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„Dann wird Raduca deine Braut.“ erklärte Grandma Reese. „Du meinst, ich werde sie heiraten? Sofort?“ stammelte Reese, während Grandma ihn weiter beeinflusste. „Deswegen hab ich sie nur in dieses Land geholt.“ Doch er musste widersprechen. „Du hast sie vor sechs Monaten hergeholt. Sie arbeitet als deine Sklavin.“ Ihm kochte das Blut. „Na und, meine Mühen sollten entlohnt werden.“ erwiderte sie, als ob es das Normalste auf der Welt wäre.
„Grandma, du kannst zwei Teenager nicht zusammen bringen, die sich vorher noch nie gesehen haben, und zu einer Scheinehe zwingen.“ Reese starrte ihn ungläubig an. „So läuft das in zivilisierten Ländern nunmal nicht.“ Doch sein großer Bruder blieb weiterhin stur. „Wenn ich eine Frau habe. Hab ich dann auch mit ihr Sex?“ fragte er sie interessiert. „Viel mehr Sex als du dir vorstellen kannst.“ Und er tauschte einen Blick mit ihr aus, die das unter einem Nicken einwilligte.
„Ich bin dabei.“
Ihm wurde schlecht. Er wusste nicht warum, aber alles an diesem Gedanken machte ihn wütend. Nachdem sie zwei der Prüfungen hinter sich gebracht hatten, war er einfach nur noch genervt. Seine Gefühle spielten Achterbahn und er kämpfte mit seiner Wut. Diese legte sich vor allem auf Grandma und ihre ‚Traditionen‘, aber auch auf Reese, der sich überhaupt auf das Ganze einließ.
„Cool, Grandma hat für die nächste Prüfung Requisten.“ stieß er begeistert aus, als er durch die Jalousien in den Garten blickte. „Ich bin raus, Reese. Ich nehme an diesen Wettkämpfen nicht mehr teil.“ Er blickte frustriert ins Leere, da er seine eigenen Gefühle nicht zuordnen konnte. „Was ist denn los mit dir? Ich denke wir machen endlich mal einen auf Familie.“ Und er spürte wie Reese hinter ihm trat. „Wenn du dir von der alten Hexe das Leben ruinieren willst. Dann mach das. Lass dich ruhig fertig machen.“
In ihm kochte es.
Verdammt, warum war er nur so wütend deswegen?
„Inwiefern ruiniert sie mein Leben? Sie beschafft mir ne Braut.“ entgegnete Reese, während er die Arme von sich wegstreckte. „Eine weibliche Braut.“ Seine Augen starrten ihn die ganze Zeit an und dann fügte er noch etwas hinzu, was ihn endgültig um den Verstand brachte. „Ich meine wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass mich je ein Mädchen will?“ Er drehte sich zu seinem Bruder um und stand auf. „Reese, natürlich würden dich Mädchen wollen. Du darfst dich nur nicht dauernd als fieser und gemeiner Schläger aufführen.“
Als er diese Worte aussprach spürte er wie sein Herz vor Aufregung schlug.
„Komm schon, Malcolm. Sei mal realistisch.“ Da kam ihre Grandma und Raduca herein, als ihr Gespräch abrupt beendet wurde. Und natürlich machten sie noch die letzte Prüfung, die er auch bestand, da sein Verstand Reese wieder um Längen voraus war. „Im Apfel liegt der Schlüssel.“ sprach er sie an, während Reese noch die Reste des Apfels ausspuckte. „Ha! Ich hab gewonnen. Es ist vorbei.“ Und seine Grandma fluchte vor sich hin, als er ihr diese Worte an den Kopf warf.
„Die Hochzeit findet nicht statt. Nach zweitausend Jahren ist deine Tradition gescheitert.“
Er genoss ihr das so richtig unter die Nase zu reiben.
„Ich bin zufrieden. Die Tradition wurde befolgt.“ Was redete sie da? „Was? Nein, nein, du brauchst gar nicht so zu tun als wäre alles okay.“ Nein, das war nicht okay. Er spürte wie sich sein Magen zusammenzog. Das durfte nicht wahr sein. „Ich hab deine Tradition nicht befolgt. Na ja, eigentlich schon, aber aus einem ganz anderen Grund.“ Und das kann ich ihm niemals sagen. Jetzt ist es sowieso zu spät.
„Meine Sachen, du Kuh und wir reisen in zehn Minuten ab.“ schimpfte seine Grandma, aber von hinten ertönte Reese Stimme. „Nein, warte. Geh nicht.“ Und sein Bruder hob tatsächlich den ganzen Tisch mit sich herum, bis er vor Raduca stand. „Ich hab 2-1 gewonnen. Es muss doch eine Möglichkeit geben wie wir heiraten können.“ bat er ihre Grandma, während er das Schauspiel von Weiten beobachtete.
„Das ist unmöglich. Du bist kein Mann. Das Maximale was du jetzt noch werden kannst ist eine maskuline Frau.“ schimpfte ihre Grandma, die über diesen Vorschlag empört war. „Aber… aber ich werde sie trotzdem heiraten!“ sprach Reese voller Entschlossenheit aus. „Das ist verboten. Die Tradition gestattet es dir nicht.“ Und er beobachtete das Gespräch, während es in ihm immer weiter arbeitete. „Dann werde ich ab sofort deine Tradition missachten!“ Ja, das war wirklich typisch Reese.
Als Reese in die Knie ging, fasste sich Grandma an die Brust, die noch immer nicht glauben konnte was sie da hörte. Komischerweise teilte er ihre Gefühle, aber aus ganz anderen Gründen.
„Hör zu, ich bin wirklich nicht perfekt.“
Doch das bist du.
„Ich bin auch nicht unbedingt unbedingt ein netter Kerl.“
Oh, Reese.
„Aber wenn du mich heiratest, wissen wir beide bis ans Lebensende, dass ich niemals eine Bessere gefunden hätte.“
Er schluckte den Klos runter, der sich in seinem Hals gebildet hatte.
„Sie wird niemals einen wie dich heiraten. Sie ist viel zu gut für dich.“ widersprach Grandma vehement, doch Raduca drehte sich zu Reese um. „Ich möchte dich heiraten.“ In Reese Gesicht strahlte es. „Ich verbiete dir das zu tun.“ So ging das noch eine ganze Weile weiter, bis Reese Grandma von der Seite anfuhr. „So darfst du nicht mit meiner Frau reden.“ Und Raduca blickte ihn weiterhin in die Augen, während er einfach so daneben stand. „Ich verbringe den Rest meines Lebens mit der Frau, die ich vermutlich über alles liebe.“ Und er sah dabei zu wie er sie – wenn auch etwas komisch – mit dem Tisch in seinen Armen, umarmte.
Und natürlich heirateten die beiden in Las Vegas. Wäre da nur die Sache mit seinen Gefühlen, aber ihnen riefen permanent diese College Headhunter an. Dabei versuchte er gerade einfach nur nicht in ein Loch zu fallen, nachdem Reese mit Raduca in die Garage gezogen war. Die nebenher auch noch mit anderen Männern schlief, während Reese ihr die aufgetischten Lügen über einen angeblichen Bruder natürlich einfach so abkaufte.
Allerdings wendete sich das Blatt sehr schnell, als Reese einen Brief bekam. Denn ihre Ehe hatte wohl keine Gültigkeit mehr. Zu Reese Unglück, aber zu seinem Glück? Obwohl ihre Mutter sehr zielstrebig Reese überzeugen konnte, diese Ehe fortzusetzen, wurde Raduca keinen Augenblick später Inflagranti mit einem anderen Mann erwischt. Damit war diese Ehe sowieso Geschichte.
Sein Bruder saß geknickt auf der Bettkante, während er ihm gegenüber saß. „Ihr seid nicht mehr zusammen?“ fragte er ihn vorsichtig und Reese nickte stumm. In seinen Augen standen ein paar Tränen und er fühlte sich so hilflos dabei, ihn so traurig zu sehen. Dewey war gerade nicht da, weswegen er sich neben ihn saß und vorsichtig einen Arm um seine Schulter legte. „Ich hab sie wirklich gemocht, Malcolm.“
Er konnte spüren wie dieser sich mit dem Kopf an ihn kuschelte. Seine Körperwärme strahlte auf ihn über und er musste schwer schlucken. Vorsichtig streichelte er seinen Rücken, als er dabei war ihn zu trösten. „Hey, wollen wir was unternehmen? Ich kenne da einen coolen Ort.“ Und Reese hob den Kopf. Jetzt sahen sie sich direkt in die Augen. „Was ist das für ein Ort?“
Oh, verdammt. Das nächste Mal sollte er vorher nachdenken, bevor er blindlings drauf lossprach. „Ähm… na ja, es ist kein besonderer Ort, aber ich dachte ich bringe dich auf andere Gedanken.“ nuschelte er und befürchtete schon eine Ablehnung. Doch auf Reese Lippen bildete sich ein Lächeln ab. „Klar, das klingt gut. Wir wohnen ja sowieso nicht mehr lange zusammen.“
Ihm wurde schwer ums Herz, wenn er darüber nachdachte wie ihre Zukunft aussah. Reese würde wohl mit etwas Glück die Schule abschließen oder wiederholen, während er selbst die Zeit im College verbrachte. Um seinen großen Bruder nicht zu irritieren erwiderte er das Ganze mit einem gequälten Lächeln. „Ja, wir werden bald nicht mehr so viel Zeit miteinander verbringen.“ Es schnürte ihm die Kehle zu, weswegen er ruckartig aufstand und sich wieder seinen Hausaufgaben widmete.
Eine bedrückende Stille erfüllte den Raum, als er sich verkrampft von Reese abwandte. Lass ihn nicht erkennen was in dir vorgeht. Wir sind nur Brüder und das ist einfach ein zwangloses Treffen. Eine einzelne Träne perlte seine Wange herunter und tropfte auf das Papier. Er würde bald aufs College gehen und eine großartige Zukunft haben. Mit viel Geld und einem funktionierenden Leben. Das war doch genau das was er sich immer gewünscht hatte.
Der nächste Tag brach an und es ging wieder zur Schule. Wie immer schikanierte Herkabe seinen Bruder, was er unter finsteren Blicken hinnahm. Dieser Lehrer war einfach ein Sadist und hatte seinen Beruf verfehlt. Seine Hände ballten sich zu Fäusten, als er sah wie sein Bruder geknickt sich hinter ihm saß. „Nicht mehr lange und du bist hier weg.“ flüsterte er ihm beschwichtigend zu, während er so tat als würde er dem Unterricht folgen.
„Ja, ich weiß, wenn ich nicht sitzen bleibe.“ nuschelte Reese geknickt und er sah ihn verzweifelt an. Ach, Reese. Du hast das hier echt nicht verdient. Und er spürte wie die Wut in ihm hochkochte, als sein Klassenlehrer hämisch grinste. Dieser Arsch sollte dafür heimzahlen. Für alles was er ihnen je getan hatte, aber erst einmal musste er sich um seinen Bruder kümmern.
Dieser litt nicht nur unter Liebeskummer, sondern bangte auch um seine Zukunft. Auf dem Weg nach draußen, fasste er all seinen Mut zusammen. „Los, lass uns gehen. Ich bringe dich zu dem Ort.“ sprach er ihn von der Seite an, als dieser dabei war sich mit ihm auf dem Heimweg zu machen. Reese sah ihn aus seinen süßen Hundeaugen heraus an, was ihn sofort schwach werden ließ. „Klar, lass uns gehen.“ nuschelte er und senkte den Kopf.
Na los, jetzt sei kein Feigling.
Tief ein- und ausatmend sprach er sich innerlich Mut zu, bevor er Reese am Handgelenk packte und ihn über die Straßen zerrte. Sie gingen zu einem abgelegenen Park, der von Bäumen und Blumen gesäumt war. Daneben lag ein stiller See, auf dem ein paar Enten und Schwäne schwammen. Er saß sich mit ihm auf eine Bank und spürte wie ihm der Puls bis zum Hals schlug. Neben ihm saß sein Bruder und starrte Löcher in die Luft.
„Du hast sie wirklich gemocht, oder?“ unterbrach er die Stille und Reese nickte. „Es ist nicht nur das. Ich fühle mich als hätte ich mir eine Chance fürs Leben versaut.“ sprach Reese drauf los und erhob seine Stimme. „Ich meine, wer will mich noch? Ich hab mein Leben in den Sand gesetzt, werde vermutlich niemals eine Zukunft haben und jetzt bin ich auch noch alleine.“ Nein, das stimmt nicht. Hör auf so über dich zu reden.
War das ein Fehler? Sein Kopf hielt ihn nicht davon ab Reese Hand zu umfassen, die sich so warm und gleichzeitig kraftlos anfühlte. „Reese, du bist kein Versager und ich weiß, dass in dir ganz viel Potential steckt.“ munterte er seinen Bruder auf und drückte seine Hand, die noch immer schlaff in seiner lag. Er spürte wie es in Reese arbeitete, als er zu seinem Bruder blickte. „Danke, Malcolm. Ich weiß, dass du mich nur aufmuntern willst und du eigentlich lügst, aber…“
Verdammt, was machte er da?
„Nein, hör auf damit dich dauernd so klein zu reden. Reese, du bist ein toller Mensch.“ Instinktiv rückte er näher an seinen Bruder heran und umfasste auch die andere Hand. „Hörst du? Ich finde dich unglaublich toll und du bist so viel mehr wert, als du denkst.“ sprach er zu ihm, obwohl sich langsam sein Gehirn wieder meldete. Was machst du da? Du kannst ihm das doch nicht einfach so sagen, während er gerade noch dabei ist seine kaputte Ehe zu verarbeiten.
Reese Hände lösten sich von seinen und es fühlte sich an als würde sich eine Erschütterung in seinem Herz breit machen. In kleinen und größeren Wellen durchströmte ihn das Gefühl der Hilflosigkeit. „Malcolm, was sagst du da?“ Er sah den irritierten Blick seines Bruders, der wohl selbst überfordert war mit diesem Geständnis.
Beschämt biss er sich auf die Unterlippe.
„Tut mir leid. Ist wohl mit mir durchgegangen.“ Jetzt bloß irgendwie retten. Nicht, dass er wirklich noch genau das dachte, was er so laut ausgesprochen hatte. „Malcolm, danke für den Spaziergang, aber ich denke es ist besser wenn ich gehe.“ Und mit diesen Worten stand die Person auf, die er am meisten liebte, und entfernte sich langsam von ihm. Bestürzt über das was er angerichtet hatte, blickte er unter Tränen zu den Enten, die dabei waren ihr Gefieder zu putzen. Eine der Enten kuschelte sich an die andere ran, als er das Salz in seinem Mund spürte.
Ich habs verbockt.
Der Heimweg fühlte sich wie ein nie endender Pfad an. Seine Gefühle übermannte ihn mit voller Kraft, als er sich immer wieder die Tränen aus dem Gesicht strich. Hatte er seinem Bruder gerade – wenn auch durch die Blume – seine Gefühle gestanden und würde dieser ihn jetzt für immer verachten? Er wusste es nicht, aber seine Beine trugen ihn nur langsam wieder nach Hause. Als wäre er an Tonnen schweren Fesseln gekettet.
Erschöpft schleppte er sich die letzten Meter ins Haus, aber er stand einfach nur so vor der Haustür. Sicher würde er gleich von einem seiner Familienmitglieder überwältigt werden. Doch in seinem jetzigen Zustand wollte er mit Niemanden reden. Es war als hätte sich eine dunkle Wolke über ihn gelegt, weswegen er einfach durch das Fenster in ihr Zimmer stieg.
Ihre Blicke kreuzten sich und er spürte ein Zittern in seinem Körper, als er ungeschickt hineinstolperte. „Tut mir leid.“ nuschelte er und wünschte sich, dass er etwas mehr gesagt hätte. Reese saß da im Bett und blätterte in einem Comic rum. Seinen eigenen Gefühle ausgeliefert, verließ er den Raum erneut, nur um seinen Vater zu laufen. Der natürlich nichts von seinen Problemen wusste.
„Malcolm, du bist so blass. Alles okay?“
„Ja, Dad. Alles okay. Ich bin einfach müde.“
Mit diesen Worten ging er rückwärts wieder durch die Tür, um sich umzudrehen. Nein, das war nicht gut. Er wollte doch auf Distanz gehen. Gleichzeitig hatte er keine Lust darauf sich auch noch vor allen anderen rechtfertigen zu müssen. „Wo ist Dewey?“ fragte er ihn, aber bekam nur Schweigen als Antwort. Ihn entwich ein Seufzen, als er überlegte was er tun sollte, aber dann nahm er den direkten Weg.
Den direkten Weg ins Bett. Er warf sich die Decke über und drehte sich von Reese weg. Ihm fehlte die Energie um sich mit irgendwen oder etwas auseinander zu setzen. Sein Herz war ihm so schwer, dass er es am Liebsten losgeworden wäre. Warum musste sich diese Zuneigung auch wie eine Strafe anfühlen? Was konnte er dafür sich ausgerechnet in seinen Bruder zu verlieben.
Es dauerte sehr lange, quälend lange, bis er schließlich einschlief. Und ihm fehlte der Mut um Reese noch einmal eines Blickes zu würdigen. Erst spät abends wachte er verschwitzt auf, als er sich daran machte seine Sachen zu wechseln. Frustriert warf er die durchgeschwitzten Sachen in den Wäschekorb, bevor er wieder ins Schlafzimmer ging. Dort in dem Bett lag sein großer Bruder.
Ein gleichmäßiges, leises Atmen war von ihm zu hören und er schluckte schwer. Hatte er ihre brüderliche Beziehung auf ewig zerstört? Bedrückt legte er sich ins Bett, während er es weiterhin mied ihn anzusehen. Stattdessen quälte er sich erneut in den Schlaf, nur um voller Unruhe aufzuwachen. Er gab es auf zu schlafen und machte sich stattdessen ein verfrühtes Frühstück. Da ihm sowieso total schlecht war, entschied er sich für eine Scheibe Brot mit etwas Butter.
In gedrückter Stimmung saß er vorm Fernseher und ließ eine Liebessendung laufen. Eigentlich war das überhaupt nicht seins, aber gerade, in seinem Liebeskummer, war es das Einzige was er irgendwie ertragen konnte. Vor seinen Gedanken sah er sich mit Reese, als das Paar, was sich so zärtlich in den Arm nahm.
Doch das stimmte nicht. Das war eine Lüge!
Reese musste ihn doch insgeheim dafür hassen oder zumindest angewidert von seinen Neigungen sein. Und er spürte wie ihm eine ersticktes Schluchzen die Kehle hochkroch. Vollkommen zerstört warf er die Hände ins Gesicht und weinte hemmungslos. Die Tränen schwemmten all die aufkochenden Gefühle auf, die so lange in seiner Seele verharrten. Nasse, salzige Tränen, die ihm das Gefühl gaben ein Versager zu sein.
Er hatte versagt.
Und er war sich sicher, dass nichts diesen Schmerz stoppen konnte.
Die Schluchzer wurden weniger, als er sich die Tränen wegwischte. Das Weinen verstummte, aber er selbst fühlte sich einfach als würde Niemand mehr in seiner Seele wohnen. Es war alles leer in ihm, als er unter hölzernen Schritten das Bad betrat, um die Spuren seiner Trauer zu kaschieren. Auch wenn es ihn zutiefst schmerzte, so gab es für ihn keinen anderen Weg als diese Gefühle immer zu vergraben. Ganz weit weg, an einen Ort, wo ihn Niemand fand. Er musste einfach aufhören damit. Aufhören… hier zu sein.
„Hast du das gesehen, Malcolm?“ sprach Dewey ihn mit leuchtenden Augen an, als er ihm sein neues Schauspielstück zeigte. „Irre, oder?“ Und er lächelte ihn aus leeren Augen heraus an. „Ja, echt irre.“ Reese ignorierte ihn schon seit Tagen, während sie einfach nebeneinander her lebten. Seitdem hatten sie kein Gespräch mehr miteinander geführt und er hatte beschlossen, dass es sowieso keinen Sinn mehr machte.
Seine Seele war nicht stark genug und diese Liebe zu ihm war sein größter Schmerz. „Malcolm, alles gut?“ fragte seine Mutter vorsichtig, da er seine Inneres wohl zu sehr nach außen brachte. „Ja, alles gut, Mum. Was soll schon sein?“ Er lächelte steif, nachdem er den fast vollen Teller von sich wegschob. „Ich werde noch etwas spazieren gehen. Das Wetter ist echt schön.“ schwärmte er seiner Mutter vor, die skeptisch nickte.
„Viel Spaß noch bei dem Theater, Dewey. Und Dad, gib mir Bescheid wenn Francis sich wieder meldet.“ sprach er in die Runde, bevor er aufstand und sich verabschiedete. „Ach ja, Reese. Viel Erfolg in der Schule. Ich weiß, dass du ein schönes Leben haben wirst.“ Bevor seine Familie noch einen Ton sagen konnte, zog er die Tür hinter sich zu. Sein Herz fühlte sich an als würde es sich wie ein Sack mit Wasser füllen.
Wie betäubt ging er Richtung Park, der ihr erster und auch einziger Treffpunkt war. In seiner Hand hielt er einen glänzenden Gegenstand, den er schon seit Tagen an einem geheimen Ort versteckt hatte. Damit würde er in den Park gehen und es endlich hinter sich bringen.
Die Sonne ging bereits unter, als er noch immer auf der Bank verharrte. Wenn die Sonnenstrahlen über die Oberfläche des Sees zogen, würde er es hinter sich bringen. Nicht mehr lange. Dann würde es endlich geschehen. Und er achtete gar nicht darauf ob irgendjemand um ihn herum war. Denn in seiner Überzeugung nahm er die Pistole aus seiner Hose, die er geklaut hatte.
Seine Finger schlossen sich um den Abzug und er blickte auf den dunklen See, der sich langsam vor ihm verfärbte. Irgendwo in der Ferne schlug ein Schwan mit seinen Flügeln. Grazil, schön und frei. Genau wie er es selbst auch bald sein würde. Er atmete noch einmal tief ein, um die letzten Atemzüge seines Lebens in sich aufzunehmen, bevor er seine Tat vollendete.
„Malcolm! Nein, das tust du nicht!“ hörte er dumpf eine Stimme hinter sich, bevor eine Hand entschlossen sein Handgelenk ergriff. Ehe er den Abzug betätigten konnte, wurde seine Arm beiseite gerissen. Wäre er doch nur etwas schneller gewesen. Voller Wut blickte er Reese in die Augen, der noch immer vor Erschöpfung schnaufte. „Malcolm, bitte nicht. Ich will nicht, dass du stirbst.“ schluchzte er unter Tränen.
„Wieso sollte ich noch weiter leben? Du wirst mich niemals lieben und das Einzige was dich plagt sind Schuldgefühle, weil du die letzten Tage nicht mit mir geredet hast.“ Seine Stimme fühlte sich an wie tot. Alles an ihm fühlte sich tot und mutlos an, während er deprimiert auf den See blickte, wo der Schwan dabei war den Ort des Geschehens zu verlassen. „Malcolm, ich war ein Idiot. Das weiß ich. Ich war feige und hätte mit dir reden sollen, nachdem du mir das gestanden hast, aber ich musste selbst erst einmal über alles nachdenken.“
Er lachte bitter.
Diese Worte fühlten sich wie purer Hohn an, nachdem er sich wie ein Geist neben ihn gefühlt hatte. „Es tut mir leid, Malcolm. Ich wusste nicht, dass es dir so schlecht geht.“ Und er spürte wie er von hinten umarmt wurde. „Bitte, mach das nie wieder. Versprich es mir.“ flüsterte er ihm in den Nacken. Seine Gefühle spielten verrückt und er hätte am Liebsten laut aufgeschrien, aber er wollte die Aufmerksamkeit nicht auf sich ziehen.
„Reese, hör auf mit meinen Gefühlen zu spielen.“ flüsterte er unter Tränen, aber Reese schüttelte den Kopf und drehte ihn um. „Malcolm, das nächste Mal wenn du denkst, dass dein Leben nichts wert wäre, sprich mit mir. Okay? Ich hab so was Ähnliches schon durch und ich weiß wie das ist.“ Er blickte ihn fassungslos an. Wie, er hatte dasselbe durch? „Wann hattest du…“, stotterte er, aber Reese unterbrach ihn.
„Weißt du es wirklich nicht mehr? Nachdem die Mädchen mich in der Schule so gequält hatten war ich auch in einem Loch. Ich hatte mein Leben danach einfach nur noch gehasst. Es tat so verdammt weh, weil ich mir Hoffnung gemacht hatte jemanden zu finden, der mich so liebt wie ich bin.“ Unter Tränen beichtete sein Bruder ihm diese fragilen Gefühle, während er dabei war ihn noch näher an sich ranzuziehen. „Du hast… darüber nachgedacht?“ Wärme umfing ihn, als Reese ihn so zärtlich in den Arm nahm. „Ja, ich hab mich wie betäubt gefühlt und ohne Mum wäre ich vermutlich gar nicht mehr zu Sinnen gekommen.“
Ihm flossen stumme Tränen die Wange herunter. „Das heißt, dass du… nein, ich glaube dir nicht.“ Widerstrebend versuchte er sich aus der Umklammerung zu ziehen, aber Reese Arme waren stark. „Nein, hör auf davon zu laufen. Malcolm, ich hab lange gebraucht um das zu verarbeiten und leider hab ich es vermasselt mit dir darüber zu reden. Ich war durcheinander, als du mir das so plötzlich gestanden hast.“
Ja, weil es nicht normal war, was er empfand.
„Malcolm, ich weiß nicht was ich für dich empfinde, aber es ist mehr als das was man für seinen kleinen Bruder empfindet.“ Und er blickte unter Tränen zu ihm hoch. „Du empfindest etwas für mich?“ flüsterte er, da sein Körper noch immer zitterte. „Ja, das tue ich. Und ich wünsche mir, dass wir zusammen eine Zukunft haben. Ganz gleich was andere sagen.“ Das musste er erst einmal verarbeiten.
„Wo hast du überhaupt diese Waffe her?“ wechselte Reese das Thema und er schluckte schwer. „Die hab ich geklaut. Ich werde sie zurückbringen. Bitte, Reese, sag Mum und Dad nichts.“ Doch Reese schüttelte den Kopf. „Ich werde dir doch nicht in den Rücken fallen, aber ich bestehe darauf, dass du dir einen geeigneten Therapeuten suchst.“ beschwichtigte Reese ihn und er nickte gebrochen.
„Es tut mir leid.“ flüsterte er unter Tränen. Seine Seele war durcheinander. Gerade stand er noch am Abgrund, um sich die Kugel zu geben, da schloss ihn sein Bruder in die Arme und breitete seine Gefühle vor ihm aus. Das ergab überhaupt keinen Sinn. „Ich bin ein Versager.“ Ihm versagte die Stimme, als die Tränen erneut seine Wangen überfluteten. Unter einem sanften: „Shht! Alles wird gut.“ schloss sein großer Bruder ihn in die Arme und drückte ihn nah an sich.
Sie verharrten noch sehr lange in dieser Umarmung, bevor es zurück ging. Malcolm machte das nur mit Widerwillen, weil er sich für seine Gefühle schämte, aber Reese nahm ihm die Scham. „Kleiner Bruder, schau mich an.“ Und er tat wie geheißen. Eine Hand hob sein Kinn hoch und er spürte wie sich Reese Lippen mit seinen umschlossen. Zarte, warme Gefühle durchströmten seinen Körper, als er sich in den Kuss mitziehen ließ.
Nein, Reese würde seine psychischen Probleme nicht vollständig heilen können, aber er gab ihm die Liebe, die er gebraucht hatte. Verständnisvolle, nicht verurteilende Liebe, die ihn warm in den Arm nahmen. Sie würden sich eine Zukunft aufbauen und er würde alles dafür tun, damit sein Bruder nicht durchfiel. Während er nach einem Therapieplatz suchte, würde er jeden Tag mit ihm lernen.
Und sie spielten ihrer Familie die letzten Monate in diesem Haus vor, dass alles normal war. Doch statt auf ein weit entferntes College zu gehen, entschied er sich lieber in der Nähe zu bleiben. Sie zogen in eine Wohnung, nachdem Reese seinen Abschluss hatte. Er nahm einen Job als Küchenhilfe an, während er nebenher als Kaufmann Geld verdiente. Trotz der Irritation ihrer Familie zogen sie zusammen.
Sie gaben sich als WG-Kumpels aus, während er langsam heilte. Es würde lange dauern bis er seinen Suizidversuch verarbeitet hatte. Doch sein Bruder gab ihm jeden Tag die Kraft diese seelischen Wunden zu heilen. Was blieb war eine tiefsitzende Depression, die er nur mit schmerzhaften Therapiestunden aufarbeitete. Und zu seiner Überraschung tat Reese es ihm gleich, da er nicht weniger Schmerz mit sich rumtrug.
So lebten sie ihr kleines, bescheidenes Leben in ihrer Wohnung, wo sie sich langsam näher kamen. Malcolm konnte es immer noch nicht glauben, nachdem sein Leben so vor einem Abstellgleis stand. Doch er schätzte die Zärtlichkeit, die sein Bruder ihm entgegenbrachte. Wie ein bunter Schmetterling, so beschrieb Reese es ihm, breitete er seine Flügel aus und schenkte ihm etwas Farbe in seinem tristen Leben. Und er, Malcolm, war sein Regenbogen, der sein Leben zum Strahlen brachte.
Er war etwas Besonderes.
Und das gab ihm Reese jeden Tag zu verstehen. Auch wenn er noch immer dagegen ankämpfte, aber er musste einlenken, dass sein Bruder nicht ganz Unrecht hatte. Sie schenkten sich mit ihrer Liebe Kraft und Wärme, die sie brauchten um diese Welt zu überstehen. Und irgendwann würden sie in dieser Welt akzeptiert werden, die wie ein grauer Schleier jeden Tag versuchte ihr Glück zu durchkreuzen.
Zwei Außenseiter, die sich nur durch Zufall gefunden hatten und sich später auch das „Ja“-Wort gaben. Obwohl es keine Gültigkeit hatte, war es für sie trotzdem ein Versprechen immer aufeinander aufzupassen. In guten, wie in schlechten Tagen und von denen hatten sie leider schon eine Menge gehabt. Doch die guten Tage überwogen diese, alleine wenn er ihn mit seinem schönsten Sonnenschein Lächeln von der Haustür aus anstrahlte.
