Actions

Work Header

Rating:
Archive Warning:
Category:
Fandoms:
Relationship:
Characters:
Language:
Deutsch
Series:
Part 2 of Mit euren Flammen ziert
Stats:
Published:
2016-07-31
Updated:
2017-03-18
Words:
22,615
Chapters:
6/?
Comments:
22
Kudos:
37
Bookmarks:
1
Hits:
510

Morgenstern

Summary:

General Hux hat alles verloren. Starkiller Base ist zerstört, wie lange er noch General sein wird, ist fraglich. Und sein Verhältnis zu Kylo Ren ist – speziell. Unterdessen hat der Widerstand ein wichtiges Etappenziel erreicht: Die Karte zu Luke Skywalker ist vollständig und Rey ist bereits bei Luke auf Ahch-To…

(Fortsetzung zu "Nachthimmel". Kapitel 1 von "Morgenstern" entspricht Kapitel 11 von "Nachthimmel", ihr müsst also nicht doppelt lesen - außer ihr wollt.)

Notes:

(See the end of the work for notes.)

Chapter 1: Hoffnung

Chapter Text

"Schauen Sie sich das an."

Der Sanitäter beugte sich über Rens weißen Oberschenkel. "Die Narbe, Sir."

Hux kniff die Augen zusammen. Ren lag bewegungslos, schlafend oder bewusstlos, und es machte Hux ein wenig nervös, ihn so zu sehen. Es machte ihn auch unruhig, die Hände des Sani-Trupplers auf Ren zu sehen, es schien ihm vage obszön. In einem Punkt hatte der Mann allerdings Recht – die Narbe an Rens Bein sah verheerend aus. Ihre Ränder waren seltsam gezackt, wie ausgefranst.

"Was ist das?, fragte Hux.

Der Sanitäter zog die Wärmefolie über Ren. "Diese Verletzung ist nicht versorgt worden, obwohl sie entzündet war. Nichts, was man mit Bacta nicht hätte verhindern können, aber diese Wunde hat kein Bacta gesehen. Verstehen Sie das?"

"Nein", sagte Hux. Oder vielleicht doch. Er erinnerte sich daran, wie er Ren zum ersten Mal gesehen hatte, verletzt und fiebrig. Wundfieber. Die Puzzleteile fügten sich zusammen. "Die Wunde ist verheilt", sagte er, "belassen wir es dabei."

"Natürlich, Sir."

Kylo Ren zitterte. Seine Augenlider bewegten sich, dann schlug er die Augen auf und sah Hux geradewegs ins Gesicht. "Mir ist kalt", sagte er heiser.

Er ist wach. Warum zum Teufel ist er wach?

Der Sani schüttelte den Kopf. "Wir haben keine Decken hier, Lord Ren. Gar nichts. Ich habe schon überall gesucht."

Oh –

Es kostete Hux einen Moment der Überwindung. Vielleicht war es auch nur die Zeitspanne, die es brauchte, bis er das Problem begriffen hatte und die Lösung vor sich sah. Decke. Mantel. Am Saum, wo er in den Schnee gehangen war, war der Stoff seines Mantels noch feucht, aber sonst war er warm und trocken. Hux zog den Mantel aus, beugte sich vor und breitete ihn über Ren. Er fühlte sich seltsam dabei, die Geste war so vertraut und Rens Blick hing noch immer an seinem Gesicht. Auch der Sani-Truppler starrte ihn jetzt an – warum eigentlich? Hux tat nur, was von Snoke befohlen worden war: Bringen Sie mir Kylo Ren. Sollte er den Mann an Bord eines Shuttles erfrieren lassen? Mit großer Wahrscheinlichkeit würde ihn Snoke schon deshalb degradieren, weil er Starkiller Base verloren hatte - Hux wollte sich nicht vorstellen, was die Konsequenzen wären, wenn Kylo Ren auch noch verloren ging. Wir haben versagt, dachte er, wir beide. Finden wir uns damit ab.

Ren sah ihn an, aus weiten, dunklen Augen. Die frische Narbe zerschnitt sein Gesicht in zwei Hälften, wie das doppelte Antlitz des mythischen Dämons Entoros. Abrupt wandte Hux sich ab und ging zurück ins Cockpit. Es war ein wenig kühl, ohne den Mantel um seine Schultern.

 

"Status", sagte er zu Captain Delaban. "Wo sind wir, wo ist die Finalizer, in welchem Zustand sind unsere Instrumente?" Er zwängte sich in den Co-Piloten-Sitz.

Delaban warf ihm einen Blick zu. "Ich fürchte, diese Fragen sind miteinander verknüpft."

"Dann erwarte ich Ihre Ausführungen, Captain."

Delaban tippte auf den Bildschirm vor sich. "Ich habe eine Theorie, Sir."

Auch das noch. "Ich höre."

"Die Strahlungsenergie von Starkiller hat uns zwar aus der Gefahrenzone gebracht, aber der Energiestoß war zu viel für unsere Instrumente. Ich bekomme verlässliche Daten vom Antrieb und den Lebenserhaltungssystemen, aber die Sensoren, die Navigation und die Kommunikationssysteme sind beeinträchtigt."

"Und beeinträchtigt heißt was?"

"General – Sie wissen doch, was ein Wackelkontakt ist?"

Hux runzelte die Stirn. "Das beantwortet nicht meine Frage."

"Unser Problem ist, Sir, dass die Energieversorgung extrem stark fluktuiert. Der Effekt ist derselbe wie bei einem Wackelkontakt, erratische Ausfälle verschiedener Systeme. Nur dass das Problem nicht mechanischer Natur ist, sondern auf der Veränderung der Energieströme zu beruhen scheint."

"Depolarisation durch die Strahlungsenergie?"

"So etwas in der Art."

Hux lehnte sich zurück und wünschte, er könnte die Beine ausstrecken, aber in dem verdammten Cockpit war kein Platz. "Das heißt, wir sind auf uns allein gestellt?"

"Vorläufig. Das Notsignal ist aktiviert und wir versuchen, die Finalizer zu erreichen. Aber wir wissen nicht, wann und ob die Kommunikation gesendet wird."

Hux wies auf den Bildschirm. "Sind das unsere aktuellen Koordinaten?"

"Ja, Sir." Der Pilot vergrößerte die Anzeige, öffnete eine dreidimensionale Projektion. Die Sternenkarte manifestierte sich vor ihnen als schwebendes, transparentes Gebilde. "Der Energiestoß hat uns weit in die Unbekannten Regionen gezogen. Hier ist die Markierung." Delaban fuhr mit dem Finger über einen Punkt auf der Karte, bis an der Stelle ein Schiffssymbol erschien. Er zögerte einen Moment, dann sagte er: "Wir wissen, wo wir uns befinden. Das eigentliche Problem ist die Tatsache, dass wir keinen Hyperantrieb haben. Wir sind unterwegs, aber wir sind zu langsam."

Offene Worte. "Reden wir über das Worst-Case-Szenario", sagte Hux. "Angenommen, es gelingt uns nicht, zu einem der anderen Schiffe Kontakt aufzunehmen. Wie lange brauchen wir zu Snokes Basis?"

"Zehn Tage, General. Vielleicht zwölf."

Hux warf einen Blick über die Schulter, in die Kabine. Die beiden Stormtrooper saßen im hinteren Bereich auf Ladeboxen und spielten Kugelpoker. Der Sanitäter schlief, quer über zwei Klappsitzen, seine Beine hingen herunter. Hux wandte sich um und senkte die Stimme. "Wir sind fünf Personen an Bord. Wir haben keine Rationen, kein Wasser und keine Medizintechnik. Wir müssen über eine Zwischenlandung nachdenken, um Vorräte zu erwerben."

"In diesem Fall wäre es sinnvoll, wenn wir jetzt schon Kurs auf einen geeigneten Planeten nehmen." Delaban zoomte in die Karte, die vor ihnen schwebte. "RT-714. Drei Tage von uns entfernt, kein großer Umweg und Sauerstoffatmosphäre."

"Sie haben bereits darüber nachgedacht?"

"Jawohl, Sir."

"Hervorragend." Hux tippte auf die Projektion und öffnete ein Feld mit Informationen über den Planeten. Dürftige Informationen. Aber daraus konnte niemandem ein Vorwurf gemacht werden - die Erste Ordnung war gerade erst dabei, die Planeten der Region zu kartographieren. Jeder Planet, der sich im Verzeichnis fand, war eine weiße Stelle weniger in den unendlichen Weiten der Unbekannten Regionen. Hux konzentrierte sich auf die Daten vor ihm. RT-714. Humanoide Zivilisation. Landwirtschaft, Viehzucht, Handel. Keine Raumfahrt, wenig interplanetarischer Kontakt. Das hieß wohl auch: kein nennenswerter Stand der medizinischen Versorgung. Aber sie waren seit zwei Tagen unterwegs, und Wasser und Nahrungsmittel würden in Kürze oberste Priorität erlangen.

"Hervorragend", wiederholte Hux. "Nehmen Sie Kurs auf RT-714."

Ren ist stark, dachte er, er schafft es. Ob wir noch drei Tage unterwegs sind oder drei Wochen. So war es doch, Ren war kein gewöhnlicher Mensch. Ren hatte besondere Kräfte, die ihn schützten. Die Macht war stark in ihm. Er konnte nicht einfach sterben wie der nächstbeste Trooper, oder doch? Hux wünschte, er hätte mehr Wissen über die Macht, wie sie wirkte, wie sie funktionierte. War ein gesunder Körper die Voraussetzung dafür, sich der Macht bedienen zu können? War die geistige Kraft wichtiger oder die körperliche? Oder brauchte man beides?

Hux.

"Captain?"

"Ja, Sir?" Delaban blickte auf und sah ihn an. Hux erwartete, dass der Pilot etwas sagen würde, aber es kam nichts. Hatte Delaban ihn nicht angesprochen?

Meine Güte, Hux.

Diesmal war Hux sicher, dass Captain Delaban keinen Laut von sich gegeben hatte. Die Worte waren direkt in seinem Kopf gewesen, und wenn er nicht endgültig den Verstand verlor, gab es dafür nur eine Erklärung.

"Verzeihen Sie, Captain, ich war in Gedanken. Es ist nichts."

Er wand sich aus dem Co-Piloten-Sitz und ging nach hinten in die Kabine. Neben Kylo Ren blieb er stehen. Rens Augen blickten zu ihm auf, seltsam verhangen, aber wach.

Setzen Sie sich, General.

Wieder waren die Worte direkt in Hux' Kopf. Das Gefühl war merkwürdig, aber man gewöhnte sich daran. Er setzte sich vorsichtig an die Kante der Transportkiste, auf der Kylo Ren lag.

"Ich muss bei Bewusstsein bleiben", sagte Ren heiser, aber diesmal hörbar. "Ich muss – meinen Körper kontrollieren. Ich kann –" Er atmete schwer, dann sagte er, "Solange ich bei Sinnen bin, kann ich die Macht kontrollieren, und durch die Macht - alles. Alles, Hux. Den Atem in meiner Lunge. Das Blut in meinen Adern. Ich kann es."

"Ich glaube es Ihnen."

Rens Hand strich über den Mantel, den Hux über ihn gebreitet hatte, blutverklebte Finger auf der kostbaren Gaberwolle. "Sie könnten mir helfen."

"Was wollen Sie tun? Meditieren?"

Kylo Ren lächelte, dann verzogen sich seine Lippen zu einer schmerzlichen Grimasse und er stöhnte auf. "Nein", flüsterte er, "nicht meditieren. Nur wachbleiben."

"Ich verstehe."

Reden Sie mit mir, Hux.

"Mit Ton oder ohne?"

Ganz wie Sie wollen.

"Ist gut." Hux biss sich auf die Lippen. Der Geruch von Blut machte ihn schwindlig, er stellte sich vor, dass unter der provisorischen Versiegelung des Bacta-Pads ein zentimeterlanges Geschoss in Rens Körper steckte. Und dann sagte er das erste, was ihm einfiel. "Diese Narbe an Ihrem Bein. Das war die Verletzung, die Sie vor mir versteckt haben."

"Die – was?"

"Deshalb hatten Sie Fieber, als wir uns das erste Mal gesehen haben. Wundfieber. Die Verletzung war entzündet und Sie haben sie nicht behandeln lassen."

Ren schloss die Augen und Hux befürchtete schon, er habe das falsche Thema gewählt. Aber dann öffnete Ren die Augen und sah ihn an. "Ich war nachlässig und ich habe den Preis dafür bezahlt."

"Also stimmt es? Sie haben die Wunde nicht versorgt?"

"Es war eine nützliche Erfahrung."

"Nützlich?" Hux lag eine scharfe Antwort auf der Zunge, aber er besann sich eines besseren. "Nützlich wofür? Für den Kontakt zur Macht?"

"Schmerz ist Fokus, Hux."

"Ist das so? Dann sind Sie gerade sehr fokussiert?"

Ein Lächeln erschien auf Rens Lippen. "Ja", sagte er heiser, "wollen Sie mich testen?"

Hux musste ebenfalls lächeln. "Ich wüsste nicht, wie. Vielleicht zeigen Sie mir bei Gelegenheit eines Ihrer Macht-Kunststücke."

"Kunststücke?"

"Sie wissen schon – Plasmastrahlen stoppen, Teller jonglieren, so etwas."

Ren lachte auf, dann krümmte er sich vor Schmerz und wimmerte.

"Lieber Himmel, Ren – verzeihen Sie mir - Ich weiß gar nicht -"

Schon gut, Hux. Schon gut.

"Ich habe Unsinn geredet, es tut mir Leid."

Und wenn schon. Geben Sie mir die Hand.

Hux zögerte, dann streckte er die Hand aus und berührte Rens weiße, kalte Finger.

Ja.

Hux war nicht sicher, ob es Rens Gedanke war, den er in seinem Kopf hatte, oder sein eigener. Vielleicht dachten sie es beide.

Das Gefühl von Hoffnung kam völlig unerwartet. Vielleicht, dachte Hux, vielleicht hatte er ganz falsch verstanden, was Vaders Helm ihn hatte sehen lassen – es war eine Warnung gewesen, aber anders, als er vermutet hatte. Vielleicht gab es doch noch etwas anderes, jenseits von Schmerz und Tod. Etwas, was darüber hinaus ging und der Hoffnungslosigkeit entgegenstand.

Ja.

Einen Moment lang – eine Ewigkeit lang – sah Hux nichts anderes als ihre Hände, Rens Finger, die sich wie selbstverständlich zwischen seine geschoben hatten.

Und dann, plötzlich, den gigantischen Umriss der Finalizer, die aus dem Hyperraum tauchte und vor ihnen Gestalt annahm.

 ________________

 

Als Rey die Stufen hinunterstieg, ging über dem Meer die Sonne auf. Sie blieb stehen, hielt inne und beobachtete das Schauspiel. Der Fuß des grünen Hügels, die steinige Küste der Insel lag noch im Nebel. Feiner Dunst, der über dem Wasser schwebte wie – wie - Rey hatte kein Wort dafür. Frisch und kühl, zauberhaft schimmernd, golden im Licht der Morgensonne. Der Tag stieg aus dem Meer wie neugeboren. Das Bild überwältigte sie, es war so unschuldig und hoffnungsvoll. Sie dachte an Finn, ihren Freund, den sie in der Obhut von Doktor Kalonia zurückgelassen hatte. Finn, der um sein Leben kämpfte. Es tat weh, dass sie nicht bei ihm sein konnte, aber sie wusste, ihr Platz war jetzt hier. Der Weg, den die Macht für sie vorgesehen hatte, war ein anderer als seiner. Und trotzdem – es war ein gemeinsamer Weg, gemeinsam gegen die Erste Ordnung. Dass sie überhaupt hier war auf der Insel, das tat sie für Finn, und für Poe, und für Han Solo, der von Anfang an an sie geglaubt hatte, auch wenn er es nicht hatte zeigen wollen.

Rey ballte entschlossen die Fäuste und kletterte weiter den steilen Pfad hinunter, bis zu der flachen Bucht, wo sie gestern den Millennium Falcon gelandet hatte. Es war ihr so schwer gefallen, Hans Platz am Steuer des Falcon einzunehmen - als wäre es eine Anmaßung, als würde sie sich etwas aneignen, was ihr nicht zustand. Was ihr niemals zustehen würde, denn der Falcon gehörte Han. Aber Chewbacca hatte seinen Kopf durchgesetzt, was das betraf. Chewie war ganz einfach im Co-Piloten-Sitz geblieben und kein gutes Zureden von Rey hatte ihn dazu gebracht, sich ans Steuer zu setzen. Es war Rey nichts anderes übriggeblieben, als selbst auf dem Pilotensitz Platz zu nehmen – bevor sie zu weinen begann.

Sie spähte hinunter zur Küste, wo die Sonne den Schiffskörper des Falcon glitzern ließ. Eine große, pelzige Gestalt stand dort, winkte mit beiden Armen zu ihr herauf und brüllte einen tiefen, wehmütigen Gruß. Rey hatte im Laufe der Zeit viele Wörter und Phrasen in Shyriiwook gelernt, aber Chewie verwendete immer wieder Ausdrücke, bei denen ihr die Bedeutung nicht ganz klar war. Sie riss die Arme hoch und winkte ebenfalls. "Ich komme, Chewie! Warte auf mich!"

Sie begann, die steilen Stufen hinunter zu laufen, aber es war gar nicht so einfach, auf den taunassen Steinen nicht auszurutschen. Jetzt war es gleich so weit, dass sie endgültig von Chewbacca Abschied nehmen musste, auf wer weiß wie lange Zeit. Chewie hatte im Falcon übernachtet, er war noch letzte Nacht den Weg wieder heruntergestiegen, nachdem er lange mit Luke Skywalker unter vier Augen gesprochen hatte. Vielleicht über Han, vielleicht über die Zukunft des Widerstands, vielleicht über Leia oder sie selbst – Rey wusste es nicht. Sie war damit beschäftigt gewesen, ihre Aufregung unter Kontrolle zu bringen, ihre sinnlose Nervosität. Sie war noch immer nicht sicher, wofür sie eigentlich gekommen war, was sie von Luke erwartete. Was Luke in ihren Augen gesehen hatte, als er sein altes Lichtschwert von ihr annahm, ohne ein Wort zu sagen. Und dann -

Es war nicht viel zu tun gewesen. Rey hatte ihre Tasche in der steinernen Hütte verstaut, die unweit von Lukes eigener Unterkunft stand, und irgendwann war Luke von seinem Gespräch mit Chewie aufgetaucht. Die Tür hatte sich geöffnet, Luke hatte sich durch den niedrigen Eingang geduckt und Rey eine gute Nacht gewünscht. Das war alles gewesen, und vielleicht das Seltsamste - Luke Skywalker, halb aufgerichtet in der offenen Tür der Hütte, die Abendsonne hinter ihm. Rey hatte gespürt, dass er nicht wusste, was er sagen sollte. Ihr ging es ebenso, aber sie hatte es gemocht, wie Luke da stand. Sie hatte sein Gesicht gemocht, von Anfang an, und dann hatte er gesagt, "Schlaf gut, Rey", und niemand, niemand hatte je "Schlaf gut" zu ihr gesagt. Und Rey hatte tatsächlich gut geschlafen.

 

Chewie kam ihr entgegen und umarmte sie. Das leise Grollen, das er von sich gab, bedeutete so etwas wie Wir sind Freunde für immer. Sie wünschte sich, sie könnte mit Chewbacca wegfliegen, zu ihren Freunden im Widerstand, vor allem zurück zu Finn. Aber Finn hatte gekämpft, und der Kampf musste weitergehen. Dafür war sie hier – um sich mit Lukes Hilfe für den Kampf zu rüsten. Egal, was kommt.

"Grüß mir die anderen", sagte sie leise und streichelte Chewies Fell. Es war weich und flauschig, anders als es aussah. "Und pass auf dich auf."

"Gwaaahhhrrrgghh", machte Chewbacca.

"Ich versuche es. Du auch, Chewie."

Sie wartete, bis er die Rampe hinaufgestiegen war. Dann lief sie an der Seite des Falcon entlang, bis sie Chewie durch die Sichtscheibe des Cockpits sehen konnte. Sie winkte noch einmal. "Wir sehen uns bald! Vergiss mich nicht!"

Der Antrieb des Falcon sprang an und das Schiff hob ab, manövrierte in einer fast grazilen Kurve hinaus übers Meer. Rey spürte, wie ihr Herz ein klein wenig brach. Ein paar Augenblicke lang sah sie die Schubdüsen des Falcon blau leuchten, dann schien sich das Schiff vor ihren Augen zu dehnen und in Luft aufzulösen, verschwunden in den Hyperraum.

Wir sehen uns, Chewie.

Rey wandte sich um. Vor ihr lag der grüne Berg von Ahch-To, die Ruinen des ersten Jedi-Tempels. Vor ihr lagen aberhundert Steinstufen und eine ungewisse Zukunft.

Also dann.

Sie begann wieder zu klettern.

 

Luke saß auf der kleinen Steinstufe, die zu seiner Hütte führte, und hielt eine dampfende Tasse in der Hand. Als Rey ihm entgegen kam, lächelte er. "Jetzt sind wir nur noch zwei."

Der Satz war scherzhaft gesagt und bezog sich darauf, dass Chewie abgeflogen war – aber Rey konnte nichts dagegen tun, dass sie noch einen weiteren, düsteren Sinn dahinter wahrnahm.

Luke betrachtete sie aufmerksam. "Nein", sagte er leise, "so habe ich es nicht gemeint. Wer weiß denn, wie viele da draußen sind, in denen die Macht stark ist. Ein alter Meister hat einmal gesagt, Die da stark sind in der Macht, sind zahlreich wie die Sterne."

"Vielleicht", sagte Rey unsicher. Aber vor Luke war ihr nie jemand begegnet, der ebenfalls machtbegabt war, bis auf – bis auf -

"Willst du etwas essen?"

Rey fuhr auf wie aus einem Tagtraum. "Essen?", wiederholte sie. Als sie das Wort sagte, knurrte ihr Magen hörbar. "Scheint so", murmelte sie und verzog das Gesicht. "Tut mir leid."

Luke grinste breit. Für einen Moment sah er fast jungenhaft aus. "Komm mit herein", sagte er. "Ich habe Brot aus Kora-Weizen, der hier wächst. Du kannst dir Marmelade dazu nehmen, wenn du magst."

Rey sah ihn zweifelnd an. "Was ist denn Marmelade?"

 

Marmelade war gut.

Marmelade war das fruchtige Zeug, das Luke in kleinen Tontöpfchen aufbewahrte. In Lukes Küche wurde alles in kleinen Tontöpfchen aufbewahrt, Rey war sich dessen ziemlich sicher, weil sie auf der Suche nach verschiedenen Marmeladesorten fast jedes der Töpfchen geöffnet hatte. In manchen war etwas Fleischiges, in manchen etwas Fischiges, in manchen Gewürze und getrocknete Kräuter. Sie fand frische Beeren und getrocknete Pilze, Fruchtkompott und auch etwas, was wie Kompott aussah, aber pikant schmeckte, wenn sie mit dem Löffel hineinfuhr. Am Ende hatte sie fünf Töpfchen mit fruchtiger Masse – Marmelade – gefunden, und nahm sie mit hinaus auf den Stein vor der Hüttentür. In gewisser Weise war Lukes Frühstücksplatz ganz ähnlich wie ihrer auf Jakku gewesen war. Sie baute die Marmeladentöpfchen vor sich auf dem Boden auf.

"Trinkst du Kräutertee?", fragte Luke, als er mit dem Brotlaib herauskam. "Ich würde dir auch Milch anbieten, aber die Ziege ist unauffindbar. Gestern Nacht war sie so verärgert, dass ich dachte, sie schwimmt auf die Nachbarinsel."

"Ist das eine amphibische Ziegenart?"

"Nur eine beleidigte Ziegenart. Du wohnst in ihrem Haus."

"Ich wohne in einem Stall?" Das erklärte den Geruch.

"Suwa soll sich nicht so anstellen. Sie ist ohnehin die meiste Zeit draußen. Sie hat da irgendwo einen Freund."

"Suwa?"

"So heißt sie." Luke sah Rey an, als wäre sie schwer von Begriff. "Die Ziege."

Rey schob sich ein Stück Brot in den Mund und kaute. Luke war schon ein bisschen – merkwürdig. Sie selbst hatte auch lange Zeit ihres Lebens alleine verbracht, aber sie hatte nie von Haustieren gesprochen wie von Menschen. "Kräutertee", sagte sie dann. "Bitte."

Er nickte und ging wieder in die Hütte. Rey holte einen großen Löffel Marmelade aus dem mittleren Töpfchen und kleckste sie sich aufs Brot. Das Zeug war wirklich gut.

Sie schaute sich um, als sie Luke hinter sich hörte. "Darf ich?" Er wies auf die Stufe.

"Ja, sicher."

Sein Lächeln war seltsam wehmütig. Er setzte sich neben Rey, behutsam, als wolle er nicht an sie anstreifen. Strich mit beiden Händen den weiten Rock seiner Robe glatt. "An schönen Tagen", sagte er, "an Tagen wie heute - da wache ich manchmal auf und denke, dass alles nur ein Alptraum war."

Rey sah ihn an. Luke erwiderte ihren Blick, bevor er sich abwandte und aufs Meer hinaus schaute. "Ich denke, ich werde aufstehen und in die Schule gehen. Die Kinder werden da sein und alles ist, wie es sein sollte. Ich denke an die Kinder, an ihre Gesichter, jedes einzelne. Was ich mit ihnen besprochen habe, was wir am Tag zuvor gelernt haben. Und dann erinnere ich mich." Seine Stimme brach. "Dann erinnere ich mich, dass sie alle tot sind. Dass ich sie nicht vor ihm schützen konnte."

Rey hatte keine Zweifel, von wem die Rede war. Der letzte Rest von ihrem Brot war ihr aus der Hand gerutscht, aber sie merkte es nicht. Sie starrte Luke an.

"Du hast ihn gesehen", sagte er tonlos. "Nicht wahr?"

Reys Kehle war wie zugeschnürt. Am Horizont stand noch immer die Sonne, aber es fühlte sich an, als ob ein Schatten über sie gezogen wäre. "Ja", sagte sie. "Ja, ich habe ihn gesehen."

"Wirklich gesehen? Ohne diese – Maske?"

"Ja." Reys Augen brannten plötzlich. "Ich habe mit ihm gekämpft."

"Du hättest ihn töten können. Du hattest ihn in deiner Gewalt. So war es doch, Rey?" Luke wandte sich ihr zu, sein Blick, seine Stimme voller Verzweiflung. "Warum hast du die Gelegenheit nicht genutzt? Warum ist er noch am Leben?"

"Ich konnte es nicht", wisperte sie. "Es tut mir leid, aber – ach, Luke, es tut mir so furchtbar leid!"

Luke legte die Hand auf ihren Arm. Als sein Blick wieder ihrem begegnete, hatte sich der Ausdruck in seinem Gesicht völlig verwandelt. "Nein", sagte er, "es tut mir leid. Ich hätte nicht davon sprechen dürfen, nicht jetzt, nicht auf diese Weise. Du hast richtig gehandelt, und mehr als das - was du getan hast, grenzt an ein Wunder."

Rey biss sich auf die Lippen. "Ich habe nichts getan", sagte sie, "es war die Macht. Die Macht, die durch mich geflossen ist."

"Ich weiß. So ist es immer."

"Aber ich konnte ihn nicht töten, verstehst du das? Er war ein Mensch, als er vor mir lag. Kein Monster mehr. Ich konnte es einfach nicht!"

Luke nickte und strich über ihren Arm. "Natürlich nicht, Rey. Natürlich nicht." Er wandte sich um und lauschte in die Hütte hinein. "Das Wasser kocht", sagte er sanft. "Nimmst du Honig in deinen Tee?"

Rey holte tief Luft. Es gibt keinen Schatten, dachte sie, es gibt nur die Sonne. Die Sonne und die Zukunft.

"Vielleicht", sagte sie tapfer. "Was ist denn Honig?"