was passiert war, nachdem die Mangkwan sie an den Altar gefesselt hatten hatten, um dem Hundemarkenkrieger eine Falle zu stellen.
Verdammte Sedativa.
Nur verschwommen hatte sie die Explosion gehört, wie aus weiter Ferne. Der Sprengstoff hatte den brennenden Heimatbaum der Aranahe endgültig getötet, um den Na’vi-Krieger zu erwischen, der unzählige Hundemarken der Soldaten gesammelt hatte. Es war wie ein Wunder, dass sie beide da lebend rausgekommen waren.
So’lek hatte sie aus den Flammen gezogen und hinausgetragen.
Aufgewacht war sie auf dem aschebedeckten Boden zwischen ihren Freunden. Ohne ihn, dafür voller Angst, als sie erfahren hatte, dass er sich Wukula stellen wollte.
Telisi, die spürte, dass ihre Reiterin wieder zu grübeln begann, ging in einen wellenförmigen Flug über, wie um sie zu schaukeln. Dabei gurrte sie sanft und beruhigend, kaum hörbar über den Regen, aber Tamtey spürte das Gurren ebenso in ihrer Brust wie ihre Ikran. Ihr zuckender Schwanz half Tamtey, das Gleichgewicht zu halten, als eine Windböe Telisi streifte.
Lächelnd legte sie die Hand auf Telisis Hals und strich sanft darüber. »Schon gut, ich höre auf. Danke, meine Freundin.« Telisi schnatterte etwas zufriedener und wich einigen Ranken und Wurzeln aus. Die schwebenden Berge warfen einen Schatten auf die Ikran und ihre Reiterin.
In der bewölkten und regnerischen Abenddämmerung reichten die Lichter der Pflanzen kaum aus, um Ìley zu erkennen, der wie immer an seinem Schlafplatz unter einem Felsvorsprung hing. Selbst Telisi sah ihn kaum, als er seinen Kopf hervorstreckte und zweimal keckerte.
»Schön, dich zu sehen, Ìley«, rief Tamtey ihm entgegen, gleichzeitig stieß auch Telisi einen Gruß aus, der Tamteys bei weitem übertönte.
Mit einigen kräftigen Flügelschlägen bremste Telisi ihren Flug und landete geschickt auf dem Felsvorsprung vor dem Haupteingang zu So’leks Lager.
Tamtey sprang von ihrem Rücken und verabschiedete sich, ehe sie ihre Kurus löste. Telisi bellte ihr einen Abschiedsgruß hinterher, ehe sie abhob, um sich in der Nähe einen geschützten Schlafplatz zu suchen. Dabei strich die verspielte Ikran so knapp an Ìley vorbei, dass sie ihn mit ihrem ruderförmigen Schwanz am Kopf traf, woraufhin Ìley beleidigt in die Luft schnappte.
Tamtey kicherte und atmete kurz darauf durch. Es gab so wenig Gründe zu lachen, dass es sich beinahe wie eine Sünde anfühlte, wenn sie es doch tat, aber in mancherlei Hinsicht erinnerte die neckische Freundschaft zwischen Telisi und Ìley sie an ihre eigene Beziehung zu So’lek. Dieser kleine Streich ihrer Ikran hatte sie an den Tag erinnert, als sie So’lek zu einem Rennen zum Heimatbaum überredet hatte. Sein Ikran war wie er: Grimmig und kämpferisch, mit einer herzensguten Seele unter einer Schale, die härter war als die Panzerung eines Hammerkopfs.
So’leks und Ìley hatten, ähnlich wie Telisi und Tamtey, schon viele Schlachten gekämpft. Das hatte ihre junge Verbindung durch eine Feuerprobe gejagt. Ìley hatte So’lek vor den Großen Spielen im Kernland erwählt, nachdem So’lek endlich bereit gewesen war, sich wieder zu binden. Der Tod seiner ersten Ikran lag schon Jahre zurück.
Den Schmerz, den er damals empfunden haben musste, wollte ... nein, konnte Tamtey sich gar nicht ausmalen. Zuerst den gesamten Clan verlieren und dann noch seine Ikran? Bei dem Gedanken, dass sie Telisi verlieren könnte, bildete sich ein Knoten in ihrem Magen und ihr lief ein kalter Schauer über den Rücken, der mit Regen, Nebel, Wind oder der Höhe nichts zu tun hatte.
Tamtey legte einige Herzschläge lang den Kopf in den Nacken und ließ den Regen auf sich hinunterprasseln, dabei schob sie das Visier weiter ihre Stirn hinauf. Die Tropfen fühlten sich nun, ohne den Gegenwind des Flugs, wärmer und weicher an, eine willkommene Erfrischung, nachdem die Feuer der RDA im Wald großteils erloschen waren. Die Umgebung war immer noch wärmer, als sie sein sollte.
»Wie lange willst du noch vor meinem Eingang herumlungern, Sarentu?«, rief So’lek aus dem Innern der Höhle. Seine Schritte ertönten hinter ihr, aber er blieb im Schutz seines Lagers. »Wenn du nicht hereinkommen möchtest, hättest du doch gar nicht herzufliegen brauchen, oder?«
Tamtey schmunzelte, ehe sie sich zu ihm umdrehte. »Kaltxì(Hallo). Auch immer schön, dich zu sehen, So’lek.« An seinem Ton hatte sie schon gehört, dass er es nicht böse meinte.
Er hatte die Ranken, die den abends kühlen Wind aus seinem Lager fernhielten, zur Seite geschoben und trat nun einen Schritt zurück, um sie passieren zu lassen.
Sie duckte sich ein wenig und trat ein. Eine natürlich entstandene steinerne Treppe führte in den Wohnbereich von So’leks Zuhause. Sie trat an Lederfässern voller Pfeile vorbei, an seiner Sammlung von Bögen und Gewehren. In einer Nische hingen Rüstungen verschiedener Clans, die er im Lauf seines Lebens gesammelt hatte.
Das Moos an den Wänden leuchtete stark genug, um mit ihren scharfen Augen jedes Detail ihrer Umgebung wahrzunehmen. Priya hatte ihr einmal gesagt, dass sie nachts so gut wie nichts sehen konnte, trotz all der leuchtenden Pflanzen. Auch ihr Gehör und ihre Nasen waren weniger gut ausgebildet. Ein Mensch zu sein, musste manchmal ziemlich öde sein.
Der kühle Wind ließ nach, als So’lek die Pflanzen losließ und diese wieder vor den Eingang fielen. Er ging um sie herum und sah sie aus seinen gelben Augen an. Ihn ohne seine dunkle Kriegsbemalung zu sehen, war ungewohnt. Zu ihrer nicht geringen Überraschung trug er die Gewänder der Sarentu, allerdings war ihr Zeichen unter seinem linken Auge beinahe völlig verwischt. Sie mussten es erneuern. Und sie nahm sich vor, Rasi zu fragen, ob sie wusste, wie man das Zeichen dauerhaft auftrug, so wie es bei ihnen nach der Geburt vollzogen worden war. Als Älteste der Sarentu kannte sie den Vorgang vermutlich.
»Dein Besuch überrascht mich. Warst du nicht in der Höhenprärie?« Damit riss er sie aus ihren Gedanken.
»Genau genommen im Kernland. Aber die Zakru haben es wieder verlassen und sich, sehr zu Minangs und Nesims Leidwesen, auf den Weg zurück in die Höhenprärie gemacht. Vermutlich wollten sie Nopsi entgegenkommen. Sie werden vermutlich in den nächsten Tagen ihre neuen Weidegründe erreichen.« Tamtey streifte Regenwasser von ihren Armen. »Woher wusstest du, dass ich es bin, bevor du die Pflanzen weggeschoben hast?«, stellte sie die Gegenfrage mit einem Grinsen.
Er schnaubte. »Ìley hat einen Namen für jeden Ikran, der uns öfter besucht. Sein Ruf war der Name, den er Telisi gegeben hat. Also wusste ich, dass ihr es seid.«
»Oh.« Sie musste Telisi bei ihrer nächsten Verbindung fragen, ob sie auch verschiedene Rufe für ihre Freunde hatte. So’leks Verbindung zu Ìley mochte frischer sein als ihre zu Telisi, aber das erinnerte sie daran, dass sie immer noch viel zu lernen hatte. Dass sie bei den Menschen aufgewachsen war, rächte sich erneut.
»Nun komm, setz dich hin. Ich habe Fleisch und Früchte auf dem Feuer. Ich lasse meinen Gast sicher nicht hungern. Wir reden, während wir essen.« So’lek wies einladend auf eine große Matte auf dem Boden gleich neben dem Lehmofen.
Allein bei dem Geruch lief Tamtey das Wasser im Munde zusammen, aber das erinnerte sie noch an etwas anderes. »Bevor ich es vergesse, Kìn hat mir Zakrukäse mitgegeben. Gut gereift.« Sie streifte die Umhängetasche ab und nahm den in Blättern eingewickelten und mit Schnüren gebundenen Käse heraus. »Mit besten Grüßen an den Hundemarkenkrieger, soll ich ausrichten.«
So’leks Schultern versteiften sich und er biss die Zähne aufeinander, was sie an dem harten Zug um seinen Mund erkannte. »Nenn mich bitte nicht so.«
Ein paar Herzschläge lang herrschte Schweigen, ehe sich Tamtey räusperte und nickte. »Ngaytxoa(Entschuldige). Ich wollte nicht respektlos sein«, sagte sie leise.
So’lek zögerte kurz, ehe er die Hände ausstreckte und den Käse entgegennahm. »Schon gut. Ich weiß, dass viele mich so nennen. Aber es gefällt mir nicht, es aus dem Mund meiner Freunde zu hören.«
»Es wird nicht mehr vorkommen«, versprach Tamtey und setzte sich mit untergeschlagenen Beinen auf die Matte. Sie beobachtete So’lek dabei, wie er den Käse in eine Nische seiner Höhle legte, wo er Vorräte lagerte. »Ich habe versucht, dich per Funk zu erreichen.«
»Ich habe mir, wie nennen die Menschen das ... den Tag frei genommen.« So’lek drehte den Spieß mit den Früchten und Fleischstücken im Feuer um, ehe er ihr gegenüber Platz nahm. »Tut mir leid, ich werde es nun wieder täglich tragen. Es ist einfach zu viel passiert in den letzten Wochen und ich hatte keine Lust, mich über diese tragbaren Geräte zu unterhalten. Wer mit mir reden will, kommt doch offensichtlich sowieso vorbei.«
Tamtey nickte. Das Gefühl kannte sie gut. »Ich verstehe. Und wenn ich wieder gehen soll, sag es mir bitte. Aber vorher habe ich ein Anliegen.«
»Na dann, rede. Du bist nicht stundenlang hierhergeflogen, damit ich dich jetzt wieder da rausjage, oder? Für wie unhöflich hältst du mich?« So’lek griff nach einem Knochenmesser und einem Bündel von Stäben, das er zwischen sie legte, und begann an einem neuen Jagdpfeil zu arbeiten. Tamtey zog ihr eigenes Messer, griff ebenfalls nach dem Bündel und tat es ihm gleich. So’lek machte Pfeile, weil er sie brauchte, sie konnte einfach nur nicht ruhig sitzen.
»Nicht unhöflich. Nur einzelgängerisch. Das ist gar nicht sarentu-typisch, weißt du? Daran sollten wir noch arbeiten.« Ein Lächeln huschte über Tamteys Gesicht, doch sie wurde rasch wieder ernst.
»Ich brauche deine Hilfe, um die Schallabwehreinheiten zu zerstören.«
»Die gepanzerten?« So’lek unterbrach die Arbeit an der Pfeilspitze und der Blick aus seinen stechend gelben Augen traf ihren. »Hat Teylan endlich einen Weg gefunden? Ich hoffe schon eine Weile darauf. Unsere Ikran haben sie gestoßen, wir haben sie mit Pfeilen und Schrotflinten und sogar Sprengstoff beschossen. Sie auf herkömmliche Art zu zerstören, ist offensichtlich unmöglich.«
»Du solltest uns doch mittlerweile besser kennen. Für Teylan ist nichts unmöglich.« Nun war es an Tamtey, zu schnauben. Sie spaltete den Stock am Ende, damit sie stabilisierende Federn daran befestigen konnten, und zog einen Natterwolfzahn aus ihrer Tasche, um ihn zur Spitze umzuarbeiten. Damit konnten ihre Pfeile die Rüstungen der Himmelsmenschen leichter durchschlagen. Obwohl sie immer versuchte, ihre Pfeile wieder einzusammeln, gelang es ihr nicht immer und sie hatte nicht mehr viele. Daher musste sie jede Gelegenheit nutzen, an neuen zu arbeiten. »Wir zerstören sie von innen heraus. Wie ihre Basen.«
So’lek seufzte. »Lass mich raten. Du musst mit dem SID an irgendeinen Computer in irgendeiner Basis?«
»Genau.« Tamtey legte den nur halbfertig bearbeiteten Natterwolfzahn vor sich ab. »Ich hacke mich in den Computer, Teylan nutzt das Signal, um die Steuerung zu sabotieren und alle ihre Luftabwehreinheiten werden schlagartig nutzlos und stürzen ab. Aber das Lager ist sicher gut bewacht. Ich muss über Seiteneingänge rein, muss unauffällig bleiben und wenn nötig, muss ich lautlos töten. Sollten sie mich entdecken, wenn ich im Kontrollraum bin, werde ich Rückendeckung brauchen, bis Teylan seine Arbeit beendet hat. Bist du dabei?«
Zu ihrer Überraschung sagte So’lek nicht sofort zu. Er war sonst immer bereit, sich in jede Gefahr zu stürzen, solange er nur Himmelsmenschen mit Kugeln und Pfeilen spicken konnte. »Warum ausgerechnet du? Warum kann das nicht Teylan selbst übernehmen?« Im nächsten Moment hob er den Blick und schnitt eine Grimasse. »Warte, die Frage beantworte ich mir selbst. Er meint es gut, aber er würde es nicht schaffen. Er ist kein Krieger.«
Ihr Herz wurde schwer. Sie war zur Kriegerin geworden, weil irgendjemand es sein musste, aber ausgesucht hätte sich Tamtey diesen Weg ebenfalls nicht. »Er ist mutiger geworden, aber ... Nein, ein Krieger ist er nicht.«
»Nun, dann schleichen wir uns morgen Nacht da rein«, schlug So’lek vor. »Wo ist das Lager?«
»Bei den fünf Schwestern. Wir sollten den Spuren der Menschen folgen können. Sie hinterlassen ja genug.«
»Spuren aus Schlamm, Dreck und Blut.« So’lek fauchte und stand geschmeidig auf.
Seine Bewegungen erinnerten Tamtey manchmal an die Segelflugpanther der Höhenprärie. Präzise, schnell und tödlich. »Sicher gibt es dort Abwehrmechanismen gegen die Ikran, oder?«
»Wir haben keine aktuellen Pläne davon, nur ältere Baupläne der Basis, aber davon ist auszugehen. Wir werden Ìley und Telisi in der Nähe verlassen und zu Fuß dorthin gehen müssen.«
»Also brechen wir in der Abenddämmerung auf«, murmelte So’lek wie zu sich selbst, in Gedanken wohl schon bei der Kampftaktik. »Himmelsmenschen sehen nachts nicht gut.«
Das wusste Tamtey nur zu gut selbst, sie hatte die meisten Angriffe nicht ohne Grund nachts durchgeführt. Bis die Himmelsmenschen sie bemerkten, war es oft schon zu spät.
»Sie dürfen nur den Alarm nicht auslösen. Sonst kommen wir da nicht lebend raus. Es gibt sicher einige MPAs und auch sonst das übliche Zeug. Raketenwerfer und Wachgeschütztürme.« Wenn sie an das ängstliche Wesen zurückdachte, das sie bei der Flucht aus TAP gewesen war, konnte sie manchmal kaum glauben, wie ruhig sie selbst über die Gefahren ihres Alltags sprach.
So’leks Schultern schienen sich einen Moment zu verkrampfen, aber schon bei ihrem nächsten Blinzeln zog er den Fleischspieß aus dem Feuer und verteilte das Fleisch und die von der Hitze geplatzten Früchte auf zwei hölzernen Schalen, als wäre nichts gewesen. Sicher hatte sie sich das eingebildet.
Es gab wohl keinen Na’vi, den die Himmelsmenschen je so gefürchtet hatten wie ihn. Was sollte ihm schon Angst machen?
»Was gibt es Neues von den Zeswa?«, fragte So’lek sie zwischen zwei Bissen. »Erzähl mir Geschichten, Sarentu.«
Man könnte meinen, er würde sie endlich bei ihrem Namen nennen. Schwach meinte sie sich zu erinnern, dass er nach ihr gerufen hatte, bevor Wukula den Heimatbaum gesprengt hatte. Doch da musste ihr sediertes Gedächtnis sie sicher täuschen.
Tamtey leckte sich den scharfen Saft einer Schicksalsfrucht von den Lippen und schluckte ihren Bissen hinunter. Das warme Essen tat nach dem langen Flug gut. »Nopsi wird demnächst gebären. Minang hat mich persönlich eingeladen, zur Taufzeremonie zu kommen, wenn das Junge da ist. Ich soll die Namenspatin werden, als Dank dafür, dass ich Harding losgeworden bin.«
So’leks Augen wurden groß, dann breitete sich ein stolzes Grinsen auf seinem Gesicht aus. »Das ist eine große Ehre. Wirklich gute Neuigkeiten. Es gab lange keinen Nachwuchs mehr bei den Zakru. Endlich wieder ein Grund zum Feiern.«
»Du und Itu seid ebenfalls eingeladen, weil ihr Nopsi in den Schluchten gerettet habt. Ohne euch gäbe es sie und somit ihren Nachwuchs ebenfalls nicht mehr«, fügte Tamtey hinzu.
»Wie geht es Itu? Ist er immer noch bei den Zeswa?« So’lek ging nicht auf die Einladung ein.
Tamtey unterdrückte ein Seufzen. Vermutlich bedeutete das, dass er nicht mitkommen würde. Er hatte von vielen Clans gelernt, aber war dennoch lange Zeit allein gewesen. Obwohl er sich viel um den Widerstand und die Clans kümmerte, war er eben immer noch ein Eigenbrötler.
»Wie so manche andere Aranahe. Sie können ja nicht wirklich irgendwohin.« Tamtey lockerte ihre vom langen Flug verspannten Schultern. »Er und Etuwa sind sich noch nähergekommen, seid Rakx die arme Talu getötet hat. Dass wir gemeinsam um Zomey gekämpft haben und ich dabei war, als sie starb, hat unsere Freundschaft begründet, aber sie verstehen sich nun besser denn je. Sie teilen denselben Schmerz, den ich zum Glück nicht kenne.«
»Du hast genug eigene Lasten zu tragen, Sarentu«, sagte So’lek ruhig, doch sein Blick hatte sich bei der Erwähnung von Rakx’ Namen verdunkelt. »Seien wir froh, dass du Telisi noch hast. Und morgen Nacht sorgen wir dafür, dass es noch lange so bleibt.«
Nach dem Essen ließ der Regen nach und Tamtey nutzte die Gelegenheit, vor der Höhle eine Wurzel hochzuklettern, die sich um den schwebenden Berg nach oben wand. Sie wollte noch nach Telisi sehen, bevor sie mit So’lek die Pläne der Basis durchging, die Teylan ihr mitgegeben hatte. Damit sie morgen Nacht gut ausgeruht in den Kampf zogen, würden sie wohl spät schlafen gehen und dafür versuchen, vor dem Aufbruch auszuschlafen.
Der Duft des Regens hing noch in der Luft und Tamtey atmete tief ein. Ein großer Baum mit hohen Wurzeln thronte auf dem schwebenden Berg und wie vermutet, fand sie Telisi in der natürlichen Höhle, die sich darunter gebildet hatte. Damit hatte sie gerechnet. Nach Tamteys Entführung hatte sich ihre Ikran hierher zurückgezogen, in die Nähe von So’lek und Ìley, bei denen sie sich zumindest sicher fühlte, während sie ihre Reiterin vermisste.
Ihre Ikran keckerte zufrieden, als sie sie sah, und putzte sich mit ihrem Flügel die Schnauze. Dabei wehte der Geruch nach Nektar zu Tamtey hinüber. Grinsend tätschelte sie den Hals ihrer Ikran und legte ihre Stirn an Telisis, dabei schlang sie ihre Arme liebevoll um den großen Kopf ihrer Freundin. »Hast du dir wieder ein paar Sumpfbienenwaben geholt, ma Telisi?« Die Ikran gurrte sanft und schubste sie leicht.
Tamtey konnte sich ihre innere Unruhe nicht erklären, während sie sich an Telisi lehnte und unentwegt mit ihren Händen über die glatte, warme Haut des Tieres strich. Dass sie so viele Anlagen erfolgreich mit der Ikran attackiert hatte, hatte ihnen unter den Soldaten den Namen »geflügelter Tod« eingebracht. Sie wusste nicht, was sie davon halten sollte.
Telisi legte ihren Flügel schützend um sie wie eine Sturmgleitermutter über ihr Nest und streckte ihr Kuru in Richtung ihrer Reiterin aus.
Lächelnd nahm Tamtey die Einladung ihrer Ikran an und verband sich mit ihr. Ikran mochten nicht mit Worten sprechen können, aber waren extrem intelligent und durch ihre Verbindung zu Telisi hatte Tamtey viel über den Mond gelernt, auf dem sie lebten.
Als Telisi ihre Unruhe spürte, schloss sie die Augen und teilte die Erinnerung an ihren Flug in den Sumpf hinunter mit ihrer Reiterin. Wie sie knapp unter Wurzeln hindurchgeflogen war, um Stücke von Bienenstöcken zu brechen und im Flug zu naschen, oder Früchte von Leopardenpalmen riss, die bei Regen am besten schmeckten. Dabei spürte sie die warme Luft und die Regentropfen auf ihrer Haut und den Wind unter ihren Schwingen. Sie teilte den Geschmack und ihre Zufriedenheit über die erfolgreiche Nahrungssuche mit Tamtey. Die Ikran waren Raubtiere, aber wie jeder hatten sie Vorlieben, und Telisi mochte Nektar, Pilze und Früchte, um ihren Speiseplan abwechslungsreich zu gestalten.
Liebevoll strich Tamtey über Telisis Maul. »Ich koche dir in den nächsten Tagen Fleisch mit Früchten und Nektar, ma Yawntu(Liebling).« Sicher würde So’lek sie seinen Lehmofen benutzen lassen, um einige Vorräte zuzubereiten, bevor sie sich wieder verabschiedeten.
Und wieder diese Schwere in ihrem Herzen. Tamtey hob den Blick zum Himmel auf, an dem verschiedene Himmelskörper und Sterne zu sehen waren, auch der Planet, den Pandora umkreiste. Ein violetter Schleier legte sich über das Abendrot und würde bald der blauschwarzen Dunkelheit der Nacht weichen. Seit die Mangkwan so viel vom Kinglor-Wald niedergebrannt hatten, waren die Nächte dunkler geworden. Es lebten zu wenig Pflanzen, um die Nacht wie früher zu erhellen.
Und sie war gefangen gewesen, anstatt So’lek zu helfen, Schlimmeres zu verhindern.
Der Heimatbaum der Aranahe war nicht ihr Heim gewesen, aber ziemlich nahe dran, und dass es ihn nicht mehr gab, tat weh. Doch während sie die seltsame Leere in sich erforschte, stellte sie fest, dass diese schon vor den katastrophalen Ereignissen der letzten Wochen da gewesen war.
Telisi legte ihren großen Kopf über Tamteys Oberschenkeln ab und döste langsam ein. Ihr voller Magen und ihre Erinnerungen an den Flug waren tröstlich für Tamtey. Ihre Ikran fühlte sich in diesen Bergen und im Himmel zuhause, und während sie dieses Gefühl von ihrer Ikran bekam, wurde ihr klar, was ihr fehlte und was sie beim Gedanken an So’leks Lehmofen mit Bitterkeit erfüllt hatte.
Um die bunten Träume ihrer Ikran nicht versehentlich zu stören, löste sie vorsichtig ihre Kurus, ehe sie ihre Wange auf Telisis Kopf bettete und die Augen schloss.
Sie hatte weder Heim noch Herd und ein Teil von ihr, obwohl sie So’lek dieses Stück Heimat von Herzen gönnte, beneidete ihn darum. Wie machte man sich ein Zuhause? Die Menschen hatten sie das nie gelehrt. Das TAP war ein Internat gewesen, voller Schmerz und Angst, besonders nach Aha’ris Tod ...
STOP. Sie schrie sich innerlich selbst an, nicht wieder in diesen Erinnerungen zu versinken. Die erneute Gefangenschaft bei den Menschen war nicht hilfreich gewesen und hatten die kalten und grausamen Träume daran wieder aufleben lassen. Während ihre Fingerspitzen sanft Telisis Kopf liebkosten, die im Traum zuckte und öfter knurrte, gurrte und zischte, versuchte sie sich damit zu trösten, dass sie Telisi hatte.
Was war einem Zuhause nahegekommen? Der Kinglor-Wald als Ganzes, könnte man sagen, bevor die RDA und Mangkwan so viel davon zerstört hatten, obwohl es hier keinen konkreten Ort gegeben hatte, der sie immer wieder anzog. Im Heimatbaum der Aranahe war sie immer willkommen gewesen, ebenso wie sie bei den Zeswa und Kame’tire willkommen war.
Aber sie wusste, dass nicht alle mit ihr einverstanden waren. Manche hießen ihre Methoden nicht gut, weil sie die Mittel der Menschen gegen sie benutzte, anstatt sich auf Eywas Gaben zu beschränken. Sie schoss mit menschlichen Waffen auf Menschen und konnte sogar mit Computern umgehen. Kürzlich hatte ein Kame’tire sie als Dämon beschimpft – eine der übelsten Beleidigungen, die man einem Na’vi an den Kopf werfen konnte. Er meinte, da sie unter Menschen aufgewachsen war, wäre sie mehr Traumwanderer als Na’vi, ein Vorwurf, der schmerzte.
Anufi und viele andere des Clans hatten ihn gerügt und zurechtgewiesen, aber seine Worte saßen wie ein Stachel in ihrem Herzen.
Ihre Fingerspitzen zeichneten immer noch kleine Kreise auf dem Kopf ihrer schlafenden Ikran. Bevor sie am nächsten Tag aufbrachen, musste sie unbedingt noch eine Tarsyublüte aufsuchen. Sie brauchte Eywas Trost, ihren Segen, ein bisschen Frieden ...
Bevor sie wieder in den Kampf zog.
Sie öffnete die Augen und schmiegte ihre Wange noch einmal an Telisis Haupt. Sie würde in die Höhle zurückkehren müssen, bevor ihr in dieser Position die Beine einschliefen.
»Sarentu, ngaru lu fpom srak?«(Geht es dir gut?)
Tamtey hob den Kopf und begegnete So’leks fragendem Blick. Er hatte sich lautlos genähert und war auf der Kuppe neben dem Baum stehen geblieben.
»Srane(Ja), ich bin nur in Gedanken.«
So’lek kam langsam näher, sodass seine Schritte in dem weichen Moos und Gras Telisi nicht weckten, und ging neben ihr in die Knie. »Du bist mehr Kriegerin, als ich es je war. Krieger versinken nicht in ihren Gedanken, ohne den Weg nach draußen zu kennen.«
Dass er sich selbst eher als Lehrer und Jäger denn als Krieger sah – wenn auch als Menschenjäger – war Tamtey nicht neu.
»Wenn du kein Krieger bist, bin ich es auch nicht«, flüsterte sie schärfer als beabsichtigt. Ihre Ohren legten sich eng an ihren Kopf. Sie war Sarentu, aber was war sie noch? Jägerin, Handwerkerin, Geschichtenerzählerin, Sammlerin, Reiterin. Na’vi. Überlebende?
Sie war von allem etwas und nichts davon ganz.
So’lek setzte sich leise neben sie.
Tamteys Blick fiel besorgt auf ihre Ikran, doch Telisi schien wirklich tief zu schlafen, stellte sie mit einem traurigen Lächeln fest. Aber daraus konnte sie ihr keinen Vorwurf machen. Die Winde über dem Kernland und der Höhenprärie waren tückisch, der Flug zu So’lek lang. Irgendwann war selbst ein so mächtiges Tier erschöpft und brauchte Ruhe.
»Was beschäftigt dich, ma Eylan(Freund/in)?«
Tamtey zögerte. Obwohl sie und So’lek schon so viel durchgestanden hatten, fiel es ihr immer wieder schwer, sich ihm anzuvertrauen. Doch bei ihrer Erinnerung an die Geschehnisse im TAP, wie er sie zu Mercers Büro begleitet und sie mit sanften Worten aus den schmerzvollen Gedanken gerissen hatte, die sie zu überfallen drohten, gab sie sich einen Ruck.
Damals warst du ein verängstigtes Kind, nun bist du erwachsen.
Er hatte sie nie wie ein Kind behandelt, sondern ihr immer zugetraut, zurechtzukommen. Genau das, was sie gebraucht hatte, um sich schnell zu entwickeln. Und wenn sie verletzlich gewesen war, hatte er auch damit umzugehen gewusst.
»Ich vermisse es, ein Zuhause zu haben«, gab sie letztendlich zu. »Es ist einfach immer so viel passiert, aber seit ich den Liedkreis im Yavä gefunden habe, erinnere ich mich flüchtig an das Gefühl, das ich in den Armen meiner Mutter hatte. Sie war mein Zuhause, und die Himmelsmenschen haben es mir genommen. Mir und den anderen.« Sie schluckte und blickte wieder hinunter auf ihre Ikran. »Nun haben auch die Aranahe ihren Heimatbaum verloren. Sogar den Ikranhorst haben die Himmelsmenschen angegriffen, wo Telisi und ich einander erwählt haben. Ich mache mir Sorgen, dass wir die Zakru der Zeswa und die Höhlen der Kame’tire ebenfalls verlieren werden. Wann hört es auf? Wenn niemand mehr eine Heimat hat? Wenn Pandora so eine Wüste ist wie die tote Erde der Himmelsmenschen?«
So’lek brummte leise und verschränkte die Arme. »Der Kampf hört erst auf, wenn wir aufhören zu kämpfen, Sarentu. Aber ich weiß, dass es jetzt nicht darum geht.« Der Blick aus seinen gelben Augen wanderte über ihr Gesicht und wurde beinahe sanft.
Mit einer leichten Kopfbewegung deutete er hinunter auf Telisi. »Die Verbindung zu ihr hilft dir, Heimat zu verstehen, oder?«
Erwischt. Sie nickte nachdenklich. »Sie ist in den Bergen daheim und in der Luft. Der Wind ist ihr Zuhause und trägt sie.« Tamtey hob den Blick zum Himmel auf. »Und hier fühlt sie sich auch sicher, seit du ihr für einige Wochen Obdach gewährt hast. Sie ist dir immer noch dankbar dafür, dass du sie getröstet hast, bis du mich befreien konntest.« Bei der Erinnerung daran, was Telisi ihr gezeigt hatte, musste sie grinsen. »Du hast ihr gesagt, dass du mich auch vermisst, oder?«
»Das leugne ich, wenn du mich so direkt fragst.« So’lek legte eine Hand auf sein Herz und schüttelte den Kopf. »Du hast einen wichtigen Punkt übersehen, der für Telisi Heimat ist, glaub mir.« Mit diesen Worten kehrte er zurück zum Thema und deutete auf Telisis im Tiefschlaf zuckendes Kuru. »Sammle einen Moment deine Gedanken und suche Ruhe, um sie nicht zu erschrecken, dann verbinde dich mit ihr. Ich kann mir denken, wovon sie träumt.«
Tamtey runzelte kurz die Stirn, aber sah keinen Grund, vorsichtig zu sein. So’lek meinte es immer gut mit ihr. Sie schloss einen Moment lang die Augen und zählte ihre Herzschläge, ehe sie nach ihrem Zopf griff und ihr Kuru mit dem von Telisi verband. Eine Weile verfolgte sie einfach nur den Flug von Telisi durch eine Traumwelt, in der Wälder, Berge, Schluchten und Prärien miteinander verschmolzen.
Telisi fühlte sich selbst im Traum völlig geborgen und gut aufgehoben. Tamtey spürte diesem Gefühl vorsichtig nach, bis sie sich selbst durch Telisis Wahrnehmung erkannte.
Ihre Hände und Füße, die Telisi berührten, ihre Stimme, die die Ikran beruhigte, wenn sie sich fürchtete. Absolutes Vertrauen zu ihrer Reiterin, bis hin in die wildesten Schlachten, von denen sie wusste, dass Tamtey ihr nichts zumuten würde, das sie nicht konnte.
Es waren nicht der Wind und die Berge, die ihr Zuhause waren, zumindest nicht nur.
Es war Tamtey. Selbst im Schlaf ließ sie ihre Reiterin das spüren.
Ihre Augen brannten vor Rührung, als sie den Blick hob und So’leks begegnete. Dass ihre Liebe zu Telisi von ihr intensiv erwidert wurde, war nichts Neues für sie, aber diese tiefe Klarheit im Schlaf ihrer Ikran zu finden, hätte sie nicht erwartet. Sie löste vorsichtig ihre Kurus und wischte sich verlegen die Tränen aus den Augenwinkeln. »Ich bin ihr Zuhause«, flüsterte sie fassungslos.
»Und ich denke, du findest deines in ihrer Seele und auf ihrem Rücken, zumindest zum Teil«, erwiderte So’lek.
Tamtey dachte einen Moment nach, ehe sie nickte.
Es stimmte, Telisi war eine der wichtigsten Konstanten in ihrem Leben. Bei ihr zu sein, fühlte sich immer gut an – ähnlich geborgen wie in den Armen ihrer Mutter. Gleichzeitig waren sie gemeinsam unbesiegbar, stark, eine Macht, mit der man rechnen musste.
Es war richtig gewesen, mit So’lek zu reden. Er mochte wild und gefährlich aussehen, aber sie wusste, dass in ihm eine sanfte Seele steckte. Der ehemals letzte Trr’ong war nicht nur ein Lehrer – er war mehr Sarentu, als er von sich selbst dachte.
So’lek lächelte sie an. Ahnte er, was in ihr vorging? »Erinnerst du dich an unsere Unterhaltung vor dem Angriff auf die große Basis in der Höhenprärie?«
»Natürlich, wie könnte ich die vergessen.«
»Du fühlst dich oft heimatlos, weil deine Wurzeln nicht dort verpflanzt wurden, wo sie hingehören, und mir wurden meine entrissen. Damals habe ich zu dir gesagt, dass wir beide Suchende sind.« Er hob leicht die rechte Hand und machte eine Geste, die sein Umfeld einschloss. »In gewissem Sinne suchend nach neuen Wurzeln, einem neuen Heim. Mein Weg dauert schon länger als deiner.«
»Worauf willst du hinaus?« Tamtey legte den Kopf schräg.
»Dass du Geduld haben solltest, weil deine Zeit ebenso kommen wird wie meine. Weil ich kein Suchender mehr bin. Dank dir. Dank euch Sarentu.« Er nickte ihr zu.
Obwohl der Gedanke tatsächlich tröstend war und Tamtey sich darüber freute, dass So’lek nun zufriedener mit seinem Dasein war, erfüllten sie seine eigentlich tröstenden Worte mit Schwermut. Wenn er kein Suchender mehr war, hieß das doch nur, dass sie weniger gemeinsam hatten als zuvor, oder?
Er stand auf und trat zur Seite, damit Tamtey Platz hatte, vorsichtig unter Telisis Kopf hervorzurutschen, ohne sie zu wecken. Sie strich noch einmal leicht über Telisis Hals, ehe sie So’lek über den Hügel und die Wurzel hinab wieder zu seiner Höhle folgte. Er schob die Ranken zur Seite und bedeutete ihr, zuerst einzutreten.
Erst in der Wärme der Höhle merkte sie, wie kühl die Nacht geworden war. Zwar hatte Telisis Körperwärme ihr gutgetan, aber auf dem kalten Boden zu sitzen, rächte sich nun doch.
Sie trat näher an den Ofen, um sich am Feuer zu wärmen, und rieb ihre Hände aneinander. Zum Glück hatte sie in ihrer Ledertasche trockene Wechselkleidung. Sie würde sich vor dem Schlafengehen umziehen.
Aber erst war die Strategiebesprechung dran. Tamtey hauchte noch einmal in ihre Hände, dann zog sie das Tablet, das Teylan ihr gegeben hatte, aus der Tasche, und schaltete das Hologramm ein. Sie und So’lek knieten sich einander gegenüber auf die geflochtenen Matten und sie zeigte ihm die Pläne der Basis, die sie infiltrieren mussten.
»Hier auf der östlichen Seite gibt es einen Abflussschacht, den wir einschlagen und nutzen können, um unter den Mauern hindurchzugelangen. Wir müssen uns von der Bergseite aus der Mauer nähern, hinter den Felsen da gibt es einen toten Winkel. Dort registrieren uns die Geschütztürme nicht«, sagte sie ernst und zoomte das Bild näher heran. »Sobald wir drin sind, schleichen wir die Mauer entlang und ich lege die Türme mit dem SID lahm. Das fällt nicht so schnell auf. Neben der Torsteuerung gibt es einen Wartungsschacht, der bis zum Eingang führen sollte. Wenn wir ein Gitter anheben, können wir ihm folgen. Beim Eingang schalten wir die Wachen aus und ich benutze die Tür. Ich habe leider gerade nur eine Maske, damit wir in der Himmelsmenschenluft atmen können, also muss ich allein da rein.«
So’lek beugte sich nach vorne und betrachtete den Plan mit einem Stirnrunzeln. »Die Anlage ist in den Berg hinein gebaut, oder?«
Sie nickte. Umgeben von Steinen, Beton, Asphalt und Metall zu sein, sorgte immer noch für Unwohlsein, aber sie hatte gelernt, damit umzugehen.
»Teylan hat den Dienstplan gehackt. Wir kennen die Schichtwechsel der Wachen und ihre Patrouillenrouten. So können wir sie umgehen. Wenn uns jemand zu bemerken droht, benutzen wird die Bögen, die machen keinen Lärm. Aber wir nehmen die Sturmgewehre mit, falls wir sie brauchen.«
»Gut. Wie viele MPAs gibt es?«
»Mindestens zwei Flammenwerfer- und zwei Raketenwerfer-MPAs sind immer auf Patrouille im Außengelände, innen sind ebenfalls immer mindestens zwei mit Gewehren unterwegs. Die Wachen arbeiten in Schichten. Es gibt außerdem mindestens zehn betriebsfähige MPAs, die jederzeit von einem Piloten besetzt werden können, wenn die Menschen uns bemerken.« Sie zoomte in die Mitte des Plans. »Wenn die alten Blaupausen stimmen, ist da drin der Kontrollraum. Der Eingang ist nicht so kompliziert, aber ich muss die Computer im Kontrollraum hacken, damit Teylan auf sie zugreifen und die Schallabwehreinheiten sabotieren kann. Das wird einige Minuten dauern. Da begegnen uns sicher Wachen. Und vielleicht löst auch das einen Alarm aus. Das konnte Teylan nicht genau sagen.«
»Immer diese Computer.« So’lek rümpfte die Nase. »Kann man die Steuerung nicht einfach mit meinem Messer überladen?«
»Wenn du damit den Alarm auslösen willst, sodass alle Soldaten gleichzeitig auf uns losgehen, können wir das machen«, erwiderte Tamtey trocken.
»Die töten wir doch sowieso, oder?« So’leks schnaubte.
»Ja, aber ich würde es bevorzugen, wenn wir uns dabei keine Kugeln einfangen.« Tamtey lachte, dann wurde sie jedoch wieder ernst. »Es wird eine Weile dauern, bis Teylan die Programmierung der Schallabwehreinheiten manipulieren kann, um sie zu zerstören. Wir müssen auf alles gefasst sein. Das ist eine der letzten Lagerstätten der RDA im Kinglorwald. Sie werden sie mit allem verteidigen, was sie haben.«
»Du meinst, sie haben Treibstoff und Gasleitungen da drin?«
So’lek war damit zwangsläufig noch vertrauter geworden, während er sie und die anderen innerhalb der menschlichen Militärposten gesucht hatte.
»Ja, ich bin ehrlich gesagt dafür, alles hochzujagen. Ich öffne die Ventile, um das Gas in die Leitungen zu entlassen, sobald Teylan fertig ist, und nehme die Beine in die Hand. Spätestens, wenn die Luftabwehreinheiten abstürzen, wird es Alarm geben. Wir müssen also an den Menschen vorbei da raus, ehe es kracht. Zur Not kannst du am Ende einen deiner Granatpfeile in die Gasleitung jagen, um dafür zu sorgen, dass es auch wirklich hochgeht.«
»Dann ist es umso wichtiger, dass wir auf dem Weg nach drinnen so viele leise ausschalten wie möglich«, fasste So’lek zusammen.
»Wenn wir mit unseren Pfeilen zu schnell sind, werden sie aber auch merken, dass es verdächtig ruhig um ihre Kameraden wird«, gab Tamtey zu bedenken und schaltete das Tablet ab. »Das erhöht das Risiko, dass jemand einen toten Soldaten findet und Alarm schlägt.«
»Mein Pfeil ist schneller bei ihm als seine Hand am Funkgerät«, erwiderte So’lek und streckte sich. »Aber zusammen kommen wir zurecht. Wir sind wie Schatten in der Nacht. Ehe sie uns bemerken, stürzen wir sie in die Dunkelheit.«
Tamtey unterdrückte ein Lachen, sodass ihr nur ein Schnauben entwich. »So wie im Kernland? Die Soldaten haben dich dreimal bemerkt und fast Alarm geschlagen, erinnerst du dich nicht mehr?«
»Schön, dass du mich daran erinnerst, dass sie nur fast Alarm geschlagen haben. Ich konnte sie immer ausschalten, vergessen?«
»Bis es dir irgendwann nicht mehr gelingt. Und damals hatten sie noch keine Höllenhunde.« Tamtey verschränkte die Hände und sah ihn finster an.
»Seit wann bist du so eine Schwarzmalerin?«
»Und seit wann nimmst du die Gefahren der Himmelsmenschen nicht mehr ernst?«
Einige Herzschläge lang sahen die beiden sich grimmig an, ehe So’lek durchatmete. »Ich nehme sie ernst, glaub mir«, sagte er ruhig. »Aber ich brauche ein bisschen Zuversicht vor dem Kampf. Wir sind stark und haben schon vielen Gefahren gemeinsam getrotzt. Das wird morgen keine Ausnahme sein, glaub mir.«
Ein Lächeln huschte über Tamteys Gesicht. »Das ist wahr. Die RDA fürchtet uns schon einzeln. Wenn sie uns beiden gegenüber stehen, erstarren manche vermutlich direkt vor Angst.«
»Oder schießen umso schneller.« Nun zog So’lek finster die Augenbrauen zusammen.
»Und wo bleibt jetzt deine Zuversicht?«, hakte Tamtey nach. »Was macht dir Sorgen?«
»Die Explosionen, die wir auslösen werden, damit die Basis nicht mehr nutzbar ist.«
Von Feuer und Explosionen hatte Tamtey wahrlich genug. Und nachdem er sie aus dem brennenden Heimatbaum geborgen hatte, erging es So’lek vermutlich ebenso.
Ihr Mund wurde trocken, sie schluckte. »Dann müssen wir eben schneller sein als das Feuer«, erwiderte sie lahm.
Eine Weile herrschte Schweigen, ehe sich So’lek erhob. »Tse(Nun), wir sollten ruhen, damit wir morgen jagen können. Du kannst in der Nebenhöhle schlafen, Sarentu.«
Tamtey schüttelte sofort den Kopf und wollte widersprechen. So’lek bot ihr damit nämlich seine eigene Schlafkammer an. Diese war nicht nur wärmer als die Ruhematten im Wohnraum, weil sie näher beim Ofen lag, ihre Distanz zum Haupteingang machte sie auch sicherer, falls es einen Angriff gäbe. Darauf musste man leider mittlerweile immer und überall gefasst sein.
So’lek hob die Hand, als hätte er ihre Gedanken erraten. »Rutxe(bitte), ma Eylan«, sagte er streng. »Du hast einen langen Flug hinter dir, du brauchst die Ruhe.«
»Wenn du darauf bestehst«, sagte Tamtey und stand langsam auf.
»Das tue ich. Und übrigens, Sa... Tamtey.«
»Ja?« Sie runzelte fragend die Stirn.
So’lek schienen einen Moment lang die Worte zu fehlen. Er räusperte sich. »Ich weiß, dass du deine Wurzeln erst noch finden musst, aber ich will dich wissen lassen, dass mein Heim dir immer offen steht. Ich hoffe, dass du einen kleinen Teil deines Zuhauses in meinem findest, so wie auf dem Rücken deiner Ikran.«
»Irayo(Danke), So’lek.« Tamtey lächelte gerührt, führte ihre linke Hand an ihre Stirn und senkte sie in So’leks Richtung, wobei sie Blickkontakt hielt, wie es sich beim Gruß der Na’vi gehörte. »Oel ngati kameie(Ich sehe dich). Kíyevame(Wir sehen uns (bald)).«
»Und ich sehe dich.« Er erwiderte die Geste mit leicht geneigtem Kopf, ehe Tamtey ihre Tasche aufnahm und sich hinter die Matte zurückzog, die So’leks Schlafplatz von der Wohnkammer trennte.
Dahinter war es warm von der Nähe des Lehmofens und sie war geschützt vor Zugluft. Ihre Augen gewöhnten sich rasch an die fast völlige Dunkelheit in der Nische. Sie legte ihre nassen Sachen aus Zakruwolle ab und schlüpfte in die violetten Gewänder ihres Clans, die Nevika ihr gefertigt hatte.
In der Schlafkoje war So’leks Geruch intensiver als im Rest der Höhle. Irgendwie fühlte es sich an wie eine Umarmung, als Tamtey sich auf das weiche Moos sinken ließ, das sein Lager bedeckte. Sie rollte sich ein und schloss die Augen. Langsam driftete sie in den Schlaf hinüber.
»Ìley!« So’leks panischer Ruf riss Tamtey aus dem Schlaf.
Desorientiert sprang sie auf die Füße und tastete instinktiv nach ihrem Messer. Sie schlug die Matte zur Seite und sprang in die Haupthöhle, wo die leuchtenden Pflanzen bereits erdunkelten. Die Morgendämmerung brach an.
Sie öffnete bereits den Mund, um nach So’lek zu rufen, da sah sie, wie sein treuer Ikran, so weit es ging, den Kopf durch den Haupteingang streckte und diesen verwirrt schieflegte.
So’lek lag auf der Ruhematte nur wenige Schritte von seinem Rüstungslager entfernt. Er schlug um sich und Tamtey wurde klar, dass er von den Kämpfen der vergangenen Wochen träumen musste. »Rakx! Ich töte dich!«, fauchte er.
Der Name der Mangkwan-Räuberin, die mit Vorliebe die Ikran ihrer Feinde tötete, jagte Tamtey einen Schauer über den Rücken. Rakx hatte Talu vor den Augen ihrer Reiterin Etuwa getötet – und vor So’lek. Er hatte schon Mamante an die Himmelsmenschen verloren. Es war kein Wunder, dass ihm der Gedanke Albträume bescherte, dass abtrünnige Na’vi seinen Ikran jagten, selbst wenn die besagte Räuberin längst tot war.
Langsam schob Tamtey das Messer wieder in seine Hülle an ihrer Brust. Einige Sekunden lang dachte sie darüber nach, So’lek zu wecken, aber das konnte für einen von ihnen – oder schlimmstenfalls sie beide – böse ausgehen. Auf seiner Ruhematte war es unwahrscheinlich, dass er sich verletzte, aber sie wollte nicht riskieren, dass ihr Mentor sie instinktiv angriff, wenn sie ihn aus der Hölle seiner Albträume zu wecken versuchte.
Sie schluckte und schlich in einem großen Bogen an ihm vorbei, um Ìley zu beruhigen. Dieser grollte leise, doch davon ließ sie sich nicht beeindrucken. Sie hob die Hände und legte sie leicht an seinen Hals. »Schon gut, dein Reiter hat nur einen Albtraum«, flüsterte sie ihm zu. »Ich bin ja da. Du kannst wieder rausgehen.«
Ìley schnaubte und krabbelte, nicht ganz ohne Mühe, wieder rücklings aus dem Höhleneingang.
Tamtey schlich wieder in die Höhle und blieb kurz neben So’leks Matte hocken.
So’leks Gesicht war selbst im Schlaf vor Angst verzogen. Einer Angst, die Tamtey leider ebenfalls gut kannte.
Dank ihres friedlichen Abends mit Telisi hatte sie diese Nacht bisher nicht so schlecht geträumt wie sonst, aber sie hatte nicht geahnt, dass So’lek, der berühmte Jäger, der mächtige Hundemarkenkrieger, den alle Menschen fürchteten, nachts gegen solche Dämonen kämpfen musste. Seine Ohren waren eng an den Kopf gelegt, seine Zähne gefletscht, während er im Schlaf knurrte und die Namen der Mangkwan-Räuber fauchte. Ab und zu rief er auch nach Ìley, doch sein Ikran hatte anscheinend begriffen, dass er nicht nach ihm sehen musste, und blieb draußen.
Trotz ihrer noch jungen Verbindung war die Liebe zwischen So’lek und Ìley unverkennbar und es erfüllte Tamtey mit Schmerz, dass ihm genau diese Bindung nun so viel Angst machte. Wenn auch weniger die Bindung selbst als die Angst, diese zu verlieren.
Tamtey hob zögernd die Hand, schon im Begriff, sie auf So’leks Schulter zu legen, entschied sich dann jedoch dagegen. Ihre Sorgen von vorhin waren nach wie vor berechtigt, und sie hatte keine Lust, durch die Hand eines Freundes zu sterben.
Mit einem Schlucken erhob sie sich und machte sich auf den Weg zurück zu ihrer Schlafstelle.
»Tamtey?«
So’lek hatte, wenn auch leise, so klar gesprochen, dass sie dachte, er wäre aufgewacht.
Sie drehte sich zu ihm um, damit rechnend, dass er aufrecht sitzen oder sie zumindest ansehen würde.
Doch So’lek lag auf seiner Matte, die Augen geschlossen, der Kiefer angespannt. Seine linke Hand war ausgestreckt, als versuchte er, etwas Unerreichbares zu berühren. »Nein, ma Tamtey.« Seine Stimme zitterte ungefähr so stark wie seine ausgestreckte Hand, die sich nun zur Faust ballte. Er zischte Wukulas Namen durch die zusammengebissenen Zähne.
Tamteys Augen brannten und Schuldgefühle machten ihr das Herz schwer. Er musste furchtbare Angst gehabt haben, nachdem er sie aus dem Feuer geborgen hatte. Sie hätte besser achtgeben müssen, mehr kämpfen sollen. Nicht einmal mithilfe abtrünniger Na’vi hätte es der RDA je gelingen dürfen, sie gefangen zu nehmen.
Zumindest nicht lebend.
Sie schluckte schwer, als sie sich wieder auf ihr Bett aus Moos sinken ließ.
Wie konnte sie dafür sorgen, dass So’lek nie wieder ihretwegen so viel Angst haben musste?
Tamtey lag still auf ihrem Lager und lauschte ihren eigenen Atemzügen, ihrem eigenen Herzschlag, während So’lek im Schlaf um sich schlug. Es dauerte eine Weile, bis sein Schlaf ruhiger wurde, und sie atmete lautlos durch.
Kein Wunder, dass er sie, trotz ihrer engen Verbundenheit und obwohl sie nun zum gleichen Clan gehörten, kaum bei ihrem Namen nannte. Vermutlich versuchte er, wenigstens einen Rest an Distanz zu wahren, welche ihm allzu tiefen Kummer ersparen sollte, falls ihr etwas passierte.
Kurz dachte sie darüber nach, ob sie nicht ohne ihn die Basis infiltrieren sollte, aber das verwarf Tamtey gleich wieder. Das hätte sie sich überlegen müssen, bevor sie ihm davon erzählte.
Sie hätte reingehen, alles erledigen und wieder abhauen können, ohne dass er davon erfuhr, nur Teylan und Priya als Begleiter über Funk in ihrem Ohr. Er hätte sie danach dafür gescholten, dass sie nichts gesagt hatte, aber wäre insgeheim stolz gewesen, dass ihr das gelungen war. Dafür war es nun jedoch zu spät. Ihn zum Bleiben überreden, würde nicht funktionieren, und falls sie früher aufbrach, würde er ihr dennoch folgen und es käme obendrauf zum Streit. Das wollte sie noch weniger.
Aber wenn sie diesen Einsatz gut überstanden, würde sie wieder öfter alleine arbeiten, um ihm diese Flashbacks hoffentlich zu ersparen.
Sie hob ihre linke Hand und betrachtete im Dämmerlicht das Liedband, das sie trug. Es bestand aus dem Lied ihrer Mutter und dem Band, das So’lek ihr gemacht hatte, nachdem sie im Hauptquartier des Widerstands gelandet war. Jeder Na’vi besaß normalerweise eins, aber das ihrer Mutter hatten die Menschen ihr gestohlen, als sie noch ein Kind gewesen war. Erst kurz vor seinem Tod hatte sie es Mercer wieder entrissen.
Nachdem sie sich schon damals gegenseitig geholfen hatten, hatte So’lek ihr das Lied geflochten, damit sie endlich ein eigenes Band hatte, und die erste Perle bereits aufgezogen. Als Symbol dafür, dass sie ihren Weg zurück nach Pandora gefunden hatte. Leicht berührte sie die Perle und strich über das Band. Inzwischen waren viele andere Perlen dazugekommen.
Wer weiß, ob und wann sie ein Liedband von jemand anderem bekommen hätte. Am ehesten noch von Ri’nela, die als eines der älteren Sarentu-Kinder von den Liedern gewusst hatte, oder von Nevika. Die alte Weberin hatte sie bei den Aranahe begrüßt, als wäre sie bei ihnen aufgewachsen. Sie nannte sie bei jedem Treffen ma Yawntu – Liebling. Unter den Na’vi war Nevika das, was einer Mutterfigur zuerst am nächsten gekommen war.
Zum aktuellen Zeitpunkt war die alte Aranahe immer noch mit einigen anderen Überlebenden ihres Clans unterwegs in die Höhenprärie, wo sie eine neue Heimat zu finden hofften. Hoffentlich ging es ihr gut. Der Weg war lang, hart und voller Gefahren.
Seufzend rollte sich Tamtey auf den Rücken und bettete den Kopf auf ihre verschränkten Hände, um an die Höhlendecke zu starren.
So’leks Atemzüge waren nun ruhig und gleichmäßig und sie hätte sicher noch etwas Ruhe vertragen.
Doch sie konnte nicht mehr schlafen.
Entschlossen stand Tamtey auf und schlich sich über den Nebeneingang, der näher an ihrer Nische lag, wieder auf den fliegenden Berg. Sie nahm nur ihren Langbogen und ihren Köcher mit Pfeilen mit, um sich verteidigen zu können, den Rest würde sie später holen. Den Kopfschutz trug sie ebenfalls, damit sie das daran befestigte Visier der Ke’awa Kame’tire tragen konnte.
Der Pfad war schmal und sie musste steilen und hohen Stufen folgen, weshalb sie vor dem Schlafengehen die große Wurzel benutzt hatte, um nach Telisi zu sehen. Die nächste Tarsyublüte war nur eine halbe Flugstunde weit entfernt, und sie konnte nicht anders, als sie noch einmal aufzusuchen.
Das hatte sie vor jedem größeren Kampf getan, seit sie die erste Blüte in der Nähe des Hauptquartiers gefunden hatten,. Ihre Verbindung zu Eywa, ihrer Großen Mutter.
Seitdem sie verstanden hatte, dass ihre Vorfahren in Eywa sozusagen lebten, ihre Gedanken und Gefühle noch da waren, ihre Lieder und Geschichten, suchte sie die Blüten immer wieder auf. Sie suchte nach Kataru – ihrer Mutter.
Tamtey hatte bisher nur mit wenigen Sarentu in Eywa sprechen können, doch dass ihr das bei ihrer Mutter einfach noch nicht gelungen war, brach ihr das Herz. Sie wollte sie so gern kennenlernen und auch, dass ihre Mutter sie kennenlernte, obwohl ihr der Gedanke Sorgen machte.
Sie war noch so klein gewesen, als man sie entführt hatte, und unter Menschen aufgewachsen – was, wenn ihre Mutter enttäuscht von ihr war?
Dennoch, sie würde keine große Anlage betreten, ohne es vorher nicht wenigstens versucht zu haben.
Mit etwas Glück war sie wieder da, noch bevor So’lek aufwachte. Bei der unruhigen Nacht, die er hinter sich hatte, war er sicher noch nicht völlig bei Kräften.
Telisi war bereits wach und putzte sich die Flügel vor der Höhle, in der sie geschlafen hatte, als Tamtey mit einem letzten Sprung aus einem Loch im Boden die Oberfläche des fliegenden Berges betrat.
»Guten Morgen, Telisi. Kann es losgehen?«, begrüßte sie ihre Ikran liebevoll und legte ihre Stirn kurz an ihre, ehe sie Tsaheylu(das Band) herstellte.
Telisi gurrte und duckte sich, damit Tamtey leichter auf ihren Rücken springen konnte. Sie hob mit kräftigen Flügelschlägen ab, kaum dass Tamtey Halt im Sattel gefunden hatte, und schoss über die Kante des Berges, in dem So’lek sich eingerichtet hatte.
Ìley hob den Kopf und kreischte ihnen hinterher, als wollte er fragen, was das solle.
Tamtey winkte ihm zu. »Wir sind bald zurück, versprochen!«, rief sie. Hoffentlich hatte Ìley sie gehört, da der Wind ihr die Worte regelrecht von den Lippen gerissen hatte.
Telisi ging in einen steilen Sturzflug über und zog die Flügel eng an den Körper.
Tamtey hielt sich an dem dafür gedachten Riemen fest und jubelte, während sie beinahe senkrecht dem Boden entgegenrasten. Erst kurz über den nun langsam wieder ergrünenden Baumwipfeln riss Telisi die Flügel auseinander und der Wind fing sich darin. Er bremste ihren Sturzflug ruckartig und die Ikran flog knapp über den Baumwipfeln weiter in Richtung des Hügels, auf dem die Tarsyublüte wuchs. Dabei wurde sie wieder ruhiger und konzentrierte sich nun völlig auf den Boden und den Himmel. Sie mussten nicht mehr nur mit Menschen rechnen. Zwar hatte So’lek die Mangkwan getötet, die in ihre Entführung verwickelt gewesen waren, aber den Neuigkeiten aus dem Osten nach zu schließen, war der Stamm sehr groß und machte dem Widerstand auch rund um Jake Sully Ärger.
Womöglich lebten weitere Anhänger im westlichen Grenzgebiet?
Tamtey zog vorsichtshalber den Bogen und legte einen Pfeil an die Sehne. Dabei spitzte sie unentwegt die Ohren, um verdächtige Geräusche aus der Umgebung wahrzunehmen. Schüsse, Motoren, das Scheppern von Metall ...
Durch die fast blattlosen Baumwipfel war es kein Problem, den Boden im Auge zu behalten. Diesen nach Spuren der Himmelsmenschen abzusuchen, war Tamtey in Fleisch und Blut übergegangen.
Ihre Nasenflügel blähten sich, als sie schwach etwas roch, das im Wald nichts zu suchen hatte.
Treibstoff.
Hier in der Nähe war entweder etwas durch den Wald gefahren oder ein Fahrzeug, das vom Widerstand beschädigt worden war, war nicht gründlich ausgebrannt und verlor nun Flüssigkeit.
Tamtey unterdrückte einen leisen Fluch über ihre Achtlosigkeit. Bis auf ihren Kopfschutz, das in seiner Scheide um ihre Brust geschnallte Messer und den Langbogen trug sie nichts von ihrer Ausrüstung. Ihr SID lag in der Höhle, ebenso ihr Kurzbogen, ihre schützende Rüstung und das Gewehr.
Zumindest hatte sie ihr Funkgerät im Ohr und konnte Teylan und Priya benachrichtigen, wenn es brenzlig wurde. Im Widerstand hatte immer jemand Dienst am Funkgerät – entweder Anqa, Priya oder Teylan. Manchmal auch Alex. Zwar waren sie zu weit entfernt, um einzugreifen, aber man würde zumindest wissen, wo sie war. Und vielleicht war auch So’lek schon wach und trug sein Funkgerät bereits? Hoffentlich machte er sich keine unnötigen Sorgen um sie.
Sollte sie noch einmal umkehren und ihre Sachen holen?
Tamtey entschied sich nach kurzem Nachdenken dagegen. Die Düsternis der Morgendämmerung konnte sie und Telisi immer noch vor Blicken schützen. Ihre blaue Haut und das dunkle Türkis ihrer Ikran waren für die schwachen Augen der Menschen schon tagsüber schwer zu erkennen, wenn sie im Schatten der Baumwipfel blieben.
Womöglich bestand auch gar kein Grund zur Sorge. Sie würde die Sache überprüfen und eine Ersteinschätzung vornehmen. Je nachdem, wie gefährlich die Situation war, konnte sie immer noch ihre Sachen holen und innerhalb kurzer Zeit zurückkehren. Und wenn es nur ein kleiner Konvoi von Himmelsmenschen war, würde sie damit auch so kein Problem haben.
Sie aktivierte den Funk. »Hört mich jemand? Telisi und ich sind westlich vom Fort Athena am Fädelfluss. Weiß jemand etwas über RDA-Aktivitäten in der Gegend?«
»Hey, guten Morgen, Tamtey«, antwortete Teylan sofort. »Äh, nicht dass ich wüsste. Nachdem So’lek Fort Athena zerstört hat, haben sie es aufgegeben. Es kann aber natürlich sein, dass sie wieder Material herumkarren, um Bohrtürme oder Bagger aufzustellen. Man kennt es ja. Sie sind immer auf der Jagd nach Bodenschätzen.«
Tamtey biss die Zähne zusammen und folgte ihrer Nase, der Treibstoffspur nach. Noch erkannte sie keine Fahrspuren am Boden. Das Fahrzeug war ein Stück entfernt. Telisi blieb im Schatten der Bäume und schlängelte sich geschickt durch den Wald. »Wenn sie das versuchen, schalte ich sie sofort aus. Das ist leichter, als etwas bereits Gebautes zu zerstören.«
»Da könntest du recht haben. Ist So’lek bei dir?«
»Nein«, antwortete Tamtey wahrheitsgemäß und seufzte. »Er schläft vermutlich noch. Ich war einfach nur früh wach und wollte einen Rundflug machen. Ich habe nicht direkt mit RDA gerechnet.«
»Trägt er wenigstens sein Funkgerät?«, rief Teylan alarmiert. »Tamtey, er muss wissen, dass du da draußen allein bist.«
»Vermutlich noch nicht, wenn er noch schläft.« Tamtey verdrehte die Augen. Zum Glück hatte sie ihm nicht gesagt, dass sie kaum Ausrüstung bei sich hatte. »Teylan, ich schaffe das schon. Denk daran, wie alles angefangen hat. Ich habe es trotzdem immer überlebt. Mach jetzt kein Drama daraus.«
»Ja, schon gut.« Teylan seufzte. »Bei dir und So’lek sieht es immer so leicht aus, wenn ihr gegen die RDA kämpft. Und trotzdem war es für mich damals sehr knapp und So’lek musste mich retten. Wie schafft ihr das nur immer?«
»Übung.« Tamtey lächelte unwillig. »Falls du etwas herausfindest, halt mich auf dem ...«
In dem Moment knackte das Funkgerät in ihrem Ohr. »Wo bist du, Sarentu?«, bellte So’lek. »Willst du dich etwa umbringen?«
»Hey, das hat er zu mir auf dem Schiff auch gesagt!«, rief Teylan, dabei klang er fast vergnügt.
»Ach, sei still, Teylan.« Zu Tamteys Belustigung hatten So’lek und sie diese Worte gleichzeitig in den Funk gefaucht. »Mawey(Ganz ruhig!), ma So’lek«, fügte sie hinzu.
»Ich wäre ruhiger, wenn du wenigstens deine Rüstung dabei hättest! Was denkst du dir dabei?«
»Du bist nicht ausgerüstet?«, rief nun auch Teylan entsetzt.
»Doch«, murmelte Tamtey, aber sie hasste es zu sehr, Teylan anzulügen, um das so stehen zu lassen. »Ich habe meinen Langbogen und den Kopfschutz.«
»Das ist ... also, ähm. Na ja, nicht viel«, druckste Teylan herum.
»Wenn du die Himmelsmenschen findest, greif sie nicht an, bevor ich da bin.« So’lek hatte eher geknurrt, als zu reden, und das Rauschen über seiner Stimme sagte ihr, dass er vermutlich schon auf Ìleys Rücken ihre Spur aufgenommen hatte. »Ich bringe dein Gewehr und zumindest deinen Brustpanzer mit.«
Tamtey schwieg, während sie mit Telisi weiter der Duftspur des Treibstoffs folgte. Allmählich machte sich Hitze in ihrer Brust breit.
Sie war kein kleines Kind mehr!
Wo war der So’lek, der mit dem Widerstand die Angriffe auf die größten RDA-Anlagen im westlichen Grenzgebiet geplant und sie voller Vertrauen in ihre Fähigkeiten dort hineingeschickt hatte, um ihren Verbündeten den Weg zu ebnen? Sie hatte nie versagt und immer allen anderen den Weg freigemacht, Flakgeschütze und Selbstschussanlagen im Geheimen ausgeschaltet, damit die Krieger der Clans freie Bahn hatten.
Sie hatte aufgehört mitzuzählen, wie viele Gasgewinnungsanlagen, Bohrer und Seismiktürme sie im Alleingang zerstört und wie viele Konvois sie überfallen hatte.
»Sarentu, hast du mich verstanden?«, rief So’lek.
Und damit platzte ihr der Kragen. »Es reicht!«, fauchte sie. »Ich bin eine Tsamsiyu(Kriegerin)! Ich habe keine Angst vor den Himmelsmenschen und ich unterstehe nicht deinem Befehl. Wir sind keine Soldaten und du bist auch nicht unser Olo’eyktan(Clan-Anführer)!«
»Holla«, nuschelte Teylan, aber bevor sie mehr empfangen konnte, schaltete Tamtey verärgert das Funkgerät aus.
Einige Herzschläge lang glitt Telisi weiter durch den Wald, wobei sie die Flügel kaum bewegte.
Tamtey atmete tief durch. Der Abgasgeruch wurde intensiver und nun sah sie Reifenspuren auf der Erde.
Mindestens drei Trucks, vermutlich ein weiterer Transportkonvoi.
Das Scheppern von Metall und der Klang laufender Motoren ließen ihr Ohr zucken und sie duckte sich tiefer über Telisis Rücken.
»Aufgepasst. Wir sind nicht mehr allein«, flüsterte sie.
